Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Igela:
Leben ohne Vergangenheit
Genug für ein halbes Leben von Evann Normandin
Rose und Landon lernen sich im College in Vermont kennen, verlieben sich ineinander und versprechen sich, das Leben gemeinsam zu verbringen. Für Landon ist Rose die Liebe seines Lebens. Nach einem einschneidenden Ereignis sehnt Rose sich jedoch nach einem Neuanfang.
Sie beschliesst die Vergessenspille, eine medizinische Neuheit, einzunehmen und ihr vertrautes Leben hinter sich zu lassen.
Landon, der Rose nicht vergessen kann, reist ihr nach und versucht sie zurückzugewinnen.
Für sie ist er ein Fremder. Er vertraut jedoch darauf, dass die Gefühle, die sie in der Vergangenheit für ihn hegte, wieder zum Leben erwachen.
Als Liebesroman wird "Genug für ein halbes Leben" eingereiht. Was meiner Meinung nach zu grossen Teilen berechtigt ist. Doch nicht nur. Denn in dem Buch steckt auch eine Prise Science Fiction. Die Geschichte ist futuristisch angehaucht, denn der Plot wird durch eine medizinische Spielerei vorgegeben. Wichtig für die Handlung ist eine Pille, die jegliche Erinnerungen löscht. Man fängt nach der Einnahme mit einer Blankokarte seine Zukunft an. Was war, was man bisher erlebt hat, gerät in Vergessenheit. Genau diese Vergessenspille hat Rose eingenommen und dadurch ihr vorheriges Leben ad acta gelegt.
Gute Idee, jedoch für mich nicht überzeugend durchdacht. Rose vergisst, wer sie war, wen sie geliebt hat, was sie erleiden musste, jedoch keine grundlegenden Sachen wie Lesen, schreiben, Fremdsprachen? Das ist schon sehr an den Haaren herbeigezogen. Mich hat mit dieser unausgegorenen Idee die Geschichte nicht so richtig überzeugt.
Eine zweite Baustelle in dem Buch sind die Wechsel der Zeitebenen, die nicht deklariert sind. Von Kapitel zu Kapitel können diese wechseln. Manchmal liest man ein Kapitel, in dem sich Rose und Landon kennenlernen. Dann folgt ein Kapitel, nach der Einnahme der Pille und weiter geht es, als sie heiraten. Das war etwas unübersichtlich und chaotisch und ich musste oft eine oder zwei Seiten lesen um zu wissen, wo die Autorin nun zeitlich steckt.
Gefallen hat mir die Tiefe der Liebesgeschichte, die ich nicht als kitschig empfand. Vor allem der Grund für die Pilleneinnahme, das einschneidende Ereignis in der Vergangenheit, hat für Spannung gesorgt. Die Autorin nähert sich nämlich dem grossen Finale, was in der Vergangenheit geschah, langsam an.
Ebenfalls erreicht, hat mich Landons Liebe zu Rose und ihre Zerissenheit zwischen Trauer und Liebe.
Charakterstudie mal 5
FIVE - Das Ticken der Zeit von Ilona Bannister
Fünf Menschen stehen in London am Bahnsteig und warten auf den Zug, der um 7.06 Uhr einfahren soll. Die Uhr tickt, es bleiben fünf Minuten, dann wird einer von ihnen sterben.
Wen wird es treffen?
Wird die seltsame Mrs. Worth den Tag nicht erleben? Oder wird Emma ihren kleinen Sohn Gideon verlieren oder er ohne Mutter aufwachsen? Es könnte aber auch sein, dass Geschäftsmann Liam seinen letzten Deal am Vortag gemacht oder der junge Sonny sein Leben schon gelebt hat.
