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Rezensionen von nessabo:
Eine schmerzhaft-poetische Geschichte über Missbrauch und Heilung
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
Das Debüt von Lilli Tollkien ist ein unglaubliches Werk voller Schmerz und Ehrlichkeit, das seine Leser*innen nicht schont. Ich fand es auf mehreren Ebenen eindrücklich, kann aber gar nicht deutlich genug auf die Inhaltswarnungen verweisen.
Ich schließe mich den Vermutungen an, dass Tollkien hier an ihrer eigenen Biografie entlangschreibt.
Das macht die Lektüre nicht leichter, im Gegenteil. Denn die Protagonistin Lale erlebt eine schiere Fülle an Leid in ihrem jungen Leben. Die Mutter aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit nicht sorgeberechtigt und der Vater im Gefängnis, kommt sie in eine links anmutende Männer-WG. Obwohl später auch ihr Vater dort einzieht, mangelt es an Schutz und kindgerechtem Umgang. Nicht nur werden auch hier diverse Drogen missbraucht, sodass Lale bereits im Kindesalter mit ihnen in Kontakt kommt. Sie erfährt auch wiederholt sexualisierte sowie verbale und psychische Gewalt.
Diese Passagen schreibt Tollkien auf einem unvergleichlich hohen Niveau. Sie wählt eine Sprache, die durch Nüchternheit und Poesie die kindliche Naivität und Unschuld perfekt einfängt. Gleichzeitig verfehlt diese Erzählweise keinesfalls ihre Wirkung - mir wurde wiederholt schlecht beim Lesen. Ich konnte Männer im Zuge dieses Romans wirklich nur verabscheuen. Ihre Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen bzw. Frauen und Mädchen keinen Schaden zuzufügen, hat mich brennen lassen vor Wut.
Klug schlägt die Autorin zudem immer wieder den Bogen in die Zukunft; verdeutlicht, wie die erwachsene Lale - später sogar als Mutter - im Zuge ihres Heilungsprozesses auch immer wieder an die Grenzen ihres Traumas stößt. Die Geschichte ist so erschütternd wie kraftvoll und hat mir wirklich einiges abverlangt!
Mein kleiner Abzug begründet sich mit genau den poetischen Anklängen der Sprache, die zwar erfolgreich das Traumatische der Geschichte abmildern können, aber wie so oft nicht ganz meinen Geschmack treffen. Auch die nüchtern-distanzierten Schilderungen Lales dienen diesem Zweck, haben mich emotional aber auch mehr auf Distanz gehalten als ich es mir gewünscht hätte.
Nichtsdestotrotz kann ich Tollkien für dieses Debüt nur meinen Respekt zollen. Ein Werk, das wiederholt kraftvoll eingeschlagen hat und welches mich fassungslos zurücklässt. Es ist keine Wohlfühlgeschichte, sie hat nicht einmal ein klares Happy End. Und doch ist es eine Erzählung über innere Stärke und das Finden einer Stütze in sich selbst.
4,5 Sterne
[CN: sexualisierte, verbale und psychische Gewalt; Alkohol- & Drogenmissbrauch]
Der schmerzhafte und zugleich liebevolle Epos einer Liebe
Fast ein Leben von Kiran Millwood Hargrave
Was für ein unglaubliches Werk! „Fast ein Leben“ ist eine 570-seitige emotionale und vielschichtige Wucht, für die ich mir ordentlich Zeit genommen habe.
Wir begleiten Laure und Erica über 35 Jahre hinweg, ausgehend von einer Sommerliebschaft in Paris. Sie werden immer wieder aufeinandertreffen, sich mal näher und mal ferner sein, können einander aber weder halten noch loslassen.
Was hier vielleicht wie ein stereotypes Drama klingt, hat mich emotional wirklich auseinandergenommen. Denn am Ende ist die Liebe der beiden Frauen zwar das wiederkehrende Motiv, die Geschichte gibt aber weitaus mehr Themen und Figuren Raum. Der Roman ist politisch und scheut daher auch nicht den Ernst der 70er und 80er-Jahre, als queere Menschen einer besonders offenen Form von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt waren. Zudem behandelt er Depressionen und Alkoholismus auf derart eindrückliche Weise, dass ich es gar nicht laut genug loben kann.
