Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Igela:
Komplex...
Alles wird Asche von Nele Neuhaus
Es soll eine rauschende Party werden. Axel Wiesheu hat zu seinem 55. Geburtstag Freunde und Familie nach Sylt eingeladen. Doch Axel taucht nicht auf und seine Frau Judith und seine erwachsenen Kinder Lennart und Alessia erstatten eine Vermisstenanzeige.
Oliver von Bodenstein vom K11 der Polizei Hofheim nimmt die Sache ernst.
Denn Axel Wiesheu war kein Unbekannter. Der Immobilienhändler umgab sich oft mit den Reichen in Frankfurt.
Pia Sander, gerade aus Afrika zurückgekehrt, steht ihrem Exmann Henning Kirchhoff, Chef der Frankfurter Rechtsmedizin, zur Seite. Dieser wird zu einem Tatort gerufen, ein Toter hängt kopfüber auf einer Baustelle der neuen Appartementsiedlung "Five".
"Alles wird Asche" ist Band 12 der einschlägigen Krimiserie von Nele Neuhaus und ist mein fünfter Band der Reihe. Wie gehabt und wie in den Vorgängern ist die Handlung überladen.
Das ist wohl einfach der Stil von Nele Neuhaus.
Viele Figuren, zwei Erzählstränge, die Sicht des Täters und etliche Nebengeschichten machen die Story komplex. Der Schreibstil ist detailliert und etliche irrelevante Darstellungen, Beschreibungen oder Figuren ziehen das Ganze in die Länge.
Im Mittelpunkt der Handlung steht eine einflussreiche Familie, die mit der Entdeckung von KI, dem Programm Promotheus, viel Geld gescheffelt hat. Eine beträchtliche Anzahl Mitglieder, die verschwägert, getrennt, adoptiert, verheiratet, verbandelt oder Geschwister sind, haben mich manchmal den Überblick verlieren lassen. Zeitweise fühlte ich mich dabei wie Kommissarin Pia Sander, die "in den familiären Beziehungen der Familie Brinckmann allmählich den Überblick verlor". (Seite 278).
Doch auch das Privatleben von Ermittlerin Pia Sander bringt keine Ruhe ins Spiel. Im Gegenteil. Da geht es auch hoch zu und her. Sie reist fluchtartig von Afrika zurück nach Deutschland und stürzt sich in die Ermittlungen. So hofft sie ihren Mann, der in Afrika geblieben ist und die Zustände dort zu vergessen. Ich fand das schon sehr naiv, nach Afrika zu reisen und sich über die rudimentären Zustände dort zu nerven.
Ein wichtiger Punkt ist die Besteigung des Mount Everest. Diese Passagen habe ich mit Interesse gelesen, diese haben mich fasziniert. Die Handlung wird da sehr anschaulich und dicht beschrieben. Technische Details und Erläuterungen zum Aktienhandel hingegen habe ich grob überlesen. Oft ist zudem die Rede von Smart Home Steuerung, Cybersicherheit, geschützte Passwörter oder KI Schnickschnack.
Es bleibt schlussendlich nicht bei einem Toten und eine Mordserie zieht sich durch die Geschichte. Obwohl ich, wie oben erklärt, manchmal verwirrt war, wollte ich schon wissen, wer der Mörder ist und weshalb er tötet. Gegen Mitte habe ich mich deswegen auch regelrecht gezwungen weiterzulesen, so langatmig war es zu dem Zeitpunkt.
23 Erfahrungen...
Club der roten Bänder von Albert Espinosa
Von seinem vierzehnten bis zu seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr war Albert Espinosa krebskrank.
Während seiner Erkrankung wurde eines seiner Beine amputiert, er verlor einen Lungenflügel und Teile seiner Leber. Seinen Humor und die Hoffnung hat er hingegen nie verloren.
Im Krankenhaus gründet er den Club der roten Bänder und nimmt mit der Gruppe der Haarigen den Kampf gegen einen, manchmal unschlagbaren, Gegner auf: den Krebs.
Im Vorwort beschreibt der spanische Schauspieler Eloy Azoryn den Autor und Regisseur Albert Espinosa. Hier wird schnell klar, dass dieser ein aussergewöhnlicher Mensch ist. Vor allem ein Mensch, der es gewohnt ist zu kämpfen und über sehr viel Menschenkenntnisse verfügt.
