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Rezensionen von clematis:
Wehmut
Wer wir geworden sind von Gabi Kreslehner
Juli und ihr Mann August wohnen oben am Berg am Unterhof, nebenan gibt es noch den Oberhof, drum herum nichts als Natur. Zwei Weltkriege kommen und gehen, das Leben verändert sich, die Menschen verändern sich, man steht einen Tag nach dem anderen durch und fügt sich ins Schicksal, das es recht oft nicht gut zu meinen scheint mit den Pfallers und Ebenhausers.
Generationen kommen und gehen, ein Schwenk nach Amerika und ein weiterer zurück, schon ist die Jahrtausendwende da und der Weg zum Verstehen geebnet.
Stets mit einem leicht wehmütigen Unterton schildert Gabi Kreslehner diesen wunderbaren und bewegenden Roman, welcher eine traurige und doch so realistische Familiengeschichte über mehrere Generationen beleuchtet. Harte Arbeit und stete Entbehrungen prägen die Zeit der beiden Kriege, als Sieger geht schließlich keiner hervor. Besonders der erste (längste) Abschnitt geht trotz – oder gerade wegen – der leisen Töne im Text tief unter die Haut, erzählt vom Verlust und von sichtbaren körperlichen und unsichtbaren seelischen Narben. Im folgenden Teil wandern wir aus nach Amerika und erleben schließlich im dritten Fragment, wie stark Familienbande wirken und wie sehr Menschen einander über mehrere Generationen hinweg beeinflussen.
Ein virtuoser Schreibstil und nahe gehende Lebenswege unter der Prämisse „Wir haben doch alle nichts dafürkönnen“ [kindle, Pos. 2690] treiben dem Leser Tränen in die Augen und doch hält das Los nicht für jeden ein gutes Ende bereit. Überaus realitätsnah und niemals übersteigert, so dürfen wir hautnah miterleben, wie es damals war am Ober- und am Unterhof in einem Dorf in Österreich, dessen Name kein einziges Mal genannt wird. Ein eindringlicher Roman, der eine erschreckende Stille zurücklässt und genau deshalb so empfehlenswert ist. Großartig!
Messerstiche
Dunkles Wien - Die Morde von Lainz von Lisa Jeglitsch
Mit acht Messerstichen niedergestreckt liegt die Leiche im Lainzer Tiergarten. Laura Sturm und ihr Kollege Karl Suchanek vom Wiener LKA sind alsbald einem mutmaßlichen Täter auf der Spur, Chef Martin Farkas will den Fall noch vor den nahenden Weihnachtsfeiertagen abschließen. Doch da befallen Laura Zweifel an der Ermittlungsrichtung.
Unterschiedlichste Handlungsstränge präsentiert Lisa Jeglitsch in diesem spannenden Wien-Krimi und zieht die Leser dadurch sofort in ihren Bann. Die Figuren sind vielschichtig angelegt, wodurch sie überaus lebensnah erscheinen mit all ihren Stärken und Problemen. Vereinzelte Rückblicke in die Vergangenheit lassen da und dort Informationen durchblitzen, bis zum Ende hält der Krimi aber Überraschungen bereit. Eine recht eigenwillige Art, Ermittlungen durchzuführen, legen die Wiener Kriminalisten an den Tag und lassen genau dadurch diesen Reihenauftakt zu einem einzigartigen und unverwechselbaren Lesevergnügen werden.
Abwechslungsreich, was Themenauswahl und Charaktere betrifft, ein Kriminalfall, der nichts von dem ist, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Dunkles Wien überzeugt durch ein besonders Flair, das zwischen den Zeilen durchkommt, die Toten für den Folgeband warten schon – darauf bin ich jetzt natürlich neugierig.
Kunstauktion
Advent im Grandhotel von Beate Maly
Für eine Kunstauktion in der Vorweihnachtszeit bekommt Ernestine Freikarten, natürlich nimmt sie Anton, Rosa und Fritzi mit zu einem Wochenende im Schnee. Aber statt stimmungsvoller Gemälde und duftender Vanillekipferl entspinnt sich ein wahrer Krimi rund um ein verschwundenes Bild, denn gleich mehrere Personen im Hotel hätten ein Motiv für einen Diebstahl.
