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Rezensionen von bedard:
Unterhaltsamer zweiter Band der Hamburg-Krimi Reihe
Bittere Nacht von Nikolas Kuhl; Stefan Sandrock
„Bittere Nacht“ ist der zweite Teil der Reihe um das Ermittlerteam Juha Karhonen und Lucas Adisa. Es ist aber nicht erforderlich, zuvor den ersten Band gelesen zu haben, da die Fälle in sich abgeschlossen sind.
Gerade erst neu in der Mordkommission beim LKA Hamburg müssen sie jetzt in einem Fall ermitteln, der sich schnell als Serie entpuppt.
Unterstützung erhalten sie dabei u.a. von Selma, die als einzige Frau im Team einen wohltuenden Kontrapunkt setzt.
Der Krimi ist unterhaltsam, aber nicht allzu eingängig geschrieben. Die ausführlichen Charakterbeschreibungen und privaten Hintergründe der Hauptprotagonisten sind einerseits gelungen und glaubwürdig, andererseits insbesondere im Mittelteil etwas zu bestimmend auf Kosten der Spannung. Gerade rechtzeitig wird dann aber der Spannungsbogen erneut angezogen.
Beeindruckend und sehr realistisch ist das winterliche Hamburg als Handlungsort in Szene gesetzt. Ortskundige können den Akteuren problemlos durch die Stadt folgen und haben dadurch einen besonderen Blick auf die Krimihandlung.
Mich hat mein erster Fall dieses Hamburger Ermittlerteams gut unterhalten, auch wenn mir die Auflösung relativ früh klar war. Normalerweise ist das ein Negativpunkt, störte mich hier aber erstaunlicherweise nicht. Den ersten Band werde ich sicher zeitnah lesen und die Reihe weiterverfolgen.
Mehr Psychodrama als Thriller
Himmelerdenblau von Romy Hausmann
Vor zwanzig Jahren ist die 16-jährige Julie Novak aus ihrem Elternhaus verschwunden, die Mutter hat morgens eine Lösegeldforderung auf dem Computermonitor ihres Mannes entdeckt. Anders als in dem Text gefordert, schalten die Eltern dennoch die Polizei ein, die Entführer melden sich nicht wieder und Julies Schicksal bleibt ungeklärt.
Doch Julies Vater Theo glaubt immer noch, dass seine Tochter lebt und er sie finden könnte. Aber die Zeit drängt. Der inzwischen 74-jährige, einst so erfolgreiche und eloquente Herzchirurg, gleitet in die Demenz ab. Klare und verwirrte Zustände wechseln in rasantem Tempo, ihm bleibt nicht mehr viel Zeit für die Suche nach seiner ältesten Tochter.
Liv und Phil sind sehr erfolgreich mit ihrem True Crime Podcast und rollen den Fall Julie Novak anlässlich des traurigen Jubiläums ihres Verschwindens erneut auf. Anders als in ihren bisherigen Fällen steigen sie dieses Mal sehr viel tiefer ein. Trotz der anfänglichen Skrupel nach der Entdeckung von Theos Demenz beginnt Liv gemeinsam mit ihm und seiner jüngsten Tochter Sophia die Geschehnisse von damals intensiv zu untersuchen.
Ebenso wie die früheren Romane der Autorin lässt sich auch Himmelerdenblau sehr gut lesen. Besonders beeindruckend sind die Abschnitte, die aus Theos Sicht geschildert sind oder in denen Theos Wortfindungsschwierigkeiten in der Kommunikation mit anderen deutlich werden. Auch die Reaktionen seiner Familie, seines Arztes und langjährigen Freundes und insbesondere von Liv, die etliche schwierige Situationen mit ihm durchsteht, sind glaubwürdig und berührend beschrieben.
Der Blick auf die Menschen, die im Zuge von Ermittlungen in den Fokus der Öffentlichkeit geraten und selbst nach Jahren noch befürchten müssen, erneut verdächtigt zu werden und hilflos Anfeindungen ausgeliefert zu sein, ist ebenfalls gelungen.