Dieses Buch ist keine Geschichte und enthält keine aufbauende Handlung. Am ehesten würde ich die Geschichte in "Tatsachenberichte" einreihen. Wobei es auch da nicht ganz richtig an seinem Platz scheint.
Ist es ein Selbsthilfebuch?
Egal, ich erzähle euch lieber, wie ich mich beim Lesen und vor allem danach gefühlt habe. Ich war beeindruckt und riesig froh, an keiner lebensbedrohlichen Krankheit leiden zu müssen.
Mir gingen einige der 23 Erfahrungen, die Albert Espinosa beschreibt und so erlebt hat, unter die Haut. Ich denke, es ist essentiell die Serie "Der Club der roten Bänder" gesehen zu haben. So kann man mit gewissen Ausdrücken (Zum Beispiel "Die Gelben") etwas anfangen. Dieser Ausdruck wird nämlich erst in einem der letzten Kapitel erklärt, findet jedoch zuvor immer wieder Erwähnung.
Mir haben teilweise "handfeste" Erlebnisse gefehlt. Oft sind die Lebensweisheiten etwas abstrakt und hätten mit Beispielen, Erlebnissen oder Erzählungen aus dem Gesundheitsprozess oder dem Krankenhausleben mehr Tiefe bekommen. So sind es oft Ratschläge und Tipps im Umgang mit Pflegern, der Arztgefolgschaft und der Krankheit, was ja grundsätzlich gut ist. Anschaulicher wäre das Ganze mit Passagen, die diese untermalen, gewesen.
Ab und zu ist der Humor nah an der Grenze makaber zu sein. Das ist etwas, was mir grundsätzlich gefällt und da eigene Gedanken vom damals krebskranken Albert Esposina einfliessen, willkommen.
Die etwas andere Protagonistin...
Siggi Silberfisch von Julia Regett
Schon bald ist Weihnachten. Doch für Silberfischchen Siggi ist das kein Grund zur Freude. Denn an Weihnachten wird geputzt und das Staubsaugermonster geht um.
Alle Tierchen, von Siggi über Mäuslein Carmen-Berta bis zu Assel Axel, müssen sich in Sicherheit bringen. Verstecke sind gefragt, denn sie müssen dem dem gefrässigen Staubfresser entgehen.
Als dann auch noch Papierfischchen Dina spurlos verschwindet, fällt Siggis Welt völlig aus den Fugen.
Bären, Hunde, Katzen, Einhörner ... in Kinderbüchern tummeln sich immer wieder viele Tiere. Ich glaube nicht, dass ich schon einmal ein Kinderbuch mit einem Silberfisch als Protagonist gesehen habe. Hier in "Staubige Weihnachten" mit dem Silberfischmädchen Siggi im Mittelpunkt.
In der Geschichte ist, fast nebenbei und doch informativ, eingeflochten, welcher Art Silberfische entstammen. Da wird auch schnell klar, weshalb Silberfischchen Weihnachten nicht mögen. Dass Siggi gut versteckt im Badezimmer lebt, könnte bei Kindern die Fantasie anregen. Fragen sie sich nach der Lektüre, was für Tierchen bei ihnen, gut verborgen, leben? Vielleicht entsteht da sogar eine gewisse Akzeptanz gegenüber Ungeziefer...
Dieses Buch enthält eine, mal etwas andere, Weihnachtsgeschichte. Es gibt zwar einen Weihnachtsbaum, Geschenkpapier und ganz am Schluss das abgedruckte Weihnachtslied "Stille Nacht". Doch der Fokus liegt auf den Reinigungsarbeiten vor Weihnachten. Etwas, was eben wie nasse Socken oder lebenslangem Spielplatzverbot für die Insekten des Hauses ist. Der unterschwellige Humor hat mich begeistert. Wenn ich nur daran denke wen die Gesellen des Hauses bei ihrer Flucht auf den Weihnachtsbaum dort so alles antreffen.
Mit viel Gespür für Details und trotzdem groblinig hat Autorin Julia Regett ihre Geschichte illustriert. Das farbliche Konzept ist wunderbar bunt und sehr ansprechend.
