Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Stierle Kelten

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von jori1020:

voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Ganz anders als erwartet

Die Auster von Yael Inokai

Selten hat mich ein Klappentext so in die Irre geführt wie bei diesem Roman. Gerechnet hatte ich mit einer atmosphärisch dichten, vielleicht auch humorvoll angehauchten Kriminalgeschichte, einem Kammerspiel im Mikrokosmos eines Kaufhauses. Bekommen habe ich etwas völlig anderes. Vielleicht lag es an meinen Erwartungen, ganz sicher aber auch am literarisch anspruchsvollen und stellenweise recht vertrackten Aufbau, dass mich das Buch am Ende eher ratlos als begeistert zurückgelassen hat.

Im Mittelpunkt steht die 73-jährige Leonora Bloch, die seit 45 Jahren als Reinigungskraft für Dr. Bronstett, den Geschäftsführer eines Berliner Nobelkaufhauses arbeitet. Eines Morgens findet sie ihren Arbeitgeber tot in seiner Wohnung. Nach einer kurzen Befragung durch die Polizei beginnt Leonora, auf eigene Faust Nachforschungen im Umfeld des Verstorbenen anzustellen. Gleichzeitig wird sie von dessen Tochter gebeten, auch noch die Trauerfeier zu organisieren.

Der Einstieg hat mir richtig gut gefallen. Leonora ist eine ungewöhnliche Protagonistin und die ersten Kapitel versprechen einen ebenso eigenwilligen wie spannenden Kriminalroman. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich vom eigentlichen Fall. Stattdessen rücken Erinnerungen an vergangene Zeiten, Gerüchte und zwischenmenschliche Beobachtungen in den Mittelpunkt. Das ist literarisch durchaus reizvoll, ließ mich aber zunehmend den roten Faden vermissen. Die Auflösung empfand ich schließlich als recht abstrus und nur bedingt nachvollziehbar.

Sprachlich gibt es dagegen wenig auszusetzen. Yael Inokai schreibt präzise, literarisch anspruchsvoll und mit vielen feinen Zwischentönen. Vieles spielt sich zwischen den Zeilen ab, lebt von Andeutungen und unausgesprochenen Gedanken. Genau das macht den Roman interessant, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Mir blieb diese Distanz letztlich etwas zu groß, sodass ich emotional nie richtig in die Geschichte hineingefunden habe.

Wer Freude an literarisch anspruchsvollen Romanen hat, die sich klassischen Genregrenzen entziehen und mehr Fragen aufwerfen als beantworten, wird an diesem Buch vermutlich Gefallen finden. Wer hingegen – so wie ich – einen atmosphärischen Kriminalroman erwartet, sollte sich darauf einstellen, etwas völlig anderes zu bekommen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Ganz anders als erwartet
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Eine berührende Spurensuche

Ist doch schön hier von Miriam Burdelski

Das Motiv ist kein neues: Eine Protagonistin begibt sich auf die Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte, reist in die ehemalige Heimat ihrer Vorfahren und versucht dort, Familiengeheimnisse zu ergründen. Das kennen wir aus der jüngeren Vergangenheit unter anderem aus 'Elbland' von Christina Rikl oder 'Die Verlorene' von Miriam Georg.

Auch Miriam Burdelskis Romandebüt 'Ist doch schön hier' greift dieses Motiv auf und erzählt daraus eine ebenso berührende wie atmosphärische Geschichte.

Im Mittelpunkt steht Liesel, die Anfang zwanzig ist und versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln macht sie sich gemeinsam mit ihrer demenzkranken Großmutter Emmi und Jasha, einem Mitarbeiter des Pflegeheims, auf den Weg nach Ostpreußen, in Emmis alte Heimat. Auf diesem ungewöhnlichen Roadtrip vermischen sich Emmis verblassende Erinnerungen an Flucht und Vertreibung im Jahr 1945 mit der Gegenwart. Liesel versucht dabei, die Traumata und verschwiegenen Geheimnisse aufzudecken, die sich über drei Generationen von Frauen ziehen – bis ein Anruf alles verändert.

Mich hat der Roman schon im Vorfeld sehr interessiert, da auch meine Großeltern aus dem ehemaligen Ostpreußen stammen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass das Buch meine Erwartungen erfüllen konnte.

