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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

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Sprachgewaltige und aufregende Parabel!

Malus von Simone Hirth

Dieser Roman ist furchtbar.
Furchtbar wichtig, furchtbar aktuell und auch noch furchtbar gut!


Die deutsch-österreichische Autorin Simone Hirth hat mit “Malus“ eine wahnsinnige Parabel über unsere patriarchale Gesellschaft geschrieben, in der noch viel zu oft toxische Männlichkeit regiert und unser Zusammenleben vergiftet.

Hirth lässt die biblischen Figur Evas das Paradies verlassen, nachdem sie (natürlich) einen Apfel gegessen hat und erkennt, dass ihre Beziehung zu Adam missbräuchlich und übergriffig ist.
Eva landet im jetzt und hier oder besser gesagt in Wien Meidling. Sie ist ungeplant schwanger mit Adams Kind und möchte für sich und das Kind ein selbstbestimmtes Leben aufbauen.


Eva trifft auf Magdalena, die ebenfalls ihr biblisches Leben hinter sich gelassen hat und ihr hilft, sich in ihrem neuen Leben zurecht zu finden. Gibt ihr den weiblichen Kanon der feministischen Literatur zu lesen: Wolf, Woolf, Streeruwitz, Atwood, Ernaux und viele mehr.

Doch da ist immer noch der verlassene Adam in seiner gekränkten Männlichkeit. Er ist wütend und gibt (natürlich) Eva für alles die Schuld.
Seine wiederkehrenden Sätze („wer glaubst du wer du bist?“, „Du wirst schon sehen, was Du davon hast!“) triggern auch mich gewaltig und rühren an meine Grundängste.

Das wiederkehrende und titelgebende Symbol des Apfels steht für vieles. Für Selbsterkenntnis (natürlich) im wahrsten Sinne des Wortes, für weibliche Selbstermächtigung, und für solidarische Schwesternschaft.

Ein toller, zutiefst feministischer Roman mit ganz vielen aktuellen Bezügen, sei es zur misogynen Rechtssprechung in Scheidungsprozessenn oder zu den Missständen in der Geburtshilfe. Eine Parabel, in der Eva singt „I‘m every woman“. Die Auseinandersetzung mit dem patriachalen Gott, der Adam protektioniert, gefällt mit als Atheist*in (natürlich) auch richtig gut.

Von mir gibt es eine große Empfehlung für diesen deutlichen und aufregenden Roman, der auch noch großartig zu unterhalten weiß. Ich habe mit „Malus“ die Autorin Hirth erst neu entdeckt, möchte aber dringend noch weitere Romane von ihr lesen.

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Sprachgewaltige und aufregende Parabel!
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Und ein sehr starker und vielversprechender Debütroman!

Dotterland von Karoline Therese Marth

Dieser Roman hat mir sehr gut gefallen, auch wenn klassische Coming-of Age Geschichten mittlerweile nicht mehr so mein Ding sind. Mit klassischen Coming-of Age meine ich aber eigentlich die aus späterer, meist männlicher Sicht, geschriebenen und schon durch das erwachsene Denken bereinigte und zensierte Geschichten.

Die Autorin Karoline Therese Marth ist allerdings allein schon durch ihr junges Alter noch ganz nah dran und lässt ihre Ich-Erzählerin sehr authentisch vom Übergang aus der Kinderwelt in die Erwachsenen Welt erzählen.

Und aus der Kindersicht auf die Rätsel der Erwachsenenwelt.
Mit den Sims kann sich die Erzählerin stundenlang die perfekte Familie und die perfekte Welt erschaffen. Bis die Erwachsenenwelt auch in diese Spielewelt vordringt.
Nur das Dotterland bleibt in der Fantasy die heile geschützte Prinzessinnenwelt.

Mit der Trennung der Eltern und dem Abwesenden Vater bekommt die Eierschale erste Risse und mit dem Eintreten in die Pubertät bricht die Schale ganz.
Das Ausprobieren von Drogen, Alkohol und das Austesten von Sexualität. Dieses Mischung aus Gefühlen von Unsterblichkeit und existenziell bedrohlichem Liebeskummer fängt Marth in der Originaltonart ein.
Während der Teenagerzeit gibt die Gesellschaft und das Umfeld noch die Lebensziele vor, eigene müssen noch gefunden werden.
Aber kann man die Geborgenheit der Kindheit später in sich selber finden? Ein Stück heile Welt hinüberretten und etwas Schönes finden in dem Schmutz der Erwachsenenwelt?