Gute Charakterisierung der Figuren
Hilf mir von K.L. Slater
Zehn Minuten vor einem Vorstellungsgespräch geht auf dem Handy von Saffy Morris eine Whatsapp Nachricht ein. Ihre beste Freundin Leona Bannatyne schreibt ihr und fleht sie an, sofort bei ihr vorbeizukommen.
Beim zweiten Blick ist die Nachricht gelöscht und Saffy ist sicher, dass sich Leona in einer Notsituation befindet.
Sie lässt das Gespräch sausen und eilt sofort zu Leona. Doch diese bestreitet eine Nachricht verschickt zu haben.
Einige Stunden später taucht die Polizei bei Saffy auf. Leona, ihr Ehemann Ash und ihre 5-jährige Tochter Rosie sind verschwunden. In der Küche des Hauses findet sich eine grössere Menge Blut...
Der Prolog, aus der Sicht eines Stalkers, ist schon sehr verheissungsvoll. Dieses Buch macht dem Genre "Psychothriller" alle Ehre.
Immer wieder setzt K.L. Slater andere Figuren in Szene und die sozialen Beziehungen untereinander wurden dicht gewoben. Irgendwie sind sie alle miteinander verbunden. Teilweise sind die Beziehungen toxisch und teilweise freundschaftlich. Manchmal wird aber auch etwas vor den anderen verborgen. Immer wieder ergeben sich dadurch Wendungen, die als Plot Twists begeistern.
Die Kapitel setzen abwechselnd Protagonistin Saffy, ihre jüngere Schwester Poppy und Freundin Leona in den Mittelpunkt. Leona immer in rückblickenden Kapiteln, die 2009, also zur Jugendzeit der Freundinnen, handeln. Oft enden die Kapitel mit Cliffhangern.
Irgendwann habe ich mich gefragt, wer überhaupt die Wahrheit sagt und was die Geschichte im nächsten Kapitel für eine Wendung nimmt. Und stets wabert die Frage mit, wohin die Familie Bannatyne verschwunden ist. Dadurch wird die Spannung durchwegs gehalten und die Geschichte ist sehr vielseitig. Gegen Schluss wird es überraschend, denn die Story dreht in neue eine Richtung. Eine Richtung, die so im Nachhinein gesehen, etwas abgehoben vom Rest der Geschichte daherkommt.
Vor allem die Charakterisierung der Figuren empfand ich als sehr gelungen. Ich habe zum Beispiel nie überlegen müssen, welche Figur gerade agiert und in welchem Verhältnis sie zu den anderen Figuren steht.
Mir hat dieses Buch schöne Lesestunden beschert und der gute Lesefluss hat mir gefallen.
Witzig, nachdenklich machend, authentisch
Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin von Herr Lehrerin
Herr Lehrerin arbeitet in einer Willkommensklasse, irgendwo in Deutschland. Seine Schüler aus den verschiedensten Ländern sind in dieser Klasse um Deutsch zu lernen, bevor sie in eine Regelklasse eingegliedert werden können.
Herr Lehrerin, der korrekt Herr Lehrer genannt werden müsste, muss andere Prioritäten als die korrekte Anrede setzen.
Er versucht seine Schüler mit den Feinheiten der deutschen Kultur vertraut zu machen und ihren Wortschatz zu vergrössern.
Dabei benötigt er Humor, Feingefühl und auch Geduld. Denn seine chaotische Klasse, die sich jeden Tag anders zusammensetzen kann, versteht nicht immer, was er ihnen mitteilen will. Die erste Kapitelüberschrift lautet "Willkommen im Wahnsinn" und passt in vielen Situationen sehr gut.
Herr Lehrerin, bleiben wir mal bei der Anrede, ist Quer- und Seiteneinsteiger im Schulwesen. Dabei versucht er mit gesundem Menschenverstand seine Klasse zu führen, unterrichten und sprachlich weiterzubringen.
Man merkt beim Lesen, wie er seinen Job liebt, aber auch oft an die Grenzen gerät. Authentisch, dass diese Grenzen oft nicht von den Kindern selbst, sondern von der Schulleitung, Aufsichtsperson in der Kantine, Eltern oder aber von Sozialarbeitern, ausgelotet werden. Wie auch in der realen Welt ist oft das Umfeld der Schüler am anspruchsvollsten. Man mag gewisse Passagen als überspitzt bewerten. Ich weiss jedoch aus sicherer Quelle, dass sie es nicht sind.