Allerdings nehmen die intensiven Schilderungen von Theos Verfassung und die Spurensuche in der Vergangenheit viel Raum ein und bremsen die Handlung aus. Das geht zu Lasten des Spannungsaufbaus. Erst im zweiten Teil des Romans zieht das Tempo an und die Geschichte wird spannender. Für einen Thriller ist das insgesamt etwas zu wenig, deshalb kann ich nur 3 Sterne vergeben. Fans von Romy Hausmann werden den Roman wahrscheinlich trotzdem mögen, Thrillerfans könnten aber enttäuscht sein.
Auf den Spuren der Großeltern
Frau im Mond von Pierre Jarawan
Die Zwillingsschwestern Lilit und Lina el Shami sind bei ihrem Großvater Maroun in Montreal, Kanada, aufgewachsen. Ihre Großmutter haben sie nie kennengelernt. Eine alte Postkarte weckt jedoch Lilits Interesse, und sie beginnt, sich für die Geschichte ihrer Familie zu interessieren. Anders als ihre Schwester hat sie die Freiheit, in den Libanon zu reisen und sich intensiv mit den Spuren ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen.
Wie schon in seinem sehr lesenswerten Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ erzählt Pierre Jarawan eine Geschichte, in der Bürgerkrieg und Flucht eine wichtige, aber nicht alles bestimmende Rolle spielen. Neben den tragischen Ereignissen, die auch in diesem Roman viel Raum bekommen, geht es auch um Hoffnung, Zuneigung und Verbundenheit.
Positiv herauszuheben ist dabei die wenig bekannte Lebanese Rocket Society, die bereits 1966 eine Weltraumrakete zündete – im krassen Gegensatz zu der furchtbaren Explosion im Hafengebiet von Beirut genau 54 Jahre später. Gelegentlich etwas weitschweifig erzählt, ist der Roman passend in drei Stufen gegliedert, wie die Zündstufen einer Rakete, und die Kapitel folgen einem Countdown von fünfzig abwärts. Allerdings wird die Geschichte nicht strikt chronologisch erzählt, sondern in Zeitsprüngen, was etwas Aufmerksamkeit erfordert – insbesondere, wenn die Geschichte des Libanons noch relativ unbekannt ist.
Der dritte Roman des Autors zeichnet sich dadurch aus, dass den Lesenden ein Bild des Libanons und seiner Menschen vermittelt wird, das über die Kriegsberichterstattung in den Medien hinausgeht. Lesenswert!
Realistischer Blick auf das Dorfleben im Wandel
Hier draußen von Martina Behm
Ingo und Lara Fenske sind Eltern von zwei Kindern im Grundschulalter. Sie ist freiberufliche Grafikdesignerin, er Mitgründer eines sehr erfolgreichen Start-Ups in Hamburg. Auf Laras Wunsch haben sie einen großen Resthof mit erheblichem Sanierungsbedarf in einem schleswig-holsteinischen Dorf mit 200 Einwohnern erworben.
Der Traum vom idyllischen Landleben mit viel Natur, Entspannung und Ruhe erweist sich schnell als Trugschluss. Hohe Hypotheken, lange Fahrt- und Arbeitszeiten für Ingo, die zusätzliche Arbeitsbelastung, die Haus und Grundstück fordern und Laras alleinige Zuständigkeit für Kindererziehung und alles, was sonst so anfällt – die Beziehung zwischen Lara und Ingo verschlechtert sich zusehends.
Als Ingo völlig übermüdet eine weiße Hirschkuh anfährt, muss das Tier erschossen werden. Uwe, Jäger und Schweinezüchter aus dem Dorf, kommt ihm zu Hilfe, erzählt aber auch von dem Aberglauben, dass die Tötung des Tieres innerhalb eines Jahres Unglück und Tod bringt. Vordergründig wird diese Prophezeiung als Unsinn abgetan, aber sie schwebt das ganze folgende Jahr über dem Paar. Der Kontakt zu den Alteingesessenen nimmt durch dieses Ereignis zu. Insbesondere zwischen Uwe und Ingo bahnt sich eine Verbindung an, die auf den ersten Blick erstaunt. Unterschiedlicher können zwei Menschen eigentlich nicht sein. Doch Ingo genießt die Ruhe und das anspruchslose Zusammensein, das mit Uwe möglich ist. Lara hat für diese Beziehung allerdings kein Verständnis. Sie hat in der Zwischenzeit langsam Kontakt zu anderen Bewohnerinnen des Dorfes aufgenommen und beginnt sich über die Teilnahme am Dorfleben stärker zu integrieren.
