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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

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Vielschichtig und überraschend!

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art von Matthias Gruber

Seht ihr dieses Wahnsinns Cover? Wer würde nicht herausfinden wollen, was hinter diesem rätselhaften Bild und diesem assoziationsreichen Titel steckt?

Jetzt, nach Beenden des Romans, bewundere ich die Vieldeutigkeit und die Passgenauigkeit von beidem.

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art.
Meine erster, naheliegender Schluss ist, dass damit Grubers Protagonistin Arielle gemeint ist, und das ist sie sicher auch.

Denn Arielle ist 14 und hat eine seltene Chromosomenanomalie. Diese Anomlie hat ihre Schweißdrüsen verschwinden lassen und sie häßlich gemacht, wie ihre Mutter und ihre Großmutter sagen. Arielle hat keine Haare und (fast) keine Zähne. Im Zeitalter von Social Media und der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne möchte jede*r etwas besonderes sein. Aber besonders häßlich?
Arielle findet in dem aussortierten Müll, den sie zusammen mit ihrem Vater aus Wohnungen von Verstorbenen räumt, ein gebrauchtes Handy mit unzähligen Fotos eines Mädchens mit sozial gewünschterem Aussehen in ihrem Alter.
Sie erstellt sich eine Social Media Profil und lädt die Bilder dort mit ausgedachten Unterschriften hoch. Und hat damit Erfolg
Bald schon mischt Arielles psychisch labile Mutter mit und wird schnell von der digitalen Bestätigung abhängig.

„Weil es wichtig war, was wir dachten. Weil es von Bedeutung war, das es uns gab.“

Gruber skizziert äußerst treffend und teilweise witzig die Faszination und Mechanismen von Social Media ohne dabei mit dem moralischen Zeigefinger zu deuten. Ich erkenne in allen seinen unterschiedlichen Figuren eine große Sehnsucht und Verletzlichkeit. Manchmal hätte ich mir mehr psychologischen Tiefgang v.a. Bei Arielle gewünscht, aber im Nachgang setzt sich der Roman zu einem Ganzen mit Ecken und Kanten zusammen.
Der Roman liest sich äußerst flüssig und täuscht dadurch manchmal über seine Vielschichtigkeit hinweg. Manchmal deutet Gruber etwas nur mit wenigen Worten an und lässt es mich mit meinen abgespeicherten Stereotypen selbst ergänzen. Das finde ich sehr raffiniert.
Genauso wie den Schluss, der den vorangegangenen Roman merkwürdig rund macht und stilistisch märchenhaft veredelt (jo, das klingt schon komisch, ich kann es nicht besser ausdrücken).

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art. Das lässt eine Vielzahl an Deutungen zu.

Hat mir richtig gut gefallen, dieser Roman mit diesem passenden und widersprüchlichen Cover. Für mich gab es viele interessante Ansätze über die ich nachdachte und mehr Tiefgang als es der lockere Unterhaltungsfaktor vermuten ließ.
Toll!

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Vielschichtig und überraschend!
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Lust auf eine Vertrauensübung?

Vertrauensübung von Susan Choi

Bei diesem Roman muss ich von meiner üblichen Vorgehensweise abrücken. Normalerweise setzt ich mich DIREKT nach dem Beenden eines Romanes an seine Besprechung, damit ich die Leseeindrücke möglichst frisch und authentisch wiedergeben kann.
Das hat hier nicht funktioniert.
Die „Vertrauensübung“ endet mit einem Paukenschlag und ich legte das Buch mit einem derart ratlosen Gefühl auf Seite, dass ich das Gelesene erst mal einsickern lassen musste.

Am liebsten will ich noch mal mit geschärfteren Sinnen den ersten Teil noch mal lesen.

