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Rezensionen von MarcoL:
Eindrucksvoller Roman, der auf den Klimawandel aufmerksam macht!
WUT von Raphael Thelen
Der Autor, selbst Aktivist, erzählt in diesem spannenden Roman über die Klimaaktivist:Innen Valli, Sara, Wassim – und anderen. Er berichtet über eine Generation, der es an nichts mangelt – außer einer gesicherten Zukunft auf einem Planeten, der den Menschen ein Überleben ermöglicht.
Zu Anfang der Protestaktionen lief es recht positiv.
Politik und Wirtschaft zeigten Interesse, machten Eingeständnisse. Vallie war mit den einflussreichsten Politiker:Innen in Kontakt, und sie waren der Meinung, auf einem guten Weg zu sein.
Doch der Schein trügt, es waren nichts als Lippenbekenntnisse. Die Protestmärsche waren geduldet, wurden in gewissem Maße sogar unterstützt, aber es geschah nichts nennenswertes.
Und dann, wir begleiten die Ich-Erzählerin Vallie auf einer weiteren Demo, die wie gewohnt in geordneten Bahnen zu verlaufen scheint, von der Polizei flankiert, brechen sie aus, nehmen eine neue Route, und es kommt zu direkten Konfrontationen … und im weiteren Verlauf … verrate ich nichts … außer, dass es einen spannenden Showdown gibt. Mit dem Ende hadere ich allerdings ein klein wenig, weil ich mir es nicht gut genug vorstellen kann. Aber bitte: Unbedingt selber lesen und sich ein Bild machen.
Diese Demo ist der grobe Rahmen der Handlung, auf welchen der Autor immer wieder zurück greift, nach Ausflügen in die Vergangenheit der handelnden Personen, hauptsächlich Valli – und ihre Liebe Sara.
Kernthema ist selbstverständlich der Klimawandel, in welchem wir uns befinden – und der, so wie es sich mir erschließt, unaufhaltsam in ein monströses Desaster für die künftigen Generationen schlittert.
Thelen legt die Finger in die Wunde, bohrt herum – spricht viele Themen an. Mein Buch ist gespickt mit Markierungen, weil es so viele wichtige Sätze darin gibt.
S.30: „All jene, die unter den Folgen der Klimakrise litten, verreckten, weil die da oben an ihrer Gier erstickten.“
500 Jahre Kolonialismus fliegen uns jetzt um die Ohren, doch die Ausbeutungen im Namen des Wirtschaftswachstums nehmen kein Ende.
S. 71: „Meine Antwort auf Rassismus ist Wut. Mein ganzes Leben lang habe ich mit dieser Wut gelebt […] und Wassim begann alles dafür zu tun, damit diese Wut ihn und seine Träume nicht un Schutt und Asche legte.“
S.131: „… aber unsere Freiheit endete da, wo die Freiheit der Wirtschaft anfing […] wo es um die Profite der Konzerne ging ...“
und mein allerliebster Satz auf S.136, der den Titel des Romans sehr gut erklärt: „Ja, es gibt sie, die Wut, die aggressiv zuschlägt. Doch es gibt auch die Wut, die sagt: bis hier und nicht weiter, die Grenzen zieht, die dich und andere schützt. Wut, die das Leben verteidigt, nicht tötet.“
Fazit: es ist ein klug gestrickter Roman, mit einem gut aufgebauten Handlungsfaden. Der wahre Schauplatz ist aber der Klimawandel – mit all seinen Folgen. Die Nebenstories mögen vielleicht etwas zu naiv oder seicht erscheinen, aber das spielt keine Rolle. Es geht hier um die Kernaussage, und die ist mehr als eindeutig. - darum: absolute Leseempfehlung!
Sehr herausfordernd, literarisch hochwertig. Intensiv!
Kasse 19 von Claire-Louise Bennett
Großbritannien, in der am schnellsten wachsenden Stadt des Landes. Dieser mehrfach prämierte Roman ist eine Herausforderung. Die in Worten gefasste Gedanken der Autorin wirbeln herum, scheinen sich selten zu setzen, werden von neuen Ideen verdrängt, um irgendwann wieder ihre Ursprünglichkeit zu streifen, nur um wieder von Vorne loszulegen.
