Kunden em pfehlungen
Rezensionen von bedard:
Wenn Sprachlosigkeit weitervererbt wird
Über vier Leben von Pauline Hatscher
Mirabell ist für ihr Studium nach Leipzig gezogen, hat dort aber keinen Anschluss gefunden. Nach ihrem Abschluss bleiben ihre Bewerbungen erfolglos, auch mit Dating-Apps kommt sie nicht zurecht. In der Therapie spricht sie über ihre Einsamkeit und ihre Unfähigkeit, etwas daran zu ändern. Schließlich kommt sie auf die Idee, die Ursachen ihrer Probleme in der weiblichen Linie ihrer Familiengeschichte zu suchen.
Über ihre Urgroßmutter Hannchen und ihre Großmutter Lisa weiß sie allerdings nur wenig, und ihre Mutter Sabine meidet tiefere Gespräche. Aus den wenigen Fakten rekonstruiert Mirabell entscheidende Lebensabschnitte der drei Frauen – in der Hoffnung, in deren Leidensgeschichte eine Erklärung für ihr eigenes Unglück zu finden.
Mirabells Familiengeschichte wird nicht chronologisch erzählt. In raschem Wechsel erfährt man Bruchstücke aus den Lebensgeschichten der einzelnen Frauen, die Mirabell anhand weniger Fakten in einen möglichen Zusammenhang bringt.
Hannchens Leidensgeschichte beginnt im Jahr 1930, als sie nicht nur sexuelle Gewalt erfährt, sondern von der Familie verachtet und schließlich sogar verstoßen wird. Die nichteheliche Tochter Lisa wächst bei der wenig empathischen Schwägerin Erna auf. Ihre Depression wird Ende der 1960er-Jahre nicht adäquat behandelt, und als sie Suizid begeht, ist ihre Tochter Sabine noch zu klein, um wirkliche Erinnerungen an ihre Mutter zu behalten. Obwohl Sabine Mitte der 1990er ganz andere Möglichkeiten für ihre Lebensplanung offenstanden, war der Wunsch nach Ehe und Familie so bestimmend, dass sie dafür alles in Kauf nahm. Für Mirabell ist Sabine die einzige der Frauen, die sie persönlich kennengelernt hat, und die Ehe ihrer Eltern ist als Vorbild für eine eigene, gleichberechtigte und respektvolle Beziehung wenig geeignet.
Am Ende ihrer Rekonstruktion hat Mirabell die Geschichte mehrerer Frauengenerationen ihrer Familie aus wenigen Bruchstücken zusammengesetzt – eine Geschichte von Schmerz und Gewalt, vom Leiden unter patriarchalen und fremdbestimmten gesellschaftlichen Strukturen. Sie kann so oder so ähnlich geschehen sein.
Sowohl sprachlich als auch vom Erzähltempo und von den Charakterzeichnungen her ist dieses Romandebüt in jeder Hinsicht absolut überzeugend. Man fühlt mit den Frauenfiguren, verzweifelt an der Ungerechtigkeit, die Hannchen erleben musste. Die inadäquate Reaktion auf Lisas Krankheit ist zutiefst deprimierend, das allmähliche Hinführen zu diesem unausweichlichen Schlusspunkt nur schwer zu ertragen. Am schlimmsten war für mich persönlich aber Sabines Geschichte auszuhalten, weil sie eigentlich andere Möglichkeiten hatte. Gleichzeitig sind es aber gerade die Gespräche zwischen Sabine und Mirabell, in denen deutlich wird, wie Verhalten und Sprachlosigkeit in Familien an die nächste Generation weitergegeben werden und deren Leben mitbestimmen.
Ein großartiger und sehr empfehlenswerter Roman, der lange nachhallt.
Es ist nie zu spät für einen Neuanfang
Wirf einen Schatten von Elena Fischer
Weihnachten 1963: Joseph hat beschlossen, sein Leben zu beenden. Er ist Bauer, seine Frau Lis hat ihn vor einigen Monaten gemeinsam mit dem vierjährigen Sohn Samuel verlassen. Einsam auf dem abgelegenen Hof zurückgeblieben, führt Joseph nur noch die notwendigsten Arbeiten durch.
Doch im letzten Moment platzt die schwerkranke Birdie in sein Leben, um deren Genesung er sich kümmern muss.