Das Paar aus der Großstadt steht zwar eindeutig im Mittelpunkt dieses Romans, aber die gar nicht so einheitliche Dorfbevölkerung wird in sehr detaillierten, liebevoll gezeichneten Charakterstudien in all ihren Facetten geschildert.
Dazu gehören Jutta und Armin, die vor 30 Jahren als Teil einer WG von einem alternativen Leben geträumt haben, aber schnell als einzige geblieben sind und vielleicht etwas mehr als nur eine Wohngemeinschaft sind.
Es gibt den unsympathischen, gewaltbereiten Schweinezüchter, der traditionell arbeitet und seine Ehefrau so mies behandelt, bis auch sie die Hoffnung auf Besserung aufgibt.
Im Gegensatz dazu hat der sensible, etwas eigenartige Uwe seinen Betrieb gewinnbringend auf hochmoderne Technik umgestellt, weil er dazu gedrängt wurde.
Es gibt noch eine überschaubare Anzahl ganz unterschiedlicher Menschen, die Teil dieser Gemeinschaft sind, in sie hineingeboren wurden oder vor vielen Jahren durch Heirat hinzugekommen sind und sich immer noch nicht als ganz zugehörig fühlen.
Anhand dieses Mikrokosmos zeigt die Autorin sehr anschaulich den Wandel in der Landwirtschaft auf. Betriebe müssen aufgeben oder kämpfen ums Überleben, andere sind wirtschaftlich erfolgreich durch Hochtechnisierung. Wieder andere stellen auf Biolandwirtschaft um. Die Übernahme der Höfe durch Söhne oder Töchter ist nicht mehr sichergestellt, weil diese einträglichere Berufe in der Stadt anstreben.
Auf der anderen Seite sind da die Städter, die sich ein Bullerbü-Leben vorstellen und mit dieser Erwartung aufs Land ziehen. Doch sie unterschätzen Anfahrtswege, die deutliche Mehrarbeit, die ihre größeren Häuser und Grundstücke bedeuten, und sie stellen sich die Aufnahme in gewachsene Gemeinschaften viel zu einfach vor.
Martina Behm hat in ihrem lesenswerten Debütroman nicht nur einen realitätsnahen Blick auf ein fiktives Dorf im Wandel geworfen, sondern auch sehr feinsinnig sich verändernde Beziehungsstrukturen aufgezeigt. Allerdings wird am Beispiel ihrer Hauptpersonen auch deutlich, wie schnell unterschiedlich hohe Einkommen und gemeinsame Kinder Paare in längst überholt geglaubte patriarchale Muster zurückbefördern.
Vielschichtige Charaktere, eine glaubwürdige Handlung und am Ende ein realistischer und vorsichtig optimistischer Blick in die Zukunft sind die Bestandteile dieses auch sprachlich überzeugenden Romans. Uneingeschränkte Leseempfehlung!
Aufstieg und Fall in der Kultur- und Medienlandschaft
Der Einfluss der Fasane von Antje Rávik Strubel
Hella Renata Karl ist Feuilletonchefin einer Berliner Zeitung und sorgte kürzlich mit einem vernichtenden Artikel über den Theaterintendanten Kai Hochwerth für dessen Karriereende. Nach seinem spektakulären Suizid in der Sydney Opera in Australien brach ein Shitstorm über Hella herein. Anfangs hoffte sie noch, dass die Wogen sich schnell glätten würden, doch schließlich wurde sie von ihrer Zeitung freigestellt.
Die gleichen Menschen, die von ihr eine Steigerung der Auflage gefordert hatten und sie erst zum Verfassen des reißerischen Artikels getrieben hatten, ließen sie jetzt im Stich. Für Hella, die ihr ganzes Leben ihrer Karriere untergeordnet hat, ist das nicht hinnehmbar. Nach ersten Zweifeln, ob sie tatsächlich Schuld am Tod Hochwerths trägt, beginnt sie, um ihre Rehabilitation zu kämpfen. Sie nutzt ihre Kontakte, um entlastende Informationen zu sammeln.