„Dotterland“ erinnert mich mit seinem authentischen Erzählstil sehr an Rin Usamis „Idol in Flammen“, was ich auch sehr mochte.
Ich gehöre eine anderen Generation an als die Autorinnen und doch kann ich mich in den emotionalen Struggels der Erzählerinnen wiederfinden.

Literarisch schreibt Marth auf hohem Niveau, was in Kombination mit der jugendlichen Stimme ihrer Figur eine ganz eigene, besondere Erzählstimme ergibt.
Ein dünner Roman mit viel Gehalt, der mich v.a mit der emotionalen Gefühlswelt der Teenagerzeit überzeugen konnte.

Und ein sehr starker und vielversprechender Debütroman!

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Zeitgeistig, aber inhaltlich unverbindlich

Tasmanien von Paolo Giordano

„Tasmanien“ konnte nicht an meine Begeisterung über Giordanos „Den Himmel stürmen“ (2018) anknüpfen. Dieser Roman und „Die Einsamkeit der Primzahlen“ waren für mich eindrückliche Lese- und Hörerlebnisse, was ich über „Tasmanien“ nicht sagen werde.

Ich kann nicht einmal sagen, ob ich „Tasmanien“ für ein gutes Buch halte, zu undifferenziert ist meine Meinung darüber.

Es entzieht sich meinem Zugang auf mir ungewohnte und unübliche Weise.

Paolo Giordano schreibt über seine Figur Paolo, die genauso alt ist und einen ähnlichen Beruf hat, wie er selbst. Das lässt mich spekulieren, wie ähnlich Giordano seinem Ich-Erzähler wirklich ist.

Paolo steckt in einer tiefen individuellen und globalen Sinnkrise. Seine Ehe ist am Scheideweg, der gemeinsame Kinderwunsch bleibt unerfüllt.
Klimaveränderungen, Terroranschläge und der unbedingte Zerstörungswille der Menschheit, das sind die globalen Themen, die Paolo beschäfftigen.
Sein einziger Coping Mechanismus: Flucht und Verdrängung. Paolo vermeidet jegliche Stellungnahme und Verantwortung.
Paolos Verhalten scheint mir nicht das eines erwachsenen Mannes, es scheint mir das eines heranwachsenden Kindes.
Das mag alles sehr zeitgeistig sein, ich persönlich kann dieser Erzählart nicht viel abgewinnen. Wahrscheinlich liege ich mit meiner Interpretation daneben, aber mir deucht das schon sehr nach detaillierten Beschreibungen von Vermeidungsstrategien in Kombination mit fragiler Männlichkeit.
Ja, es ist unleugbar ein universales Problem, dass wir uns angesichts unserer privaten und globalen Krisen gerne abwenden und entziehen, doch in Giordanos Bearbeitung des Themas finde ich nichts neues. Zudem ist er mir seiner mutmaßlichen Aussage zu unverbindlich und deutungsoffen. Das sehen die vielen italienischen Leser*innen auf jeden Fall anders, denn „Tasmanien“ gilt als das meistgelesene Buch des vergangenen Jahres.

In den Passagen, in den denen Giordano über die historische Atombombe und seine Entwickler schreibt, spüre ich meine alte Faszination für den Autoren. Sie sind fesselnd und spannend geschrieben und bieten die Parallelen in unsere heutige Zeit deutlich an. Auch handwerklich beherrscht Giordano sein Werkzeug, das wiederkehrende Thema der Wolken (sowohl symbolisch als auch konkret) sowie das allegorische Tasmanien ziehen sich als roter Faden durch den Roman und schaffen so ein anspruchsvollen und literarischen Roman im typischen Giordano Stil.

Ich möchte keine Empfehlung für oder wieder den Roman aussprechen. Meine Enttäuschung ist tu einem gewissen Teil meiner hohen Erwartungshaltung geschuldet und die schwache Ausarbeitung der Themen hat vielleicht seinen eigenen Sinn und Reiz, der mir verschlossen blieb.

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Zeitgeistig, aber inhaltlich unverbindlich
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Unterhaltsam, sexy und kaputt: Eine Liebesgeschichte aus New York

Cleopatra und Frankenstein von Coco Mellors

Ich wollte den Roman unbedingt lesen. Und er hat meine Erwartungen nicht enttäuscht, ich mochte ihn ziemlich gerne.
Ein richtiger Page Turner.

