Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Havers:
Nichts Neues für "alte Hasen"
Koch! Mich! Jetzt! von Leon Schreiber
Ich bin ja grundsätzlich sehr skeptisch gegenüber Social Media-Köchen/Köchinnen ohne die entsprechende Ausbildung, aber es gibt Tage, an denen ein schnelles und unkompliziertes Essen auf den Tisch muss. Deshalb habe ich mir das gehypte Kochbuch „KOCH!MICH!JETZT!“ von Leon Schreiber/FeedMeDaily etwas genauer angeschaut.
Vielleicht wäre das ja etwas…
Basics: Vorrat ist immer gut, und was die Empfehlungen angeht, bin ich mit Leon Schreibers Auswahl einverstanden. Bei der Auflistung der benötigten Küchenutensilien habe ich den Verdacht, dass hier in erster Linie Kochanfänger angesprochen werden, denn das Equipment mag ja für die vorgestellten Rezepte grundsätzlich ausreichend sein, aber eigentlich gehört da dann doch noch das eine oder andere ergänzt. Was mir gefallen hat, waren die Rezepte für die Würzmischungen. Eine gute Idee, denn so hat man sie im Bedarfsfall gleich zur Hand und muss nicht lange suchen.
Rezeptteil: 80 Rezepte, eingeteilt in Kategorien, was wiederum Zeit bei der Suche spart. Garniert mit schönen Fotos, die den Appetit anregen: Gerichte, für deren Zubereitung man nur 15 Minuten benötigt, Gerichte aus dem Ofen, One Pot und Nudelgerichte, Bowls und Salate, Snacks, Soulfood, Meal Prep und Süßes. Die Zutaten sollten (fast) in jedem Supermarkt erhältlich, sein. Mir ist zumindest nichts aufgefallen, dessen Beschaffung schwierig wäre.
Kritik gibt es von mir für den Einsatz von verarbeiteten Lebensmitteln. Die haben in einem guten Kochbuch nun wirklich nichts verloren.
Meine Bewertung: Übernehmen werde ich lediglich die Idee der DIY-Würzmischungen. Die vorgestellten Rezepte konnten mich nicht wie gedacht überraschen, dafür koche ich einfach schon zu lange. Für mich ist dieses Kochbuch deshalb ungeeignet, aber ich bin mit Sicherheit ja auch nicht die Zielgruppe.
Doch wenn man die ersten Versuche am eigenen Herd wagt, oder genug von den ewig gleichen und dazu noch teuren Gerichten der Lieferdienste hat - wenn es denn einen solchen vor Ort gibt - dann kann man zu „KOCH!MICH!JETZT!“ greifen.
Wunden heilen, aber Narben bleiben zurück
Nelka von Svenja Leiber
Zwischen 1939 und 1945 werden ca. 13 Millionen Männer, Frauen und Kinder, viele aus Osteuropa, ins Deutsche Reich verschleppt, um meist unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in Fabriken und der Landwirtschaft zu leisten. Ca. 2,5 Millionen dieser Menschen überleben diese Tortur nicht (Zahlen von der Stiftung evz).
Nelka ist eine Überlebende. Als Sechzehnjährige wird sie aus Lemberg verschleppt, kommt auf ein Gut in Norddeutschland. Dort werden im großen Stil Apfelbäume angebaut, etwas, womit sich Nelka auskennt, hat sich doch ihr Vater speziell mit deren Veredlung beschäftigt und das Wissen an seine Tochter weitergegeben. Es bleibt nicht aus, dass sie schon bald dem Gutsverwalter Marten ins Auge fällt. Nicht nur wegen dieser Kenntnisse. Und es kommt, wie es kommen muss. Soweit, so konventionell.
Nelka überlebt, und damit wäre eigentlich alles gesagt. Aber die Geschichte kippt, als sie nach Jahrzehnten an diesen Ort zurückkehrt. So lange wurde sie von Erinnerungen an diese Zeit verfolgt, die ihr Leben seither auf verschiedenste Weise geprägt haben. Und nun will und muss sie sich nicht nur diesen stellen, die Gespenster der Vergangenheit endlich loswerden, zum Abschluss kommen. Aber das kann ihr nur durch die erneute Begegnung mit Marten gelingen.