Es ist 1982, die CAPA ist eine Elite-Schauspielschule, in der jedes Jahr nur wenige Schüler*innen aufgenommen werden. Es ist eine besondere Ehre vom allseits bewunderten Professor Mr. Kingsley unterrichtet zu werden und bei seiner „Vertrauensübung“ dabei zu sein. Zwei dieser besonders Auserwählten sind Sarah und David, beide um die 16, die eine leidenschaftliche Beziehung beginnen. Und ja, es gibt Sex, und ja, mir gefallen die Sexszenen gut.
Ansonsten glaube ich, mich in einem typisch amerikanischen, literarisch anspruchsvollem, Collegeroman zu befinden, der vielleicht in seinen detaillierten Beschreibungen einigen Längen hat.
Unterschwellig schwingt immer etwas düsteres mit, etwas ungesagtes. Es ist immer subtil spürbar, das etwas nicht unausgesprochenes wird, eine zweite Eben.Mir ist nicht klar, dass ich gerade eine „Vertrauensübung“ mache.

Der Charakter des Romans ändert sich nach dem ersten Teil drastisch, als die Erzählperspektive wechselt.
Aber wechselt sie wirklich? Wer erzählt? Wessen Erzählung vertraue ich?
Ein Abgrund geht auf und er wird immer tiefer…

Das erzeugt ab der zweiten Hälfte einen interessanten Sog und gefällt mir deutlich besser als der, etwas langatmige erste Teil.
Ich möchte den Roman aber nicht in eine Kategorie wie „gefallen“ oder „unterhaltsam“ einordnen, denn das wird ihm nicht gerecht. Die „Vertrauensübung“ schenkt keine schnelle Befriedigung, die ich sonst gerne suche.
Choi bewegt sich in meinen Augen dabei sehr hart an der Grenze zur intellektuellen Abgehobenheit, überschreitet sie jedoch nicht.

Der Roman hat das Potential zu erschüttern und die Wahrnehmung zu verschieben. Ich bin froh ihn gelesen zu haben.

Hättet ihr auch Lust auf eine „Vertrauensübung“?

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Lust auf eine Vertrauensübung?
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Großartige und gesellschaftskritische Unterhaltung

Intimleben von Niccolò Ammaniti

Nein, dieses Ende habe ich nicht kommen sehen. Ich muss vor Überraschung laut lachen.
Da hat mir Niccolò Ammaniti zum Schluß noch eine große Freude gemacht.

But first things first: Niccolò Ammaniti ist einer der erfolgreichsten und international renommiertesten Autoren Italiens. Nachdem ich seinen dystopischen Roman „Anna“ gelesen hatte (mittlerweile als Serie verfilmt) war ich sehr auf weitere Romane des Schriftstellers gespannt.

Mit „Intimleben“ hat Ammaniti einen gleichermaßen unterhaltsamen wie gesellschaftlich analytischen Roman geschrieben.

Wie in „Anna“ hat Ammaniti wieder eine interessante weibliche Hautfigur geschaffen. Maria Cristina Palma ist die schönste Frau der Welt und die Ehefrau des amtierenden italienischen Ministerpräsidenten. Mit ihrem perfekten Aussehen, den operierten Brüsten und ihrem oberflächlichen Wesen ist sie zweifellos eine Männerfantasie und die Öffentlichkeit liegt ihr zu Füßen.
Jeder ihrer Schritte wird genau beobachtet, mit den anstehenden Neuwahlen wird es immer schwieriger ihr Intimleben zu wahren.
Dennoch passieren auch in ihrem Leben noch unvorhergesehene Ereignisse: Zufällig trifft sie einen Freund aus ihrer Jugend wieder, der mittlerweile ein sehr attraktiver, erfolgreicher Luxushotelier ist: Nicola Sarti. Nach einem eigentlich vom Beraterstab nicht erlaubten Austausch von privaten Handynummern schreiben sich die beiden. Nicola schickt Maria Cristina alte Bilder von einem lange zurückliegenden gemeinsamen Urlaub, denn die beiden verband mehr als nur eine platonische Freundschaft.
Doch warum schickt Nicola plötzlich ein mehr als 20 Jahre altes, pornöses Video, das die beiden beim Geschlechtsverkehr zeigt. Ein vergessenes, selbst aufgenommenes Sextape…

Die Kaskade an Handlungen, die Ammaniti jetzt beschreibt, wechselt und vermischt sich zwischen komisch, gesellschaftskritisch und dramatisch. Und im Zentrum dieses verworrenen und äußerst unterhaltsamen Reigens steht Maria Cristina, die sich erst einmal die Haare färben lässt.