Five - Fünf Menschen mit unterschiedlichen Charakteren, Lebensumständen, Wünschen und Hoffnungen stehen am Bahnhof in einem Londoner Vorort. Diese Kapitel sind mit der Uhrzeit gekennzeichnet. Die Uhrzeit wird heruntergezählt bis zum grossen Showdown - dem Tod einer Figur. In diesen Kapiteln verknüpfen sich die Leben miteinander, obwohl diese Menschen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. In rückblickenden Kapiteln, jeweils mit dem Namen der Figur übertitelt, lernt man sie besser kennen. Diese Kapitel fand ich sehr spannend und fesselnd. Merkt man doch, dass auf den ersten Blick nicht alles so ist, wie es scheint.
Da ist zum Beispiel die alte Mrs. Worth, die ihr Leben lang als Pathologin gearbeitet hat und nicht über ihren Schatten springen konnte. Ein Schatten, der ihr schon von Kindesbeinen an von ihrem Vater eingeimpft wurde. Oder aber die junge und bewusst alleinstehende Mutter Emma, deren Sohn Gideon anstrengend und schwierig zu händeln ist. Wir lernen jedoch auch Liam kennen, der mit einem beeinträchtigten Zwillingsbruder, mit dem er sich tief verbunden fühlt, aufwächst. Dann ist da noch Sonny, der nirgendwo so richtig hineinpasst und überall aneckt.
Nebenfiguren, die mit den Protagonisten dort auf diesem Bahnsteig sind, tragen Namen wie To-do-Liste, Medizinstudent oder Rückenleiden. Dies als kleine Spielerei.
Die Autorin betreibt beinahe Charakterstudien und darauf muss man sich einlassen. Als Leser taucht man immer tiefer in das Leben der Figuren. Diese Kapitel sind sehr lang und dadurch verlor ich öfter einmal den Fokus auf die Geschehnisse auf dem Bahnsteig. So sehr, dass mich die Frage, wer denn nun stirbt, irgendwann nur noch minimal interessierte. Ich tauchte nämlich so intensiv in die einzelnen Figuren und ihre Vergangenheit ein, dass die Frage "wer wird sterben" nebensächlich wurde. Ganz und gar nicht gefallen hat mir, wie die Autorin den Schluss in die Länge gezogen hat. Gefallen hingegen hat mir, wie der Leser immer wieder mal direkt angesprochen und nach seiner Meinung gefragt wird.
Machtkämpfe...
Ein unerhörter Wunsch von Ann Packer
Claire ist krank - todkrank. Mit Eliot verbindet sie 40 gemeinsame Jahre, zwei erwachsene Kinder, Enkelkinder und ein erfülltes und wunderbares Leben.
Eliot pflegt seine krebskranke Frau seit langer Zeit, nun möchte er ihr die letzte Zeit so angenehm wie möglich machen.
Doch Claire hat andere Pläne.
Sie möchte im Beisein ihrer besten Freundinnen, Michelle und Holly, die letzten Wochen verleben und in deren Beisein sterben.
Ist der Wunsch in Begleitung der Freundinnen zu sterben, statt mit dem eigenen Ehemann, unerhört? Ist das wirklich so empörend, unverschämt und unglaublich, wie die Bedeutung des Wortes "unerhört" suggeriert?
Nach vierzig gemeinsamen Jahren habe ich Elliots Empörung, die sich in Frust über die Zurückweisung gewandelt hat, verstanden. Ich habe stellenweise auch Claires Wunsch nachvollziehen können. Vor allem da ich hoffe, dass Claire das Sterben im Beisein der Freundinnen vorzieht, als Schutz für ihren Ehemann zu deuten ist. Mir haben beide Sichtweisen eingeleuchtet und damit hat mich die Geschichte berührt und auch langanhaltend beschäftigt. Bei solchen Schicksalserzählungen kommt man ja nicht drumherum zu denken, was wäre, wenn ich in der Situation stecken würde?
Sterben - Abschied nehmen - Loslassen sind die Themen in "Ein unerhörter Wunsch". Nicht nur Eliot muss loslassen, sondern auch die erwachsenen Kinder. Tochter Abby und Sohn Josh blieben für mich zu blass. Ich hätte mir gewünscht vermehrt ihre Sicht und mehr über ihre Gefühle zu erfahren.
