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Rezensionen von mannuberbord:

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Verlorene Seelen

Red von Louise Kennedy

Louise Kennedy erzählt in ihrem zweiten Roman von verlorenen Seelen. Was wie eine Coming-of-Age-Geschichte anfängt und zugleich der Beginn einer Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern in der irischen Provinz, Red und Róisín, zu werden verspricht, entwickelt sich mit der Zeit zu einem vielschichtigen Porträt vom irischen Exil in London in den 1980er Jahren und darüber hinaus.

Dabei gelingt ihr eine eigentlich unmögliche Balance. Kennedy erzählt szenisch, in klarer, unverschnörkelter Sprache, und doch kunstvoll. Ihren Figuren haftet eine Traurigkeit an, die nie ins Melodramatische kippt. Sie erzählt schonungslos, aber nicht unbarmherzig von Enttäuschung, Drogensucht und Tod, und dennoch ist das Buch nie ganz hoffnungslos, auch wegen des tiefschwarzen Humors, der den Roman durchtränkt. Noch mehr als in ihrem starken Debütroman "Übertretung" beweist Kennedy hier ihr ganzes Erzähltalent. Durch kleine Beobachtungen lässt sie selbst Nebenfiguren dreidimensional werden. Der Roman ist ambitioniert, beinhaltet Zeitsprünge, und hat den Mut, Leserinnen und Leser die Lücken selbst füllen zu lassen. Ein beeindruckend starkes Buch, mit der Louise Kennedy sich endgültig als große Stimme in der irischen Literatur etabliert.

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Verlorene Seelen
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Die heilige Ioana

Gib mir alles von Alexandra-Maria Pipos

Johanna gibt in allem, was sie tut, 110 Prozent: sei es beim Sport oder in ihrem Job in einer gnadenlosen Unternehmensberatung, in dem jede Form von Schwäche sofort bestraft wird. Sie steht kurz vor dem nächsten großen Karriereschritt, als plötzlich der Anruf kommt, der sie aus der Bahn werfen wird: Ihr Opa ist gestorben.

Sie hat keine andere Wahl, als zu ihrer Familie nach Rumänien zu reisen. Dort, wo man sie als Ioana kennt, und wo sie ebenfalls die Erwartungen einer ganzen Familie zu erfüllen hat. Locker und kurzweilig erzählt Alexandra-Maria Pipos von dem zum Scheitern verurteilten Versuch, allen gerecht zu werden, und dem ständigen Erwartungsdruck eines Kindes ausgewanderter Eltern. Der Handlungsverlauf ist dabei vertraut und wartet mit wenigen Überraschungen auf. Auch die Schilderung der Business-Welt, insbesondere der Ellenbogenmentalität der Kollegen, streift das ein oder andere Klischee. Das Buch hebt sich von anderen seiner Art aber durch genaue Beobachtungen, durch die Spezifizität, die Schilderungen der rumänischen Familie ab. Auch einige stilistische Ideen, wie eingeschobene Kapitel, die aus Sicht von Heiligenfiguren erzählt sind, sind originell. Insgesamt damit trotz kleinerer Schwächen ein gelungenes Debüt, das das Potenzial der Autorin erkennen lässt.

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Die heilige Ioana
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Die letzte Reise

In die Schweiz von Emma Cline

Ein neuer Roman von Emma Cline ist spätestens seit ihrem abgründigen Sommerroman "Die Einladung" ein Ereignis. Ihr neuer Roman folgt David, einem Mann mit beginnender Demenzerkrankung, der sich auf eine letzte Reise in die Schweiz begibt, um dort zu sterben. Wen das Thema nicht abschreckt, dem begegnet ein kluges, hypnotisches, zuweilen komisch-absurdes, öfter aber trauriges und im Großen und Ganzen erschütterndes Buch, wie man es selten gelesen hat.

In einem fragmentarischen Stil, der das zunehmend löchrige Bewusstsein der Hauptfigur spiegelt, entfalten sich die letzten Tage, Begegnungen, Gedanken eines Menschen am Ende seines Lebens. Und man fragt sich: Was bleibt von einem übrig, wenn man aus der Welt verschwindet? Glücklicherweise diktiert der Roman dafür keine Antwort, verfällt nicht in sentimentalen Kitsch. Viel nüchterner zeigt er, dass man auch im Sterben der bleibt, der man vorher gewesen ist. Der Wunsch nach plötzlicher Vergebung, nach einem Rollenwechsel, er ist da, aber außer Reichweite. Trost findet sich womöglich nicht mehr in diesem Leben, sondern in dem, was danach kommt. Ein existenzieller, meisterhafter, großartiger Roman. Große Literatur.