Mit ihren verzweifelten Versuchen die Kontrolle über die öffentliche Inszenierung ihres Leben zu behalten, zeigt Ammaniti die Menschlichkeit und Verletzlichkeit seiner Figur. Die Frau Maria Cristina bleibt mir letztendlich aber doch ein Rätsel, ihr wahres Intimleben, z.b. ihre Gefühle für ihren Ehemann, enthüllt mir Ammaniti nicht, sondern er lässt einen Rest Mysterium.

Das ist großartige und gesellschaftskritische Unterhaltung, mit einem für mich nicht vorhersehbaren mega Plottwist am Ende, den ich sehr mochte.

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Großartige und gesellschaftskritische Unterhaltung
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Atmosphärisch und abgründig

Die Einladung von Emma Cline

Der Debütroman „The Girls“ von Emma Cline hatte mich ziemlich begeistert (2016? Shit, gefühlt gestern!), darum wollte ich den neuen Roman „Die Einladung“ auch ziemlich dringend lesen.
Und ich muss sagen, es ist ein Roman, der ziemlich genau meinen Lesevorlieben entspricht. Es ist zeitgenössische amerikanische Literatur, Männer sind Waschlappen, Frauen auch meistens nicht besser und jede*r ist sich selbst der/die nächste.

I like!

Natürlich stecken mehr Nuancen und Abgründe in diesem gesellschaftskritischem wie unterhaltsamen Buch, als ich es hier kurz zusammenfassen kann.
Die Protagonistin Alex ist jung und schön und nutzt diesen Umstand als Eintrittskarte in die männliche Welt der Reichen und Schönen. Einen anderen Lebensplan hat sie nicht. Aber als ihr aussichtsreicher aktueller Sugar Daddy sie nach einer kleinen Party Eskalation abserviert, ist sie mittellos und weiß nicht wohin.
Glücklicherweise hat Alex noch „Die Einladung“ zur Simons großer Gartenparty und hofft dort bei einem Wiedersehen mit ihm, ihn wieder für sich gewinnen zu können.
Denn nur der reiche und mächtige Simon scheint die Lösung für all ihre Probleme und das Ticket für ein sorgloses Leben.
Die Zeit bis zur Party überbrückt sie bei verschiedenen Menschen, bei denen sie sich selbst einlädt und wo sie verbrannte Erde hinterlässt.

Das Thema Selbstbetrug und Manipulation zieht sich als Grundthema durch den ganzen Roman. Cline montiert komplexe Abhängigkeitsverhältnisse und Machtstrukturen zu einem tiefgründigen Gesellschaftsporträt einer reichen und abgestumpften Elite Amerikas. Hier ist alles zur Ware geworden. Wer wie Alex die Schwächen der Menschen erkennen kann, nutzt das skrupellos zum eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf Verluste. Aber auch Alex hat Schwachstellen und ist letztendlich verwundbar…

Sprachlich wie auch inhaltlich gefällt mir dieser neue Roman von Emma Cline wieder sehr gut! Cline schafft es genauso wie in „The Girls“ mich mit ihren Figuren zu faszinieren und gleichermaßen Abstoßung wie Mitleid zu erregen.

Ein intensiver und spannender Sommerroman, der mir direkt ein gewisses morbides Lebensgefühl vermittelt.

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Atmosphärisch und abgründig
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Sprachliches ein außergewöhnliches Highlight mit Schwächen im Plot

Der Kaninchenstall von Tess Gunty

Der amerikanische Kapitalismus frisst seine Kinder.
Aber bevor es soweit ist, hält er sie noch in Kaninchenställen.

Tess Gunty hat mit „Der Kaninchenstall“ eine messerscharfe Gesellschaftsanalyse eines abgefuckten Amerikas abgeliefert.