Bedauerlicherweise konzentriert sich Ann Packer sehr auf Ehemann Eliot. Seine Sicht ist sehr dominant und omnipräsent. Er ist einer, der alles gibt, um seiner Frau ihre letzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Oder besser gesagt: zu geben bereit ist.
Claire weiss das oft weder zu schätzen, noch honoriert sie das. Sie zieht ihr Ding mit ihren Freundinnen durch. Ich fand sie oft undankbar und egoistisch. Nun stellt sich die Frage, ob man an der Schwelle des Todes egoistisch und undankbar sein darf. Das muss wohl jeder für sich entscheiden. Mir jedenfalls war sie nicht sehr sympathisch. Ich konnte vieles, was das Frauen- Dreiergespann so abzog, nicht nachvollziehen, verstehen und gutheissen.
Die Krebserkrankung und die Hoffnungslosigkeit, dass Claire es genesen aus der Geschichte schafft, sind zweifelsohne emotional. Die Machtkämpfe zwischen Eliot, Michelle und Holly verwässern die emotionale Tiefe. Als positiv werte ich trotz meiner Kritikpunkte, dass der Plot völlig anders ist als in Büchern mit dem Thema Sterben sonst üblich.
Guter Auftakt!
Schlafende Vulkane von Michael Hjorth; Bjarni Thorsson
In einem Reitstall in Hafnarfjördur wird eine tote Frau gefunden. Die Tote liegt in einer leeren Pferdebox und ist splitterfasernackt. Die sofort aufgenommenen Ermittlungen ergeben, dass die alleinerziehende Mutter ermordet wurde und von ihrem Sohn jede Spur fehlt. Der 10-jährige Kristofer ist aus der Wohnung, die er mit seiner Mutter bewohnt hatte, verschwunden.
Helga Jonsdottir vom Dezernat für Gewaltverbrechen, die ihren ersten Fall leitet, bittet Bjarki Gudmundsson, der sich in Island bestens auskennt, um Hilfe.
Noch während die Suche nach dem Jungen in vollem Gang ist, wird eine weitere Frau getötet.
Mit "Schlafende Vulkane" startet eine neue Thriller - Reihe, die in Island handelt. Eine Reihe, die gleich temporeich und mit vielen Opfern gespickt, beginnt. Das Autorenduo beschreibt die Morde schonungslos und es geht recht brutal zur Sache.
Die Protagonistin Helga Jonsdottir ist jung und relativ neu in dem Beruf. Sie ist in einem Team gelandet, in das sie sich erst einfinden muss. Da sie ausserdem Mutter und getrennt ist, muss sie oft den Spagat zwischen Kind und Beruf meistern. Einen Spagat, der sehr oft zugunsten des anspruchsvollen Falles geht. Etwas, woran ihr Exmann sie immer wieder erinnert.
Sie kniet sich ordentlich in den Fall hinein. Bis sie persönlich und mehr als ihr lieb ist in den Fall involviert wird. Mit Bjarki, der unter Freunden Grettir genannt wird, hat sie einen erfahrenen Ermittler zur Seite. Seine Funktion und Rolle in dem Ermittlerteam habe ich nicht so richtig verstanden.
Die Autoren haben viel Spannung ins Spiel gebracht. Ich fand es jedoch etwas schade, dass schon kurz nach der Hälfte des Buches die Ermittler die Identität des Serientäters kannten. Zuerst nahm dadurch die Spannung rapide ab ... bis Hjorth & Thorsson eine neue Komponente ins Spiel brachten. Denn plötzlich hat der Täter es auf die Ermittlerin abgesehen. Sein Motiv ist nicht neu, muss es auch nicht. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass dieses Motiv nicht so rasch völlig offen gelegt wird.
Medizinische Details, vor allem die während der Untersuchung der Toten, zeigen hervorragende Recherchen. Mit Kriminaltechnikerin Yvette agiert eine weitere starke Figur im Ermittlerteam.
