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Rezensionen von nessabo:
Anspruchsvolle Familiengeschichte und eine spannende literarische Stimme
Die Stimmen der Nacht von Tochi Eze
„Die Stimmen der Nacht“ ist ein literarisch anspruchsvolles Debüt mit einer wichtigen Perspektive. Ich habe echt eine Weile gebraucht, um in die Figurenwelt einzufinden - ein selbst gezeichneter Stammbaum hat mir im Laufe der Handlung dann sehr geholfen. Es bietet sich eindeutig an, den Roman so gut es geht am Stück zu lesen, weil er einfach sehr dicht ist.
Meine persönliche Herausforderung war Margaret als eine Person mit Schizophrenie. Einerseits finde ich die Darstellung der Figur sehr sensibel und ich ziehe meinen Hut vor dem Talent Tochi Ezes, hier nicht in Klischees abzudriften und dann auch noch die Balance zu wahren zwischen moderner Psychiatrie und kulturell-religiösem Umgang. Andererseits wird Margaret damit auch zu einer für mich unberechenbaren sowie leicht unzuverlässigen Figur und mit solchen habe ich immer meine Schwierigkeiten. Das ist aber einfach eine persönliche Präferenz.
Der Roman ermöglicht den Leser*innen spannende Einblicke in eine Kultur, die literarisch bislang wenig Aufmerksamkeit erhält. Ich fand es sehr geschickt, wie die Autorin koloniale Taten und das damit einhergehende Erbe sowie konkrete Identitätsfragen in die Geschichte einwebt - wobei sie hier auch gern noch deutlicher hätte werden können. Stark war auf jeden Fall die Herausstellung patriarchalen Anspruchsdenkens über die Zeit und Ländergrenzen hinaus.
Ein ambivalenter Punkt ist die Dichte der Erzählung, die zwar wirklich bemerkenswert ist, allerdings auch dazu führt, dass mir die Figuren weitläufig eher distanziert blieben. Die Handlung wird trotz aller Komplexität jedoch sehr atmosphärisch und authentisch beschrieben, lokale Sprache klug eingesetzt und für Nicht-Sprachkundige elegant im Erzählfluss übersetzt.
Ein Werk, das definitiv mit hohem literarischen Anspruch daherkommt und eine vielschichtige Familiengeschichte geschickt ineinanderspinnt. Durch die vielen Nebenerzählungen, komplexen Figurenverflechtung und verschiedenen Zeitebenen hat mir das Buch einiges abverlangt und dadurch auch die Emotionalität ein wenig in den Hintergrund verschoben, obwohl mich die Geschichte gerade in der zweiten Hälfte sehr fesseln konnte. Eze hat hier wirklich einen sehr würdigen Debütroman geschrieben, der viele Leser*innen verdient hat.
Große Hoffnungen, aber für mich leider wenig Vibe
All the things (s)he said von Inka Lindberg
Ich fand „We Fell in Love in October“ ganz toll und hatte entsprechend hohe Erwartungen an den neuen Roman der Autorin. Doch trotz toller Bi-Repräsentation und einem gut lesbaren Schreibstil war ich hier echt ganz schon ernüchtert.
Das fängt ganz platt damit an, dass ich Amir auf dem Cover sehen kann und sehr unattraktiv finde, weswegen ich den Vibe im Buch gar nicht gefühlt habe.
Das ist möglicherweise der Grund, warum so viele RomComs neuerdings auf gesichtslose Cover setzen.. :D
Auch Naima ist für mich keine Figur, bei der ich mitfiebere, dass es zu einer Connection kommt. Sie ist einfach so gemein und bi-feindlich?! Warum sollte Skye sie anziehend finden? Naimas Hintergründe für ihre Feindseligkeit werden zwar im Verlauf der Handlung erklärt, aber ich mag es einfach nicht, wenn mit diskriminierenden Menschen irgendwelche Verbindungen eingegangen werden - Gründe hin oder her.
Es steckte ganz viel Gutes in der Story. Die Unsicherheit einer bisexuellen Person und die Angst davor, in Freund*innenschaften unwichtig zu werden sowie der Weg zum eigenen Ich sind Dinge, mit denen ich relaten kann. Ich halte es auch für eine sehr gute Repräsentation für Menschen Anfang/Mitte 20. Skyes Hadern mit ihrem Geburtsnamen sowie die Reaktion ihres Umfelds darauf waren sensibel geschrieben. Für die Tierschutzkomponente gibt es auch noch einen Pluspunkt.