„Ich wollte sterben, töten, vögeln, meine Eltern finden und sie wieder lebendig machen und sie dann umbringen, dann beerdigen und schreien und schreien.

“

Mehr als dieses Zitat will ich zum Inhalt nicht schreiben. Gunty beschreibt verschiedenen Schicksale der Bewohner*innen des Kaninchenstalls und Menschen in Vacca Vale, einer abgehängten Kleinstadt im Herzen Indianas, mitten in Amerika. Nachdem die Autoindustrie die Menschen ausgebeutet hat, die Umwelt mit ihren krebserregenden Stoffen vergiftet hat, ist sie weitergezogen und lässt die Stadt geschändet und sterbend zurück.
Im Kaninchenstall lebt die Mittelklasse der sozial Abgehängten, sinn- und nutzlos durch den Tag treibend.

Sprachlich liefert Tess Gunty eine derartige wahnsinnige Leistung ab, dass ich mich auf den ersten Seiten wie erschlagen fühle angesichts dieser Häufung von genialen und treffenden Wort- und Satzschaffungen.
Das ist großes, großes Kino! Ich bin hart begeistert und diese Begeisterung wird mich über die eine oder andere Schwäche im Storytelling hinwegsehen lassen.
Denn so wie Gunty sprachlich für mich Neuland betritt, so bewegt sie sich in der Story auf vertrautem Territorium. Die zahlreichen Erzählstränge entwicklen sich genauso wie ich erwarte und wie ich sie schon in zahlreichen anderen Romanen genauso ablaufen gesehen habe. Der dramatische Schluss ist sehr erwartbar und in meinen Augen zu stark konstruiert.
Neu ist die starke und allgegenwärtige Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, die Gunty direkt und metaphorisch zu ihrer Hauptbotschaft macht.

Der amerikanische Traum ist tot und hat sich in vergiftetes Futter für die Kaninchen verwandelt, die in ihrem Stall dahinvegetieren. Nur ganz am Ende öffnet Gunty die Türe ein klein wenig für einen Lichtstrahl der Hoffnung. Ob diese Türe aufgestoßen werden kann überlässt sie mir und meinem Weltbild.

Sprachlich für mich ein Highlight auf aufsehenerregendem Niveau , mit dem die eigentliche Geschichte leider nicht mithalten kann. Ein Hammer Debütroman, dem hoffentlich noch einiges folgen wird!

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Sprachliches ein außergewöhnliches Highlight mit Schwächen im Plot
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Traurig und humorvoll zugleich

Die Dauer der Liebe von Sabine Gruber

Konrad ist tot. Ganz spontan gestorben. Zusammengebrochen auf einem Parklatz. Herzinfarkt. Renata und Konrad sind seit 25 Jahren ein Paar, aber nicht verheiratet. Wenn sie es gewesen wären, wäre Renata die Erste gewesen, die von Konrads Tod erfährt. So klopfen die Polizisten erst einen Tag später an ihre Haustüre.

Die italienisch deutschsprachige Autorin Sabine Gruber erkundet in ihrem neuen Roman die Frage, wie man ohne den geliebten Menschen weiterlebt. Wie lang ist die Dauer der Liebe?
Ich finde in diesem Roman einige wunderschöne und trostvolle Beschreibungen einer lange dauernden Liebe.

„Der liebende Blick ist nicht blind, er nimmt den von der Zeit veränderten Körper wahr, aber in dem, was der andere geworden war, entdeckt er noch die Schönheit der ersten Jahre, leuchtet etwas auf, das nur zu sehen imstande ist, wer einander seine langem kennt.“

Die Überlegung liegt nahe, dass Gruber viel von ihren eigenen Erfahrungen einbringt, da ihr eigener langjähriger Partner überraschend nach 20 Jahren Beziehung starb.