Außerdem dreht sich unglaublich viel um Freund*innenschaft, Fürsorge und bedingungslosen Zusammenhalt. Das hat mir mehr als einmal das Herz zerrissen, aber ich fand es einfach makellos abgebildet. Hargrave schreibt total nah an ihren Figuren und hat die beiden Protagonistinnen mit einem liebevollen Schreibstil begleitet. Laure und Erica werden älter und lernen auf glaubhafte Art dazu, ohne dabei je zu glatt zu wirken. Und obwohl Liebe eine so große Rolle spielt, ist diese Geschichte alles andere als romantisch. Sie ist ehrlich, ungeschönt und entsprechend schmerzhaft.
Ich habe mich verloren in diesem Roman mit seinen liebenswerten, kantigen und interessanten Figuren sowie der wundervollen Sprache, welche die Atmosphäre so gut einzufangen vermag. Besonders die Abschnitte in Paris bzw. der Normandie haben mich nostalgisch gestimmt, aber auch Ericas Lebensrealität in Norfolk war beim Lesen zum Greifen nah. Ebenso hat mich die Struktur des Romans begeistert. Die wechselnden Perspektiven vertiefen die Emotionalität der Geschichte und getrennte Kapitel verdeutlichen die räumliche Distanz zwischen Laure und Erica, während sie sich die Kapitel teilen, sobald sie am gleichen Ort sind.
In diesem Werk steckt unglaublich viel Arbeit und ich habe jede einzelne Seite genossen. Die Lektüre hat sich so intensiv und umfassend angefühlt wie ein Film, während sie dank der figurennahen Sprache doch gleichzeitig so kurzweilig war. Ganz klare Empfehlung für alle mit Lust auf französisches Flair und ganz viel Potenzial zum tiefen Mitfühlen.
Ein anstrengender, aber lesenswerter Weird-Girl-Rausch
She’s a Star! von Meredith Hambrock
Geschichten über und mit obsessiven Figuren sind für mich immer ein Grenzfall. Gut geschrieben saugen sie mich absolut ein und fordern mich moralisch heraus. Weniger gut geschrieben wird es einfach nur anstrengend. Meredith Hambrock hat mit „She’s a Star“ ein Werk geliefert, das überwiegend in die erste Kategorie fällt und welches auf alle mir bekannten Romane dieser Art noch einmal eine Schippe draufsetzt.
Die erste Hälfte fand ich unglaublich stark! Über die Ich-Perspektive sitzen wir in Jessamyns Kopf und sind ihrer Wahrnehmung ausgeliefert. Schon relativ früh konnte ich mir nicht mehr sicher sein, was wirklich wie stattgefunden hat und was lediglich der Interpretation unserer Protagonistin entspricht. Denn es kristallisiert sich zunehmend heraus, dass Jessamyn eine unzuverlässige Erzählerin ist, die immer mehr einem Wahn verfällt, der sie (und uns) irgendwann fast völlig einnimmt. Nur durch Reaktionen der Nebenfiguren kam ich immer wieder ins Grübeln, ob die Realität nicht eine andere ist.
Die Nebenfiguren bleiben überwiegend blass. Das ist aufgrund der selbstbezogenen Erzählperspektive eine schlüssige Entscheidung. Dennoch muss mensch den enormen Fokus auf eine Figur natürlich mögen. Das Tempo ist von Beginn an hoch, der Ton direkt mit einem bissigen und durchaus gesellschaftskritischen Witz, der mir sehr gut gefallen hat. Dadurch, dass wir so nah an den Gedanken der Hauptfigur dran sind, entsteht eine bedrückende und intensive Atmosphäre.
In der zweiten Hälfte verlor die Geschichte aber ein wenig an Atem. Die Gedankenspiralen wiederholen sich und entschleunigen die Geschichte - meiner Meinung nach eher zum Nachteil der Erzählung. Später zieht das Tempo glücklicherweise wieder an; die Handlung wird immer ernster, wahnhafter und maximal unhinged - bis am Ende alles eskaliert.
Dieser Roman ist Arbeit! Jessamyn ist eine herausfordernde Hauptfigur, die mehr als eine fragwürdige Entscheidung trifft und doch immer wieder mein Mitgefühl hatte. Ihr ist Schlimmes widerfahren und ich bedaure es doch ziemlich, dass die feministische Komponente des Ganzen nahezu bedeutungslos wird neben all der Obsession. Da hätte ich mir mehr konsequenten Biss gewünscht, allerdings macht die Verdrängung aus Sicht der Erzählerin schon Sinn. Bei allem Ernst der Realität ist der gewählte Humor nahezu bitter, was wirklich gut zum Tragödiencharakter der Geschichte passt.