Da die Handlung ausschließlich aus Hellas Perspektive und ihren Gedanken erzählt wird, offenbaren sich hier auch unangenehme Charakterzüge. Hella denkt voller Verachtung über die Menschen, die ihr nützlich sind, und hat keinerlei Skrupel, sie für ihre eigenen Interessen einzusetzen. Auch in ihrem Privatleben lässt sie keine echte Nähe zu. Obwohl sie seit Jahren mit T. zusammenlebt, dessen Name nur abgekürzt wird, steht für Hella die sexuelle Beziehung im Vordergrund. Als sie schließlich doch mehr Nähe und Unterstützung sucht, ist es bereits zu spät.
Die Buchpreisträgerin von 2021 überzeugt auch in ihrem neuesten Roman sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Besonders beeindruckend ist, dass der Lesefluss trotz der vielen eleganten und anspruchsvollen Formulierungen nicht beeinträchtigt wird. Die Charaktere, vor allem Hella und Kai Hochwerth, werden langsam entwickelt. Ihr familiärer Hintergrund ist vergleichbar: Beide haben sich in einem Bereich hochgearbeitet, zu dem sie ursprünglich keinen Zugang hatten. Trotz des anklagenden Zeitungsartikels pflegen sie in der Vergangenheit eher einen freundschaftlichen Umgang. Sympathieträger sind beide nicht unbedingt, doch im Gegensatz zu Hochwerth hat sich Hella keiner wirklichen Verfehlung schuldig gemacht.
Der Kulturbetrieb wird vielleicht etwas zu plakativ dargestellt, obwohl ähnliche Vorfälle von Machtmissbrauch in der Realität hinreichend bekannt sind.
„Der Einfluss der Fasane“ ist ein lesenswerter Roman, der sowohl sprachlich anspruchsvoll als auch angenehm leicht zu lesen ist. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die sich aus eigener Kraft eine bemerkenswerte Karriere aufgebaut hat – in einer Welt, in der Ruhm und Absturz eng beieinanderliegen.
Spannender, brandaktueller Auftakt einer Polit-Thriller-Trilogie
Echokammer von Ingar Johnsrud
Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem zwielichtigen Martin Tong, einem in der Vergangenheit anerkannten Anti-Terror-Ermittler, möglichst unauffällig das Schlimmste verhindern.
Parallel dazu arbeitet das Team um Christina Nielsen daran, ihr als Spitzenkandidatin der Arbeiterpartei zum Sieg zu verhelfen. Unterstützt wird sie dabei von Jens Meidell, der ihr als juristischer Berater zur Seite steht.
Der erste Fall für Benjamin und Tong zählt in zwei Parallelsträngen in einer Art Countdown bis zur Wahl herunter. Sehr glaubwürdig werden die Vorgänge hinter den Kulissen im Wahlkampf beschrieben, die politischen Ränkespiele und das Bedienen von Ängsten und Vorurteilen bei potenziellen Wählern.
Beängstigend vorstellbar ist die Bedrohung durch rechtsextreme Terrorgruppen, die soziale Medien sehr effektiv nutzen und bereit sind, durch Giftgasanschläge skrupellos Menschenleben zu opfern.
Der persönliche Hintergrund der Hauptprotagonist:innen spielt zwar eine Rolle, wird der Gesamthandlung aber wohltuend untergeordnet.
Echokammer ist ein gutgeschriebener, beklemmend realistischer Auftakt einer Reihe, die ich sicher weiterverfolgen werde.
Gut konstruiert und wendungsreich
Ein ungezähmtes Tier von Joël Dicker
Der mittlerweile achte Roman von Joël Dicker ist ähnlich aufgebaut wie seine bisherigen Bücher. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Sophie und Arped Braun, verheiratet, zwei Kinder, Anwältin und Banker. Karine und Greg Liegean, Verkäuferin und Polizist. Zwei Familien mit unterschiedlichen Lebensstilen, mit ihren jeweiligen Geheimnissen, die sich anfreunden.