Aber irgendwie hat mich das Werk insgesamt einfach nicht gecatcht. Es blieb mir emotional zu unrund und das wurde eben durch den Fakt erschwert, dass ich keines der beiden möglichen Couples geshippt habe. Zudem empfand ich den Humor als ein wenig platt. Es gab ein paar Szenen, die wohl eine Art Situationskomik bedienen sollten, mit aber zu angestrengt auf witzig geschrieben waren.
Das Ende ist ultra stark! Das alleine hätte 5 Sterne verdient, weil ich es null habe kommen sehen und zudem unglaublich mutig finde. Wenn ich früher vermutet hätte, in welche Richtung es geht, wäre ich zwischendrin vielleicht auch versöhnlicher gewesen. Aber ich habe mich bis zum Schluss leider schon zu viel geärgert, als dass ich jetzt so hoch bewerten könnte. So bleibe ich ein wenig unzufrieden zurück und das Buch wird mir einfach nicht lange im Gedächtnis bleiben. Ich glaube auch, dass es in der Romance-Sparte irgendwie fehlplatziert ist und eher allgemein in New Adult passt.
Starker Anfang, dann aber zunehmend mit Schwächen
Keeping it casual von Karina May
Das pola-Verlagsprogramm ist für mich eigentlich ein Garant für tolle Geschichten - entweder mit literarischem Anspruch oder mit gutem Unterhaltungswert. Im ersten Drittel dieser Geschichte habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt und das war genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte. Doch danach ging es für mich leider nur noch bergab.
Die Geschichte bot zu Beginn vieles, das ich schätze: das Potenzial emotionalen Tiefgangs, tolle Chemie zwischen den Protas, nette Nebenfiguren und einen angenehmen Humor. Die Tinder-Beziehung zwischen Max und Johnny hatte einen super Drive und es gab den ein oder anderen Hint, auf dessen Auflösung ich hingefiebert habe.
Doch dann verlor mich die Autorin sehr drastisch, als sich die Protagonistin nach ihrer OP auf eine Art Selbstfindungsreise begibt, die mir sehr gewollt erschien und authentischen Tiefgang vermissen ließ. Es wirkte zu rund und inszeniert, weswegen ich wenig Freude hatte. Hinzu kamen die absolut tierproduktlastigen Rezepte, die jegliche Progressivität vermissen lassen. Unabhängig von der eigenen Lebensweise habe ich an Kunst einfach einen höheren Anspruch - erst recht, wenn es Werke mit progressivem Fundament sind, die marginalisierte Gruppen sichtbar machen. Ausbeutung hört nicht auf dem Teller auf und die kognitive Dissonanz im Buch („Ich liebe Enten und esse sie gerne“) hat mich richtig verärgert. Das kann pola wirklich besser!
Auch im letzten Drittel ging es für mich nicht positiv weiter. Zurück von der Inspirationsreise ist die Chemie zwischen Max und Johnny einfach plötzlich verschwunden. Beide Figuren empfand ich als blass, die Gespräche konstruiert. Es wirkte auf mich, als hätte sich die Autorin vorher genau überlegt, welche Dialoge und Charaktereigenschaften sie gerne verwenden möchte, ohne zu prüfen, ob die Chemie zwischen den beiden passt.
Ich bin also eher frustriert nach dieser Lektüre. Es ist kein Werk mit hohem literarischen Anspruch und das ist sehr in Ordnung. Der Autorin gelingt es für mich jedoch auch nicht, den Unterhaltungswert vom Anfang zu halten. Es ist also auch keine RomCom und eine andere Unterhaltung konnte ich ebenso nicht finden. Auf mich wirkte es beim Lesen so, als hätte Karina May eigentlich zwei Bücher schreiben wollen und sie dann in einen Topf geworfen. Es fehlte der rote Faden und nebenbei auch die emotionale Tiefe, obwohl die Geschichte echtes Potenzial gehabt hätte.