Wer sich ordentlich fordern lassen möchte von dieser Anti-Heldin und überwiegend temporeiche Geschichten mag, die ungefiltert in menschliche Abgründe schauen, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen.
Ein unglaublich innovativer und zugänglicher Auftakt
Ever & After, Band 1 - Der schlafende Prinz von Stella Tack
Ich bin nicht die allergrößte Fantasy-Leserin, aber die Reihe wurde so gut besprochen, dass ich meine Neugier nicht mehr zügeln konnte. Und das war eine wirklich hervorragende Entscheidung!
Stella Tack hat hier ein Werk geliefert, das so innovativ ist wie ich es lange nicht mehr gelesen habe. Die Handlung rund um die Nachfahr*innen der Märchenfiguren ist wunderbar ausgedacht und konstruiert.
Es gibt einfach so viele Details, die teilweise auch derart abweichen von den Originalmärchen, dass es eine unfassbare Leistung der Autorin ist.
Außerdem schreibt Tack so zugänglich, dass es mir wirklich ein Genuss war! Das liegt sicher auch am modernen Setting und ich fand das toll gewählt, weil ich mich so gleich von Beginn an auf die Geschichte einlassen konnte und mich nicht erst durch das Worldbuilding kämpfen musste. Dabei mangelt es aber überhaupt nicht an Komplexität! Einige Stellen habe ich mehrfach gelesen, um die Referenzen auch wirklich begreifen zu können.
Fan bin ich natürlich auch von der Protagonistin Rain, die eine zeitgemäße und rebellische Komponente in die Geschichte bringt. Sie ist absolut glaubwürdig und sympathisch geschrieben, das gleiche gilt aber auch für die diversen Nebenfiguren. Der Inhalt ist stellenweise schon überraschend brutal für ein Buch ab 14 Jahren und da dürfte es für mich gern eine Spur zurückhaltender sein, aber insgesamt bin ich durchgerauscht und freue mich nun auf Band 2!
Einige tolle Kurzgeschichten mit Twist
Ein gutes Gespür von Jess Gibson
Bei Kurzgeschichtensammlungen wird es immer so sein, dass manche besser gefallen als andere. Das war auch bei diesem Band so, aber dennoch schätze ich derartige Texte zwischendrin sehr, weil sich auf so wenigen Seiten oft ein bemerkenswertes literarisches Talent zeigt.
Jess Gibson hat hier einige sehr starke Geschichten geliefert, in denen sie eine zuerst recht gewöhnliche Welt zeichnet, nur um sie am Ende in wenigen Sätzen komplett zu verrücken.
Besonders die ersten Kurzgeschichten fand ich diesbezüglich ganz stark.
Nach dem tollen Start gab es aber auch einige Geschichten, die für mich etwas blass erschienen und deren Aussage ich nicht wirklich greifen konnte. Andere haben mich wiederum mit ihrer Atmosphäre begeistert. Was ich mir insgesamt aber mehr gewünscht hätte, ist das auf dem Klappentext erwähnte Rebellische. In einigen Kapiteln habe ich das intensiver erwartet, obwohl ich die Impulse insgesamt gut fand.
Eine nette Lektüre für zwischendurch und für alle mit weniger Lesezeit. Die Autorin schafft es mit ihren Kurzgeschichten wiederholt, die eben erst gefällte Meinung über die Figuren völlig zu kippen und das habe ich genossen, auch wenn mich das Buch wahrscheinlich nicht mehr lange beschäftigen wird. Das finde ich für diese Art von Roman aber sehr in Ordnung.
Eine kluge, liebevolle und hoffnungsspendende Perspektive
Liebe Wilhelmine oder Plädoyer fürs Kinderkriegen in der Klimakrise von Marisa Becker
Ich liebe die Reihe des Kjona-Verlags und ehrlicherweise weiß ich da nie, wieso ich etwas von der Wertung abziehen sollte, weil es eben immer Meinungsbeiträge sind, die bislang doch stets meine eigene Perspektive erweitert haben. Auch dieser Band hat das absolut erfüllt.
Ich bin sehr gefestigt und zufrieden in meiner Überzeugung, selbst keine Kinder zu wollen.