Die zwanzigjährige junge Frau ist das genaue Gegenteil des wortkargen und zurückhaltenden Joseph. Sie weiß genau, was sie will, und nach anfänglichem Widerstand beginnt Joseph, sich von ihrer Entschlossenheit anstecken zu lassen. Außerdem ist da noch Ada, die ältere Schwester seiner Frau, die trotz der Trennung weiterhin an Josephs Seite steht.
In ruhigem, sehr poetischem Ton erzählt der Roman die Geschichte eines Mannes, der nie gelernt hat, über seine Gefühle zu sprechen. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, konnte Joseph den Erwartungen seines harten und empathielosen Vaters nie gerecht werden. Der Krieg, familiäre Tragödien und der Tod seiner Großmutter zwangen ihn schon früh in ein Leben, das er sich nie selbst ausgesucht hätte. In Rückblenden bis in das Jahr 1957 entfaltet sich nach und nach seine Geschichte und macht schließlich auch die Ursachen für das Scheitern seiner Ehe mit Lis verständlich.
Trotz dieses Hintergrunds und des hoffnungslos wirkenden Beginns ist der Roman keineswegs durchgängig düster. Vielmehr erzählt Elena Fischer sehr behutsam von einem Menschen, der Schritt für Schritt wieder einen Weg ins Leben findet. Gerade weil diese Veränderung langsam und ohne große dramatische Wendungen geschieht, wirkt sie besonders glaubwürdig.
Josephs spätes und oft unbeholfenes Bemühen um die Beziehung zu seinem kleinen Sohn sowie seine vorsichtige Annäherung an andere Menschen gehören für mich zu den stärksten Momenten des Romans.
Mich hat „Wirf einen Schatten“ vor allem durch seinen ruhigen, poetischen Ton und die glaubwürdige Entwicklung seiner Figuren überzeugt.
Düster und eindringlich
Deine Zeit wird kommen von Carl-Johan Vallgren
Carl-Johan Vallgren hat mit dem vorliegenden Thriller zu Recht den schwedischen Krimipreis 2024 gewonnen.
1993: Im ländlichen Gebiet an der Grenze zwischen Halland und Småland wird die Leiche einer jungen, unbekannten Frau im Wasser gefunden. Sie ist kahl rasiert, stark abgemagert und ihr Körper weist Spuren einer längeren Gefangenschaft auf.
Die Ermittlungen führt zunächst Kommissar Björling, bis ihm seine Kollegin Johanna aus Stockholm zur Unterstützung zur Seite gestellt wird.
Als Björlings Tochter Malin während eines Campingausflugs mit ihrem Freund spurlos verschwindet, verdichten sich die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen.
Der Krimi zeichnet sich besonders durch seine düstere Atmosphäre und die detaillierten Charakterzeichnungen der beiden Ermittelnden aus.
Björling trauert noch immer um seine an Krebs verstorbene Frau. Seine Tochter Malin ist das Einzige, was ihm geblieben ist. Umso größer sind seine Verzweiflung über ihr Verschwinden und sein Gefühl der Ohnmacht, den Fall nicht schneller aufklären zu können. Johanna stammt ursprünglich aus dem Ort und trägt ebenfalls eine belastende Vergangenheit mit sich, die erst nach und nach offenbart wird.
Neben der eigentlichen Krimihandlung, den gelungenen Charakterisierungen der Protagonisten und dem ruhigen, durch die vielen Dialoge dennoch lebendigen Erzählstil haben mir besonders die eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen gefallen.
"Deine Zeit wird kommen" ist ein gelungener Schwedenkrimi, der vor allem durch seine bedrückende Atmosphäre überzeugt und Lesende anspricht, die auf rasante Actionszenen verzichten können.
Spannend und wendungsreich
Weil sie lügt von Caroline Seibt
Vor anderthalb Jahren ist Juli verschwunden, die Polizei geht von einem Verbrechen aus und verdächtigt den Vater des Mordes an seiner ältesten Tochter. Seit einigen Monaten sitzt er in Haft, obwohl eine Leiche bisher nicht aufgetaucht ist. Seitdem kümmert sich seine Tochter Anna alleine um ihren kleinen Bruder Leon und die psychisch kranke Mutter.