Interessante Ausgangslage, aber zu nüchtern-distanziert weitergedacht
Toyboy von Jonas Theresia
Das Debüt von Jonas Theresia hat mich stark an ähnliche Bücher junger, männlicher, politisch links anmutender Männer erinnert (zuletzt bspw. an „Super einsam“). Und sie eint leider alle etwas, das ich in Büchern einfach nicht so gern mag - eine nüchterne Erzählweise mit emotionaler Distanz und skurril-trippigen Elementen.
Das ist mir auch bei diesem Werk wieder zum Verhängnis geworden, sodass ich ziemlich lange und mit großen Pausen an ihm gelesen habe. Ich konnte einfach keine Verbindung zum Protagonisten herstellen. In manchen Szenen blitzte seine Emotionalität auf, aber viel zu schnell härtete der Charakter sich wieder ab.
Dabei gab es auf dem Klappentext durchaus Elemente, die mich sehr interessiert haben. Die 6arbeitskomponente bei Männern spricht mich an und die wackelnde Beziehung zum jüngeren, sozial abgeschotteten Bruder hätte viel Potenzial gehabt, mich emotional zu ergreifen. Aber beides wurde für mich nicht zufriedenstellend umgesetzt. Der Job wirkte ziemlich fad und irgendwie irrelevant, die Beziehung ging mir nur selten unter die Haut. Levins Unsicherheit im Umgang mit seinem Bruder Gregor hat mich manchmal wirklich berührt, aber insgesamt einfach zu selten.
Und ich muss ehrlich sagen, dass diese Art Erzählung beginnt mich etwas zu langweilen. Warum bleibt es so oberflächlich, warum wird mehr Wert auf eine ziemlich trippige, weirde Szene am Ende gelegt als auf den emotionalen Ausbau des Protagonisten? Mich hat die Geschichte somit leider mehr deprimiert als berührt oder unterhalten.
2,5 Sterne
Ein inhaltlicher Donnerschlag - aber sprachlich wirklich (!) anspruchsvoll
Die Routinen von Son Lewandowski
Ich war so begeistert von den ersten Besprechungen und dem Inhalt des Romans, dass ich ihn unbedingt lesen wollte. Und er ist für mich unheimlich schwer zu greifen, weil da zwei sehr widersprüchliche Bewertungen in mir sind.
Das Werk ist sprachlich unglaublich anspruchsvoll! Poetisch-verschnörkelt und zugleich roh reiht Son Lewandowski ihre Worte aneinander.
Sie springt so rasant zwischen Realem und Fiktivem, zwischen konkreter Handlung und Gedankenschnipseln, dass der Text oft unmöglich zu greifen ist. Mit Sprachstilen, die schon kompliziert sind, habe ich es wirklich überhaupt nicht. Ich brauche eine direkte Sprache ebenso wie eine klare Struktur.
Doch während ich bei anderen Büchern an dieser Stelle schon längst abgebrochen hätte, hat mich Lewandowski irgendwie doch halten können und ich verstehe es zwar nicht, rechne es ihr aber hoch an. Was ich ebenso bemerkenswert finde, ist die Nähe zum Thema, die die Autorin hier schafft. Würde ich es nicht besser wissen, würde ich sicher davon ausgehen, dass sie selbst Kunstturnerin war. Sie schreibt so dermaßen detailliert über diese Welt, dass ich nur meinen Hut ziehen kann vor ihrer Rechercheleistung.
Einerseits erzählt Lewandowski die fiktive Geschichte der Turnerin Amik, webt in diese aber gleichzeitig reale Ereignisse mit ein. Ob Nadia Comaneci, Olga Korbut, Dominique Moceanu, Kerri Strug oder Simone Biles - über Zitate und Berichte werden ihre Erlebnisse eingebunden in eine fundierte Systemkritik. Diese formuliert die Autorin jedoch selten für uns aus, bleibt vage und wird doch deutlich genug.
Es geht um ein System, dass Leistung über absolut alles stellt, Essstörungen sowie Missbrauch auf verschiedenen Ebenen Tür und Tor öffnet, alles Weibliche gleichermaßen voyeuristisch zur Schau stellt wie verachtet. Einige Sätze der Autorin waren schlicht ein Donnerschlag, so poetisch sie manchmal auch daherkamen. Ich hatte oft das Gefühl, der Handlung nicht wirklich folgen zu können, und trotzdem immer wieder Tränen in den Augen oder brennende Wut in der Brust.