Die pensionierte Lateinlehrerin Ernestine Kirsch und ihr Lebensgefährte, Apotheker Anton Böck, reisen guter Dinge gen Süden und freuen sich auf ein unterhaltsames Wochenende am Semmering, das sie gemeinsam mit Enkelin Rosa und deren bestem Freund Fritzi verbringen möchten. Aber wie könnte es anders sein, geraten die beiden wieder einmal in ein kriminalistisches Abenteuer. Festliche Weihnachtsstimmung und munteres Treiben beim Schneemannbauen wechseln sich ab mit Ernestines detektivischem Gespür und Scharfsinn, welcher dem hinzugezogenen Gendarmen auf allen Linien fehlt. Aber auch Ernestine kommt diesmal viel Zufall zu Hilfe. Eine tiefgründige Rahmenhandlung rund um das schwierige Los von Dienstmädchen ohne Ausbildung und Balletttänzerinnen auf dem Weg zum Ruhm verleihen diesem Weihnachtsband die nötige Ernsthaftigkeit, kleinere Reiberein unter den Hotelgästen und der charmante schwäbische Dialekt der Krugers lockern die Handlung bestens auf, sodass ein gelungenes Ganzes daraus entsteht.
Ein gewohnt angenehm zu lesender Stil kennzeichnet Beate Malys erfrischende Geschichten im historischen Wien (und Umgebung), so auch hier bei diesem stimmungsvollen Adventband, der Kriminalistisches und Gemütliches bestens unter den Tannenbaum zaubert. Wie immer bei Ernestine und Anton, habe ich mich auch diesmal recht wohl gefühlt, ich bin gerne auch im nächsten Jahr wieder dabei, besonders, weil Rosas Geschwisterchen dann schon das Licht der Welt erblickt haben wird.
Arosa - wo auch Gauner Urlaub machen von Andreas Russenberger
Arosa kennt man als paradiesischen Ferienort im Schweizer Kanton Graubünden, aber Andreas Russenberger lässt uns mit seinen kurzweiligen Anekdoten noch viel tiefer blicken.
Auf tief verschneiten Hängen kreuzen veraltete Spaghetti-Schi mit Parablacks das neueste Luxusmodell, die gewitzte Putzfrau setzt sich noch vor Weihnachten in die Heimat ab, bevor es geheime Köfferchen vom Himmel regnet.
Pferde können hier nicht nur wiehern, sondern sich ganz ausgezeichnet unterhalten, während andernorts der Plüschbär steppt. Kurzweiliges Jassen und bittere Pralinen versüßen dem Leser die unterhaltsame Zeit mit diesem großartigen Büchlein, das man schon nach der ersten Geschichte gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Witz und Humor, aber auch nachdenklich stimmende Episoden folgen einander Schlag auf Schlag, nur der gelernte Concierge und der stets wache Bartender wissen auch alles, was zwischen den Zeilen geflüstert wird. Während der köstlichen Lektüre mit charmanter Schweizer Sprachfärbung darf aber auch der Leser schmunzeln über Eiszapfen als Mordwaffe oder die grandiosen Metaphern wie „das vielfältige Regelwerk zum Kartenspiel ist länger als die Bedienungsanleitung einer italienischen Espressomaschine“ (kindle, Pos. 1148). Damit einem das Lachen auch sicher nicht irgendwann im Halse stecken bleibt, empfiehlt sich zum Buch ein Kafi Lutz, dessen Zubereitung man allerdings tunlichst selbst vornehmen sollte. Warum? Lest selber nach!
Ein wunderbares Buch voller Humor und Ironie, dass die einzelnen Geschichten in raffinierter Weise durch winzige Details untereinander verbunden sind, setzt dem Ganzen noch ein Zuckerhäubchen oben drauf. Wer originelle Kurzweil sucht, wird hier sein Glück finden, auch als (Weihnachts)Geschenk findet dieser gaunerische Anekdotenband bestimmt großen Anklang. Ich habe mich jedenfalls bestens unterhalten.
Das Erbe
Die Sylt-Schwestern – Stürmische Tage von Sina Beerwald
Clara und Jella nehmen das Erbe ihrer Mutter an und führen das ehemalige Nobelrestaurant Strandperle weiter, allerdings in ihrem eigenen Stil. Nicht alle einflussreichen Personen auf Sylt geben dem Unternehmen eine Chance, wodurch die Motivation der Schwestern aber nur noch weiter angefacht wird. Gesellschaftspolitische Umbrüche in den Jahren 1932/33 und vermeintlich hinter sich gelassene Ereignisse prägen schließlich das Privatleben mehr als man zulassen möchte.