Sophie feiert demnächst ihren vierzigsten Geburtstag und scheint alles zu haben, was als erstrebenswert gilt. Doch wie immer bei Joël Dicker ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.
Am 2. Juli 2022 findet ein minutiös geplanter, spektakulärer Raubüberfall auf einen Juwelier statt. Dieser Überfall ist der Zeitmesser in dem Roman.
In Zeitsprüngen nähert sich der Autor in teils sehr kurzen Kapiteln aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Auflösung. Mal spielt die Handlung kurz vor dem Raub, mal danach und sie geht sogar um Jahre zurück in die Vergangenheit.
Nach bekanntem Muster hat Joël Dicker einen sehr spannenden, wendungsreichen Roman geschrieben, der sehr angenehm zu lesen ist.
Vielleicht nicht sein bestes Buch, aber trotzdem sehr clever konstruiert. Für mich verdient der Roman damit immer noch eine klare Leseempfehlung.
Der Schein muss gewahrt werden
Bis die Sonne scheint von Christian Schünemann
1983 steht die Konfirmation des Erzählers Daniel Hormann bevor, außerdem freut er sich auf den anstehenden Schüleraustausch. Doch dann bekommt er zufällig mit, dass seine Eltern kurz vor der Pleite stehen und seine materiellen Wünsche wohl nicht erfüllbar sind.
Die Atmosphäre der 1980er Jahre in einer Kleinstadt in der BRD wird sehr authentisch anhand vieler kleiner Details vermittelt.
Die Musik, Fernsehshows, Autos und Kleidung und natürlich der Wunsch, nach außen den Schein zu wahren. Darin sind Daniels Eltern wahre Meister. Obwohl ihnen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht, ignorieren sie ihre finanzielle Situation hartnäckig. Selbst die Großmütter sollen nicht mitbekommen, wie es wirklich um sie steht. In einem weiten Bogen zurück in die Vergangenheit geht es auch um deren Geschichte, das Kennenlernen der Eltern und schließlich die unaufhaltsame Abwärtsspirale. Fern jeder Realität weigern sich Daniels Eltern aber, sich mit den Gegebenheiten abzufinden.
Anders als die mir bisher bekannten Kriminalromane des Autors handelt es sich hier um eine Familiengeschichte. Trotz der zeitlichen Sprünge lässt sich der autofiktionale Roman sehr gut lesen und weckt Erinnerungen an die 1980er Jahre. Insbesondere, dass um jeden Preis der Schein gewahrt werden musste und Wohlstandssymbole sehr wichtig waren.
„Bis die Sonne scheint“ ist kein Wohlfühlroman, aber eine durchaus realistische Familiengeschichte mit tragischen, aber auch humorvollen Elementen.
Der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit
Dunkle Momente von Elisa Hoven
Der Roman „Dunkle Momente“ erzählt die fiktive Geschichte der Strafverteidigerin Eva Herbergen, die nach einer langen Karriere ihre Anwaltszulassung zurückgeben will. Vor etlichen Jahren hat sie aus privaten Gründen einem vermeintlichen Routinefall nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die vielleicht vonnöten gewesen wäre.
Für die katastrophalen Folgen trägt sie zwar keine Verantwortung, trotzdem haben Schuldgefühle ihr weiteres Handeln als Strafverteidigerin bestimmt. Um für ihre Mandant:innen die bestmögliche Lösung herbeizuführen, überschreitet sie dabei die Grenzen einer üblichen Mandatswahrnehmung.
In diese Rahmenhandlung eingebettet sind neun Fälle, die auf Basis real stattgefundener Verbrechen und anschließender Strafverfahren konstruiert wurden. Dabei wird weniger die eigentliche Anklage und das anschließende Verfahren dargestellt, das Hauptaugenmerk wird auf die Vorgeschichte und die Motive gelenkt. Was auf den ersten Blick eindeutig scheint, sieht durch einen Twist in der Handlung plötzlich ganz anders aus.
Der Roman ist in einfacher, klarer Sprache verfasst und lässt sich problemlos auch für juristische Laien lesen. Trotzdem vermittelt die Autorin einen guten Einblick in juristische Fragestellungen, die nicht unbedingt allgemein bekannt sind. Dieses neu erworbene Wissen kann dazu beitragen, Unmut und Unverständnis über die Rechtsprechung vorzubeugen.