Nelkas Geschichte steht stellvertretend für das, was so viele Zwangsarbeiterinnen erlebt haben. Aber Svenja Leiber schaut genauer hin, vermeidet vordergründig das Täter/Opfer-Narrativ, indem sie die historischen Gegebenheit im Blick behält, Abhängigkeiten thematisiert, die wesentlichen Einfluss auf das Überleben in diesen Zeiten haben. Sie verharmlost nicht, konfrontiert uns mit Ausbeutung und Missbrauch, Macht und Ohnmacht, Schuld und Unschuld, beschreibt den Einfluss von Handlungen und Erlebtem auf das weitere Leben und lässt uns so mit mehr als ambivalenten Gefühlen zurück.
Ein berührender Roman über ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, nicht nur historisch interessierten Leserinnen und Lesern empfohlen.
Kopflose Leichen und die Suche nach dem Täter
Four Heads Missing von Thorsten Schleif
Auch wenn ich True Crime Krimis üblicherweise nicht mag, habe ich doch nach der Leseprobe zu Thorsten Schleifs „Four Heads Missing“ gegriffen, da ich seit langer Zeit ein besonderes Faible für die englische Metropole und deren, auch kriminelle Historie, habe.
Ich wurde nicht enttäuscht, denn der Autor schafft es, diesen auf den ersten Blick doch sehr grausigen Fall mit der nötigen Distanz zu schildern, sowie durch den fiktionalen Anteil (d.
h. die Beteiligung von William Berger und Irene Adams an den Ermittlungen) dem Ganzen dann doch etwas die Schwere zu nehmen.
Schleif gelingt es sehr gut, das historische Setting mit all seinen Schattenseiten anschaulich zu beschreiben, ganz gleich, ob das nun spezielle Orte in London z.B. das Embankment (Themse-Ufer) oder die Lebensumstände der Ärmsten sind. Er verzichtet auf übermäßiges psychologisieren, konzentriert sich auf die Ermittlungsarbeit und baut kontinuierlich Spannung durch die eingeschobenen Kapitel aus Tätersicht auf. Die Auflösung des Falls entwickelt sich logisch, bringt aber am Ende dann doch noch einen ganz besonderen Twist.
Hilfreich ist das Personenregister zu Beginn des Buches und was Stil und Sprache angeht, gibt es aus meiner Sicht auch nur einen Punkt, der mich mit zunehmendem Lesen gestört hat, nämlich die schon fast inflationäre Verwendung des Wortes „Leibwächter“ für William Berger. Das geht besser.
Alles in allem ein spannender Kriminalfall aus der viktorianischen Londoner Vergangenheit, den ich fast ohne Unterbrechung in einem Rutsch gelesen habe.
Bravissimo!
Abfahrt ins Jenseits von Salvatore Simonetti
Und wieder wird ein weißer Fleck auf der Urlaubskrimi-Karte getilgt. Salvatore Simonetti (offenes Pseudonym) nimmt uns in seinem Cosy Urlaubskrimi mit nach Dolceacqua in Ligurien. Dort sterben nacheinander mehrere ältere Bewohner unter ungeklärten Umständen, was die resolute Mamma Marcella, vor einiger Zeit aus in ihr Heimatdorf zurückgekommen, auf den Plan ruft.
Ihr Misstrauen wird geweckt, weil die Särge beim Trauergottesdienst immer leer sind und keine/r der Verstorbenen auf dem Dorffriedhof beigesetzt wird. Sehr seltsam. Gemeinsam mit Harry, einem kreativen Alt-Hippie, der öfter psychedelischen Substanzen zuspricht, als ihm gut tut, macht sie sich daran, das Rätsel zu lösen. Auf die Hilfe ihres Sohnes Domenico kann sie dabei nicht bauen. Er ist zwar der Carabiniere im Bergdorf, aber der hat momentan nur noch Augen für seine neue Freundin…
Mit „Abfahrt ins Jenseits“ (nicht wirklich gelungener Titel) bedient der Autor gekonnt die Erwartungen, die die Leser/innen an einen Urlaubskrimi haben. Durch die detaillierten Beschreibungen vermittelt er Einblicke in das Leben im ligurischen Bergdorf, das von Gelatti, Espresso und diversen kulinarischen Köstlichkeiten geprägt ist. Angereichert mit zahlreichen eingeflochtenen Phrasen (hat mir gut gefallen) aus dem italienischen Grundwortschatz, dem ein oder anderen Klischee (siehe Fahrstil der Protagonistin), aber auch den gelungenen atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen ergibt das ein stimmiges Bild vom Dolce Vita in Italia.