Die spoilerfreie Kurzzusammenfassung könnte lauten: ein kaputter, mittelalter Mann und eine kaputte, junge Frau verlieben sich in einander, haben tollen Sex und heiraten spontan.

So weit, so Romance.
Doch natürlich beginnt nach jeder Verliebtheit der Alltag und die Pheromone können bestehende Probleme nicht auf ewig überdecken…

Stimmt, der Plot hört sich jetzt nicht nach was noch nie Dagewesenem an und die Grundstory habe ich schon in verschiedenen Romanen und Filmen mit unterschiedlichem Ausgang gesehen.
Aber es ist eben auch einfach ein tolle Geschichte und ich will sie noch öfter in den verschiedensten Varianten lesen.
Vorausgesetzt die Rahmenbedingungen passen und das tun sie bei Coco Mellors ausgezeichnet.
Ihr Schreibstil ist sehr eingängig aber dabei ungewöhnlich und abwechslungsreich genug um einen gewissen Anspruch zu befriedigen. Die Nebenfiguren und Handlungen genau richtig in ihrer Anzahl um zusätzliche Themen einzubringen ohne die Haupthandlung zu überfrachten.
Auch die Sexszenen gefallen mir richtig gut, sie sind nicht zu glatt aber nicht kinky genug, um Anstoß zu erregen.

Wirklich very, very nice.

Hätten mir die oben genannten Benefits nicht so viel Freude gebracht, dann könnte ich einige Kritikpunkte anbringen. Die Feministin in mir stört sich etwas am Ausgang der Frank-Plotline, aber gut, bestimmt bin ich einfach nur neidisch. Außerdem, warum immer diese mittelalten Männer? Kann mensch seine junge weibliche Selbstzerstörung nicht mit gleichaltrigen Männern ausleben?

Aber ich will gar nicht kritisieren. Ich will sagen, dass mir der Roman trotz möglicher fragwürdiger Punkte einfach richtig gut gefallen hat und mir gute Lesestunden ohne Alltagssorgen bereitet hat.

Und das reicht definitiv für eine Leseempfehlung!

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Unterhaltsam, sexy und kaputt: Eine Liebesgeschichte aus New York
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Leuchtende Sprache und stark erzählt!

Das Pferd im Brunnen von Valery Tscheplanowa

Dieser Roman war ein reiner Cover Griff und zwar ein äußerst glücklicher.
Ich fand hier überraschend ein kleines, leuchtendes Juwel.
Und den Beweis, dass große Familienromane nicht zwangsläufig viele Seiten brauchen.

Valery Tscheplanowa beschreibt in ihrem ersten, teilweise autobiografischen Roman, die Geschichte von vier Generationen russischer Frauen.

Sie spannt einen großen Bogen vom blauen Linoleumboden in einer kleinen Wohnung im russischen Kasan bis nach Deutschland, wo die Ich-Erzählerin heute lebt.
Es ist die Geschichte ihrer Spurensuche in die Vergangenheit ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Die Geschichte von stolzen und unabhängigen Frauen, die vom harten Leben zu unbeugsamen Stahl geformt wurden um zu überleben.

„Das Leben ist ein Kampf und es gewinnen nur die Starken.“

Anhand von verschiedenen Episoden zeichnet Tscheplanowa ein intensives Bild dieser Familie, in der zwar geliebt wird, aber der Stolz verhindert es zu zeigen oder auszudrücken.

„Und dort wird sie auch mit ihm am Tisch sitzen. Und nur mit ihm. Dem Stolz.“

Jenseits der starken Geschichte und Charaktere ist Tscheplanowas Sprache ist für mich ein wahrhaftes Highlight. Sie leuchtet und strahlt in jeder Zeile voller Kraft und ist erfüllt voller Weisheit und Tiefe. Das erfüllt mich mit großer Freude und ich liebe es wirklich sehr!

Kurz: für diesen unglaublich starken Roman gibt es von mir eine deutliche und dringliche Empfehlung!

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Leuchtende Sprache und stark erzählt!
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Emotional, wertvoll und empfehlenswert!

Kontur eines Lebens von Jaap Robben

Nach dem Beenden des Romans durfte ich den beigelegten, geheimnisvollen Brief lesen. Er war vom Autor Jaap Robben selbst und sehr bewegend. Darin schreibt er über die Enstehungsgeschichte des Romans und die real zu Grunde liegenden Hintergründe und Menschen.
Seine Protagonistin Fieda Tendeloo ist fiktional und steht stellvertretend für viele Frauen ihrer Generation, nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in seinen Nachbarländern.