Gruselig empfand ich die kursiv geschriebenen Kapitel, die die Sicht des Täters in den Mittelpunkt stellen. Hier liest man, was in seinem (kranken und irren) Kopf vor sich geht.
Ich freue mich auf weitere Bände der Ermittler vom Dezernat für Gewaltverbrechen der Polizei Reykjavik.
Authentisch und einfach
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Nachdem Anna Nass sehr lange als Pfarrhaushälterin tätig war, erschüttert sie das Ableben von ihrem Vorgesetzten sehr.
Pfarrer Josef Heubeck, den sie seit der Kindheit kannte, ist überraschend verstorben. Sein Nachfolger noch jung und unerfahren.
Anna muss den jungen Geistlichen Friedtjof nicht nur in die Gemeinde einführen, sondern sich auch an eine neue Routine gewöhnen.
Doch das ist nicht das Einzige, was Anna in Blumfeld beschäftigt. Sie nimmt Fahrstunden und träumt davon wegzufahren. Denn sie hat eine Mission zu erledigen. Etwas, was sie ihrem verstorbenen Freund und Arbeitgeber zu Lebzeiten versprochen hatte.
Nachdem ich das Buch "Mühlesommer", das ebenfalls in Blumfeld handelt, gelesen hatte, freute ich mich sehr auf dieses Buch. Inhaltlich völlig unabhängig von "Mühlesommer" erzählt Martina Bogdahn hier die Geschichte der Pfarrhaushälterin Anna.
Die 54-jährige Anna hat den Haushalt des Pfarrers fest im Griff und sieht diesen als Lebensinhalt an. Denn neben dieser Arbeit und der Freundschaft mit ihrem Chef hat sie keine näheren Beziehungen. Sie ist zwar stark verwurzelt in dem kleinen Ort, dort ist sie aufgewachsen und wird wohl auch dort sterben. Jedoch tiefer gehende Beziehungen oder Freundschaften hat Anna nicht wirklich. Sie organisiert Pfadfindergruppe, Gesangsrunde und Kindermesse und nun ist ihr bester Freund, Pfarrer Josef, tot.
Authentisch und einfach ist Annas Leben. Damit zeichnet die Autorin das etwas klischeehafte Bild einer Pfarrangestellten von früher. Tatsächlich hätte die Geschichte sich vor rund 40 Jahren genauso abspielen können. Es geht sehr ländlich und einfach zu und her. Da werden selbst gepflückte Wiesensträusse in Fahrradkörben transportiert und der Herr Pfarrer schreibt seine Predigt im Büro von Hand.
Für Würze sorgen Klatsch und Tratsch und der oft humorvolle Schreibstil. Mit ab und zu hervorblitzendem Wortwitz ist die Erzählung, die vorwiegend in Ich Perspektive Annas gehalten ist, einfach und gradlinig. Humorvolles, wie ein Pfarrer, der den Leichenbestatter mit Details aus dem Beichtstuhl erpresst, muss man mögen. In Sachen Glaubwürdigkeit musste ich sicher ab und zu ein Auge zudrücken. Denn manchmal werden einzelne Handlungsansätze überzogen beschrieben. Interessant fand ich die gedanklichen Rückblicke Annas an ihre Jugend und Lehrzeit.
Mich hat "Mirabellentage" gut unterhalten, obwohl ich es etwas weniger fesselnd fand als "Mühlesommer".
Unbedingt lesen
Der Schlüssel - Die Tür zu deiner Vergangenheit war fest verschlossen.Bis jetzt. von Katrin Peterson
Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt Sarah von München, wo sie lebt, zurück in ihr Elternhaus. Ihre jüngere Schwester Kim hat die Mutter bis zum Tod gepflegt und lebt nun alleine in dem alten Haus am Waldrand.
Per Zufall entdeckt Sarah einen alten Schlüssel, der ihr Tür und Tor zu einem Ort öffnet, der den Schwestern einiges aus ihrer Kinder und Jugendzeit vor Augen führt.