So hangelt sich Herr Lehrerin durch allerlei skurrile Dialoge mit seinen Schülern, die mich manchmal haben schmunzeln und auch laut lachen lassen. Witzige Dialoge, die oft kulturellen Finessen oder sprachlichen Schwierigkeiten geschuldet sind. Einige Passagen, wie die Gefahr, dass Kinder plötzlich nicht mehr in der Schule auftauchen, weil die Familie abgeschoben wurde, haben mich schlucken lassen. Dann gibt es auch die Abschnitte, die nachdenklich machen. Sehr eindrücklich ist zum Beispiel der Fingerzeig, wie nicht deutsch sprechende Kinder sich fühlen, wenn sie die Landessprache nicht sprechen und verstehen oder die Regeln und Gepflogenheiten nicht kennen. Da artet die Diskussion, ob in der Schule Cap getragen werden darf oder nicht, auch mal aus.
Ich finde, dieses Buch sollte jede Lehrperson, jede Aufsichtsperson in einer Schule und jede Schulleitung lesen.
Düster und empfehlenswert
Gnadenopfer von Viveca Sten
August Ekman - Karl-Axel Svensson - Ing-Marie Watts. Drei tote Menschen in Are, einem Bergdorf im Norden von Schweden, beschäftigen die örtliche Polizei. Die drei Toten waren alle betagt und Patienten des Pflegedienstes Stjärnan. Dort heisst es, dass man in dem hohen Alter mit dem Tod rechnen müsse.
Kommissarin Hanna Ahlander wird jedoch das Gefühl nicht los, dass drei Tote innerhalb von ein paar Monaten etwas zu viel an Zufall sind. Doch mit dieser Meinung steht sie vorerst alleine da, da ihr Arbeitskollege und Vertrauter, Daniel Lindskog, einen Groll gegen sie hegt.
Als erneut ein alter Mensch stirbt, muss sie den Streit aus der Welt schaffen. Denn schliesslich gilt es nun in erster Linie die alten Menschen zu schützen.
Hier ist er also, der von mir heiss erwartete, fünfte Band der Reihe. Ich wurde nicht enttäuscht. Die Bücher werden immer besser. Wie auch in den vorderen Bänden hat die Autorin genau die richtige Mischung zwischen der Krimihandlung und den privaten Geschichten der Ermittler erwischt.
Auf der kriminalistischen Seite, in "Gnadenopfer", schleicht ein sogenannter Gnadenengel durch die Seiten. Er tötet betagte Menschen unter dem Deckmantel der Erlösung. In kurzen, regelmässig eingesetzten Kapiteln liest man die krude Denkweise des Täters. Das hat bei mir sehr oft für Gänsehaut gesorgt, trifft es doch die Verletzlichsten in ihrem Zuhause.
Nebenbei zeigt die Autorin auch die Situation von älteren Menschen, die auf einen Pflegedienst angewiesen sind. Sie erklärt dazu im Nachwort, dass die Geschichte auch ein Beitrag zur Debatte darüber ist, wie wir mit unseren älteren Menschen umgehen. Einige Erfahrungen, die sie selbst durch ihre betagten Eltern damit gemacht hat, könnten sich in die Handlung eingeschlichen haben...
Ich habe regelrecht mitgefiebert und auch ordentlich gerätselt, wer denn da diese Menschen tötet. Verschiedene falsche Spuren hat die Autorin sehr gut eingesetzt und zeitweise war ich so was von auf der falschen Spur. Gut, ehrlich gesagt, bis zur Auflösung habe ich falsch gelegen.
Dieser Krimi ist düster, es ist kalt und Nebel hängt vor den Fenstern. Mit dieser dunklen Atmosphäre schaudert es einem noch mal mehr.