Das soll aber nicht bedeuten, dass mir Eltern- und Kinderperspektiven egal sein dürfen - im Gegenteil. In einer solidarischen, gleichberechtigten Welt müssen all die verschiedenen Bedürfnisse irgendwie zusammengebracht werden. Diese Ansicht teilt auch Marisa Becker und schreibt deshalb in ihrem Essay eindringlich und liebevoll von einer Zukunft, die für alle aktuellen und noch kommenden Generationen lebenswert ist.
Dass die Klimakrise real ist, vergisst sie dabei selbstverständlich nicht. Sie balanciert jedoch stets gut zwischen realem Ernst und freundlichem Optimismus. Wie sie selbst schreibt, haben Menschen für viele Dinge schon kluge Lösungen gefunden und maßgeblich daran beteiligt sind immer auch die neuen Generationen, die frischen Wind in Debatten und Innovationen bringen. Becker wirft die wirklich berechtigte Frage auf, für wen es sich denn zu kämpfen lohnt, wenn nicht für die noch kommenden Menschen?
Sie widerlegt Mythen rund um Kinder als Klimasünde und Überbevölkerung, ohne dabei je den Ernst der Lage zu verkennen. Dennoch gelingt es hier gut, die Verantwortung der Einzelnen vor allem auf die Systemkritik und eine Neuausrichtung ebendiesen Systems auszurichten. Becker bleibt sachlich, aber auch zugewandt und ich habe ihre Gedanken gern gelesen. An keiner Stelle habe ich mich in meiner eigenen Entscheidung bevormundet gefühlt, im Gegenteil. Die Autorin ergreift Partei dafür, dass alle Menschen die Kinderentscheidung selbst treffen können und adultistisch sowie rassistisch begründete Narrative bei dieser Entscheidung keine Rolle spielen sollten.
Ihr wertschätzender Blick auf insbesondere Eltern und Kinder hat mich berührt, ihre Impulse meinen Horizont erweitert. Denn Kinder suchen sich ihre Welt nicht aus, wir müssen sie für sie so gestalten, dass sie lebenswert ist und bleibt. Das schmale Werk lege ich wirklich allen Nicht-Eltern wie auch Eltern ans Herz. Es macht Hoffnung und Mut - und davon können wir schließlich nie genug haben.
Otoo überwältigt erneut mit präziser Sprache und immenser Dichte
So, in etwa, ist es geschehen von Sharon Dodua Otoo
Nach „Adas Raum“ ist dies mein zweiter Roman der Autorin und ich komme aus der Begeisterung gar nicht mehr heraus. Dieses schmale Werk könnte dichter nicht sein, während es Unterhaltung und politische Schlagkraft präzise ausbalanciert.
Allein der Aufbau der Geschichte ist fantastisch! Wir kennen das Ende und werfen von da aus einen Blick in die Stunden bevor Amata ihren Chef Brockhaus umbringt.
Doch es wird noch besser! Otoo hat sich für eine raffinierte Erzählstruktur entschieden, welche die Ich-Erzählerin, Kommentare aus dem Off und ergänzende Anhänge höchst unterhaltsam miteinander verbindet.
In vier Kapiteln arbeitet sich Amata auf atemlose Weise zunächst an verschiedenen Dimensionen der Wahrheit entlang, schweift immer mal ab und ist dabei eine spannende sowie vielschichtige Figur. Die Erzählweise ist fast schon nüchtern, was hervorragend zum absoluten Schuldeingeständnis der Protagonistin passt. Ergänzt wird ihr Monolog durch Anmerkungen der Herausgeberin, sodass es sich beim Lesen anfühlte, wie ein Buch im Buch zu lesen.
Absolut grandios wird es dann in den Anhängen, die zum einen ein Nachwort der Herausgeberin sowie die äußerst ausschweifende Audiotranskription des Opfers umfassen. Letztere gibt uns einen SEHR guten Eindruck davon, was Amata während der gemeinsamen Autofahrt ertragen musste - ich habe mich quasi in Rage gelesen! Ob Amatas Konsequenz dann schlussendlich gerechtfertigt scheint, darf dank der geschickten Ergänzungen offen debattiert werden.