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Herzzerbrechend

Herz König von Lily King

Dieses Buch sollte mit einem Warnhinweis versehen sein: Es wird dir das Herz brechen. Andererseits – vielleicht könnte man das für das Leben an sich auch sagen. Lily Kings Buch geht einem nahe, ohne sentimental oder melodramatisch zu werden. Sie erzählt die Geschichte einer besonderen Liebe: der ersten.

Das Kennenlernen im College wird rasant erzählt, in Kings Feder ist kein Wort zu viel, man fliegt durch die Seiten. Dann gibt es einen Bruch. Die Jahre sind vergangen – wo ist die Zeit geblieben? Die Figuren sind älter geworden. Und plötzlich liegt ihr Leben nicht mehr vor, sondern hinter ihnen. Sie befassen sich nicht mehr mit ihrer Zukunft, sondern ihrer Vergangenheit. Den Entscheidungen, die sie getroffen haben. Der unerträglichen Erkenntnis, dass Liebe allein nicht manchmal nicht reicht. Aber auch, dass sie Bitterkeit, Enttäuschungen, Verrat, gar Trauer überdauern kann. Herz König zeigt die verschiedenen Formen, die sie annehmen kann. Ein kluges, schönes, trauriges Buch. Ich habe euch gewarnt.

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Alles bloß Fassade

Yesteryear von Caro Claire Burke

Die Prämisse von Yesteryear ist so simpel und doch so stark: Eine Tradwife-Influencerin wacht plötzlich im Jahr 1855 auf. Kein Wunder, dass der Roman schon vor seiner Veröffentlichung einen Hype ausgelöst hat, die Filmrechte sind bereits verkauft. Es verspricht, ein Buch über diese seltsame Zeit zu werden, in der wir leben.

Wer sind diese Frauen, die einem in den sozialen Medien verkaufen wollen, sie hätten es in früheren Zeiten und mit antiquierten Geschlechterrollen besser? Das Buch ist an einer Antwort daran leider nicht interessiert. Zwar gelingt es der Autorin, auf über 400 Seiten eine enorme Spannung zu erzeugen, die einen zum Weiterlesen zwingt. Doch über die strukturellen Bedingungen oder dem religiösen Weltbild, die die Hauptfigur Natalie zum Handeln motivieren, erzählt der Roman so gut wie nichts. Vor allem im letzten Drittel wird psychologische Figurentiefe einem halsbrecherischen Plot geopfert. Durch den finalen Twist macht es sich die Autorin einfach, keine Wahrheiten über das Phänomenen, das sie beschreibt, finden zu müssen. So bleibt ein packender, aber oberflächlicher Thriller, der nicht lange nachhallt. Wie die gute alte Welt, die ihr Subjekt beschreibt: Am Ende bleibt nicht viel mehr als Fassade.

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Intensive Irrfahrt

Grüne Welle von Esther Schüttpelz

Eine Frau ist auf dem Weg nach Hause in ihrem Auto, als sie auf eine Umleitung stößt. Sie fährt und fährt. Und fährt immer weiter. Dies ist der Ausgangspunkt des zweiten Romans der Autorin. Nah dran an den Gedanken ihrer Hauptfigur, aber doch mit Distanz erzählt sie von einer Frau, die in ihrem Leben gefangen ist, und die durch eine Reihe grüner Ampeln scheinbar die Gelegenheit bekommt, in die Freiheit zu fahren.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Esther Schüttpelz seziert die Strukturen, die Frauen dazu bringen, in schlimmen Beziehungen mit gewalttätigen Männern zu bleiben. Ohne dabei einfache Antworten zu finden. Die Frau begegnet auf ihrem Weg mehreren Menschen, doch wird sie am Ende auch die Kraft haben, ihrem Leben zu entkommen? Ein spannender, atemlos erzählter Gedankenstrom, der mit reduzierten Elementen dennoch eine enorme Spannung erzeugt - und dessen Ende nach dem Lesen noch zum Nachdenken anregt. Ein gelungener Roman!

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Rätselhaft und fesselnd

Die Probe von Katie Kitamura


Katie Kitamuras neuer Roman ist ein rätselhaftes Experiment, das einen immer wieder dazu bringt, alles zu hinterfragen, was man über die Ich-Erzählerin und ihr rätselhaftes Verhältnis zu Xavier, dem jungen Mann, zu verstehen geglaubt hat. Ist er ihr Sohn? Ist sie seine Mutter? So sehr man sich bemüht, die Antwort ist nicht zu greifen.