Hanna Ahlander, die mit einem Millionär verbandelt ist, aber eigentlich einen anderen liebt, hat mich wieder überzeugt. Sie ermittelt mit viel Einfühlungsvermögen, ist sympathisch und clever. Ihr Kollege Daniel Lindskog ist knurrig und zeigt Hanna, dass sie ihn nervt. Weshalb, das lasse ich hier offen. Diese Nebenhandlung ist jedoch fast ein Krimi für sich.
Von mir gibt es eine Leseempfehlung für Band fünf der Reihe.
Auftakt!
Der Clan – Die Straße von Pascal Engman
In Sollentuna, einem Vorort von Stockholm, regiert die Familie Mansour. Drogenhandel, Schlägereien, Gewalt, Unterdrückung, Schutzgelderpressung...die Liste der Vergehen ist lang.
Die Einwohner leiden unter dem Clan, der Mafia ähnlich organisiert ist.
Josef Mehrabi ist 19 Jahre alt und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen.
Er kann sich, durch eine zündende Idee, dem Clan anschliessen und sieht sich am Ziel seiner finanziellen Probleme. Die gleichaltrige Antonia Strauss hingegen flüchtet nach einem traumatischen Erlebnis aus Schweden.
Hjalmar Noren, Polizist in Stockholm, versucht dem Clan das Handwerk zu legen.
Sie alle müssen erkennen, dass die Hand des Clans weit reicht...
Dieses Buch ist der Auftakt in eine neue Reihe, in dessen Mittelpunkt der Mansour-Clan steht. Wo sie sind, herrscht Angst und Gewalt ist nicht weit. Da werden junge Mädchen in Schwimmhallen belästigt, mit Drogen gehandelt oder Geld gewaschen. Und das fast immer straffrei und ohne Konsequenzen. Denn der Clan herrscht nicht nur über die Bevölkerung in dem Stockholmer Vorort, sondern dirigiert auch die Behörde, Politik und Teile der Ordnungsbehörde.
Etliche Erzählstränge machten mir den Start nicht leicht. Viele Figuren mit ihren Nebengeschichten mischen mit und öfters musste ich überlegen, wer wohin gehört. Dies vor allem bei den vielen Namen der Mitglieder des Mansour-Clans.
Die Geschichte ist mit all der vielschichtigen Kriminalität düster und gewaltvoll. Die Handlung empfand ich ab und zu doch als etwas zäh und langfädig, dies vor allem zu Beginn der Geschichte. Es gibt aber auch etliche Passagen, da lief es mir kalt den Rücken runter. So brutal und roh wie der Clan das Zepter führt, das war schon eindrücklich beschrieben. Es gibt immer wieder Szenen, bei denen ich schlucken musste.
Die Figuren sind gut charakterisiert.
Da ist zum Beispiel Josef Mehrabi, der bei seiner Mutter aufwächst, die chronisch verschuldet ist. Josef ist das Beispiel junger Leute, die versuchen sich aus der Armut zu befreien und in falsche Kreise abrutschen.
Eine weitere Figur ist Antonia Strauss, die Mobbing vom schlimmsten erlebt und versucht so schnell wie möglich Schweden den Rücken zu drehen. Antonia geht jedoch auch in Mailand, wo sie landet, durch Höhen und Tiefen. Sie versucht, als Model ihren ehemaligen Peinigern etwas zu beweisen. Diese Motivation habe ich nicht ganz nachvollziehen können, ich fand sie weit hergeholt.
Eine eindrückliche Lebensgeschichte erlebt Zara Mansour, die Tochter des Clanchefs. Mit ihr habe ich buchstäblich mitgelitten und gehofft, dass sie heil durch ihre Jugendzeit kommt.
Hjalmar Noren ist der Polizist, der versucht der Kriminalität Herr zu werden. Sich gegen einen ganzen Clan zu behaupten, ist nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Realität fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Das Ende hat Pascal Engman offen gestaltet, da es eine Trilogie werden soll. Ich freue mich schon auf den zweiten Teil, der im Januar 2027 erscheinen soll.
Spannungsroman
DAISY - Und all deine Geheimnisse werden mir gehören von Melanie Raabe
Am Tage arbeitet Luca Palmer als Anwältin in einer Berliner Kanzlei. Nachts aber wird die 34-Jährige zur Rächerin.
Sie sucht Gerechtigkeit und all die auf, die durch ihr Geld, ihre Position oder durch Macht mit Bösem davonkommen. Dabei hinterlässt sie stets ihr Markenzeichen, ein Gänseblümchen.