Und auch den unblutigen Kriminalfall baut Simonetti logisch und in kleinen Schritten auf, sodass man bei der Stange bleibt, wenngleich geübte Krimi-Leser/innen die Zusammenhänge recht früh erahnen können. Dennoch würde ich gerne mehr von Marcella und Harry, aber auch von Joan (deren Vergangenheit mit MI5 oder MI6 verknüpft sein könnte) und Domenico lesen.
Ein gelungenes Debüt mit liebenswerten Menschen in einer wunderschönen Gegend, das jede/r, der in Ligurien Urlaub macht, im Gepäck haben sollte. Bravissimo!
Kleinstadtleben im Mittleren Westen
Buckeye von Patrick Ryan
„Buckeye“, diesen Begriff kannte ich bisher nur von den Ohio State Buckeyes, einem College-Footballteam, und er bezeichnet die Rosskastanie, den offiziellen Baum Ohios, aber auch Spitzname der Bewohner dieses US-Bundesstaates. Womit wir bereits bei der Verortung des Romans von Patrick Ryan wären, der von der Kritik als amerikanisches Epos in der Tradition der „Great American Novel“ bezeichnet wird.
Eine Auszeichnung, aber auch eine Hypothek, die große Erwartungen bei der Leserin geweckt hat. Ob er es wohl mit den Klassikern „Früchte des Zorns“, „Der große Gatsy“ und „Moby Dick“ aufnehmen kann?
Bonhomie, eine konservative Kleinstadt in Ohio, Amerikas Mittlerem Westen. Wir begleiten zwei Paare, Cal und Becky Jenkins sowie Margaret und Felix Salt, über einen langen Zeitraum, beginnend Ende des Zeiten Weltkriegs bis Mitte der siebziger Jahre. Vier Leben, die miteinander verwoben sind, deren Handlungen, Traumata, Geheimnisse und Entscheidungen Kreise ziehen, die nicht nur Auswirkungen auf ihr Leben, sondern auch auf das der nachfolgenden Generationen haben.
Durch den einfühlsamen Umgang des Autors mit seinen Protagonisten zieht sich in dieser Geschichte von Sehnsüchten, Geheimnissen und Schuld ein Hauch von Melancholie durch den gesamten Roman. Und auch, wenn er sich den einen oder anderen ironischen Seitenhieb nicht verkneifen kann, wirkt das nie plump, da er sein Personal mit dem gebotenen Respekt behandelt.
All dies wird von Patrick Ryan geschickt eingebettet in die Beschreibungen des amerikanischen Kleinstadtalltags und ergänzt durch Ereignisse aus Zeitgeschichte und Popkultur, so dass die zeitliche Einordnung jederzeit auch ohne Nennen der Jahreszahl möglich ist, was ich sehr geschätzt habe.
So ist ihm vielleicht dann doch nicht eine neue „Great American Novel“ gelungen, aber wer ein Herz für großangelegte Familiensagas mit historischem Hintergrund hat, wird mit „Buckeye“ auf alle Fälle glücklich werden. Große Leseempfehlung meinerseits!
Nai hämmer gsait – Eine Zeitreise
Sonnenberg von Brigitte Glaser
Als ich die Verlagsankündigung von Brigitte Glasers neuem Roman „Sonnenberg“ gelesen habe, war er mir sofort klar, dass dieses Buch ein must-read für mich ist, sind doch die Ereignisse rund um das geplante AKW in Wyhl ein wesentlicher Baustein in meiner politischen Biografie. Gleicher Jahrgang wie die Autorin, ähnliches Studienfach (Uni Tübingen) sowie das Hinterfragen gesellschaftlicher Strukturen und familiärer Erwartungen.