Nach Konrads Tod, muss Renata nicht nur mit dem Verlust ihres Partners zu leben lernen, sie muss es aushalten wie seine narzisstische Mutter und der geldgierige Bruder den Nachlass Konrads zerfleddern. Renata hat wegen eines ungültigen Testaments keinerlei Anspruch auf Konrads Sachen und künstlerische Arbeiten. Ihr wird jedes Erinnerungsstück genommen und Renata muss das Wissen ertragen, dass sie für Konrads Familie nie wirklich die Frau an seiner Seite war, sondern nur ein vorübergehendes zu akzeptierendes Übel.

Die Jahre die Konrad nicht mehr leben wird, die gemeinsame Zeit, die es nicht mehr geben wird. Erinnerungen, die verblaßen und nicht mehr durch neue ersetzt werden.

Gruber beschreibt, wie nach dem körperlichen Verlust von Konrad sein langsames Verschwinden aus dem Alltag und aus den Gedanken einsetzt. Das ist traurig aber unvermeidbar, wenn das Leben weiter gehen soll.

Der Roman ist poetisch und wehmütig, aber stellenweise auch humorvoll auf seine Art. Anders als der Klappentext vielleicht suggeriert, stellt Gruber die Fragen nach Konrads Geheimnis nur an den Rand des Romans. Für mich arbeitet sie mit diesem Thema die Ambivalenzen und Polarität heraus, die in einer Beziehung auftreten können, ohne dass die Liebe dadurch zerstört wird.

Ich denke darüber nach, warum Gruber Konrad in den Mittelpunkt des Romans stellt. Ich erfahre sehr viel über sein künstlerisches Schafften, über seine Faszination von italienischer faschistischer Architektur und seiner Vergangenheit, aber sehr wenig über Renatas Interessen und Beruf. Aber es fühlt sich letztendlich stimmig an, wie ein Versuch die Erinnerung doch noch festzuhalten oder auf Papier diesen einen friedlichen Ort zu schaffen, wo es „genügt, Kalziumphosphat zu sein“.

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Traurig und humorvoll zugleich
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Scharfsinnige und detaillierte Gesellschaftsstudie

Sommerwasser von Sarah Moss

Eine Ferienanlage in Schottland. Holzhütten am See. Es regnet seit Tagen ununterbrochen Bei den Urlaubsgästen macht sich der Lagerkoller breit.

Das ist die Ausgangslage des neuen Romans der britischen Schriftstellerin Sarah Moss. Sie entwirft darin in einzelnen Episoden eine kritische und unterhaltsame Gesellschaftsstudie.

Denn ihre Urlaubsgäste sind äußerst unterschiedlich und stehen an verschiedenen Stellen in ihrem Leben.

Jedem ihrer Figuren widmet Moss ein oder mehrere Kapitel, in dem sie deren jeweilige Lebensituation und Gedankenwelt ausleuchtet. Es gibt Mütter von Kindern verschiedensten Alters, Teenager*innen und Kinder, ein altes Ehepaar, ein junges frisch verheirates Liebespaar. Alle mit ihrem jeweiligen Hintergrund und Problemen, die im Urlaub, abseits vom normalen Alltag, deutlich an die Oberfläche drängen.

„Sie hat zwei Erdnuss-Protein-Riegel in ihre Bindenpackung im Koffer gesteckt, der einzige Ort, an dem wohl kaum jemand suchen wird, und sie ist nicht zu stolz, um sie im Bad zu essen, wenn es sein muss“

Jede*r wäre gerade am liebsten woanders als in diesem verregneten Urlaub, zur Untätigkeit gezwungen ohne Ablenkung von den eigenen Gedanken.

Und da sind dann noch die anderen. Die Bulgaren, oder Ukrainer, so genau weiß man das nicht. Nur dass sie stören mit ihrer Lautstärke und mit ihrem Anderssein.
Bezeichnenderweise hat Sarah Moss kein Kapitel oder Portärt für diese Urlaubsgäste und diese Leerstelle klingt laut.