Opfer und Täter, Schuld und Unschuld, das sind keine Gegensätze mehr, da gibt es Überschneidungen. Und Recht und Gerechtigkeit sind keinesfalls deckungsgleich.
Das ist durchaus spannend zu lesen, das Buch regt zum Nachdenken und Hinterfragen eigener Positionen an und eignet sich damit besonders als Diskussionsgrundlage mit anderen Lesenden.
Die Rahmenhandlung um Eva Herbergen fand ich weniger gelungen, sie wirkte zu konstruiert auf mich. Die Fälle hätten gut für sich alleine stehen können, das hätte auch die Möglichkeit zu längeren Lesepausen eröffnet. Obwohl mir fast alle zugrundeliegenden Straftaten und Verfahren bereits bekannt waren, ist mir die Aneinanderreihung nach dem fünften Fall zu viel geworden.
Trotz dieser Kritikpunkte würde ich den Roman weiterempfehlen, weil mir die Auswahl und Darstellung der Fälle gefallen hat und sich der Roman gut lesen lässt.
Positiv hervorzuheben ist das gelungene Cover, das man aber erst nach Beendigung des Romans richtig zu würdigen weiß.
Unterhaltsamer Einblick in den Alltag der Langzeitpflege
Das Herz kennt keine Demenz von Jim Ayag
In leichtem Ton berichtet Jim Ayag von seinem Werdegang und schildert den Alltag im Pflegeheim. Auf Umwegen hat er die Altenpflege als seine Berufung entdeckt, obwohl er genau diesen Berufszweig für sich immer als unvorstellbares Tätigkeitsfeld abgelehnt hat. Damit nicht genug, ausgerechnet die Arbeit mit dementen Menschen liegt ihm besonders am Herzen.
Anhand vieler Einzelbeispiele vermittelt er ein stimmiges Bild von den Menschen und Situationen, mit denen er zu tun hat. Frau Tippelkamp ist der Name, den er für alle Bewohnerinnen verwendet, obwohl es sich nicht um eine einzelne Person handelt.
Jim Ayag verschweigt nicht, dass es auch unangenehme und schwierige Situationen gibt, aber er betont die Anteile, die meist nicht gesehen werden. Altenpflege ist eben nicht nur Körperpflege, es gibt viele berührende Momente, auch wenn der Zeitdruck enorm ist.
Wichtig ist, die Menschen mit ihrer Biografie und in ihrer aktuellen Verfassung ernst zu nehmen und Mitgefühl zu haben. Er gibt etliche Beispiele, die im Umgang mit dementen Menschen aus Unwissenheit zu Problemen führen, die es nicht geben müsste. So ist es nicht notwendig, in Erzählungen Fehler zu korrigieren oder ständig zu widersprechen. Damit verunsichert man einen desorientierten Menschen zusätzlich. Gerade Angehörigen fällt es aber schwer, das zu akzeptieren.
Neben der Schilderung der Arbeit mit den zu Pflegenden wirbt Jim Ayag auch für ein anderes Miteinander der Beschäftigten in der Pflege. Gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichen Professionen sowie der geleisteten Arbeit der Kolleg:innen müssen an die Stelle von Geringschätzung und Abwertung treten.
Die Überalterung der Gesellschaft mit der sicheren Zunahme von pflegebedürftigen und dementen Menschen wird zu einem riesigen Problem in der Betreuung führen, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird. Ein anderes Bewusstsein und mehr Wertschätzung für Menschen am Ende des Lebens ist eine zentrale Forderung in diesem Buch.
Mich haben etliche Beispiele und Forderungen in diesem Buch sehr nachdenklich gestimmt, bei anderen musste ich lachen, weil ich ähnliche Situationen erlebt habe.
Als Einstieg in das Thema und für Angehörige, die betroffen sind, kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Es ist kein wissenschaftliches, trockenes Sachbuch, sondern ein leicht lesbarer Einblick eines Praktikers in den Alltag der Langzeitpflege.