Nahtlos schließt dieser zweite Band der großen Insel-Saga an seinen Vorgänger an, lenkt das Geschehen auf emsige Umbauarbeiten in der Strandperle und auf das Erstarken nationalsozialistischer Tendenzen. Einige reale Persönlichkeiten wie Marlene Dietrich oder Marineflieger Friedrich Christiansen bereichern auf ihre Weise das Geschehen, aber auch die fiktiven Charaktere wie Gauleiter Hinrich Holzer oder der Betreiber des Restaurants Seestern, Johann Josten, sowie Bürgermeister Arnulf Zapp wirken überaus lebensnah und spiegeln den damaligen Zeitgeist wider. Mit einer Prise Humor und akribischer Recherche historischer Gegebenheiten kreiert Sina Beerwald brisante Szenen rund um die so unterschiedlichen Schwestern Clara und Jella und zeigt, dass im Ernstfall die Familienbande enger sind als sie von außen scheinen. Ein flotter Schreibstil führt den Leser durch Hoch und Tief auf Sylt, nimmt so manche Figur einmal aufs Korn und widmet sich gleichzeitig sehr ernsten Themen, die auf beachtlich lockere Weise in die Handlung eingeflochten werden. So wird es niemals langweilig auf der Insel, die Wochen und Monate füllen sich mit aufregenden Ereignissen und gipfeln in einem offenen Ende bei der Bücherverbrennung in Berlin.
Überaus nahe an verbürgter Historie (siehe auch Sina Beerwalds Nachwort) spielt die Handlung der Stürmischen Tage und beschert damit den Lesern einen Roman, der Zeitgeschichte mit blendender Unterhaltung verknüpft. Das vorläufige Ende klingt erschütternd, aber wer weiß, was Teil 3 noch bringen wird. Ich warte gespannt und empfehle inzwischen die ersten beiden Bände gerne weiter.
Gefahren
Turbulente Zeiten von Ada Caine
Burgls Oblatengeschäft in Karlsbad floriert auch im Jahre 1896. Zudem erwartet die tüchtige Bäckerin ihr erstes Kind. Während sie auf der Suche ist nach Unterstützung in der Backstube, verschwinden junge Frauen aus Karlsbad und gibt es nächtliche Anschläge auf ihre Butike auf der Alten Wiese. Allerlei Gefahren muss getrotzt werden.
Lebhaft, wie immer, schildert Ada Caine aus dem Leben Burgls und deren Lieben. Frau Kaniß und Tante Zöpfel sowie Therese dürfen nicht fehlen und auch der brave Loisl tritt als liebevoller und vernünftiger Ehemann auf. Turbulent, wie der Titel verspricht, geht es tatsächlich zu, Burgl hat alle Hände voll zu tun mit ihrer Oblatenbäckerei und neidvollen Nachbarn, aber auch die Gerüchte um die frisch ausgebildeten Zofen und Gouvernanten, die in Karlsbad auf eine neue Anstellung warten, gehen ihr nahe. Bunte Bilder von Karlsbad im Kaiserthum Österreich holen den Leser sofort ab und bezaubern diesen mit vielen sympathischen Charakteren. Da und dort lauert natürlich ein Bösewicht, der die Idylle trübt, aber mit vereinten Kräften werden die Gefahren hoffentlich abgewendet werden können.
Egal, ob Burgl – oder Eva aus einer früheren Reihe – im Mittelpunkt steht, Karlsbad an der Wende zum 20. Jahrhundert ist stets einen Besuch wert, speziell dann, wenn Ada Caine ihre Feder führt und die damalige Zeit wieder zum Leben erweckt. Flüssig lassen sich die Zeilen lesen, charmant stellen sich die Geschichten rund um die bekannte Kurstadt dar, ich komme sehr gerne immer wieder. Leseempfehlung!
Waldhotel
Dunkelnah von Roman Klementovic
Simon Winter staunt nicht schlecht, als er das abgeschieden im Wald gelegene Kurhotel erblickt, in welchem er als Handwerker und Hausmeister an der baldigen Neueröffnung mitwirken soll. Denn was er sieht, gleicht eher einem verfallenden Koloss als einem prunkvollen Ort der Erholung. Zweifel ergreifen ihn, da außer den Besitzern, Eleonora und Alfred Reiter, deren Tochter Sienna und einem Rottweiler niemand sonst anwesend zu sein scheint.
Dann erfährt er noch vom Verschwinden einer jungen Frau, woraufhin alles in ihm nach Flucht schreit, dennoch entschließt er sich zu bleiben und die Polizei zu unterstützen.