Am Ende bleibe ich so unschlüssig wie nur irgend möglich zurück. Ich wünsche mir so sehr, dass gesellschaftlich über Leistungssport und sein zerstörerisches System gesprochen wird. Dass Mädchen und junge Frauen sich nicht in missbräuchlichen Strukturen wiederfinden. Und dass dieses Buch die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Aber ich finde es sprachlich auch wirklich so schwer, dass es Hürden hinstellt, wo es keine geben sollte - dafür ist das Thema viel zu wichtig. Ich bewerte dennoch wohlwollend, weil Lewandowski hier ein herausstechendes Stück Literatur geschrieben hat.
3,5 Sterne
Ein greifbares, gut lesbares und wichtiges Memoir
Trotzdem zuhause von Tupoka Ogette
Tupoka Ogette ist zweifelsfrei eine Person, die in Sachen Rassismuskritik eine nicht wegzudenkende Rolle im deutschen Diskurs einnimmt. Ich durfte so viel von ihr lernen und habe schon vorher ihren sehr verständlichen, menschlichen Ton geschätzt. Der prägt nun auch ihr Memoir und macht es zu einem weiteren Stück Pflichtlektüre.
Es ist kaum begreiflich, was in Ogettes Leben alles so zusammengekommen ist. Sie schildert eine Lebensrealität geprägt von einem „Nicht ganz hier, aber auch nicht ganz da“. Die Feindlichkeit gegenüber ihr als in Ostdeutschland geborenes, mixed-race Kind einer queeren und systemkritischen Mutter ist unermesslich. Die Autorin findet prägnante und emotional greifbare Worte für den Hass, aber auch die Liebe, die sie in ihrem Leben erfahren hat.
Für ihre Leser*innen dürfte es unmöglich sein, keine Emotionen zu empfinden. Mein Herz tat weh bei all den gewaltvollen Erfahrungen und der ein oder anderen von Schuldgefühlen geprägten Anekdote. Dann wieder war es einfach so toll zu lesen, wie liebevoll ihr direktes familiäres und später auch freundschaftliches Umfeld war.
Die Kapitel sind kurz, weswegen sich das Buch noch flüssiger lesen lässt als dank der klaren Sprache sowieso schon. Alle haben ihren Raum und die allermeisten haben mich tief bewegt. Was mir besonders in Erinnerung bleibt, ist die Art, wie Ogette die von ihr erlebte (physische, psychische und 6ualisierte) Gewalt beschreibt. Sie macht subtil und doch mehr als eindrücklich klar, dass gerade letztere nicht selten von eigentlich freundlichen Männern im Nahumfeld ausgeübt wird. Was ihr widerfahren ist und dass es für die Täter keinerlei Konsequenzen zu geben scheint, ist nur zum Schreien und ich kann nur aufrichtig bewundern, dass sie das alles so offen thematisiert.
Das Memoir sollte einfach von allen Menschen gelesen werden, denn obwohl es natürlich um das Leben dieser wichtigen Person geht, bekommen wir so deutlich wie nur möglich Einblicke in das, was bspw. Rassismus in Menschen auslöst. Ich bin beeindruckt von dieser Autorin und habe dank des Lesens ein sehr klares Gefühl dafür bekommen dürfen, warum sie zu dem Menschen wurde, der sie ist.
Eine Geschichte mit interessanten Figuren, die Ausdauer erfordert
Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani
Ich kenne die beiden Vorgänger der Trilogie nicht und würde mich der allgemeinen Einschätzung anschließen, dass das auch nicht notwendig ist, gerade den Nebenfiguren aber durchaus ein tieferes Profil gegeben hätte.
Ich hatte über eine ziemlich lange Strecke hinweg ganz schön zu kämpfen mit der Struktur des Buches.
Die Erzählperspektiven der Kapitel wechseln, auch hin zu Mehdi, obwohl ich eine Geschichte über Mia erwartet hatte. Auch wenn es natürlich ebenso um seine Vergangenheit geht, die Mias Kindheit und Aufwachsen nun einmal geprägt hat, hätte das vielleicht auch auf eine andere Art erzählt werden können. Immer wieder irritierend war zudem, dass aus den Kapitelüberschriften nicht hervorgeht, wer gerade spricht. Bei so komplexen Büchern kenne ich das anders und ich finde es auch ziemlich hilfreich, um beim Lesen nicht immer wieder zu stolpern.