Frieda ist heute 81 Jahre alt und lebt in einem Pflegeheim, da sie seit dem kürzlichen Tod ihres Mannes nicht mehr alleine leben kann. Ihr einziger Sohn, der selbst kurz davor steht das erste Mal Vater zu werden, ist einer ihrer wenigen verbliebenen Sozialkontakte. Frieda ist keine rüstige thoughe alte Dame, wie ich sie aus anderen Romanen kenne. Robben beschreibt sehr einfühlsam aus Friedas Sicht, wie es sich anfühlt, selbst bei intimsten Verrichtungen auf bezahlte Hilfe angewiesen zu sein und wie sie immer mehr die Kontrolle über sich selbst und ihr Leben verliert.
Aber ich lerne auch eine ganze andere Frieda kennen, eine ganz junge Frieda, voller Träume, Liebe und Hoffnungen. Es ist die Frieda der Vergangenheit, der, trotz der geschlechtervorgegeben Bergrenzungen der damaligen Zeit, viele Wege offen stehen.
Bis sie sich in einen verheirateten Mann verliebt, mit ihm eine Affäre beginnt und ungeplant und ungewollt schwanger wird…

Ich finde die Passagen aus dem Heute sehr gelungen. Die unausgesprochenen Themen zwischen Mutter und Sohn, die langsam an die Oberfläche drängen, fangen einen ganzen Generationenkonflikt ein.
In den Erzählsträngen aus der Vergangenheit thematisiert Robben unter anderem die strengen gesellschaftlichen Konventionen denen v.a. Frauen unterworfen waren. Mir als glücklich unverheiratetes Elternteil macht das deutlich wie viel sich seither geändert hat.
Die Eingangs erwähnte Universalität seiner Figuren macht den Roman zu einem Spiegel dieser Zeit. Diese Universalität lässt den Figuren auf der anderen Seite für mich zu wenig Raum für Indiviualität. Sie wirken manchmal wie Spielbälle ihrer Zeit und ihres Schicksals und dadurch sehr determiniert. Das wirft die Frage auf, wie frei wir (auch heute) wirklich in unseren Handlungen sind oder doch durch die Umstände und unser Umfeld gezwungen sind.
Spannend finde ich die Frage, wie und ob trotz tragischer Vergangenheit ein glückliches, gutes Leben möglich ist und welche Rolle Schweigen und Verdrängung in diesem Kontext spielt.
Der Erzählstil ist konventionell und hält trotz der am Ende etwas zu gewollt erzeugten Suspense wenig Überraschungen bereit. Das kann je nach persönlichen Vorlieben als angenehm zu lesen oder als vorhersehbar aufgefasst werden.

Unabhängig davon erzählt Robben mit Friedas wertvoller Geschichte entlang der Kontur eines Lebens und schafft dabei einen sehr lesenswerten und zu Herze gehenden Roman.

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Emotional, wertvoll und empfehlenswert!
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Rasanter Roman mit Knalleffekt

Männer töten von Eva Reisinger

„Würden Sie sagen, dass es hier anders zugeht als im Rest von Österreich?“

„In Engelhartskirchen gibt es keine Fälle von häuslicher Gewalt. Keine Sexualdelikte. Keine Frauenmorde.“

Ja, diesem kleinen österreichischen Provinzkaff Engelhartskirchen ist alles ein klein wenig anders.
Das merkt auch Anna Maria, als sie aus der Hauptstadt Wien mit ihrem Neu-Lover Hannes spontan in dessen Heimatdorf zieht.

Der Musikgeschmack ist hier retro, das Essen auch und Sonntags geht es in die (katholische) Kirche.
So weit, so das Landliebe Klischee.
Nur, warum gibt es so viele glückliche Witwen und so viele ungewöhnliche Todesfälle unter der männlichen Bevölkerung?
Die Großstädterin Anna Maria und ich als Leser*in kommen ziemlich schnell auf die Lösung des Mysteriums, schließlich lautet der doppeldeutige Buchtitel „Männer töten“.

Diese Kurzbeschreibung verspricht eine spannende Geschichte und die wahnsinns Cover- und Buchgestaltung hat meine Erwartungshaltung ziemlich hoch geschraubt. So ganz kann der Roman meinen hohen Erwartungen nicht entsprechen.
Der Plot schlingert wild, ändert seine Stimmungslage von lustig-makaber zu ernsthaft-betroffen. Das mag die erwähnte Popkultur-Poesie vom Klappentext sein, bleibt mir persönlich aber zu redundant. Der Roman lässt sich äußerst locker und schnell weglesen, aber mir mangelt es an inhaltlicher Verbindlichkeit. Viele Aspekte werden angerissen, aber letztendlich nicht weiter verfolgt.
Leider zu guter Letzt auch nicht die eigentliche Handlung, was generell bei Romanen für mich kein Muss ist, mich hier aber nicht überzeugen kann.