Raffiniert als eine Art innerer Monolog beginnt dieses düstere Schauspiel, Roman Klementovic versteht es aufs Prächtigste, seine Leser durch geheimnisvolle Schauplätze und Stimmungen für seine Geschichten einzunehmen. Simons Sicht der Dinge überwiegt für lange Zeit, sowohl er als auch der Leser rätseln ob der vermissten Person und haben Schwierigkeiten, sich mit dem dubios wirkenden Ehepaar Reiter anzufreunden, denn Eleonora trinkt nur allzu gern ein Schnapserl – oder auch mehr – und Alfred trifft man nie ohne Gewehr und seinen scharfen Rottweiler an. Durch die geringe Zahl an Figuren meint man, schnell alle zu kennen, aber gemach, so manche Erkenntnis stellt sich alsbald als Irrtum heraus. Wer führt wen an der Nase herum, wer hütet ein furchtbares Geheimnis? Nichts ist, wie es scheint und doch kommt am Ende nochmals alles anders.
Roman Klementovic ist ein Meister der Täuschung, auf ruhige und dennoch stets packende Weise stellt er das Geschehen dar, wobei nicht nur der Leser kaum zu unterscheiden vermag, ob es sich um Realität oder Illusion handelt. Allerdings vermisse ich diesmal ein paar wirklich gruselige Momente, welche direkt unter die Haut gehen, die Rahmenhandlung mit dem schlussendlich offenbarten Motiv bewegt sich nur knapp an der Grenze der Glaubwürdigkeit entlang.
Nichtsdestotrotz punktet auch dieser Psychothriller wieder durch den gekonnten Schreibstil, der oft genug Beklemmung auslöst und durch die großartige Atmosphäre im Hotel Waldhof, welche bestens eingefangen und zu Papier gebracht worden ist. Der letzte Satz trifft meine Erwartungen wieder voll und ganz. Leseempfehlung!
Leena Victor
Mord in eiskalter Nacht von Lisa Sarah Brandstäter
Leena Victor, Kriminalkommissarin in Helsinki, befindet sich eigentlich im Urlaub. Als aber die bekannte Fernsehmoderatorin Kira Westerlund nach der jährlichen Vorweihnachtsparty in ihrem schicken Haus ermordet vorgefunden wird, ersuchen die Kollegen Leena um Hilfe, obwohl sie selbst auf der Feier dabei war und daher als befangen gilt, sie hat allerdings einfach die beste Aufklärungsquote bei Gewaltdelikten gegen Frauen.
Ein großartiger Schauplatz und interessante, weil sehr realistisch dargestellte Charaktere stehen im Mittelpunkt dieses rasanten Krimis. Die klirrende Kälte im finnischen Winter, der Duft von Glögi und süßem Weihnachtsgebäck, eine Schwester, die gerne im Rampenlicht steht, die andere, die sich gar nicht so weit zurückziehen kann, wie sie möchte, eine Promi-Party mit Alkohol und Drogen neben dem tiefen dunklen Wald – es sind die Gegensätze, welche die Autorin einsetzt, um eine knisternde anhaltende Spannung zu erzeugen. Viele kurze Kapitel ziehen das Tempo an, die einzelnen Szenen bringen eine hohe Anzahl an unterschiedlichen Figuren ins Spiel, die Richtung, wohin das alles führen wird, ist noch längst nicht klar. Zwischendurch lässt uns die Autorin immer wieder in die Vergangenheit blicken, sodass nach und nach Licht ins Dunkel kommt. Die zahlreichen Handlungsstränge führt Lisa Sarah Brandstäter schlussendlich gekonnt zusammen, klärt das Gewaltverbrechen geschickt auf und lässt nur wenige Fragen offen. Genau der passende Ausklang für den ersten Band einer virtuos begonnenen Krimireihe.
Temporeich und schlüssig, empathisch und konsequent, die Reihe an positiven Adjektiven für die Handlung und jede einzelne Figur in diesem Krimi ließe sich noch lange fortsetzen. Leider ist Band eins zu Ende, aber die Gewissheit, dass wir Leena Victor bald wieder begegnen werden, ist ein Grund zur Freude. Ich hatte packende Lesestunden beim nordisch kalten Jahreswechsel und den aufregenden Ermittlungen. Uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die Dynamik lieben und eine Kriminalkommissarin verstehen, die entschlossen, wenn auch nicht immer besonnen handelt.