Müde darf man beim Lesen nicht sein, sonst verliert man sich heillos.
Das Erzähltempo ist rasant, man bekommt das Gefühl, in einem Blitzgewitter von Eindrücken zu stehen, und dennoch verharrt der Text oft Seitenweise bei einem einzigen Thema.
Es ist mir auch passiert, dass ich manchmal nicht mehr wusste, ob die Ich-Erzählerin von sich berichtet, oder aus der Sicht ihrer fiktiven Protagonistin – manchmal etwas verwirrend, zugegebenermaßen (kann aber auch rein meiner Unaufmerksamkeit geschuldet sein).
Die Erzählerin erfindet Geschichten. Zuerst hat sie diese auf die letzten Seiten eines Schulheftes geschrieben. Mit dem Älterwerden, Studium, Job im Supermarkt an Kasse 19, beginnt sie, sich in ihren Geschichten zu verlieren – und reißt die Leser:Innen mit in ihren Gedankenstrudel. Es folgen brillante Verknüpfungen zu Büchern der Weltliteratur – allein dafür ist dieser Roman schon ein Muss.
Im Prinzip ist es ein Buch-Buch, denn es dreht sich immer um Bücher. Darum, was sie einem sagen wollen, sagen sollten, und ein wichtiger Bestandteil des ganzen Lebens sind.
S.9: Später hatten wir dann oft ein Buch dabei … Als wir endlich ein bisschen größer waren [...] nahmen wir immer Bücher mit. Sehr viele Bücher! Und setzten uns damit ins Gras unter dem Baum.
Reale Personen, vornehmlich Männer, welche sich durch den Supermarkt quälen, sind Inspiration für die erfundenen Charaktere. So zum Beispiel die Geschichte von Tarquin Superbus. Zusammen mit seinem Doktor und die Ereignisse rund um seine Bibliothek, ist sie auf ihre Art und Weise spannend, und taucht im Buch immer wieder mal auf.
Für mich übt der Roman eine besondere Faszination aus, trotz des vergeblichen Suchens nach einem Handlungsstrang oder geordneter Struktur.
13 wunderbare Erzählungen, vielfältig wie das Leben.
Kleine Kratzer von Jane Campbell
In 13 Geschichten erzählt die Autorin in ihrem Debüt über verschiedene Frauen, jenseits der Siebziger. 2017 hat sie als 75-jährige ihre erste Erzählung eingeschickt – mit großem Erfolg. Und so erschienen nun 2022 im Original diese wunderbaren Storys gesammelt in diesem Buch, wunderbar übersetzt von Bettina Abarbanell.
Es ist also nie zu spät, um etwas Neues zu beginnen. Selbst im zarten Alter von 80 kann noch das erste Buch die Leserschaft in Verzückung bringen.
Mir ging es zumindest so. Die Themen können nicht unterschiedlicher sein. Sie bringen uns die Freuden, Sorgen, Ängste, Nöte, Sehnsüchte dieser Frauen näher. Campell ist hier wirklich was tolles gelungen.
Sprachlich kommt der Text sehr versiert daher – man würde nicht glauben, dass die Autorin zuvor nichts veröffentlicht hat. Jeder Text ist ein Genuss für sich, und so ist es vielleicht ratsam, dieses Buch in Raten zu genießen, sich Geschichte für Geschichte berauschen und berieseln zu lassen, danach in sich kehren und die Texte wirken lassen, denn manche gehen wirklich unter die Haut.
Das schöne daran ist für mich, dass Campell über Frauen in ihrem eigenen Alter schreibt – sie weiß von was sie spricht und dementsprechend authentisch erscheinen ihre Protagonistinnen.
Mal heiter ironisch, mal traurig und schwermütig, vielfältig wie das Leben sind die unterschiedlichen Texte.