Männliche Gewalt, Vergewaltigungen und Frauenmorde. Männer, die bestärkt vom Patriarchat glauben, das Vorrecht und die Deutungshohheit über weibliche Körper und Lebenswege zu haben.
Das sind für mich sehr, sehr wichtige gesellschaftliche Themen, die immer noch viel zu wenig in Literatur und in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen werden.
Alleine deswegen feiere ich Reisingers modernen und rasanten Roman, auch wenn er mich in seiner Ausarbeitung nicht wirklich überzeugen konnte. Ich denke, er wird auf jeden Fall sein Publikum finden.

Und bei einer Verfilmung werdet ihr mich sicher im Kinosaal wiederfinden.

Side fact: auf Spotify gibts die passende, gleichnamige Playlist

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Rasanter Roman mit Knalleffekt
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Unterhaltsam und anspruchsvoll

Der Zauberer vom Cobenzl von Bettina Balàka

Obwohl Bettina Balàka mit „Der Zauberer vom Cobenzl“ ihr 21. (!) Buch veröffentlicht, ist es (soweit ich mich erinnere) mein erster Roman dieser preisgekrönten österreichischen Schriftstellerin.
Es wird aber nicht mein letzter bleiben, denn dieser feinsinnige historische Roman hat mir ziemlich gut gefallen!

In der ersten Hälfte des 19.

Jahrhunderts ist Europa in Aufbruchsstimmung. Erfindungen und Entdeckungen werden gemacht, und die westliche Menschheit wähnt sich kurz vor den Enthüllung der letzten Geheimnisse des Universums.
Neue Wissenschaften sollen alten Aberglauben ersetzen und neue Techniken das Leben erleichtern anstatt der Religion. Aus dieser Zeit lässt Balàka ihre Ich-Erzählerin Hermine aus ihrem Leben und aus weiblichen Blickwinkel berichten.
Sie und ihre Schwester Ottone wachsen nach dem frühen und qualvollen Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater auf. Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach ist ein typisches Kind seiner Zeit und wird Zeit seines Lebens auf der Suche nach einem Beweis für die Existenz von „Od“ [Alles in der gesamten Natur druchdringendes Dynamid] sein.

Auch Balàkas Erzählerin brennt leidenschaftlich für die Naturwissenschaften und hilft ihrem Vater bei ihren Forschungen. Doch wie kann eine Frau zu dieser Zeit, in der die Gesellschaft einen anderen Platz für Frauen vorsieht, in diesem Feld eigenständig bestehen?

„Ich war ein seltsames Tier, ein Fabelwesen, eine Chimäre. Es machte mich stolz und einsam zugleich.“

Dieser Roman bietet mir auf vielen Ebenen Zugangsmöglichkeiten. Balàka beleuchtet nicht nur das Verhältnis Mensch und Wissenschaft sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Vater und den Töchtern und das Band der Schwestern untereinander.
Besonders gefiel mir das Gefühl sehr authentisch in eine ganz andere Zeit und eine andere Gedankenwelt einzutauchen.

Unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich, ein toller literarischer und historischer Roman!

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Unterhaltsam und anspruchsvoll
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Bewegend und intensiv - ein tolles Romandebüt

Vatermal von Necati Öziri

Die Leseprobe übte einen derartigen intensiven Sog und Faszination auf mich aus, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte.
Das Eingangskapitel ist gleichzeitig klassisch und neuartig. Und verdammt catchy.
Klassisch, weil sich Öziri an einem bekannten Stilmittel der Literatur bedient, das ich kenne: der Abrechung oder Aussprache per Brief auf dem Sterbebett
Neuartig, weil Öziri dieses Stilmittel so modern, wütend und verletzlich neu interpretiert, das es für mich zu einer neuen Leseerfahrung wird.