Herkunft, Klassismus, Rolle der Frau, aufkommendes Umweltbewusstsein, lauter Themen, mit denen viele weibliche Erstsemester konfrontiert wurden. Zwischen HB und Roth Händle, Alice Schwarzer und Jim Morrison standen die Zeichen auf Veränderung.
Brigitte Glaser erinnert an die Wochen Anfang 1975, als die Landesregierung in Ba-Wü beschließt, ein Atomkraftwerk mitten in der ökologisch intakte Landschaft des Kaiserstuhls zu bauen und damit nicht nur die Natur ,sondern auch die Lebensgrundlage der dortigen Winzer und Bauern zu gefährden, ja zu zerstören. Unterstützt von breiten Teilen quer durch die - im Wesentlichen süddeutsche - Bevölkerung formiert sich allmählich der gewaltlose Widerstand der „normalen“ Menschen. Frauen und Männer, quer durch alle Bevölkerungsschichten, besetzen den Platz, werden von der Polizei mit Wasserwerfern und Schlagstöcken vertrieben, kassieren Anklagen wegen Landfriedensbruch, kommen wieder und besetzen erneut, waren doch die Elsässer auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins mit ihrem Widerstand gegen das geplante Bleiwerk ebenfalls erfolgreich.
Die Rahmenhandlung für diese Ereignisse bildet die Geschichte der beiden Freundinnen Johanna und Luzie, die sich schlussendlich der Protestbewegung anschließen. Johanna, verantwortungsvoll, mit beiden Beinen auf der Erde und eher zögerlich, Luzie, spontan und flatterhaft, die sich mit einer unüberlegten Aktion erpressbar macht und, um einer Strafe zu entgehen, vom Staatsschutz rekrutieren lässt.
Die Autorin hat, wie wir es von ihr kennen, sehr gute Recherchearbeit geleistet, was auch die Quellenliste im Anhang beweist. Durch das passende Einfügen von Konsumgütern, Markennamen sowie Song- und Filmtiteln mit hohem Wiedererkennungswert ergibt sich zusätzlich ein stimmiges Zeitkolorit, das Leserinnen und Leser auf eine Zeitreise mitnimmt, in der die Anfänge der Umweltschutz-Bewegung gelegt wurden. Sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich für die gesellschaftlichen Veränderungen in unserem Land interessieren.
Das Geheimnis des Hirschkönigs
Septembermord von Chris Chibnall
Chris Chibnalls „Broadchurch“ habe ich geliebt, die „Seven Dials“ hingegen konnten mich nicht überzeugen, weshalb ich einigermaßen skeptisch war, als ich die Verweise auf diese beiden Miniserien in den Verlagsangaben zu seinem Krimi-Debüt „Septembermord“ gesehen habe. Aber die Verortung der Handlung im westlichen Dorset an der englischen Südküste ist interessant, kenne ich doch die Gegend sehr gut, und auch die Angaben zum Inhalt kündigen eine spannende Story an.
Eine halbnackte, männliche Leiche, festgebunden auf einem Stuhl, mitten auf der Schnellstraße, auf dem Kopf ein Geweih. Mit Schnüren und Klebstoff befestigt. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Wirt des „White Hart“, einem Pub im Dörfchen Fleetcombe handelt.
Mit dem Fall wird die erst kürzlich mit Mann und Kind aus Liverpool zugezogene DS Nicola Bridge betraut, die in dieser Gegend aufgewachsen ist. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward aka Westlife, einem Neuling, der mangelnde Erfahrung durch Einsatzwillen ausgleicht, sowie temporär von DC Mel Hardiman, einem mürrischen Kollegen und As in Recherche und Datenanalyse. Eine Konstellation, die man in vielen, nicht nur englischen Kriminalromanen findet.
Und noch etwas ist in englischen Krimis nicht selten, nämlich die Beschreibung einer verschworenen Dorfgemeinschaft, ein Sammelsurium seltsamer Typen, wie z.B. Deakins, immer im Clinch mit seinen Nachbarn, aber auch mit den Touristen, die über seine Felder und Wiesen laufen, und von ihm mit einem Gewehr bedroht werden. Misstrauisch gegenüber allen, da er der Meinung ist, dass einem seiner Vorfahren vor hundert Jahren schreckliches Unrecht zugefügt wurde.