Das Werk fasst nicht einmal 150 Seiten und ist entsprechend unfassbar dicht geschrieben. Otoo setzt ihre Worte wie kaum eine andere. Jedes Wort trifft, jeder Satz ist wohlüberlegt. Die Autorin macht einen gesellschaftskritischen Rundumschlag, der seine Wirkung nicht verfehlt, aber überhaupt nicht trocken ist. Kurze Geschichten funktionieren für mich nicht immer, aber hier könnte es besser nicht sein. Ein Roman, der mich atemlos gefesselt und restlos begeistert hat. Definitiv eine Empfehlung, die sicherlich auch von einem wiederholten Lesen profitiert, um die volle Dimension des Geschriebenen erfassen zu können.
Sehr poetisch und sprachlich besonders - hat mich aber zu spät an sich herangelassen
Weißer Sommer von Eva Pramschüfer
Ich hatte aufgrund der guten Besprechungen wirklich hohe Erwartungen an das Debüt von Eva Pramschüfer. Und ich halte sie wirklich für eine ganz besondere literarische Stimme mit großem Talent. Leider hat mich die von ihr gewählte Sprache aber einfach nicht so erreichen können, wie ich es für diese Plot-arme Geschichte gebraucht hätte.
Eva Pramschüfer schreibt malerisch, was sehr zu den künstlerischen Seiten ihrer beiden Hauptfiguren passt, und voller Poesie, welche die Grenzen von Kapiteln oder Absätzen zu sprechen weiß. Und so sehr ich anerkenne, dass sie wirklich schön und vor allem besonders schreibt, entspricht es doch nicht meinem Geschmack. Eine poetische Sprache verhindert bei mir schon in geringen Mengen die emotionale Nähe zu den Figuren, die ich in literarischen Werken üblicherweise brauche und die mir auch hier wichtig gewesen wäre.
Dabei schafft Pramschüfer es unvergleichlich gut, die innere Zerrissenheit ihrer Figuren einzufangen, die Suche nach Zugehörigkeit in den Zwanzigern voller Authentizität abzubilden. Auch wenn ich phasenweise wirklich angestrengt war von der fehlenden Kommunikation des Paares, fand ich ihren Umgang miteinander doch überwiegend liebevoll und vor allem nachvollziehbar für eine Zeit im Leben, die bei vielen Menschen von Unsicherheiten geprägt ist.
Schwer gemacht wurde mir die Lektüre zudem durch die vielen Wechsel der Erzählperspektiven und Zeitebenen. Alles fließt ineinander, ohne klar gekennzeichnet zu sein und an der Stelle hätte ich einfach deutlich mehr Struktur gebraucht.
Eigentlich wollte ich noch schlechter bewerten, weil ich wirklich über einen Abbruch nachgedacht habe. Im letzten Drittel hat mich die Autorin aber doch noch erreicht und ich habe die ambivalente Emotionalität von Alma und Théo selbst fühlen können. Das Ende ist unglaublich gut gelungen, davor kann ich wirklich nur meinen Hut ziehen.
Es war nicht mein Buch, aber das liegt einfach nur an meinen sprachlichen Präferenzen. Wer Poesie mag und keine Plot-getriebene Geschichte sucht, sondern sich treibend mit den Figuren bewegen möchte, sollte dieses Debüt unbedingt lesen. Eva Pramschüfer verdient für ihr Talent eindeutig Aufmerksamkeit, auch wenn wir hier stilistisch nicht zusammengekommen sind.
Beste, lustigste und herzigste RomCom seit Langem!
Annie Knows Everything von Rachel Wood
Ich habe nur einen Wunsch: Bitte lasst Rachel Wood niemals wieder aufhören, Bücher zu schreiben! Diese RomCom mit sehr klarem Fokus auf Comedy war absolut perfekt und ein Lichtblick in einer Zeit, in welcher der Romance-Part dieses Genres einen für mein Empfinden immer dominanteren Raum einnimmt.
Annie ist eine wundervoll geschriebene Protagonistin.
Sie ist authentisch, unfassbar witzig, aber eben auch schlagfertig und proaktiv. So schafft sie es, ohne jegliche IT-Kenntnisse in die Data-Strategy-Abteilung ihrer Firma versetzt zu werden, nachdem sie dort plötzlich ihren eigentlichen Job verloren hat. Ihr neuer Abteilungsleiter Connor spiegelt auf so unbeschreiblich liebenswerte Weise ihren Humor und macht das Lesen zur einem vollendeten Genuss. Der Banter zwischen den beiden ist so pointiert wie ich es selten gelesen habe und ganz nebenbei ist Connor eben auch eine Green Flag, die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen kann.