Richtig gut gefallen mir die gesellschaftskritischen Anklänge, die Moss in ihren jeweiligen Porträts einfließen lässt. Die feministischen Untertöne sind leise, aber deutlich vorhanden. Auch Elternschaft, Partnerschaft, Generationenkonflikt und das Älterwerden wird thematisiert.
Die Kapitel des jungen Liebespaares, einmal aus ihrer Sicht, einmal aus seiner Sicht, gefallen mir sehr gut. Hier wäre ich gerne länger geblieben und hätte beiden noch etwas länger verfolgen wollen.
Dagegen finde ich die Kinder- und Teenager*innenperspektive eher weniger überzeugend. Moss kann mich damit nicht ganz packen.
Tendenziell fühlte ich mich manchmal erschlagen von der Vielzahl der Perspektiven, weniger hätten mir auch gereicht um die Stimmung in der Ferienanlage zu skizzieren.

Langsam und sehr subtil unterschwellig zeigt Moss in ihrem Gesellschaftsporträt die Vorurteile und Ressentiments, die in den Köpfen wachsen und in einem Klima von Aufeinanderhocken und gegenseitigem Beobachten prächtig gedeihen können.
Eine allgemeine Unzufiedenheit mit der gesamten und der persönlichen Situation wirkt als zusätzlicher Brandbeschleuniger.

Der Schlusspunkt ist so in gewisser Weise für mich vorhersehbar und ziemlich abrupt. Seine Dramatik empfand ich als überspannt, bildet aber einen guten und lauten Kontrast zur vorherigen leiseren Handlung.

„Sommerwasser“ kann bei mir mit seinen treffenden Momentaufnahmen der Figuren und seiner Gesellschaftskritik punkten.

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Scharfsinnige und detaillierte Gesellschaftsstudie
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Stark erzählte Gesellschaftskritik aus Nigeria

Das Glück hat seine Zeit von Ayobami Adebayo

Der Debütroman „Bleib bei mir“ von Adébáyò schlug bei mir ein wie eine Bombe, ich war gefesselt von der Erzählkraft dieser jungen Autorin aus Nigeria.
Natürlich wollte ich ihren neuen Roman „Das Glück hat seine Zeit“ auch unbedingt lesen.
Und auch hier lässt mich die großartige Erzählstimme von Adébáyò über die Seiten fliegen und trifft mich genau in mein Herz.

Ayòbámi Adébáyò schreibt in ihrem zweiten auf deutsch erschienenen Roman wesentlich politischer und gesellschaftskritischer als noch in „Bleib bei mir“.
Mit ihren Figuren thematisiert sie sehr kontrastreich die krassen Unterschiede zwischen arm und reich in diesem zerrissenen Land. Aber auch die Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Nigeria ist mit über 200 Millionen Einwohnern das bevölkerungsstärkste Land Afrikas und von großer, nicht konfliktfreier, kulturellen Vielfalt geprägt.

Adébáyò schildert mit ihrem Figuren vor allem die finanziellen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Menschen. Die Familie von Wuraola ist sehr privilegiert und die junge Frau ist auf dem Weg in eine glänzende Zunkunft. Sie wird bald eine Ärztin sein und ihrem Verlobten, ebenfalls aus sehr privilegiertem Haus, heiraten.
Trotzdem ist Wuraola nicht frei. Strenge gesellschaftliche Normen, die für Frauen ihres Standes gelten, und die Anforderungen ihrer Mutter Yeye engen sie ein.

Am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala steht der 15-jährige Eniola. Seine Familie ist mittellos, seit sein Vater durch die Willkür des Staates seine Stelle als Lehrer verloren hat. Eine staatliche Absicherung oder soziales Netz gibt es nicht und arbeitlos zu werden ist ohne weitere berufliche Perspektive oft ein Grund für Selbstmord. Eniolas Vater fällt in eine Depression und ist nicht mehr in der Lage die Familie zu versorgen. Eine gute Schulbildung, die in Nigeria nur über kostenplichtig Privatschulen zu erhalten ist, rückt in weite Ferne.