Sarah versteht plötzlich, was damals alles schiefgelaufen ist. Während Kim, wie ihre Mutter zuvor, die Augen verschliesst vor der Wahrheit.
Als die Schwestern einen Rucksack finden, müssen sich beide ihrer Vergangenheit stellen.
In wechselnden Kapiteln, aus der Sicht mehrerer Figuren, öffnet sich für den Leser ein haarsträubender Psychothriller.
Manchmal steht Sarah im Mittelpunkt. Sie versteht erst nach der Rückkehr in das Elternhaus, was in ihrer Kindheit alles schiefgelaufen ist. Als 18-Jährige ist sie regelrecht aus dem Elternhaus geflüchtet. Inzwischen ist sie erwachsen und erkennt, dass alles noch sehr viel traumatischer war als gedacht.
Weiter liest man über Charly, einer Jugendlichen, die damals in dieselbe Schule ging wie Kim. Charlene "Charly" wächst vaterlos und mit einer kranken Mutter auf. Für mich war es ein Schock zu erfahren, was mit ihr geschah.
Ihr Freund aus Kindertagen, Janis, spielt in der Vergangenheit und der Gegenwart eine wichtige Rolle.
Kim, die als eine Art Einsiedlerin lebt, ist das beste Beispiel dafür, wie viel Macht Eltern haben. Was Hänschen nicht lernt .... usw... Absolut schockierend empfand ich, wie Kim in der Gegenwart lebt. Sie ist zudem das beste Beispiel dafür, wie Gehirnwäsche funktioniert. Ich konnte Kim über weite Teile der Geschichte nicht recht fassen. Erst ganz zum Schluss zeigt sie, was in ihr steckt. Eine grandiose Charakterisierung dieser Figur.
Vor allem die Passagen, die 16 Jahre zuvor handeln, bestechen mit einer bedrohlichen Atmosphäre. Hier kam es vor, dass ich oft atemlos weitergelesen habe. Mit der Zeit entwickelt sich der eigentlich harmlose Fund eines Schlüssels zu einem Cold Case. Ich war absolut entsetzt über das Grundthema und das ist sicher nichts für sensible Leser.
Die Auflösung ist anders als gedacht. Sehr komplex ist die Frage, was geschehen ist. Jedoch so überraschend und nachvollziehbar, dass ich das Buch mit einem beglückenden Gefühl zugeklappt habe.
Schade, wohl der letzte Fall...
Racheflamme von Tina N. Martin
Auf der Bühne des Stadttheaters wird in einer Badewanne eine tote Frau gefunden. Die Wanne wurde vom Täter mit Säure gefüllt und das Opfer musste qualvoll sterben. Doch das bleibt nicht der einzige, rätselhafte Mord in Boden, der nahe an der schwedischen Grenze zu Finnland, verübt wird.
Eine Frau wird vermisst und weitere Menschen werden tot aufgefunden.
Die Kripo hat alle Hände voll zu tun und das, obwohl sie nur spärlich besetzt sind.
Kommissar Calle Brandt und Tareq Shaheen versuchen Idun Lund, die immer noch ihren Dienst im Archiv absolviert, zurück ins Team zu holen. Sehr zum Leidwesen ihrer Chefin, die Lund ins Archiv zwangsversetzt hatte.
Dieses Buch hat eigentlich alles, was sein muss, um als Thriller durchzugehen. Eine Serie Morde, ein fähiges Ermittlerteam, Ermittlungen und die Frage nach dem Grund dieser Morde. Trotzdem hat mich die Geschichte über weite Teile nicht so ganz fesseln können. Dafür war mir vieles zu langatmig und zu sehr in die Länge gezogen. Es hätte zum Beispiel in den zwischenmenschlichen Belangen im Ermittlerteam gestrafft werden dürfen oder aber in den Beschreibungen der Tatorte.
Dies ist der fünfte und wohl letzte Teil von der bei mir beliebten Ermittlertruppe. Schade, denn ich habe die vielen Facetten der Ermittler sehr gemocht und hätte sehr gerne weitere Fälle von ihnen gelesen.