Der Roman erfordert nicht nur deshalb ein recht aufmerksames Lesen. Auch die Zeiten wechseln durchaus häufig und sorgen zusätzlich zu den vielen erzählenden Figuren dafür, dass sich die Geschichte recht fragmentarisch anfühlt. Erst in der zweiten Hälfte konnte sich für mich so etwas wie ein Lesesog einstellen. Denn erst dann hatten manche Figuren für mich ein greifbares Profil. Besonders die Nebenfiguren verblassen dagegen zunehmend und gerade Aïcha sowie Selma hätte ich wirklich gern ebenso bis zum Ende begleitet.
Das ist deshalb schade, weil Slimani durchaus ein Händchen dafür hat, interessante und ambivalente Figuren zu erschaffen. Mia und Inès sind starke Frauenfiguren, die mich in ihrer jeweiligen Rebellion begeistert haben. Gleichzeitig wurde ich von ihnen auf unterschiedlichen Ebenen berührt. Mia macht eine furchtbare schulische Erfahrung in Bezug auf ihre Homosexualität und erfährt die konkrete Solidarität ihrer ehemals verhassten Schwester, die wiederum ein sexuell sehr aktives Leben führt - mit durchaus fragwürdigen Verbindungen. Aber ich mochte die Zeichnung der beiden, die nicht klassisch gut, sondern eben authentisch ambivalent ist.
Was mich schon enttäuscht hat, war der Fakt, dass Mias auf dem Klappentext sowie den ersten Seiten angesprochener Brain Fog und eine damit eventuell in Verbindung stehende Erkrankung überhaupt nicht relevant ist. Ich habe mir wirklich erhofft, Mia auch in der Gegenwart begleiten zu dürfen, aber dem war nicht so. Deshalb kann ich die Vermarktung des Buches nicht so richtig nachvollziehen und bin entsprechend ernüchtert.
Ein Werk, welches das große Schreibtalent der Autorin zeigt und mir am Ende auch Lesefreude bereitet hat, das aber bis dahin wirklich viel Ausdauer sowie aufmerksames Lesen erfordert und welches mich trotz der Lichtblicke nicht so richtig nachhaltig beeindruckt hat. Da ich logisch aufgebaute bzw. klar strukturierte Familienerzählungen bevorzuge, habe ich mich hier schwerer getan als erhofft.
Emotional distanziert, holprige Übersetzung und mehr Cringe als Tiefgang
Heart Strings von Ivy Fairbanks
Ich lese Romance richtig gern, um neben den anderen Werken, die mich emotional und/oder sprachlich fordern, mal so richtig abschalten zu können. Das habe ich mir auch von „Heart Strings“ erhofft, zumal der Autorin ja scheinbar Repräsentation wichtig ist - was ich auch in diesem Genre ganz toll finde.
Aber leider hatte ich schon zu Beginn große Schwierigkeiten mit dem Buch, die sich auch im weiteren Verlauf nicht gebessert haben.
Zuerst muss ich wirklich die Übersetzung kritisieren. Als Laiin möchte ich mir nicht anmaßen, da final urteilen zu wollen, aber ich fand sie so hölzern, dass ich ganz oft über den Text gestolpert bin. Es wurden unpassende, komische Worte verwendet oder Satzkonstrukte eigenartig verfasst. Mich bringt sowas leider immer komplett aus dem Lesefluss.
Die Autorin selbst hatte wirklich viele gute Ansätze, doch auch sie schafft es für mich nicht, diese angemessen zu präsentieren. Es wurde in Bezug auf Repräsentation viel gegeben - queere Identitäten, dickere Körper, Sprachfehler und schwere Erkrankungen finden hier Raum. Doch auch, wenn ich es grundlegend nicht verkehrt finde, diese ohne große Thematisierung einzubinden, weil sie eben ein ganz normaler Teil des Lebens und unserer Gesellschaft sind, war es mir hier zu oft ohne passende Platzierung. Ich hatte das Gefühl, es soll möglichst viel in dieses Buch gepackt werden, ohne wirklich darauf eingehen zu können. Zumindest die Herausforderungen einer Woman of Color in der Hauptrolle hätten mehr ins Zentrum gehoben werden sollen.