Ihr neuester Coup, der Besuch bei der Chefredakteurin der grössten Boulevardzeitung des Landes, geht beinahe schief. Kurz nach dieser Nacht hängen überall in der Stadt Plakate. Plakate, die Drohungen gegen Luca enthalten. Nun ist sie die Gejagte und der Spiess wird umgedreht.
Es steht eindeutig Thriller auf dem Cover...ich ordne das neuste Buch von Melanie Raabe jedoch bestenfalls unter Spannungsroman ein. Denn für einen Thriller hat es mir eindeutig zu wenig Szenen mit Thrill. Wenn die Autorin die Racheaktion von Luca mit Mord und Totschlag aufgepimpt hätte, wäre das Wörtchen Thriller wohl angebracht gewesen. Aber Luca begnügt sich mit Kindereien, wie einer bekannten Person eine Glitzerbombe zu schicken oder ein paar Spinnen in einer Villa zu platzieren. Erst gegen Schluss wird es bitterböse.
Die Idee, eine Anwältin, die Rache übt und Gerechtigkeit sucht, ist gut. In Kapiteln, die 17 Jahre zuvor und in der Jugendzeit Lucas handeln, wird der Grundstein für ihre Haltung und ihren Rachedurst gelegt. Ich fand die Figur Luca überzeugend, wenn auch etwas soft charakterisiert. Vor allem was ihre Taten anbelangt und nicht ihre sehr herzerwärmende und tiefe Freundschaft zu Walther, 78 Jahre alt. Luca ist eine Einzelgängerin. Ihre Sozialkontakte beschränken sich, neben der Arbeit, auf den Umgang mit einer Nachbarin, einem Sportverein und eben Walther. Walther ist Vaterersatz, Freund, Ansprechperson und Vertrauter für Luca. Die Handlung rund um diese Freundschaft hat mich berührt. Hier zeigt sich, dass Luca wie eine Löwin kämpfen kann für Menschen, die ihr wichtig sind.
Ich habe fast das ganze Buch über interessiert verfolgt, was Luca so treibt. Dabei habe ich versucht herauszufinden, weshalb sie so einen tiefen Gerechtigkeitssinn entwickelt hat. Schlussendlich entsteht der Reiz des Buches durch die Identität einiger Figuren. Eine Wendung, diese Identitäten betreffend und wie nebenbei in den Kapiteln der Vergangenheit und der Gegenwart eingestreut, hat mich überrascht.
Ich habe mich gut unterhalten mit "Daisy", auch wenn der Thrill streckenweise fehlte.
Typisch Karin Slaughter!
Tödliches Verderben von Karin Slaughter
In North Falls ereignet sich ein schreckliches Verbrechen. Allison Vickery, Polizistin im Ruhestand, wird brutal in ihrem Haus überfallen und getötet. Ihre Tochter Mandy wird bei dem Ueberfall schwer verletzt.
Emmy Lou Clifton von der Polizeibehörde in Clifton County ist persönlich betroffen. Denn Allison war nicht nur eine ehemalige Arbeitskollegin, sondern auch eine Freundin.
Emmys Schwester Jude, die als Bundesagentin arbeitet, ist zur Beerdigung von ihrer Mutter nach Nort Falls gereist. Sie entpuppt sich für Emmy als grosse Hilfe. Gemeinsam ermitteln die Schwestern und tauchen immer tiefer in die Geheimnisse der Kleinstadt ein.
Nach "Dunkle Sühne" ist dies nun der zweite Band der North Falls Reihe der bekannten Krimiautorin Karin Slaughter. Wieder steht Emmy Lou Clifton im Mittelpunkt.
Dieses Mal mit einem Fall, bei dem sie persönlich betroffen ist. Denn das Opfer war nicht nur Polizistin, sondern auch eine gute Freundin von der Polizeichefin Emmy.
Der Aufbau, der Inhalt und die Seitenzahl sind typisch für die Autorin. Nämlich umfangreich. Die Tat geschieht gleich zu Beginn und danach wird das ganze Buch über, immerhin satte 560 Seiten, ermittelt und in das soziale Leben der Kleinstadt eingetaucht.