Der erste Text „Edelmut“ geht gleich bissig böse zur Sache, wird doch ein unliebsamer Zeitgenosse geschickt entsorgt. Von einer beinahe aussichtslosen Liebe einer Pflegebedürftigen zu ihrer um fünfzig Jahre jüngeren Pflegerin erzählt „Susan und Miffy“. „Lockdown-Phantasmen“ ist utopisch, ja dystopisch und berichtet über Ersatz-Berührungen in einer Welt des Dauer-Lockdowns.
Wer mehr wissen möchte: Buch kaufen und lesen!
Absolute Leseempfehlung für diesen Erzählband.
Noch ein Wort zum Buch selbst: Ich sag nur: so muss Buch! Perfektes Papier, wunderbare Haptik, nachhaltig ökologisch produziert!
Aufrüttelnd, bewegend, und eine Hommage an den lokalen Buchhandel
Jahr der Wunder von Louise Erdrich
Wie in allen ihren Büchern ist es der preisgekrönten Autorin (u.a. Pulitzerpreis) ein Anliegen, auf das Unrecht, welches den indigenen Völkern seit der Landnahme durch die Weißen widerfährt, aufmerksam zumachen. Auch in diesem wunderbaren Roman spricht sie viele Themen an – wie Landraub, Diskriminierung, Rassismus.
Hauptprotagonistin ist die indigene Tookie. Wir dürfen sie ein paar sehr bewegende Jahre ihres Lebens begleiten. Sie ist eine starke Frau, mit einem unbeugsamen Willen um Gerechtigkeit, und wird doch Opfer ihrer Schwächen. So erfahren wir ganz zu Anfang über einen (gutgemeinten) Fehltritt, der ihr ein Ticket ins Gefängnis beschert, oder wie sie danach in als Buchhandlerin einen Job bekommt, der wegweisend wird.
Dieses Geschäft ist Dreh- und Angelpunkt der weiteren Erzählung. Es ist eine Hommage an den lokalen Buchhandel und der Liebe zu Büchern. Sogar die an Allerseelen verstorbene Flora kann nicht loslassen und irrt als Geist in der Buchhandlung herum. Sehr zum Leidwesen von Tookie, die sich zunehmend belästigt führt.
Parallel dazu baut die Autorin sehr geschickt den Bogen zu zwei besonderen Vorfällen des Jahres 2020. Der Beginn der Pandemie und der Umgang damit wird erzählerisch verarbeitet, genauso wie die Ermordung von George Floyd und den damit verbundenen enormen Unruhen in Minneapolis.
Erdrich erzählt das alles wie Fiktion, und beruht dennoch auf harten Tatsachen, die die Leser:Innen nicht unberührt lassen.
Und dazwischen werden wir immer wieder mit den Riten, Gedanken und Gefühlen der indigen Welt konfrontiert. Es wird teilweise eine Reise von Tookie zu ihren Wurzeln, begleitet von ihrem Mann Pollux und Flora. Seitenhiebe auf die Unterdrückung, seien sie auch manchmal kaum erwähnt, dürfen da nie fehlen und sind meines Erachtens so wichtig für das Verständnis der handelnden Personen und der realen Welt.
Auch dieser Roman aus der Feder der Autorin konnte mich komplett abholen und hallt noch lange nach. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, konnte viel für mich mitnehmen und gebe eine große Leseempfehlung (wie für alle ihrer Bücher).
Ein sehr gut ausgedachter Thriller. Spannung pur!
Ich bringe dich zum Schweigen von Sarah Nisi
London. Als Charlies Eltern sterben, kommt sie zu ihrer Tante und Stiefschwester Phoebe. Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden ist hart für Charlie. Ihre Stiefmutter kümmert sich nicht um sie, und ihre Stiefschwester lässt von Anfang nichts unversucht, ihr das Leben so schwer wie möglich zu machen. Kleine und große Grausamkeiten sind an der Tagesordnung.
Und vieles mehr. Manchmal will man so richtig ins Buch greifen und diese Phoebe herausziehen - eine wahrliche 1 A Antipathieperson. Als Schutzbefohlene ist es Charlie nicht möglich, auszubrechen. Sie muss all die Widrigkeiten ertragen. Erst als sie erwachsen ist, kann sie sich lösen. Und dennoch: eine Erbschaft bindet beide Stiefschwestern Jahre später wieder zusammen. Ihre Gönnerin Dorothy möchte, dass beide zusammen ein Theaterprojekt verwirklichen, ansonsten gibt es kein Erbe (und das ist groß).