"Racheflamme" handelt in der Welt des Theaters. So wird zum Beispiel das erste Opfer auf der Bühne, in einer Badewanne mit Säure, aufgefunden. Sehr schnell wird klar, dass die Frau ermordet wurde und der Grund dafür genau dort zu suchen ist: im Rampenlicht.
Tina N. Martin hat mich auch dieses Mal mit ihrem schnörkellosen Schreibstil für sich eingenommen. Wie oben schon erwähnt, hätte jedoch etliches gestrafft werden dürfen. Durch die multiperspektivische Erzählung, es werden immer neue und zahlreiche Figuren in den Mittelpunkt gestellt, ist die Handlung komplex. Es bedingt konzentriertes Lesen und ich musste mir ein Glossar anfertigen, das beim Lesen mitlief. Sehr gefallen haben mir die Briefe des Täters, die in loser Folge eingesetzt sind.
Bedauerlicherweise und für mich auch erstaunlich ist in diesem Band Idun Lund eher eine Figur unter vielen und hat keinen Sonderstatus. Ihren Platz hat ihr Kollege und Liebhaber Tareq Shaheen eingenommen. Er ist leider etwas weniger charismatisch als seine Kollegin. Schade, ich hätte in diesem letzten Fall lieber mehr von ihr gelesen.
Mit der Auflösung, der Identität der mordenden Figur, konnte mich die Autorin komplett überraschen.
Etliche Twists
Was sie nicht weiß von Shari Lapena
Ein Tag wie viele andere ist der Tag, an dem Bryden Frost spurlos verschwindet. Die junge Mutter bringt Töchterchen Clara in die Kindertagesstätte und fährt nach Hause ins Home-Office.
Abends bekommt ihr Mann Sam einen Anruf der Kindertagesstätte, seine Frau hat die dreijährige Clara nicht abgeholt.
Sam beeilt sich, holt seine Tochter ab und fährt nach Hause.
Brydens Wagen steht in der Tiefgarage, ihre Handtasche mit Handy und Portemonnaie auf der Kommode im Flur. Doch von seiner Frau fehlt jede Spur...
Dieser Thriller spielt sich in einer gutsituierten und geordneten Familie ab. Ein Ehepaar mit einer Eigentumswohnung, guten Jobs und einer süssen kleinen Tochter. Scheinbar glücklich und zufrieden. Die Frau und Mutter verschwindet jedoch spurlos aus der gemeinsamen Wohnung. Ihr Mann, ihre Eltern, Schwester, die beste Freundin und Nachbarn sind entsetzt. Genau wie sie habe ich mich gefragt, ob Bryden freiwillig verschwand oder Opfer einer Gewalttat ist. Wenn ersteres: Weshalb sollte die glücklich verheiratete Frau verschwinden? Wenn letzteres: Wer ist für ihr Verschwinden verantwortlich?
Beide Fragen halten die Spannung am Laufen und die Autorin schafft es diese Spannung über die Ermittlungen und das ganze Buch zu halten. Denn sehr schnell wird die Polizei mit dem Fall betraut und sie finden so einiges heraus. Da verbirgt sich etliches hinter der Fassade. Bryden, sowie ihr näheres Umfeld, haben nämlich Geheimnisse. Weitere Figuren kommen ins Spiel und mit ihnen ergeben sich neue Fährten und Verdächtigungen.
Sehr schnell ist das Umfeld Brydens mit diesen Verdächtigungen zur Stelle. Da ist zum Beispiel ein Nachbar, der vorbestraft ist oder eine Zufallsbekanntschaft von Bryden, der ebenfalls Dreck am Stecken haben könnte. Aber auch ihre Schwester, die in einer True Crime Gruppe mitmischt oder ihre beste Freundin könnten etwas mit dem Verschwinden zu tun haben.