Viele Figuren, vor allem Bewohner der Kleinstadt, mischen mit. Es geht oft um Beziehungen untereinander und viele sind miteinander verwandt, befreundet oder verfeindet. Das fand ich teilweise etwas zäh. Meiner Meinung nach hätten ein paar Figuren, vor allem aus Emmys Familie, gestrichen werden dürfen. Es kommen aber auch etliche Geheimnisse ans Licht und diese lassen die Geschichte spannend bleiben. Das und die Frage, wer für den Tod der Polizistin verantwortlich ist.
Emmy, die mir im ersten Teil wirklich gut gefallen hat, fand ich dieses Mal etwas hölzern. Immer wieder überlegt sie hin und her, wie sie es schaffen soll ihren Vater, der lange Polizeichef war, zu ersetzen. Dabei verliert sie sich in sinnlosen Machtdemonstrationen, wie einen ihrer Beamten zur Wache vor einem Krankenzimmer abzukommandieren und das ohne, dass er dabei sitzen darf. Unglaublich, dass sie solche Mätzchen nötig hat.
Ganz am Schluss trumpft Karin Slaughter mit einem überraschenden Plot Twist auf. Die Auflösung, wer Allison erschossen hat, habe ich nicht kommen sehen. Gut gemacht Frau Autorin.
Habe mehr erwartet...
Deine Zeit wird kommen von Carl-Johan Vallgren
1993 macht ein Patient einer psychiatrischen Klinik einen grausigen Fund. Eine junge Tote liegt am Ufer eines Sees, sie wurde ermordet.
Kommissar Roger Björling und seine Kollegin Johanna finden heraus, dass die junge Frau wohl vor ihrem Tod lange gefangen gehalten wurde. Der Täter kann nicht ermittelt werden.
Später, nachdem Björlings Frau Maria ihrer Krankheit erlegen ist und er Tochter Malin alleine erziehen muss, verschwindet diese spurlos. Sie war auf einem Campingausflug mit ihrem neuen Freund, ohne das Wissen ihres Vaters, und kehrt von dem Wochenende nicht zurück.
Björling ist verzweifelt. Denn Malin ist nach dem Tod seiner Frau das Einzige, das ihm geblieben ist. Ihn beschleicht der Verdacht, dass der zurückliegende Fall und das Verschwinden von Malin zusammenhängen....
Dieses Buch wurde mit dem schwedischen Krimipreis 2024 ausgezeichnet und ich kann das nicht so ganz nachvollziehen. Die Geschichte hat doch einige Längen und das bis zu dem Zeitpunkt, an dem Malin verschwindet und Björling persönlich involviert ist. Davor plätschert das Ganze eher eintönig vor sich hin.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen Malin, ihr Vater Björling und seine Kollegin Johanna. Vor allem die Kapitel rund um Malin fand ich geschickt eingeflochten. Kann man doch ihr Leben kurz vor und nach dem Verschwinden, bei dem ich natürlich nicht verrate, ob freiwillig oder unfreiwillig, verfolgen. Das war schon Krimi pur.
Roger Björling zerbricht fast am Verschwinden seiner Tochter. Was er fühlt, wie er leidet, ist die starke Seite der Geschichte. Absolut authentisch. Der Kommissar musste schon seine Frau Maria beerdigen. Nicht zu wissen, was mit seiner Tochter geschah und das monatelang, treibt ihn fast in den Wahnsinn. Wohl deshalb hat er immer wieder Erscheinungen. Maria, die ihm Tipps, Ratschläge und Ermahnungen gibt. Mit solchen Geistererscheinungen habe ich eher Mühe.
Seine Kollegin Johanna ist im Ort Falkenberg aufgewachsen und hatte keine einfache Vergangenheit. Immer wieder findet dies Erwähnung und hätte meiner Meinung nach minimiert oder ganz weggelassen werden dürfen. Für mich war diese Nebengeschichte ein klassischer Lückenfüller.
Absolut enttäuschend empfand ich die Auflösung. Motiv und Beweggründe des Täters finden keine Erwähnung mehr. Das Resultat, was mit Malin geschieht, wird fantasielos vom Autor dem Leser hingestellt.