Beide beißen in den sauren Apfel, und sehr bald finden wir Charlie in ihrer alten Rolle der Unterdrückten wieder. Die alten Wunden sind immer noch offen, jetzt kommt das Salz hinzu, und … es entsteht ein Plan, der nur sehr langsam zu den Leser:Innen durchsickert. Das ist eh schon zu viel verraten – also bitte selber lesen.
Der Thriller ist unglaublich spannend, ein wahrer Pageturner. Die sprachliche Gestaltung ist einfach gehalten – und erzeugt einen wahren Drive, um das Buch nicht mehr aus der Hand zu legen.
Die Kapitel sind kurz, abwechselnd wird aus der Perspektive von Charlie oder Phoebe, manchmal auch von anderen Personen, erzählt. Diese Vorgehensweise verstärkt meines Erachtens noch einmal mehr die aufgebaute Spannung. Aber so oder so tappt man im Dunkeln, der zu erwartende Showdown, sofern es einen geben wird, wird geschickt hinausgezögert. Man weiß einfach nicht, was passieren wird. Und für manch offene Frage findet sich erst auf den letzten Seiten eine Antwort.
Mehr Spannung geht nicht! Gerne gebe ich eine Leseempfehlung für alle Freunde gepflegter Spannungsliteratur , und solche, die es noch werden möchten.
Ein zutiefst weiblicher Text, poetisch und anrührend!
Ein Geist in der Kehle von Doireann Ní Ghríofa
Die Autorin hat mit diesem Werk in meinen Augen etwas Einmaliges geschaffen. Ein literarisches Meisterwerk, in einer Symbiose aus Prosa und Poesie. Die Sprache, die Sätze, sind ein Genuss, auch wenn der Inhalt manchmal fast schon zu pathetisch erscheinen mag.
„Die seltsame Stille zwischen dem Abgang eines Briefes und seiner Zustellung, die sonderbare Zeit, nachdem die Worte erdacht und aufs Papier gebracht, aber noch nicht gelesen wurden.
“ - Herrlich!
Es ist eine gelungene Mischung aus lyrischen, historischen und biographischen Texten, in welche sich die Autorin verliert in einer Suche nach der ursprünglichen Weiblichkeit. Es ist ihr eigenes Leben zwischen Windeln und haushälterischer Aufopferung, welches sie beschreibt. Ein Leben auf der Suche nach einer anderen Zeit, nur um zu Bemerken, wie sehr die Männlichkeit (oder nennen wir es das Patriarchat), alles (weibliche) Dagewesene in den Schatten stellt.
Ausgangspunkt ist ein von Eibhlín Dubh Ní Chonaill im 18. Jahrhundert verfasstes Klagelied in 36 Strophen, das „Caoineadh Airt Uí Laoghaire“, in dem sie den Tod ihres Gefährten Art Ó Laoghaire beklagt. Aufgewühlt von diesem irischen Text begibt sich Doireann Ní Ghríofa zurück in die Vergangenheit. Sie beginnt an zu forschen, wer diese Autorin war. Sie sucht nach Gemeinsamkeiten, da sie seit ihrer Schulzeit von dem Text fasziniert, ja fast schon gefangen ist. Die beiden Leben der Frauen scheinen sich zu vermischen. Es geht hin fast bis zur Selbstaufopferung in diesem autofiktionalem Text (fast schon zu viel des Guten). Sie findet allerdings wenig, die Spur der Dichterin nach dem Verfassen des Klageliedes verblasst. Sie wird nur weitergeführt mit einer Chronologie der männlichen Nachfahren.