Die Lovestory zwischen den beiden spielt wie gesagt gar nicht so die zentrale Rolle. Und alles, was sich um die Entwicklung ihrer Beziehung dreht, ist geprägt von erwachsenem Miteinander und ehrlicher Kommunikation - lieben wir doch! Nebenbei versucht Annie noch ihre Schwester vor deren scheinbar völlig unpassenden Verlobten Dan zu retten und nimmt da auch so einige Fettnäpfchen mit.
Der Roman ist temporeich geschrieben, ich habe jedes Wort eingesaugt und die Seiten nur so dahinrinnen sehen. Annie, aber eben auch Connor und allgemein das ganze DatStrat-Team sind so lieb - ich kann nicht glauben, dass dies Rachel Woods Debüt ist! Sie beweist damit nämlich bereits, dass Wohlfühlromane auch ohne kindische Kommunikationsprobleme spannend und überaus unterhaltsam sein können.
Wer eine witzige Geschichte sucht, deren Romance-Anteil nicht die Hauptrolle spielt und stattdessen viel Platz macht für absolut runde, liebenswerte und glaubwürdige Figuren, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Dann erfahrt ihr außerdem, wofür SQL laut Annie steht. :D
Ein bereicherndes und schmerzhaft ehrliches Debüt
Das schönste aller Leben von Betty Boras
Betty Boras ist wohl vielen in der Bookstagram-Bubble ein Begriff und umso höher waren auch meine Erwartungen an das Debüt der Autorin. Glücklicherweise konnten die in voller Höhe erfüllt werden.
Zuerst einmal bin ich begeistert davon, wie Boras mit ihrer Sprache umzugehen weiß. Ihre Worte sind bewusst gewählt und treffen präzise ins emotionale Zentrum ihrer Leser*innenschaft.
Dabei wandert die Autorin sprachlich genau an der Grenze von feiner Poesie und direktem Ausdruck, was ich sehr genossen habe. Sie schweift nicht zu malerisch ab, hat mich aber dennoch zum aufmerksamen Lesen angehalten, woran sich ein anspruchsvolles Werk in meinen Augen erkennen lässt.
Spätestens in der Danksagung wird klar, dass Boras sich hier sehr nah an ihrer eigenen Biografie bewegt und das spiegelte sich deutlich in der Authentizität der Erzählung wider. Auf zugängliche und interessante Weise habe ich so etwas gelernt über die Geschichte des Banat und damit auch des späteren Rumäniens. Nach der Lektüre hatte ich dann direkt Lust, noch mehr dazu zu recherchieren und genau dafür liebe ich Bücher.
Die feministische Komponente der Geschichte ist fein herausgearbeitet. Besonderes lobenswert finde ich jedoch, wie sich durchaus gängige Reflexionen zum gesellschaftlichen Schönheitsideal fließend verbinden mit Migrationsgeschichte, Rassismus und transgenerationaler Weitergabe. Vio ist als zentrale Figur der Gegenwart komplex und war für mich als Leserin enorm gut greifbar. Sie wird auf zwei Zeitebenen erzählt und macht so deutlich, wie ihre Kindheitserfahrungen und damit auch die Handlungen ihrer Eltern sich auf ihre eigene Mutterschaft auswirken, ohne dabei jemals scharf zu werten.
Ergänzt wird der Roman um die Perspektive Theresias, die im 18. Jhd. mit patriarchal-kirchlicher Objektifizierung und Entrechtung zu leben versucht, dabei aber auch weiblichen Zusammenhalt erfahren darf. Für ihre Kapitel habe ich eine Weile gebraucht, weil die Autorin auf jeden Fall mündige Leser*innen anspricht, die sich vom dosierten Einstreuen historischer Begriffe und Sprache nicht überfordern lassen. Dennoch schafft es Boras, stets verständlich zu bleiben und die beiden Frauen am Ende zart miteinander zu verknüpfen.
Meine einzige Kritik zielt darauf ab, dass die Wechsel der Perspektiven teils sehr rasant waren und ich einige Seiten lesen musste, bis ich verstanden habe, dass die Vio- und die Ich-Kapitel die gleiche Person an unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens betreffen. Doch insgesamt betrachtet ist das Werk sprachlich, inhaltlich und emotional so gut zusammengestellt, dass ich wirklich bereichert aus der Lektüre gehe und das Buch von Herzen empfehlen möchte.