Besonders lebt der Roman von seinen Figuren, die ich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen habe. Vor allem der Umgang von Liesel und Jasha mit Emmis Demenz ist unglaublich einfühlsam erzählt. Daraus entstehen viele berührende, aber auch überraschend humorvolle Momente. Mal musste ich schmunzeln, wenn Emmi mit ihrer ganz eigenen Logik auf die Welt blickt, mal schlucken, wenn ihre Erinnerungen an Flucht, Verlust und unerfüllte Träume wieder an die Oberfläche kommen. Das Buch ist eine echte Gefühlsachterbahn und hat mir mehr als einmal Tränen in die Augen getrieben.

Auch atmosphärisch konnte mich der Roman vollkommen überzeugen. Beim Lesen spürt man förmlich die Weite der Landschaft, hört das Rauschen der Birkenalleen und meint den Flügelschlag der Störche über den Feldern wahrzunehmen. Für meinen Geschmack hätte es die ein oder andere recht abrupt wirkende Wendung gar nicht gebraucht, die den Roman stellenweise etwas überladen wirkt, dennoch fügt sich am Ende alles zu einer schlüssigen und stimmigen Auflösung zusammen.

'Ist doch schön hier' ist ein warmherziger und bewegender Roman über Erinnerung, Familie und die Frage, wie sehr die Vergangenheit unser heutiges Leben prägt. Für mich eine absolute Leseempfehlung und ein Highlight dieses Bücher-Sommers.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Eine berührende Spurensuche
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Nicht mein liebster Arenz

Fünf, sechs, sieben, acht von Ewald Arenz

Nach 'Der große Sommer' und spätestens nach 'Alte Sorten' bin ich ein großer Ewald-Arenz-Fan. Umso größer war die Vorfreude auf seinen neuen Roman 'Fünf Sechs Sieben Acht'. Leider konnte er mich diesmal nicht vollends überzeugen.

Sein neuer Roman handelt vom Älterwerden, vom Loslassen und von der Schwierigkeit, genau das zu akzeptieren.

Es ist eine Geschichte über Familie, über die Liebe an sich und über eine längst verloren geglaubte große Liebe – und über die Gewissheit, dass diese, wäre sie gelebt worden, vielleicht die bessere gewesen wäre.

Die Themen sind spannend und typisch Arenz. Auch sprachlich erkennt man ihn sofort wieder. Seine poetische, bildhafte Sprache schafft eine besondere Atmosphäre und enthält viele schöne Formulierungen. Manchmal wusste ich beim Lesen allerdings nicht so recht, ob ich sie gerade wunderbar poetisch oder doch eher kitschig und kalenderspruchartig fand.

Was mich noch mehr gestört hat, war die Handlung. Gerade der Grund für Jos Verschwinden wirkte auf mich recht konstruiert und nicht immer ganz nachvollziehbar. Insgesamt hatte ich außerdem das Gefühl, dass der Roman seinen Leser*innen sehr viel vorgibt. Vieles wird erklärt und ausformuliert, sodass für eigene Interpretationen nur wenig Raum bleibt.

'Fünf Sechs Sieben Acht' ist sicherlich kein schlechtes Buch und behandelt viele berührende Themen. An die erzählerische Kraft und Leichtigkeit von 'Alte Sorten' oder 'Der große Sommer' reicht der Roman für mich jedoch leider nicht heran. Schade.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Nicht mein liebster Arenz
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Ein Roman über die kleinen Begegnungen des Lebens

Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska

Es gibt Bücher, bei denen gar nicht das eine große Ereignis im Mittelpunkt steht, sondern die vielen kleinen Momente dazwischen. Genau so ein Buch ist 'Guten Morgen, schönes Wetter heute' von Tanja Kokoska.

Schauplatz ist die Siedlung „Am Kastanienbaum“, ein ganz gewöhnlicher Wohnkomplex mit Menschen, die zwar Tür an Tür leben, sich aber kaum kennen.

Da ist die alleinerziehende Ina, die sich Sorgen um die Zukunft macht, Herr Bello mit seiner verborgenden Leidenschaft für Frauenkleider und Tanzen, Frau Arslan, die Gedichte von Rainer Maria Rilke liebt und diese auf ganz besondere Weise mit anderen teilt oder Baggerfahrer Paco, der immer von einem besonderen Fund träumt und eines Tages bei Bauarbeiten einen Blindgänger entdeckt. Während die Evakuierung der Siedlung vorbereitet wird, geraten die unterschiedlichsten Menschen miteinander in Kontakt und ihre Lebenswege beginnen sich nach und nach zu kreuzen.