„Dies ist ein weiblicher Text“, lesen wir sehr oft. Nicht nur zu Beginn des Buches. Immer wieder erinnert uns die Autorin an diese paar Worte. Sie gibt nachhaltig Ausdruck darüber, was ihr wichtig ist. Zu recht, denn Texte von Frauen wurden verdrängt, der Männlichkeit einverleibt (z.B. George Eliot, um überhaupt Gehör zu finden). Und auch heute noch tun sich Autorinnen in der Verlagswelt wesentlich schwerer als ihre männlichen Kollegen.
Wie gesagt, der lyrische Schreibstil ist eine Wucht, man kann sich zwischen den Zeilen verlieren, und liest und liest und liest und denkt sich, das war jetzt zu schnell gelesen. Der Text ist einnehmend, übt eine Art Magie aus, beutelt einen, macht wütend und glücklich zu gleich. Ein wunderbares Werk! Lest es! Absolute Leseempfehlung!
Ein eindruckvolles Plädoyer für eine bessere Zukunft, eingepackt in einen spannenden Roman.
Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen von John Ironmonger
… und die Hoffnung auf morgen … so der erweiterte Titel, der in Anbetracht der momentanen Situation auf dem Planeten wirklich nur mehr ein kleine Hoffnung auf Hoffnung zu sein scheint.
Ironmonger schreibt in diesem über 80 Jahre spannenden fiktiven Werk über den Klimawandel mit seinen (möglichen) Folgen, eingepackt in einen spannenden Roman, welcher sich hauptsächlich um zwei Hauptprotagonisten dreht.
Im beschaulichen cornischen St. Piran kennt jeder jeden, man trifft sich am Hafen oder abends im Pub. Eines Abends sitzt der zwanzigjährige Student Tom Horsmith im Pub, als der Politiker und eingefleischter Klimawandelleugner Monty Causley dazukommt. Es entsteht ein heißer Disput über den Klimawandel, und in weiterer Folge eine spektakuläre Wette zwischen den beiden. Was sie nicht wissen, ist, dass ihre Auseinandersetzung gefilmt wird und im Netz viral geht. Das verändert das Leben der beiden auf dramatische Weise. Seit diesem Tag sind ihrer beide Schicksale, auch wenn sie sich nur alle zehn bis fünfzehn Jahre treffen, eng mit einander verwoben. Mal zum Unglück des einen, mal folgenschwer für den anderen. Was alles in den achtzig Jahren geschieht, verrate ich natürlich nicht – ich kann aber soviel sagen: es bleibt spannend.
Ironmongers Erzählstil ist einfach. Er benötigt keine geschnörkelten Worte um eine Stimmung zu erzeugen, und dennoch sitzt jeder Satz, reißt die Leser:Innen mit in seinen Gedanken und im Streit mit Tom und Monty. Beide beschert das Schicksal eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, mit schönen Momenten und Erfolgen, aber auch mit Niederlagen. Die Lebenslinien der beiden bleiben mit einander verwoben.
Neben den sehr eindrücklichen Beschreibungen des Autors, was den Klimawandel betrifft, - mit erhobenen Zeigefinger -, besticht der Roman vor allem durch seine akribische Darstellung der Charaktere. Für mich ist das eine ganz besondere Erzählkunst. Den Tom, Monty und auch andere Protagonist:Innen erscheinen derart plastisch und real, man könnte meinen, sie ein Leben lang zu kennen.
Sehr gerne gebe ich hier eine ausgesprochene Leseempfehlung ab. Klimawandel geht uns alle an, ob es uns passt oder nicht (meine 5 coins dazu).
Der ungeschönte, sprachlich brillant ausgearbeiteter Weg zur Haitianischen Revolution.
Der Tanz auf dem Vulkan von Marie Vieux-Chauvet
Die Autorin bedient sich bei diesem beeindruckenden Roman historischer Begebenheiten. Es ist der Vorabend zum Sklavenaufstand in Haiti, Ende des 18. Jahrhunderts, welcher schließlich, weltweit einzigartig, zu einem unabhängigen Staat führte.
1792, Minette und ihre jüngere Schwester Lise wachsen von ihrer Mutter, eine affraniche – eine freigelassene Sklavin, behütet in Port-au-Prince auf.