Generell waren Lo und Aidan für mich zwei sehr blasse Protas. Ich konnte weder die beiden einzeln, noch die Beziehung zwischen ihnen emotional wahrnehmen. Ihre Interaktionen wirkten plump und nüchtern, was für mich jegliche Chemie von vornherein unmöglich gemacht hat. Es gibt eine Aneinanderreihung expliziter spicy Szenen, die mich ebenso wenig erreichen konnten. Es ging alles so schnell, wirkte kaum gefühlvoll und stattdessen irgendwie einstudiert. Schade, wo doch auch hier großes Potenzial gelegen hat, Sexualität breiter zu fassen. Im weiteren Verlauf wurde es außerdem zunehmend abstrus und ich konnte diese Szenen vor lauter Cringe kaum noch lesen (und ich bin grundsätzlich Spice-Fan). Es war für mich so unsexy wie nur irgend möglich.
Und abschließend bin ich einfach müde von Drama in Romance, das lediglich daher stammt, dass die Figuren denken „Das halte ich mal lieber vor dir geheim“. Ich bin da extrem empfindlich, weil ich es zwischen Erwachsenen furchtbar paternalistisch und ehrlicherweise auch sehr unauthentisch finde. Ich verliere spätestens an diesen Stellen den Kontakt zur Geschichte, weil es mich so langweilt, wenn Spannung scheinbar nur durch fehlende Kommunikation geschaffen werden kann. Dazu kommen andere Szenen, die offensichtlich für Spannung sorgen sollten, auf mich aber furchtbar fehlplatziert und konstruiert wirkten.
Ich muss hier leider ehrlich sagen, dass ich diese Romance nicht empfehlen kann. Trotz guter Ausgangslage in Bezug auf Repräsentation und Setting wirkte nicht nur die Übersetzung, sondern irgendwie auch der Text selbst hölzern und emotional distanziert. Mir fehlte es damit an genau dem, was ich in diesem Genre suche.
Fabian Navarro holt mich zuverlässig aus jeder noch so harten Leseflaute
Vienna Falling von Fabian Navarro
Ich liebe die Miez-Marple-Reihe bereits über alles und habe deshalb in einer aktuellen Leseflaute alle Hoffnungen in das erste menschliche Werk des Autors gesteckt. Und nach der äußerst kurzweiligen Lektüre bleibt mir eigentlich nur zu sagen: danke dafür!
Navarro zeigt, dass sich sein Schreiben nicht auf die tierische Welt beschränkt, auch wenn mir diese noch einen Ticken besser gefallen hat als die menschliche in „Vienna Falling“.
In diesem Werk zeigt er sich deutlich mystischer und auch etwas dunkler als in den Romanen der Katzendetektivin. Doch das ist für mich lediglich ein Beweis für sein breites Talent und keine Kritik. Ich fand die Fantasy-Elemente interessant und auf den wenigen Seiten glaubhaft eingearbeitet.
Wie schon gewohnt, schlägt Navarro seinen lockeren und liebevoll-ironischen Ton an, der mich rasant durch die Handlung getragen hat. Die Spannung tut ihr Übriges und sorgt für ein tolles Tempo, dessen gruselige Elemente durch abwechselnde Textformen angenehm aufgelockert werden. Mal gibt es den humorvollen Blick auf ein etwas boomeriges Rezepteforum, mal eine ironische Auseinandersetzung mit mehr oder weniger wahren Wiener Gepflogenheiten - ohne dabei aber jemals abwertend zu werden. Diese Regel wird im Roman generell groß geschrieben: Humor ja, aber immer auf Augenhöhe bzw. darunter nur gegen menschenfeindliche Gruppen.
Die chronologische Erzählebene wechselt zwischen Renate und Reinhold, die zwei sehr sympathische Ü50-Protas sind. Die Nebenfiguren Elif und Irina komplettieren die Gruppe und hinterlassen in mir ein angenehmes Gefühl von Solidarität unter starken Frauenfiguren. Ergänzt wird dann erzählerisch immer mal um Mailverkehr, Pressemitteilungen oder eben den Austausch in obigem Rezepteforum, was nicht nur unterhaltsam ist, sondern uns auch das ein oder andere Easter Egg schenkt.