Dann deckt Detective Jayne Salter noch brisante Gegebenheiten aus Brydens Leben aus, die stutzig machen. Diese haben mich dann wieder auf die zweite Theorie, der des freiwilligen Verschwindens, schwenken lassen. Mitte Buch werden diese ersten Fragen beantwortet. Damit ist es jedoch noch nicht aus mit der Spannung. Denn nun fragte ich mich nach dem Grund des Ganzen.
Obwohl Shari Lapena nicht mit grossen Emotionen schreibt, fiebert man einfach mit. Die Handlung ist chronologisch geordnet und die Autorin verzichtet auf Perspektivwechsel oder Wechsel der Zeitebenen. Etwas, was mir sehr gut gefallen hat und in keinem Moment langweilig war.
Das und die überschaubare Anzahl Figuren lassen diesen Thriller relativ einfach und gradlinig lesen. So blieb mehr Zeit zum Rätseln! Etliche Twists machen diese Geschichte abwechslungsreich und so hat mich "Was sie nicht weiss" bestens unterhalten.
Hass und Rache!
Sunshine Man von Emma Stonex
In einem Dorf in Wiltshire lebt Birdie Keller mit ihrer Familie mehr oder weniger glücklich. Einzig der Verlust ihrer jüngeren Schwester belastet sie immer noch. 18 Jahre ist es her seit Providence, ihre geliebte kleine Schwester, ermordet wurde.
Der Mörder James Maguiere ist im selben Dorf aufgewachsen, wurde verurteilt und sitzt seine Strafe ab.
Die Nachricht, dass er entlassen wurde, lässt Birdie ihren Plan in die Tat umsetzen.
Einen Plan, den sie schon vor 18 Jahren geschmiedet hat. Der Täter soll sterben und erst wenn er tot ist, findet Birdie Ruhe.
Teil eins der Geschichte gehört Birdie. Sie wird getrieben von Hass. Hass auf den Mörder ihrer kleinen Schwester. Providence wurde 18 Jahre zuvor ermordet, der Mörder sitzt seither in Haft. Nun wird dieser entlassen und Birdie, mittlerweile Ehefrau und Mutter, hat nur auf diesen Tag gewartet. Denn jetzt will sie die Rechnung, die sie mit ihm noch offen hat, begleichen. Rückblicke in Birdies Kindheit, die in diesem Teil integriert sind, zeigen wie sehr sie an der kleinen Schwester hing. Die beiden wachsen bei der Grossmutter auf, da die Mutter keinerlei Interesse an ihren Töchtern zeigt.
Teil zwei widmet sich dem Mörder von Providence, der 18 Jahre lang seine Unschuld beteuerte. James Maguiere, aufgewachsen in einer destruktiven Familie, hatte von Beginn weg keinen guten Start in das Leben. Als jüngster Spross der weitaus berüchtigten "Säuferfamilie" des Dorfes gerät er sehr schnell auf die schiefe Bahn. Wird jemand mit einem solchen familiären Hintergrund automatisch zum Kriminellen? Mit dieser Frage setzt sich die Autorin auseinander und ich fand dies hochinteressant. Die Passagen, in denen James in Ich Perspektive erzählt, sind authentisch gehalten. Vom Schreibstil her merkt man, dass hier jemand mit einer tiefen Bildung seine Geschichte erzählt.
Danach gibt es weitere drei Teile mit beiden Protagonisten, zweitweise vermischt sich die Handlung. Diese ist einerseits dynamisch, dann wieder plätschert sie vor sich hin. Vor allem die Gedanken von James, die sich oft im Kreis drehen, sind zu sehr in die Länge gezogen.
Die Frage, ob dann schlussendlich Birdie James richtet, hat mich durch das Buch getragen. Warum sie zur Waffe greift, eröffnet sich nach und nach in den Rückblicken, die die Beziehung zwischen den Schwestern und den Maguire Brüder offenbaren. Hier zeigt sich, dass Schuld viele Gesichter haben kann und wie Rache oft Antrieb ist. Denn Birdie verlässt ihren sicheren Hafen, ihre Familie ... nicht nur um Rache zu üben, sondern auch um endlich ihre Trauer zu überwinden.