Besonders gelungen ist, wie es der Autorin gelingt, aus vielen einzelnen Geschichten ein stimmiges Ganzes entstehen zu lassen. Anfangs scheint jede Figur für sich zu stehen, doch mit jeder Begegnung wächst das Gefühl, dass diese Menschen mehr verbindet, als sie selbst ahnen. Dadurch entwickelt der Roman eine angenehme Ruhe und gleichzeitig eine große Wärme. Man begleitet die Bewohner durch ihren Alltag, lernt ihre Sorgen, Hoffnungen und kleinen Eigenheiten kennen und schließt viele von ihnen schnell ins Herz.

Auch sprachlich hat mir der Roman sehr gefallen. Er erzählt unaufgeregt und mit viel Feingefühl, findet dabei aber immer wieder humorvolle Momente und berührende Szenen, ohne jemals kitschig zu werden. Besonders die wiederkehrenden Rilke-Zitate setzen schöne Akzente und verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe. Erwähnenswert ist außerdem das farbenfrohe Cover, das die Vielfalt der Bewohner wunderbar widerspiegelt.

Ich habe das Buch als Hörbuch, erschienen im Audio Verlag, gehört. Ulrike Kriener als Sprecherin ist dafür eine ausgezeichnete Besetzung. Mit ihrer ruhigen und warmen Stimme verleiht sie den Figuren viel Persönlichkeit und transportiert die besondere Atmosphäre der Geschichte hervorragend.

'Guten Morgen, schönes Wetter heute' ist ein warmherziger Roman über Einsamkeit, Zufälle und die Kraft des Miteinanders. Er erinnert daran, wie viel entstehen kann, wenn Menschen anfangen, nicht nur nebeneinander, sondern miteinander zu leben. Ein Buch, das einen mit einem Lächeln und einem etwas aufmerksameren Blick auf die Menschen im eigenen Umfeld zurücklässt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Ein Roman über die kleinen Begegnungen des Lebens
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Leider eher enttäuschend

Freunde fürs Leben von Fredrik Backman

Fredrik Backman hat schon viele gute Bücher geschrieben. Sein neuester Roman 'Freunde fürs Leben' gehört für mich leider nicht dazu. Weder Handlung noch Figuren oder Sprache konnten mich wirklich überzeugen.

Zunächst zu der Handlung, die auf zwei Zeitebenen spielt: In der Gegenwart begleiten wir die 18-jährige Louisa, die in ihrem jungen Leben bereits einige Schicksalsschläge verkraften musste und Halt in der Kunst findet.

Insbesondere ein bestimmtes Gemälde zieht sie in seinen Bann. Als dieses versteigert wird, nutzt sie die Gelegenheit, diesem einmal ganz nahe zu sein. Durch verschiedene schicksalhafte Fügungen trifft sie schließlich den Maler des Bildes – wobei von „treffen“ kaum die Rede sein kann. Auf der Flucht vor der Auktion läuft sie ihn schlicht über den Haufen. Innerhalb weniger Sekunden erkennt er angeblich ihr großes Talent für Kunst, hält sie für eine Seelenverwandte und beschließt kurzerhand, dass einer seiner letzten Wünsche es ist, das Louisa sein Kunstwerk besitzen soll. So weit, so realistisch. Oder eben auch nicht.

Louisa und Ted, der Freund des Malers, begeben sich daraufhin mit dem Bild im Gepäck auf eine gemeinsame Zugreise. Während dieser erzählt Ted die Geschichte des Bildes und damit die Geschichte von vier Freunden und einem schicksalhaften Sommer. Das geschieht allerdings in kurzen Episoden, die oft sehr fragmentarisch wirken. Vieles wird mehrfach angedeutet, wiederholt oder aus leicht veränderter Perspektive erneut erzählt. Mehr als einmal denkt Ted über dieselben Erinnerungen nach, stellt dann fest, dass er Louisa davon ja noch gar nichts erzählt hat, und erzählt ihr dieselbe Geschichte noch einmal. Das soll vermutlich Spannung erzeugen, bei mir führte es eher zu Ermüdung. Einen klaren roten Faden habe ich über weite Strecken vermisst.