Deutlich beschreibt Adébáyò die Auswirkungen der wirtschaftlichen Not auf die Familien und übt Kritik an einem System, das seine Hilfbedürftigsten seinem Schicksal überlässt. Staatliche Willkür und politische Korruption lässt das Land ausbluten.
Die Auswirkungen von starren und traditionellen Geschlechterrollen, thematisiert und kritisiert Adébáyò anhand ihrer starken weiblichen Figuren wie Wuraola und ihrer Mutter Yeye und ziehen sich durch den ganzen Roman.

Beide Familien lässt Adébáyò im Laufe der Handlung aufeinandertreffen und ich ahne früh: hier hat das Glück keine Zeit…


Adébáyò schafft es wieder mich mit ihrem großem Schreibtalent in den Bann ihres Romans zu ziehen. Thematisch hat mir „Bleib bei mir“ persönlich vielleicht besser gefallen, die stärkere politische Botschaft hat eindeutig „Das Glück hat seine Zeit“.

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Stark erzählte Gesellschaftskritik aus Nigeria
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Ungewöhnlicher Campus Roman zwischen Spannung und Realismus

Flüchtige Freunde von Anna Caritj

Dieser Debütroman fällt laut Klappentext in das Genre Campus-Roman, das eigentlich nicht in meine Leseschubladen passt. Der Kappentext verspricht mir aber auch „elektrische Hochspannung“ und eine Verkehrung des Spiels um Lust und Macht.
Da war ich am Hacken und sehr gespannt auf diesen vielversprechenden Roman.

und ich wurde nicht enttäuscht. „Flüchtige Freunde“ gefiel mir trotz einiger Schwächen ganz gut.

Das Setting ist klassisch und für Nicht-Campus-Roman-Leser*innen eventuell gewöhnungsbedürftig. Es gibt Verbindungen wie Psi Delta und Verbindungshäuser in denen Schwestern nach bestimmten moralischen Regeln leben. Auf den Parties geht es wild her: Alkohol, Sex und Drogen, aber auch Freundschaften und Schwämereien.

Caritjs Hauptfigur heißt Leda (I like!), hat erst vor kurzem ihre Mutter verloren, genießt die Freiheiten der Collegezeit, aber auch die Schwesternschaft in ihrer Verbindung. Auf einer Party an Halloween geht traditionell so richtig die Post ab und auch Leda feiert mit, in der Hoffnung bei ihrem sexy Schwarm Ian landen zu können.
Doch nach der Party wacht sie mit einem gewaltigen Filmriß auf und kann sich an den Ausgang der Nacht nicht erinnern.
In jener Partynacht ist auch eine Studentin verschwunden, mit der Leda kurz vor ihrem Verschwinden eine zufällige Unterhaltung hatte…
Was ist in jener Partynacht geschehen? Wo ist die vermisste Studentin? Was lief genau mit Ian?

Obwohl Suchmannschaften organisiert werden und die Ermittlungen laufen, möchte Leda auf eigene Faust herausfinden, was genau in dieser Partynacht geschah und vor allem was sie in jener Nacht getan hat. Hatte sie Sex mit Ian und wenn ja, war dieser einvernehmlich?

Was anfangs genau so wirkt, wie ich mir eben einen Campus Roman vorstellen, löst sich im Laufe der Geschichte von den Regeln des Genres und überrascht mich vor allem im letzten Drittel mit einem unerwarteten Verlauf. Caritj thematisiert zentral den sexuellen Consens und lässt hier unterschwellig feministische Gesellschaftskritik einfließen. Der Schreibstil ist sehr eingängig und lässt mich flüssig über die Seiten fliegen. Ich fühle mich gut unterhalten und mochte den Roman gerne lesen.

Kritikpunkte gibts für mich aber auch einige: Caritj fand nicht ganz die Balance zwischen dem konventionellen Campus Krimi und der realistischeren Gesellschaftskritik. Der Wechsel macht den Roman zwar einigermaßen unvorhersehbar und führt ihn auf eine tiefgründigere Ebene, es kommt aber dennoch zu einigem Reibungsverlust.
Der Haupt-Charakter der Leda ist mir psychologisch zu schwach und nicht zu Ende ausgearbeitet. Warum diese Hemmungen mit anderen zu sprechen und die Tendenz zu selbstzerstörendem Verhalten? Ihre Beweggründe und Motive sind mir zu wenig schlüssig und erklärbar.