Fest von der Unschuld des Vaters überzeugt, misstraut sie der Polizei und sucht auf eigene Faust nach der Wahrheit. Erst als mit Katharina einer neuen Ermittlerin die Leitung des Falles übergeben wird, ergeben sich neue Hinweise.
Die spannende Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive von Anna und Katharina erzählt und lässt sich wirklich sehr leicht lesen. Einige Charaktere sind allerdings etwas klischeehaft beschrieben. So vernachlässigt die toughe Polizistin Katharina ihr Privatleben, ihr Kollege rivalisiert wegen seines verletzten männlichen Egos, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ausgeglichen wird dieses leichte Manko aber durch die vielen Wendungen, die der Plot nimmt. Eine vermeintlich offensichtliche Auflösung erweist sich als falsch, und auch die nächste Fährte führt in die falsche Richtung. Fast alle Fragen werden zum Ende hin logisch beantwortet, auch wenn das Ende selbst ein wenig konstruiert und abrupt wirkt.
Weil sie lügt ist kein perfekter Thriller, aber gut geschrieben, unterhaltsam und spannend.
Ein Mosaik aus Erinnerungen und Begegnungen
Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami
Rafik Schami begleitet mich schon viele Jahre, und ich mag seine besondere Art zu erzählen. Seine Geschichten verlaufen selten geradlinig, sie nehmen Umwege, schweifen ab und entfalten sich oft erst nach und nach. So ist es auch in „Das Mosaik der Frauen“. Wer einen straff erzählten Roman erwartet, braucht vielleicht etwas Geduld.
Wer sich jedoch auf Schamis Erzählweise einlässt, wird mit einer vielschichtigen und warmherzigen Geschichte belohnt.
Schon Cover und Titel haben mich sofort angesprochen. Sie passen wunderbar zum Inhalt, denn wie ein Mosaik setzt sich das Leben des Protagonisten Nadim Suri aus vielen einzelnen Erinnerungen und Begegnungen zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Frauen, die ihn geprägt, begleitet, geliebt oder herausgefordert haben. Besonders beeindruckt hat mich dabei der respektvolle und wertschätzende Blick auf diese Frauenfiguren. Sie sind weit mehr als Randfiguren, jede von ihnen hinterlässt ihre eigene Spur.
Neben den persönlichen Schicksalen erzählt Schami auch von Syrien, von kultureller Vielfalt, politischer Unterdrückung, Flucht und Exil. Diese Themen fließen ganz selbstverständlich in die Handlung ein und wirken nie aufgesetzt oder belehrend.
Manchmal waren mir die vielen Abschweifungen und Nebengeschichten etwas zu ausführlich, und nicht jede Figur erhielt den Raum, den sie verdient hätte. Dennoch gehört genau diese Art des Erzählens zu Rafik Schami, und für mich überwiegen die Stärken des Romans deutlich.
„Das Mosaik der Frauen“ ist vielleicht kein perfektes Buch, aber ein sehr menschliches, kluges und berührendes. Es wirkt wie eine Liebeserklärung an die Frauen, die unser Leben prägen, und zugleich wie ein Rückblick auf ein bewegtes Jahrhundert. Sollte dies tatsächlich Rafik Schamis letzter Roman sein, dann ist ihm damit ein würdiger und lesenswerter Abschluss gelungen.
4,5 von 5 Sternen.
Bakterien für Einsteiger – unterhaltsam, anschaulich und manchmal etwas zu oberflächlich
Bakterien – die heimlichen Helden von Peter Wohlleben
Peter Wohlleben widmet sich in "Bakterien – Die heimlichen Helden" einer Welt, die uns ständig umgibt und dennoch meist unsichtbar bleibt. Das Buch ist in drei größere Teile gegliedert: Zunächst geht es um den Ursprung und die Bedeutung von Bakterien für das Leben auf der Erde, anschließend um ihren Einfluss auf unseren Alltag – von Darmflora und Ernährung bis hin zu Hygiene und Haushalt.
Im letzten Abschnitt richtet Wohlleben den Blick in die Zukunft und zeigt mögliche Einsatzgebiete von Bakterien, etwa in der Lebensmittelproduktion, beim Umgang mit Mikroplastik oder in der Gentechnik. Ein umfangreicher Anhang mit rund 20 Seiten Quellenangaben unterstreicht dabei den wissenschaftlichen Hintergrund der vorgestellten Erkenntnisse.