Mit keiner der Figuren wurde ich wirklich warm. Louisa ist zwar 18 Jahre alt, erinnerte mich aber häufig eher an eine schlecht erzogene Zwölfjährige. Sie weint ständig, behauptet regelmäßig, Ted würde sie entführen und macht gefühlt auf jeder zweiten Seite Witze übers Furzen. Warum dieses Thema derart präsent sein musste, hat sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen. Ted wiederum ist noch keine vierzig, wird aber dargestellt wie ein Mann im Rentenalter. Über mehrere Seiten hinweg erfährt man ausführlich von seinen Blasenproblemen und sonstigen Gebrechen. Informationen, die für die Handlung komplett irrelevant sind. Alles wirkte irgendwie überspitzt und kein bisschen authentisch. Auch die Nebenfiguren bleiben über mehr als 500 Seiten erstaunlich eindimensional: Joar scheint keine Begegnung zu haben, ohne sich zu prügeln, der Künstler definiert sich fast ausschließlich über seine schwere Depression und Ali wird ständig als verrückt dargestellt.

Leider konnten auch die Sprache und die vielen pseudo-philosophischen Passagen mich nicht wirklich erreichen. Was tiefgründig wirken soll, erschien mir oft eher bemüht.

Insgesamt war das Buch für mich deutlich zu langatmig. Statt berührt oder mitgerissen zu werden, habe ich mich eher 'durchgelangweilt'.

Schade.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Leider eher enttäuschend
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Das Buch ist ein Geschenk

Pina fällt aus von Vera Zischke

Warmherzig, witzig und emotional, so erzählt Vera Zischke die Geschichte von Pina, einer alleinerziehenden Mutter, die sich seit zwanzig Jahren aufopferungsvoll um ihren Sohn Leo kümmert. Als sie plötzlich zusammenbricht und ins Koma fällt, ist Leo auf sich allein gestellt. Denn Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt, zu der bislang scheinbar nur Pina wirklich Zugang hatte.

Aus der Not heraus übernimmt die Hausgemeinschaft kurzerhand seine Versorgung. Dabei gelingt Leo etwas Erstaunliches: Er bringt in den Menschen um sich herum die besten Seiten zum Vorschein. Nach und nach wächst eine Gemeinschaft zusammen, die sich gegenseitig trägt und verändert.

Zischke erzählt diese Geschichte mit einer solchen Wärme und Menschlichkeit, dass sie einem beim Lesen wirklich unter die Haut geht. Mit einer feinen Balance aus Humor und Emotionalität findet sie genau den richtigen Ton und schafft einen Roman, der berührt, ohne jemals zu kitischig zu werden.

Ich bin nur so durch die Seiten geflogen und habe die Figuren schnell ins Herz geschlossen. Am Ende bleibt vor allem ein Gedanke: Wie schön wäre es, wenn die wirkliche Welt manchmal genauso viel Platz für Menschlichkeit, Zusammenhalt und unerwartete Happy Ends bereithielte wie dieses Buch.

Bitte unbedingt lesen!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Das Buch ist ein Geschenk
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Ein Debüt mit Sogwirkung

Kaskaden von Louise K. Böhm

Wie schön, dass neben den etablierten Autor*innen immer wieder junge, neue und vor allem erfrischende Stimmen ihren Weg in die Literaturwelt finden. In diesem Jahr etwa Kea von Garnier, Marie Menke, Anna Katharina Scheidemantel oder nun auch Louise K. Böhm mit ihrem Debütroman 'Kaskaden'. Sie bringen nicht selten eine moderne Art des Schreibens und einen ganz eigenen Ton mit, in dem sich viele Leser*innen der jüngeren Generation wiederfinden dürften.

Böhm greift dabei Themen auf, die viele junge Menschen beschäftigen: Studium, Freund*innenschaften, Zugehörigkeit, Begehren und Liebe.
Im Mittelpunkt steht Jojo, Mitte zwanzig, Masterstudentin der Molekularbiologie. Am liebsten verbringt sie ihre Zeit im Labor, wo sich Proteine filtern lassen und „das Unwesentliche vom Wesentlichen getrennt wird“. Im echten Leben gelingt ihr das deutlich weniger gut. Die Folgen belastender Erlebnisse aus der Vergangenheit, ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern, finanzielle Sorgen und ihr ausgeprägter Hygiene- und Waschzwang machen es ihr schwer, irgendwo wirklich anzukommen oder sich auf andere Menschen einzulassen.