Die Rollen wechseln, die Figurenkonstellationen verrutschen. Familie als geteiltes Trugbild. "Die Probe" vibriert förmlich vor Ambivalenz. Abstrakter als ihre Vorgängerromane, widmet sich Kitamura erneut den Untiefen der menschlichen Psyche, seziert zwischenmenschliche Beziehungen, untersucht die Rollen, die wir jeden Tag spielen, die Alltagsrituale, die Unmöglichkeit, andere Menschen, vielleicht sogar sich selbst wirklich jemals zu kennen. Mit albtraumhafter Logik entfaltet sich die Handlung, bis die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Aufführung verwischen. Man will weiterlesen, um zu erfahren, was passiert, auch wenn man bereits ahnt, dass es hier keine leichte Auflösung geben wird. Aber das ist egal: Denn wie Kitamura Fragen aufwirft und dem Leser Rätsel aufgibt, ist interessanter als die meisten Antworten, die man in anderen Romanen findet.

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Potenzial verschenkt

Schweben von Amira Ben Saoud


Die dystopische Welt in der nicht allzu fernen Zukunft, in der der Roman spielt, ist reizvoll. Die Idee des Buches, eine Gesellschaft auszuleuchten, die sich nach dem Klimakollaps in abgeschotteten Siedlungen organisiert hat, hat enormes Potenzial. Auch die Hauptfigur, deren Job es ist, in die Rollen fremder Menschen zu schlüpfen, ist spannend.

Leider kann der Roman dieses Potenzial nicht einlösen. Sprachlich bleibt die Schilderung dieser Welt zu konventionell. Auch fehlt es den Figuren an psychologischer Tiefe. Der Plot verliert sich vor allem im letzten Drittel in dem Versuch, verschiedene gesellschaftliche Themen anzusprechen, wobei diese überwiegend nur angerissen werden. Dass das Ende ins Surreale abdriftet, ist sogar noch das Interessanteste daran. Ein Roman muss keine Erklärungen abliefern, er darf sogar Fragen hinterlassen. Doch um einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen, bleibt der Text leider zu oberflächlich, die Stimmung verfliegt schnell. Einen zusätzlichen Punktabzug gibt es zudem für das KI-generierte Cover. Schade!

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Originelle Form, konventioneller Inhalt

Wackelkontakt von Wolf Haas


Die postmoderne Versuchsanordnung des Romans ist reizvoll. Der Kniff der Geschichte, dass die zwei Hauptfiguren sich gegenseitig als Buchcharaktere wahrnehmen und übereinander lesen, ist originell. Die hervorgehobene Meta-Ebene und der Rahmen erinnern an andere Bücher, die mit der Form spielen, beispielsweise Italo Calvinos "Wenn ein Reisender in einer Wintersnacht".

Und am Anfang überwiegt der Reiz dieser Idee, man liest, weil man wissen möchte, wie die Geschichten miteinander verwoben sind, man wartet auf den nächsten Übergang. Doch mit der Zeit nutzt sich die Idee ab, und der Versuchsaufbau wird repetitiv. Man stellt fest, dass hinter der flott erzählten Geschichte nicht viel ist. Die Figuren sind bemüht schrullig, bekommen aber keine Tiefe, und die Handlungsstränge bleiben oberflächlich und klischeebeladen und fügen sich zu einem abgeschmackten Mafiaplot zusammen. Am Ende bleiben von der Lektüre nicht mehr ein paar Schmunzler und gehobene Unterhaltung. Oder um es anders auszudrücken: Die Grundidee elektrisiert - je länger der Roman andauert, desto mehr schaltet er jedoch in den Stromsparmodus.

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Eine Weiterentwicklung

Intermezzo von Sally Rooney


In "Intermezzo" begegnet dem Leser vieles, was man von Sally Rooney gewohnt ist: Es geht um Liebe, komplizierte Beziehungskonstellationen, um Millenials in Dublin und Umgebung. Doch ihr vierter Roman ist auch eine Weiterentwicklung: Er ist ambitionierter, ausschweifender, sentimentaler, erwachsener, tiefgründiger.

Auch stilistisch wagt Rooney Neues, indem sie uns in die Gedankenwelt ihrer drei Hauptcharaktere wirft. Wir erleben ihre subjektive Sicht auf das Leben und das, was ihnen geschieht, werden in fragmentierte Bewusstseinsströme und emotionale Überlegungen hineingezogen. In einem Interview hat Rooney Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" als Inspiration genannt (nicht zufällig heißen die Hauptfiguren in "Intermezzo" Ivan und Peter Koubek); auch Assoziationen an Virginia Woolf werden wach. Das Buch ist nicht perfekt - es ist vor melodramatischen Szenen nicht gefeit, zudem überzeugen ausgerechnet die Frauenfiguren nicht durchweg. Doch insgesamt ist es ein kluges Buch, in das man versinken kann.

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Eine Weiterentwicklung