Besonders positiv aufgefallen ist mir der leicht zugängliche Schreibstil. Wohlleben versteht es, auch komplexere Zusammenhänge verständlich zu erklären, ohne den Leser mit Fachbegriffen zu überfordern. Stattdessen arbeitet er häufig mit Metaphern, Gedankenexperimenten und anschaulichen Bildern. Das macht die Lektüre kurzweilig und eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die sich erstmals intensiver mit dem Thema beschäftigen möchten.
Allerdings hat dieser Ansatz auch seine Schattenseiten. Viele der vorgestellten Studien und Erkenntnisse waren mir bereits bekannt, und insgesamt bleibt das Buch häufig an der Oberfläche. Gerade bei besonders spannenden Themen hätte ich mir mehr Tiefe und dafür vielleicht etwas weniger Einzelbeispiele gewünscht. Zudem sind einige Spekulationen des Autors eher ungewöhnlich und wirkten auf mich stellenweise etwas irritierend. Auch die sehr lockere Sprache mit Bezeichnungen wie „Knilch“ oder „Wicht“ für Bakterien dürfte Geschmackssache sein. Einerseits macht sie das Buch zugänglicher, andererseits wirkt sie für ein Sachbuch gelegentlich etwas zu flapsig.
Praktisch fand ich die klare Gliederung mit vielen kurzen Kapiteln. Dadurch eignet sich das Buch nicht nur zum Durchlesen am Stück, sondern auch, um einzelne Themen gezielt nachzuschlagen oder später erneut darin zu stöbern.
Mein Fazit: "Bakterien – Die heimlichen Helden" ist ein unterhaltsam geschriebenes populärwissenschaftliches Sachbuch, das einen guten Einstieg in die faszinierende Welt der Mikroorganismen bietet. Wer bereits über fundierte naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügt, wird sich möglicherweise etwas mehr fachliche Tiefe wünschen. Für interessierte Laien ist das Buch jedoch gut geeignet und vermittelt auf anschauliche Weise, wie sehr Bakterien unser Leben beeinflussen. Die hochwertige Aufmachung des Buches rundet den positiven Gesamteindruck ab.
Starke Idee, falsche Richtung
Mit anderen Augen von Jane Tara
Starke Idee, falsche Richtung
Als ich mit Mit anderen Augen begonnen habe, war ich sofort begeistert. Selten hat mich ein Roman so schnell gepackt. Die Idee, dass Frauen im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar werden, hätte mich normalerweise eher abgeschreckt, weil sie so unrealistisch klingt. Doch gerade die Tatsache, dass bei Tilda zunächst nur ein kleiner Finger verschwindet, macht den Einstieg überraschend glaubwürdig.
Die Autorin verbindet diese ungewöhnliche Prämisse geschickt mit einer sehr realen Erfahrung vieler Frauen: dem Gefühl, mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen zu werden.
Besonders gelungen fand ich dabei den feinen Humor, die klugen Kapitelüberschriften und die vielen Beobachtungen zu Rollenbildern, Erwartungen und Diskriminierung. Trotz aller Leichtigkeit steckt gerade zu Beginn viel Gesellschaftskritik in der Geschichte, und immer wieder gab es Sätze, über die ich länger nachgedacht habe.
Auch Tildas erste Reaktionen auf ihre Diagnose wirkten auf mich nachvollziehbar und menschlich. Dass sie nicht immer vernünftig oder vorbildlich handelt, machte sie als Figur glaubwürdig. Die Selbsthilfegruppe, ihre Freundschaften und die Begegnungen mit anderen Betroffenen eröffneten zudem spannende Perspektiven auf das zentrale Thema.
Leider hat das Buch für mich im weiteren Verlauf zunehmend an Stärke verloren. Aus der gesellschaftskritischen Geschichte über Sichtbarkeit, Selbstwert und weibliche Rollenbilder wurde immer mehr eine Mischung aus Liebesgeschichte, Selbstfindungsroman und spirituellem Heilungsweg. Gerade dieser Wandel hat mich enttäuscht, weil die Ausgangsidee so viel Potenzial hatte.