Mit diesem Roman hat Navarro wieder einmal gezeigt, dass er wunderbar schreiben kann und einen feinen Blick für seine Figuren hat. Das Ganze wird mit einer tollen Prise Selbstironie verfeinert - diese Buchrezension in der Geschichte ist eine so großartige Metaebene, ich bin sprachlos.
Ich habe an ein paar Stellen komische Plottwists befürchtet, aber sie kamen nie und so verbleibe ich auf ewig dankbar, dass mich dieses Werk aus einer ätzenden Leseflaute holen konnte. Riesige Empfehlung für alle, die ein sehr humorvolles Werk ohne Schenkelklopfer und dafür dem genau richtigen Maß an Spannung für sensible Gemüter suchen.
Ein temporeiches Werk mit außergewöhnlicher Erzählstimme
Emily Forever von Maria Navarro Skaranger
Dieses Werk Maria Navarro Skarangers bewerten zu wollen, ist kein leichtes Vorhaben. Denn ich bin gleichermaßen beeindruckt wie auch ernüchtert und es fällt mir schwer, hier eine konkrete Empfehlung auszusprechen - obwohl ich eine super flüssige Lesezeit mit dem Roman hatte.
Die Perspektive einer jungen, voraussichtlich alleinerziehenden (Bald-)Mutter in eher ärmlichen Lebensumständen ist literarisch schon noch eine eher seltene.
Deswegen hat mich die Geschichte auch sehr angesprochen, zumal der Klappentext einen angenehm ironischen Unterton vermuten ließ. Und dieses Versprechen konnte auch auf jeden Fall eingehalten werden.
Die Autorin hat eine beeindruckende und sehr besondere Erzählstimme, die aus der Fülle an Veröffentlichungen klar heraussticht. Dass muss mensch in so jungen Jahren erst einmal schaffen. Die Erzählerin der Geschichte ist dabei eine eigenständige Person, die spürbar auf Emilys Seite steht. Sie ordnet für uns Dinge ein, bedient sich manchmal eines Foreshadowings, wirft spitze Bemerkungen ein und bewertet gern einmal den ein oder anderen Mann, wenn Emily selbst es nicht zu können scheint. Sie ist damit auf ganz subtile Art selbst auch Protagonistin, obwohl es vordergründig natürlich um Emily geht.
Neben der wirklich fein gearbeiteten Ironie und der klaren Erzählweise fand ich es schlicht bemerkenswert, welches Tempo die Autorin auffährt. Ich bin regelrecht durch dieses Werk gerauscht und das passiert mir im Literaturbereich nicht sehr oft.
Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass es diese positiven Dinge sind, die sich für mich negativ auf die emotionale Nähe ausgewirkt haben. Sowohl das Tempo als auch die eigenständige Erzählerinnenstimme sorgen dafür, dass wir zwar sehr viel über Emily lesen, mir ihre Gefühle jedoch überwiegend fremd blieben. Dabei gab es diesbezüglich auch ganz starke Momente, etwa als ihre Gewalterfahrung thematisiert wird. Durch die erzählerische Distanz kann hier das Trauma zumindest beim Lesen abgeschwächt werden, ohne dieser Erfahrung dabei ihre Relevanz zu nehmen. Doch abgesehen von diesen Momenten hätte ich Emily wirklich gern als greifbarere Figur erlebt.
Auch die nicht klar gekennzeichneten Perspektivenwechsel (die natürlich nicht im eigentlichen Sinne welche sind, weil es stets eine auktoriale Erzählerin gibt) haben mir diese Nähe erschwert. Mal geht es um Pablo, mal um Emilys Mutter, mal um ihren Nachbarn - manchmal mit detaillierten Einblicken, dann aber auch wieder mit inhaltlichen Lücken, die auch die Erzählerin nicht zu füllen können scheint. Zum Ende hin wurde es mir dann auch zu diffus, zu inkonsistent und die Handlungslücken zu groß.
Es fällt mir daher schwer, eine klare Empfehlung auszusprechen, weil ich nicht so wirklich sagen kann, wohin das Buch will. Gleichzeitig möchte ich aber diese außergewöhnliche literarische Stimme anerkennen und bewerte deshalb wohlwollend. Menschen mit einer Begeisterung für besondere Erzählstimmen haben hier sicherlich einen wertvollen Pick.