Dieses Buch ist kein Thriller, sondern ein Roman, in dem es um Gefühle wie Hass, Vergeltung, Schwesternliebe, aber auch um die Kindheit geht. Hier sieht man sehr schnell, weshalb ein Kind kriminell wird. Die vielen unterschwellig eingewobenen sozialen Probleme und Interaktionen haben mich gefesselt.
Zurück in die Zukunft
Der Tag, an dem ich sterbe von Federico Axat
Anna de Marchi ist verliebt in ihren Freund Oliver Cohen und trotzdem ermordet sie ihn im Haus seiner Eltern. Nach dem Mord verschwindet die junge Frau, hinterlässt nur eine Notiz mit einem Datum.
Zwei Jahre später und genau an dem notierten Datum wird sie gefunden. Bewusstlos am Ufer eines Sees.
Ihr fehlt die Erinnerung an den Mord, überhaupt kann sie sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern.
Anna wird in die psychiatrische Klinik Lavender Memorial eingewiesen. Doch die behandelnde Ärztin, Dr. Julia Katz, ist überzeugt, dass die Antwort, weshalb Anna gemordet hat, ausserhalb der Klinik zu finden ist. Dr. Katz schafft Anna auf eine Farm, was Annas Erinnerungen beeinflusst.
Ich benötigte 200 Seiten bis ich den Plot einigermassen verstanden habe. Die ersten 200 Seiten empfand ich als wirr und undurchschaubar. Ich hatte ständig das Gefühl, der Geschichte nicht folgen zu können. In diesem Teil musste ich mich ganz schön durchbeissen. Ich mag es nicht, wenn die Zeitebenen nicht klar sind oder ich ganze Passagen nicht einordnen kann. Ohne zu viel zu verraten, liegt genau hier das Zentrum dieses Psychothrillers, wie ich dann Mitte Buch begriffen habe. Was dann kommt, ist genial und habe ich so noch nie gelesen in einem Thriller. Aber eben, bis ich an diesem Punkt angelangt war, musste ich mich durchkämpfen. Es lohnt sich allemal.
Vorahnungen, Erinnerungen, Realität, Träume, Zukunftsvisionen, Einbildung: damit spielt der Autor und als Leser ist man ständig damit beschäftigt, alles entsprechend einzusortieren. Es geht leicht in die Richtung Fantasy und man sollte sich auf Grundthema Vorahnungen einlassen können. Es vermischen sich Passagen, die Anna im Jetzt erlebt mit Szenen aus der Vergangenheit und Erlebnissen in der Gegenwart. Das konnte ich nicht immer klar einreihen und manchmal war die Verwirrung gross.
Die Figuren, die im Mittelpunkt stehen, konnte ich sehr lange nicht einschätzen. Allen voran Anna, die ihren Freund ermordet haben soll und sich nun in der psychiatrischen Klinik befindet. Spielt sie ihrem Umfeld etwas vor oder hat sie wirklich keine Ahnung, was vor zwei Jahren geschah?
Ebenfalls ein Mysterium für mich war Dr. Julia Katz. Was verbirgt sie vor ihrer Patientin? Was steckt hinter der Beziehung zu ihren drei Kindern? Carla, die aus der ersten Ehe ihres Mannes stammt. Der neunjährige Martin, der spürt, dass seine Mutter zu ihm auf Distanz geht. Oder dem Nachzügler, Baby Aaron, dem sie die meiste Aufmerksamkeit schenkt. Sachen, die erst beim "Blick in die Zukunft" nachvollziehbar werden und ein Highlight der Geschichte sind.
Federico Axat spielt in diesem Psychothriller mit den Zeitebenen. Wo die Geschichte in der Handlung steckt, war mir nicht immer ganz klar. Dazu hätte ich mir, anstelle dieser kryptischen Zeitangaben, klare Ansagen bei Kapitelbeginn gewünscht.