Und dann ist da noch das Kind, das sich tagtäglich auf dem Spielplatz versteckt. Shannon, das Mädchen, das unter dem Radar bleibt, sich aus Gründen nicht nach Hause traut, aus seinem Versteck alles beobachtet, was im Dorf geschieht, und unwissentlich die entscheidende Beobachtung macht.
Die Story ist, was zu erwarten war, gut geplottet. Ein bizarrer Mordfall, ein Team, das sich erst finden muss, Dorfbewohner mit Geheimnissen und natürlich jede Menge twists and turns. Man merkt den Profi, kann sich eine Verfilmung durchaus vorstellen, insbesondere da die Bilder, die Chibnallvon dieser ländlichen Gegend mit ihren Eigenheiten zeichnet, anschaulich, atmosphärisch und stimmig sind.
Und ja, der Krimi wurde bereits verfilmt. Die Dreharbeiten in Dorset sind abgeschlossen, aber ein Sendetermin (bei ITV) steht noch nicht fest.
Alles in allem very british, insbesondere die Schilderung des Dorflebens, die mich immer wieder an Beschreibungen erinnert hat, wie ich sie aus den Krimis von Agatha Christie kenne. Detailliert, aber nicht ganz so cosy wie bei der „Grande Dame“ des englischen Kriminalromans.
Eine spannende Ferienlektüre, vorzugsweise für den Urlaub im englischen Südwesten. Wie wäre es statt London mal mit Dorset?
Hochspannende Mischung von Fakten und Fiktion
Red Star Down von D. B. John
Was wusste ich über Nordkorea? Wenig, sehr wenig, und nur das, was in den diversen Zeitschriften und Politmagazinen an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Und auch diese Informationen sind und waren im Wesentlichen Spekulationen, da bis dato nur sehr wenige Menschen dieses Land bereisen durften und ihre Erfahrungen teilten.
Geändert hat sich das vor einigen Jahren als mir 2018 per Zufall D.B. Johns (walisischer Autor, der lange in Südkorea gelebt, aber auch Nordkorea bereist hat) „Stern des Nordens“ in die Hände fiel, ein hochspannender Politthriller, der einen Blick hinter die Kulissen dieses hermetisch abgeschlossenen Landes ermöglicht.
Auch wenn die Nachwirkungen der damaligen Story hier weitergeführt werden, kann man „Red Star Down“ natürlich ohne den Vorgänger lesen, obwohl Jenna, CIA-Agentin und amerikanische Wissenschaftlerin mit koreanischen Wurzeln und eine der Hauptfiguren in „Stern des Nordens“, auch hier eine zentrale Rolle einnimmt. Weiter lernen wir Eric kennen, der zum Team des Präsidenten gehört (Spion, ebenfalls Amerikaner mit koreanischem Hintergrund), sowie Ljoscha (russischer Student), der Putin in einer TV- Sendung eine extrem unangenehme Frage stellt und seither auf dessen Abschussliste steht.
Handlungshintergrund ist die erste Amtszeit von Donald Trump (2017/2018) und dessen brisante Solo-Meetings sowohl mit Kim Jong-un als auch mit Wladimir Putin. Mit Blick auf die aktuelle politische Weltlage ist diese Mischung aus Fakten und Fiktion, deren Verankerung in der Realität, das, was den besonderen Reiz dieses Spannungsromans ausmacht. Und natürlich bieten auch die Handlungsorte USA, Nordkorea, Russland jede Menge Abwechslung.
Hochspannend und rasant erzählt, weshalb ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Aber Achtung, die Story ist komplex, und so erfordert das Lesen zum einen Konzentration, weil es drei Protagonisten, wechselnde Schauplätze und unterschiedliche Handlungsstränge gibt, deren Verbindungen sich erst allmählich auf den 697 Seiten erschließen. Und last but not least sollte man schon ein gewisses Interesse für die globale Politik mitbringen.