Beide können auf ihr Gesangstalent sehr stolz sein, und mit der Fürsprache und Schutz von Madame Acquaire, welche beiden in aller Heimlichkeit Gesangsunterricht gibt, darf Minette eines Tages auf der Bühne auftreten, obwohl es Farbigen strickt verboten ist. Ihr außergewöhnlicher Gesang und der Zusammenhalt innerhalb der Schauspielertruppe beschützt sie weitestgehend vor Repressalien und gröberen Anfeindungen. Zunächst singt sie unentgeltlich, fordert dennoch bald einen eigenen Vertrag. Ihr Selbstbewusstsein ist groß, auch ihr tiefer Argwohn gegen die weißen Kolonialherren, welche nach Lust und Laune regieren und die Einheimischen und Farbigen unterdrücken. Trotz ihres Erfolges bleibt Minette der Zugang zur Gesellschaft, wie etwas der obligatorische Ball nach einer Aufführung, aus Rassengründen untersagt.
Während dieser Monate kommt Minette immer mehr mit rassistischen Anfeindungen in Berührung. Auch wird sie mehrfach Zeuge der willkürlichen Gewalt der Weißen Farbigen gegenüber. Sie trifft auf den Untergrund, die aufständischen Sklaven und jenen guten Seelen, welche die aufkeimende Revolution unterstützen. Und sie beginnt, ihr Umfeld zu hinterfragen.
„ Warum gab es Reiche und Arme? Warum wurden die Sklaven geschlagen? Warum gab es gute und schlechte Herren, gute und schlechte Priester? Warum lehrte der Katechismus das eine und taten die Priester das andere? Sie sagten: wir sind alle Brüder, und trotzdem kauften sie Sklaven, manchmal schlugen sie sie, oder quälten sie zu Tode.“
Denn im ganzen Land formieren sich die Sklaven, es gibt erste Aufstände, bis hin, ohne jetzt zuviel zu spoilern, zur blutigen Revolution, welche oft sehr detailreich geschildert wird (Triggerwarnung!).
Die Geschichte ist mit einer großen, erzählerischer Kraft geschrieben. Die handelnden Personen sind derart plastisch dargestellt, als ob man sie real kennen würden. Das ist eine große Stärke der Autorin, welche ihre Heimat Haiti 1968 verlassen und ins Exil gehen musste. Die patriarchalen und menschenfeindlichen Strukturen haben das Land nie verlassen.
Der Roman beginnt sanft, Kritik und Aufstand kommen langsam daher, aber es schaukelt sich gegen Ende gewaltig auf. Manchmal ein wenig zu heftig nach meinem Geschmack, sodass der ursprüngliche Lesefluss und die eindrücklichen Szenen etwas in Mitleidenschaft geraten. Gerne gebe ich eine Leseempfehlung , vor allem für jene, die historisch über den Tellerrand schauen möchten.
Dystopisch! Grandios!
12 Grad unter Null von Anna Herzig
In Sandburg beginnt eine neue Zeit. Die patriarchalen Strukturen haben es geschafft, einen weiteren Sieg gegen die Frauen zu erringen. Ein neues Gesetz erlaubt es jedem Mann, von den Frauen zurückzufordern, was die Testosteronträger in die Frauen investiert haben. Ein paar tausend Euro binnen 2 Wochen … natürlich kein Problem.
Gegebenenfalls droht eben ein Rechteentzug. Oder schlimmer. Keine Wohnung, Keine Arbeit. Keine Lebensgrundlage.
Greta, im sechsten Monat schwanger, sieht sich mit einer unmöglichen, existenz- und lebensbedrohenden Lage konfrontiert, als Henri, ihr Verlobter und Vater des ungeborenen Kindes, von diesem Gesetz gebrauch macht. Greta sucht Hilfe in ihrer Familie, bei ihrer Schwester. Und so nach und nach ermöglicht uns die Autorin Einblick in die tiefen Schluchten, welche das Familienoberhaupt mit seiner patriarchalen Besessenheit aufgerissen hat. Die Mutter war immer nur um Schadensminimierung bemüht, das Gesicht nach außen zu wahren um das Bild einer heilen Familie aufrecht zu erhalten (und nach Möglichkeit den Frieden in der Familie). Mehr möchte ich vom Inhalt nicht verraten.