„Flüchtige Freunde“ hat mir Spaß gemacht und mich ganz gut unterhalten und ich würde mir auch einen weiteren Roman von Caritj holen, selbst wenn “Flüchtige Freunde“ mir nicht als literarisches Highlight im Gedächtnis bleiben wird.

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Wunderbar wehmütiger Roman über den Abschied vom Elternhaus

Elternhaus von Ute Mank

Eigentlich wollte ich diesen Roman, trotz des Mega-Covers, an mir vorbei ziehen lassen. Der Klappentext hat mich spontan nicht besonders angesprochen. Doch dann die Leseprobe umso mehr!

Ute Mank schafft es mit ihrem wirkungsvollen Schreibstil, dass ich sofort in die Geschichte eintauchen kann und es sich ein plastisches Bild des Elternhauses der drei Schwestern Sanne, Petra und Gitti aufbaut.

Und damit meine ich nicht nur ein visuelles Bild, sondern vor allem ein Emotionales.

Die Eltern der längst erwachsenen Schwestern sind alt geworden und sollen aus dem Elternhaus in eine kleine, pflegeleichte Wohnung umziehen. So hat es Sanne, die älteste der drei Drei und die in nächster Nachbarschaft zu den Eltern wohnt, beschlossen. Sanne ist es auch, die regelmäßig nach den Eltern sieht und ihnen bei den Alltagsverrichtungen zur Hand geht.
Die beiden anderen, vor allem Petra, sind von dem Umzugsplänen wenig begeistert. Zuviel verbindet sie noch mit dem Elternhaus und sie können sich die Eltern in keiner anderen Umgebung vorstellen.

„Dieses schmale Haus, ein Sehnsuchtsort, an dem sich nie etwas zu ändern schien. An dem sich nichts verändern durfte, weil sie immer noch nach etwas gesucht hatte, was sie nicht hätte benennen können.
Nun war dort nichts mehr zu holen und zu finden. Und die Eltern waren endgültig bedürftig geworden.“

Zwischen Sanne und Petra, die beide einen sehr unterschiedlichen Lebensweg eingeschlagen haben, entlädt sich an diesem Konflikt die schon lange gärenden Spannungen aus der Kindheit. Sanne, die Ältere, war immer die vorbildliche Tochter, die dem Lebensweg der Eltern nacheifert. Frühe Heirat, Kinder und natürlich ein eigenes Haus mit Garten.
Petra hatte den Ausweg aus der Kleinbürgerwelt gesucht und sich eine berufliche Karriere aufgebaut.
Beide Lebenswege haben ihre Schattenseiten und beide Schwestern sehnen sich nach den vermeintlichen Vorteilen der anderen.
Die Beschreibungen von Sannes toter und liebloser Ehe und ihr verzweifeltes Klammern an die eigenen Kinder, schmerzen mich beim Lesen.

Und dann sind da ja auch noch die Eltern. Wie gehen sie mit der Verpflanzung um?

Ute Mank hat mit „Elternhaus“ einen sehr schönen, gut schmökerbaren Roman mit viel Tiefgang geschrieben, der nicht nur für Kleinstadtleser*innen mit Schwestern viel Identifikationspotential bietet. Die wehmütigen Gefühle von verpassten Möglichkeiten und dem Entgleiten der eigenen Vergangenheit ist hier wundervoll eingefangen.
Ich persönlich hätte mir vielleicht einen schärferen feministischen Unterton gewünscht, denn es sind die weiblichen Lebenswege, die Mank in den Mittelpunkt ihres Romans stellt. Und ich könnte auch noch die vielleicht etwas platten metaphorischen Bilder bemängeln, die manchmal gefühlt etwas abgedroschen daher kommen.
Doch eigentlich hat mich das nicht gestört und ich fand in „Elternhaus“ einen gelungenen und unterhaltsamen Roman.

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Wunderbar wehmütiger Roman über den Abschied vom Elternhaus