Nachbemerkungen des Autors sowie hilfreiche Buchtipps für all diejenigen, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, schließen diesen Spannungsroman ab, den ich nachdrücklich empfehle. Ein Highlight!
Sind wir nicht alle ein bisschen Laura?
Laura Clark ist dann mal weg von Helen Russell
Laura Clark ist gut organisiert, ist diejenige, die alles im Griff hat. Ehefrau, Mutter und Arbeitskollegin erfüllt sie klaglos tagaus, tagein sämtliche ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen, die ihr familiäres und berufliches Umfeld an sie hat. Bis zu dem Tag, an dem sie erwacht und die Reißleine zieht.
Verschwindet, einfach so, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Ihr Mann, ihre Tochter, ihre Freundin, ihr Arzt, aber auch ihre Mutter, sind verblüfft, können sich nicht vorstellen, dass ihr spurloses Verschwinden ihre eigene Entscheidung war. Das passt einfach nicht zu Laura, die all die Jahre sprichwörtlich die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern getragen hat.
Viele von uns kennen das. Familie, Mann, Kinder, Haushalt, Beruf. Lauras Geschichte ist kein Einzelfall, sind es doch meistens die Frauen, denen man die Care-Arbeit ungefragt aufbürdet. Mental Load? Klar. Mit der Zeit kaum mehr auszuhalten. Aber geht es nur mir so, oder findet ihr die Story auch etwas weit hergeholt?
Warum hat sie nicht früher rebelliert? Ihre Rollen reflektiert? Das Gespräch, ja, aber auch die Auseinandersetzung gesucht, ihren Standpunkt klar gemacht, denn wer solche Egoisten um sich hat, ihnen nicht Einhalt gebietet, muss sich nicht wundern, wenn sich deren Verhalten im Alltag einschleift.
Sorry Laura, aber weitestgehend bist du selbst für diese Zustände in deinem persönlichen Umfeld verantwortlich. Verantwortlich für den Blick deiner Nächsten auf dich. Verantwortlich dafür, dass sie dich erst dann wahrnehmen, als du verschwunden bist und sie endlich Verantwortung für sich selbst übernehmen müssen. So wie auch du..
Denn niemand ist ohne Schuld...
Sunshine Man von Emma Stonex
Achtzehn Jahre sind vergangen, seit Birdies Schwester Providence tot ist. Allerdings ist die damals Fünfzehnjährige keines natürlichen Todes gestorben, sondern wurde erschossen. James „Jimmy“ Maguire, der neunzehnjährige Täter, in schwierigen Verhältnissen groß geworden, wurde deshalb zu einer langen Haftstrafe verurteilt.
Diese hat er mittlerweile verbüßt, seine Entlassung steht bevor, weshalb sich Birdie, mit einer Beretta in der Tasche, auf den Weg macht. Schließlich hat sie hat noch eine Rechnung mit ihm offen…
Emma Stonex, bekannt durch ihren Erstling „Die Leuchtturmwärter“, fragt nach Gründen. Warum wird ein Mensch zum Mörder? Warum wird jemand gut, warum wird jemand böse? Sind es die Erbanlagen? Ist es das Milieu? Was geschieht mit einem Kind, dem die elterliche Liebe fehlt? Um das man sich nur halbherzig kümmert?
Sie lässt sowohl Birdie, die Jimmy quer durchs Land auf den Fersen ist, als auch Jimmy in wechselnden Kapiteln zu Wort kommen, wobei nicht immer die Gegenwart, sondern sehr oft die Vergangenheit im Fokus steht, was nicht nur den Blick der Leser schärft, sondern auch die Grenzen zwischen schuldig und unschuldig verschwimmen lässt.
Natürlich stellt sich die Frage nach dem Wer? und dem Warum?, obwohl die Beantwortung dieser Frage gegen Ende zunehmend in den Hintergrund tritt. Es sind die Bilder, die Stonex erschafft, die eine ganz besondere Atmosphäre kreieren, die sich im Kopf festsetzen. Und sie wirken auch dann noch nach, wenn man das Buch längst zugeklappt hat.