Anna Herzig zeichnet uns eine Dystopie, welche die Grundlage aus dem Leben schöpft. Wissen wir immer, was hinter den Türen passiert? Wieviel Unterdrückung, Gewalt, Misogynie, etc. passiert im täglichen Leben, ohne dass wir es wissen. Vielleicht ahnen wir es, manchmal, an Geräuschen, Blicken. Vielleicht haben wir es selber erlebt und dachten, es ging nur uns so (egal ob Mädchen, Junge oder Frau).
Ich feiere dieses Buch! Ehrlich! Auch wenn die Story überspitzt zu scheinen mag. Aber einen Kuschelkurs gegen das Patriarchat gibt es nicht.
Auf den 140 Seiten passiert so viel, Herzig versteht es sehr gekonnt, ohne Ausschweifungen und in direkter, dem erzählten Inhalt perfekt angepasster Sprache, Bilder zu erzeugen. Man lebt und leidet mit, schüttelt den Kopf, wird wütend und hilflos zugleich, und stellt fast zum Glück fest, dass es nur eine dystope Fiktion ist. Es rüttelt auf, lässt einen nachdenken – mit der Hoffnung, dass sich unsere zerrüttete Gesellschaft zum besseren wenden wird.
Das Leben! Fein beobachtete Momente. Vergangenes und Gegenwärtiges! Quirligen Lebensgeschichten.
La Vie von Katharina Levashova
La Vie – das Leben. Vielfältig, bunt, heiter, tragisch. Es endet und beginnt von Neuem. Und mittendrin: der Mensch, in all seinen Facetten. „Kein Ende ohne Anfang“
Ferdinand ist fast hundert Jahre alt, sitzt oft und gerne im Café oder auf einer Parkbank im Städtchen Melk in der Wachau. Er beobachtet die Menschen, zieht seine Schlüsse.
Seine lange Lebenserfahrung hat ihm ein besonderes Gespür gegeben. Und so wird Ferdinand (man muss ihn einfach liebhaben) in diesem Debütroman der Autorin zum Dreh- und Angelpunkt von einigen Episoden der Protagonist:Innen. Die meisten davon sind mit dem Greis verwandt, haben so ihre Ängste und Nöten, wie es einem das Leben nur bieten kann. Seien es berufliche Probleme, oder Beziehung, die neu keimen, sowie Flüchtlinge, die erst mal ankommen müssen.
Vieles erkennt Ferdinand, den alle kennen. Und so plaudert Ferdinand zwischen den einzelnen Kapiteln von der Zeit im und nach dem Krieg, seiner große Liebe Elisa, und natürlich von seinen Kindern und Enkeln. Vieles hat er zu berichten. Und in den Episoden lernen wir das kleine Knäuel Menschen sehr gut kennen, sitzen ebenfalls auf der Parkbank, und lassen uns einlullen in den ständigen fließenden Strom, genannt Leben (alles weitere wäre gespoilert, also bitte selber lesen).
Nebenbei, der Roman ist eine Liebeserklärung an die oberösterreichische Stadt Melk. Am Eingang zu schönen Wachau, an der Donau gelegen (da ist er wieder, der Strom), mit vielen schönen Locations, macht es Lust, es Ferdinand gleich zu tun. Ich bin sicher hundertmal oder öfter auf der Autobahn vorbei gerauscht, ohne auch nur einmal einen Abstecher dorthin zu machen (shame on me).
In einer angenehmen, unaufdringlichen Sprache entführt uns Levashova in das Leben der Stadt. Der Roman ist angereichert mit einer guten Beobachtungsgabe, authentischen Dialogen und so manchem Getuschel unter Freundinnen. Es ist ein sehr feines Buch, gerne gelesen, und bin gespannt, was wir von der Autorin noch erwarten dürfen. Ich gebe hier gerne eine #Leseempfehlung ab für die quirligen Lebensgeschichten, welche auch mal mit einer gewürzten Prise Humor daherkommen.