Besonders kritisch sehe ich die starke Betonung von Meditation, Selbstheilung und innerer Transformation als Lösung tief verwurzelter Probleme. Natürlich können solche Ansätze hilfreich sein, aber hier wirkte vieles auf mich zu einfach und zu schnell. Vor allem die Vorstellung, langjährige Verletzungen und Traumata ließen sich innerhalb kurzer Zeit auflösen, erschien mir wenig überzeugend. Auch die Liebesgeschichte konnte mich nicht wirklich überzeugen. Sie wirkte auf mich eher wie ein zusätzlicher Handlungsstrang, den die Geschichte nicht gebraucht hätte.
Dabei gab es bis zum Schluss immer wieder Elemente, die mir gefallen haben: den Humor, die unterschiedlichen Frauenfiguren, die Freundschaften und einzelne starke Szenen. Umso mehr bedauere ich, dass der Roman den Fokus auf sein eigentlich spannendes Kernthema zunehmend verliert.
Für mich fühlt sich Mit anderen Augen deshalb an wie zwei verschiedene Bücher in einem. Der Anfang verspricht eine kluge, feministische Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Unsichtbarkeit, während die zweite Hälfte eher in Richtung Wohlfühlroman mit Happy End geht. Beides für sich genommen hätte funktionieren können, doch die Verbindung der beiden Ansätze hat mich letztlich nicht überzeugt.
Schade um eine wirklich großartige Grundidee, die für mich deutlich mehr Tiefe und Konsequenz verdient hätte.
Wer ist eigentlich "The Artist?"
The Artist von Lucy Steeds
Wer ist eigentlich "The Artist?"
Zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erhält der junge Journalist Joseph Adelaide die Gelegenheit, den berühmten Maler Édouard Tartuffe zu interviewen. Auf der Suche nach einem Neuanfang reist er in die sonnenüberflutete Provence. Doch unter der scheinbaren Leichtigkeit des Sommers wirken die Folgen des Krieges noch nach.
Der Einstieg fiel mir trotz des schönen, atmosphärischen Schreibstils nicht ganz leicht. Die Handlung entwickelt sich eher langsam und erfordert ein wenig Geduld. Dennoch fand ich die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander spannend. Joseph ist ein sympathischer, aber sehr unsicherer junger Mann, der sich den Launen Tartuffes beugen muss, um sein Ziel – eine große Story – zu erreichen. Ettie erscheint zunächst fast wie ein Dienstmädchen, das kocht, putzt und die Ausbrüche ihres Onkels erträgt. Doch nach und nach zeigt sich, wie klug, ehrgeizig und künstlerisch begabt sie tatsächlich ist.
Besonders gefallen haben mir die Einblicke in die Welt der Malerei. Die Beschreibungen des künstlerischen Arbeitens und die Frage, wem Kreativität und Talent zugeschrieben werden, ziehen sich als roter Faden durch den Roman. Dabei wird auch deutlich, wie schwer es für Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, Künstlerinnen zu sein und als solche ernst genommen zu werden.
Interessant fand ich zudem die Entwicklung Tartuffes. Zunächst wirkt er wie das Klischee des genialen, aber unerträglichen Künstlers. Im Verlauf der Geschichte werden jedoch immer stärker seine Einsamkeit, seine Verletzlichkeit und sein Ringen mit den eigenen Ansprüchen deutlich, sodass die Figur an Tiefe gewinnt.
Mit der Liebesgeschichte zwischen Ettie und Joseph habe ich mich dagegen zeitweise etwas schwergetan. Vor allem im Mittelteil nahm das Hin und Her für meinen Geschmack zu viel Raum ein. Dafür konnte mich das Ende umso mehr überzeugen. Besonders gelungen fand ich, dass Etties Weg nicht in erster Linie von einer romantischen Beziehung geprägt wird, sondern von ihrem Wunsch nach künstlerischer und persönlicher Unabhängigkeit.
Auch der Titel erhält dadurch eine spannende zusätzliche Bedeutung: Wer ist eigentlich „The Artist“? Der gefeierte Tartuffe? Ettie? Oder vielleicht beide? Gerade diese Frage macht den Reiz des Romans aus.
Ein atmosphärisches Debüt mit interessanten Figuren, anschaulichen Einblicken in den Entstehungsprozess von Gemälden und einem Ende, das mich nach einem etwas schwierigeren Mittelteil wieder mit dem Roman versöhnt hat.