So fern Jojo vielen anderen Figuren im Roman zunächst bleibt, so nah kommt sie den Leser*innen. Das gelingt insbesondere durch die direkte, ungeschönte und manchmal auch derbe Sprache, die dem Buch seinen ganz eigenen Sound verleiht. Hinzu kommen die vielen kleinen Details, Liedtitel, Marken und Alltagsbeobachtungen, die ganz selbstverständlich in die Erzählung einfließen und eine große Nähe zur Lebenswelt der Protagonistin schaffen. Man begleitet ihre Unsicherheiten, ihre Ängste und Sehnsüchte so unmittelbar, dass man irgendwann nur noch hofft, sie möge ihren Platz im Leben finden und endlich glücklich werden. Genau daraus bezieht der Roman seine besondere Stärke. Er entwickelt eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Seite um Seite fiebert man mit und hofft, dass sich für Jojo alles zum Guten wendet.

Ein eindringliches, modernes und rundum gelungenes Debüt, von dem man hoffentlich noch lange hören wird.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Ein Debüt mit Sogwirkung
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Ein Diktat und seine Folgen

Fehlerhaft und wunderbar von Antoine Laurain

Eine kleine, feine Geschichte darüber, wie ein Diktat auf einmal Menschen zusammenbringt. Darüber, dass es oft die unscheinbaren Anlässe sind, die zu besonderen Begegnungen und schönen Momenten führen. Mit viel Charme und Wärme erzählt das Buch von der verbindenden Kraft von Sprache und der Freude, die selbst in der Rechtschreibung stecken kann.

Ganz nebenbei lernt man auch noch einiges über La dictée de Mérimée, das wohl schwerste und berühmteste Diktat der französischen Geschichte. Eine kurzweilige und liebenswerte Lektüre, die Lust macht, sich selbst wieder einmal genauer mit Sprache zu beschäftigen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Ein Diktat und seine Folgen
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Kompakt und dennoch unglaublich facettenreich

Queer. 100 Seiten von Norma Schneider

Wer nur ein einziges Buch über das Thema Queerness lesen möchte, sollte dieses wählen. Ein wunderbar persönliches und gleichzeitig so informatives Buch, das in seiner Kompaktheit unglaublich viele Facetten dieser bunten Thematik abbildet und bei dem sowohl queere als auch nicht-queere Menschen noch viel lernen können.

Ein wichtiges Buch, das Verständnis schafft, den Horizont erweitert und meiner Meinung nach unbedingt Pflichtlektüre in der Schule werden sollte.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Kompakt und dennoch unglaublich facettenreich
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Ein etwas anderer Seethaler

Die Straße von Robert Seethaler

Wer Robert Seethaler vor allem für seine präzise Fokussierung auf einzelne Lebenswege und die eindringliche biografische Entwicklung seiner Figuren schätzt, wie etwa in 'Ein ganzes Leben' oder 'Der Trafikant', dürfte sich mit seinem neuen Roman Die Straße zunächst schwertun – so ging es mir zumindest.

Statt einer klaren, linearen Handlung setzt Seethaler hier auf ein mosaikartiges Erzählen. In einer vielstimmigen Anlage, mit häufig wechselnden Perspektiven und Erzähler*innen, werden die kleinen und großen Begebenheiten der Bewohner*innen einer einzigen Straße miteinander verwoben. Es ist weniger ein klassisches Erzählen als vielmehr ein Nebeneinander von Stimmen, ein Beobachten und Kommentieren. Dabei greift der Roman eine Vielzahl gesellschaftlicher Themen auf: Xenophobie, Rassismus, soziale Verrohung, Gentrifizierung, die Überforderung von Pflege und Polizei sowie ein spürbares Maß an sozialer Kontrolle.

Das zutiefst Humane, das Seethalers Werke sonst auszeichnet, ist auch hier spürbar. Die Straße funktioniert als eindringliches Gesellschaftsporträt im Mikrokosmos einer einzelnen Straße in einer namenlosen deutschsprachigen Stadt. Gleichzeitig macht gerade diese Vielstimmigkeit die Lektüre nicht immer einfach. Die Perspektivwechsel sind teils schwer nachzuvollziehen, nicht immer ist eindeutig, wer gerade spricht, und eine durchgehende Handlung im klassischen Sinne fehlt. Gerade im Vergleich zu Seethalers früheren, sehr konzentrierten und erzählerisch dichten Romanen wirkt dieses Buch auf mich weniger zugänglich und dadurch auch weniger eindringlich.

'Die Straße' ist somit kein typischer Seethaler. Es ist ein literarisches Experiment, das neue Wege geht und bewusst mit Erwartungen bricht. Ob dieser Ansatz ebenso überzeugt wie seine bisherigen Romane, wird letztlich Geschmackssache bleiben. Meinen Geschmack hat es leider nicht ganz getroffen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von jori1020
Ein etwas anderer Seethaler