Öziri lässt seinen todkranken Ich-Erzähler Arda abrechnen, und zwar mit seinem Vater Metin, der die Familie früh verlassen hat und immer nur eine Leerstelle in seinem Leben war.
Es ist mehr als nur eine Abrechnung. Arda erzählt von seinem Aufwachsen, seiner Jugend und seinem jungen Erwachsenenleben.
Und er erzählt von seiner Familie. Es ist auch die Geschichte von Ümran, Ardas Mutter und Aylin, seiner Schwester. Von den Frauen der Familie, die ebenfalls vom Vater und Ehemann verlassen wurden.
In Öziris Roman stecken unglaublich viele Aspekte, angefangen vom Leben der in Deutschland geborenen Kinder türkischer Einwandererfamilien und die rassistischen und bürokratischen Hürden auf die sie treffen. Die Suche nach Identität, die jedes Erwachsenwerden begleitet, und ungleich schwieriger ausfällt, wenn die Familie zerrissen ist und die Menschen, die Halt und Orientierung geben sollten, selbst am kämpfen sind.

Was mich aber am meisten berührt und was mir auch noch länger bleiben wird, ist der laute und dringliche Ruf Ardas nach seinem Vater in den schwersten und verzweifelten Stunden seines Lebens. Dieser Mann, den er nie kennengelernt hat, dem er nur das Schlimmste wünscht und den er doch auch in seiner ganzen Fehlbarkeit als Menschen erkennt.
Das ist ein zeitloses, generationen- und kulturenübergreifendes Thema, das Öziri mit „Vatermal“ in eine literarische und intensive Form gießt.

Für den Kulturschaffenden Necati Öziri ist es der erste Roman und „In seinen Texten ist natürlich immer alles wahr“ (Umschlagtext).
Ob wahr oder nicht, ein tolles und dringend empfehlenswertes Debüt!

P.S.: schaut euch auch den Wahnsinns-Buchtrailer dazu an….

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Bewegend und intensiv - ein tolles Romandebüt
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Lesenswerter Roman über eine unkonventionelle Familie

Vatermal von Necati Öziri

Die Mosuo sind ein kleines chinesisches, matrilinear organisiertes Volk und nach meiner Recherche real existent.
Ihre Kultur spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman von Stefan Györke.
Denn hier sind Männer und Väter nur Randfiguren, die Gesellschaftt wird von den Frauen dominiert und definiert.

Die stärksten Bande gibt es unter Schwestern, die in gemeinsam in Familienbünden leben und die Kinder großziehen.

Györke transfereriert ein solches unkonventionelles Familienkonstrukt direkt ins wohlsituierte Schweizer Bürgertum. Drei Schwestern werden von einer chinesischen Nanny aus dem Volk der Mosuo großgezogen und leben später selbst in einer Lebensgemeinschaft nur aus Schwestern.
Sie bekommen Kinder von verschiedenen Männer, die aber sonst keine weitere Rolle im Leben der Frauen spielen.
Die Töchter können sich am Lebensmodel der Mütter orientieren, aber was wird aus den Söhnen? Wo finden sie Orientierung und Vorbilder?

Ich lese die Geschichte im Wechsel aus der Ich-Erzähler Perspektive von Anton, ein Sohn der Mütter, und aus auktorialler Perspektive. Das bringt Spannung und Abwechslung in den Roman und lässt mich locker über die Seiten fliegen. Ich lese ihn sehr gerne und verfolge sehr interessiert die Konsequenzen dieser ungewöhnlichen Lebensform, die auch auf mich einen großen Reiz ausübt.

„Ein generationenübergreifender, unkonventioneller Liebesroman“ blurbt Dirk Fuhrig vom Deutschlandfunk auf dem Klappentext und dem stimme ich zu.

Doch wie und wo Liebe entsteht und wie es mit dem Lebensmodel der Mütter und Schwestern (und dem Bruder) weitergeht, das empfehle ich euch selbst heraus zu finden.
Manchmal mäanderte mir die Handlung ein bißchen zu undefiniert, hier wären weniger, dafür stärker definierte Erzählthemen besser gewesen. So verwischt mir der Fokus und bleibt oben auf Unterhaltungslevel hängen. In der Story wäre noch mehr gesellschaftshinterfragendes Potential gewesen. Auch für die Figurenzeichnung hätte ich mir ein wenig mehr psychologische Ergründung gewünscht.

Oh ja, aber was für einen zufrieden stellenden Schluss Györke nach einigen unerwarteten Handlungskapriolen noch liefert.
Finde ich schon sehr nice…und auch empfehlenswert, falls ihr euch für unkonventionelle Familienformen oder auch einfach nur für einen guten Roman interessiert!

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Bewegend und intensiv - ein tolles Romandebüt