Geschichte einer starken, modernen Frau in einem traditionellen Dorf
Die Briefträgerin von Francesca Giannone
Geschichte einer starken, modernen Frau in einem traditionellen Dorf
„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, herzliche, aber manchmal auch leicht missbilligende Miteinander, das für mich perfekt zum italienischen Dorfleben passt.
Genau diese Mischung macht die Geschichte unglaublich authentisch.
1934 zieht Anna mit ihrem Mann Carlo und ihrem Sohn Roberto aus Norditalien in Carlos Heimatdorf Lizzanello in Apulien. Für Carlo ist es ein Heimkommen, für Anna dagegen der Beginn eines Lebens als Außenseiterin. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und passt mit ihrer Art nicht in die traditionellen Vorstellungen des Dorfes. Dass sie schließlich sogar als erste Frau die Stelle der Briefträgerin übernimmt, sorgt natürlich für Gesprächsstoff und Widerstand.
Besonders gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur Annas persönliche Geschichte erzählt, sondern gleichzeitig ein sehr lebendiges Bild des süditalienischen Dorflebens über mehrere Jahrzehnte zeichnet. Man begleitet die Familie durch Höhen und Tiefen, erlebt Konflikte, Liebe, Verlust, Freundschaften und die vielen kleinen Dynamiken innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die Figuren wirken dabei nie eindimensional – jeder trägt seine eigenen Wünsche, Schwächen und Geheimnisse mit sich.
Der Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch. Die Autorin beschreibt das Dorfleben und die Menschen so anschaulich, dass man beim Lesen die italienische Hitze und das enge Miteinander fast spüren kann. Trotz der historischen Kulisse wirken viele Themen erstaunlich aktuell, besonders die Frage danach, wie viel Freiheit Frauen zugestanden wird und wie schwer es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen.
Für mich ist „Die Briefträgerin“ eine berührende Familiengeschichte über Mut, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung mit starken Charakteren und viel italienischem Flair. Unterhaltsam und lesenswert!
Mehr Anekdoten als Handlung
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Mehr Anekdoten als Handlung
Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen sind sie beliebte und geschätzte Mitglieder der Gemeinschaft geworden; Anna engagiert sich weit über ihre Rolle als Haushälterin hinaus in der Gemeinde.
Doch dann stirbt Josef völlig überraschend mit nur 57 Jahren. Sein letzter Wunsch stellt Anna vor eine Herausforderung: Er möchte seine letzte Ruhestätte im Meer finden. Gleichzeitig muss sie die offizielle Begräbnisfeier organisieren, den neuen Priester willkommen heißen und sich zudem mit ihrer eigenen ungewissen Zukunft auseinandersetzen.
Neben der Gegenwartshandlung beschreibt die Autorin vor allem in zahlreichen Rückblicken und episodischen Anekdoten Annas Leben. Josef spielt dabei keine unbedeutende Rolle, bleibt jedoch eher eine Randfigur. Der Ton ist meist humorvoll, häufig sogar mit einer Tendenz zum Klamauk. Daneben gibt es aber auch einige ernstere Szenen und Begegnungen, die berühren und dem Roman etwas Tiefe verleihen.
Die sehr bildhaften Naturbeschreibungen vermitteln ein lebendiges Gefühl für die Kleinstadt und ihre Umgebung. Ebenso erwecken die teils skurrilen Charakterzeichnungen die Bewohner*innen zum Leben. Über weite Strecken bleibt allerdings offen, wann die Gegenwartshandlung genau spielt – jedenfalls deutlich später, als das Leben in Blumfeld, das Handeln der Figuren und ihre Gedankengänge zunächst vermuten lassen.
Das Verhältnis der beiden Zeitebenen fällt klar zugunsten der Vergangenheit aus. Auch die Handlung bleibt überwiegend in Blumfeld verortet; erst gegen Ende kommt das Meer tatsächlich in Sicht.
Der zweite Roman von Martina Bogdahn nach ihrem großen Erstlingserfolg ist flüssig und leicht lesbar geschrieben. Trotz der ernsten Ausgangssituation handelt es sich jedoch eher um einen Wohlfühlroman, der mich letztlich nicht überzeugen konnte. Ich hätte mir eine stringentere Handlung und mehr Tiefgang gewünscht – dafür weniger episodische Anekdoten und klamaukigen Humor.
Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass das Buch durchaus seine Fangemeinde finden wird.