Überlebende
Opfer Nummer 11 von Jess Kitching
Nach zehn Jahren in der Selbsthilfegruppe Vertrauensschwestern ist Hannah der Meinung, dass sie die Gewalt, welche ihr als Vierzehnjährige angetan worden ist, nun endgültig so weit hinter sich lassen kann, um ein selbstbestimmtes Leben ohne ständige Angst führen zu können. Kaum will sie ihren letzten Abend unter Gleichgesinnten feiern, erreichen sie unheilvolle Botschaften, der Täter prophezeit ihren Tod.
Aber wie kann er Kontakt zu ihr aufnehmen, wo er doch im Gefängnis sitzt? Gibt es vielleicht jemanden, der die Taten von damals nachahmt und auch jetzt wieder junge Frauen verschwinden lässt?
Auf geschickte Art und Weise lässt Autorin Jess Kitching ihre Protagonistin Hannah in der Ich-Form erzählen und schafft damit größtmögliche Authentizität. Die Stimmung unter den Figuren sowie Hannahs Gefühle werden sehr realistisch dargestellt, die Frage, ob die Frauen die Übergriffe hätten verhindern können, ja, ob sie sie vielleicht gar selbst provoziert haben, wird aufgegriffen. Man spürt beim Lesen, welch persönliches Engagement hinter jeder Zeile steckt, am Ende erfährt der Leser auch, warum. Eine gut durchdachte Handlung mit gleichbleibendem Spannungsbogen kennzeichnet diesen Thriller, beklemmend ist die Tatsache, dass Hannah, kaum, dass sie wieder nach vorne blicken kann, erneut in den Sog des Verbrechens gerät. Nicht nur einmal stellt sie sich die Frage: „Ist Überleben wirklich Glück?“ Die eindringliche Sprache der Autorin fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite und hält einen ob der drohenden Gefahr stets in Atem.
Ein großartiges Plädoyer, den Opfern Aufmerksamkeit zu schenken und nicht den Tätern. Lesenswert!
Geheimnisvolles Weingut
Die Kastanienschwestern von Christine Jaeggi
Das Weingut Tenuta Casoli in Morcote im malerischen Tessin feiert sein hundertjähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass wird Hobbyautorin Cara gebeten, ein Buch zu verfassen. Einerseits kann sie das Geld dafür gut gebrauchen, andererseits verbindet sie mit diesem Ort schmerzliche Erinnerungen, denn zwanzig Jahre zuvor ist ihre Schwester Neve dort tödlich verunfallt.
Und was mindestens genauso schwer wiegt: Casimiro Casoli, der Erbe des Gutes, ist der Vater ihrer Tochter Lily - mit ihm will sie nicht mehr als nötig zu tun haben. Aber die Vernunft siegt, Cara nimmt den Auftrag an und stößt bei ihren Recherchen auf ein himmelblaues Rezeptbuch, das ihren Forscherinstinkt weckt.
Christine Jaeggi legt diesen großartigen Roman in zwei Zeitebenen an und erzählt anfangs Caras Geschichte, welche bald mit Szenen aus den Jahren des Zweiten Weltkrieges verknüpft wird. Die Autorin entführt uns in idyllische Bergdörfer im Piemont, zeigt uns allerdings keine unbeschwerten Kinder, sondern die beiden Schwestern Valentina und Mella, welche sich im Jahre 1942 ganz allein versorgen müssen und dafür sogar mitten im Wald nach Kastanien suchen, die sie dann verkaufen oder zu schmackhaften Mahlzeiten verarbeiten. Rund um Mussolinis Sturz und rasch zusammengestellte Partisanengruppen entspinnt sich eine aufregende Handlung, die einen schnell in seinen Bann zieht. Die Unterbrechungen durch den Zeitstrang in der Gegenwart fachen die Spannung immer weiter an. Jaeggis akribische Recherche wird in jeder einzelnen Szene spürbar, ihre Liebe zum Tessin, wo die Geschichte ihren Lauf nimmt, wird durch die lebendigen Beschreibungen der Natur offenbar. Nicht minder detailliert zeichnet die Autorin ihre Figuren, geprägt vom Krieg auf der einen Seite, neugierig, worauf das himmelblaue Rezeptbuch hinweisen will, auf der anderen Seite. Besonders gut gelungen ist die Zusammenführung der beiden Handlungsstränge, wobei die Auflösung aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird und somit keine Frage offen lässt.
Ein hervorragender Roman, der höchst realistische Episoden aus Italien während der Zeit der Partisanenkämpfe und dramatische Geschehnisse auf einem Schweizer Weingut zu einem bewegenden Leseerlebnis vereint. Fünf Sterne und eine Leseempfehlung!











