Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Irmgard Gstettner:
Ein origineller Entwicklungsroman mit Längen
Popóm von Johanna Sebauer
Ist es hilfreich, über seine Zukunft Bescheid zuwissen?
Diese Frage stellt Johanna Sebauer in ihrer Geschichte über den jungen Hendrik Popom , der in Hendrik Popóm seinem Alter Ego begegnet.
Selbst in einer krisenhaften Situation auf der Suche nach Halt und SInn, glaubt er, fasziniert von dem gut gekleideten, eleganten Mann in den Sechzigern, einen Blick in seine Zukunft machen zu können und Hinweise auf sein späteres Leben zu finden.
Doch das Leben muss im Jetzt gelebt werden, und letztendlich verhilft ihm diese Begegnung aktiver zu werden und Selbstmitleid und Resignation hinter sich zu lassen.
Gut gefallen hat mir, dass die FIgur des Popóm geheimnisvoll und nicht faßbar bleibt, aber die Langatmigkeit der Erzählung ließ mein Interesse schwinden.
Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska
DIe Bewohner und Bewohnerinnen der Siedlung "Am Kastanienbaum" leben wie die meisten Menschen in großen Ballungszentren nah beisammen. Ob alt oder jung , einheimisch oder mit Migrationshintergrund, alle haben ihre eigenen Herausforderungen und tief verborgen den Wunsch nach Verständigung und Gemeinschaft.
Der Fund einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg führt dazu, dass die Siedlung geräumt werden muss und sich dadurch Möglichkeiten zur Annäherung und der Bewältigung der Situation entstehen.
Mit viel Mitgefühl und Verständnis beschreibt die Autorin leicht und humorvoll die Einzigartigkeit jedes Menschen und wie Wege der Selbstfindung , Befreiung und Hoffnung gelingen können.
Ein wunderbares Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.
Bear, Julian oder Gordon
Die Namen von Florence Knapp
Ein Sohn bekommt 3 Namen. An sich nichts Ungewöhnliches. Doch in der Familie, in die er hineingeboren wird, herrscht Gordon, der Vater mit brutaler Gewalt vor allem über seine Frau, aber auch über die Kinder. In seiner Familientradition erhält der Sohn den Namen des Vaters. Cora, seine Mutter will ihm einen anderen Namen geben, der keine Assoziationen mit der Gewalt des Vater weckt.
Dies ist der Ausgangspunkt des Romans von Florence Knapp, in dem sie drei Lebenswege des Kindes aufzeigt, die sie den Namen zuordnet.
Geht es dabei wirklich um die Bedeutung der Namen oder sind es nicht vielmehr die Erwartungen, Befürchtungen und Vorurteile die das Leben eines Menschen prägen und beeinflussen? In dieser Familie handelt es sich um Traumatisierung ,Hilflosigkeit, Unterordnung , aber auch um die Möglichkeit sich aus der Familie zu befreien und die Traumata auf verschiedene Weise zu heilen.
Eine spannende Geschichte, sehr gut erzählt, erschreckend und berührend zugeleich. Noch lieber hätte ich das Buch gelesen, wären die Erzählstränge nicht so verflochten gewesen.
Ein Leseerlebnis
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Norbert Gstreins Buch ist ein Leseerlebnis. Es umspannt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit 2 Weltkriegen und wird aus dem Blickwinkel eines Mannes erzählt, dem in seiner Jugend vom Vater eine Verletzung am Bein zugefügt wird, damit er kriegsuntauglich ist. So nimmt er an keinem der Weltkriege teil.
Aus dieser Außenseiterposition entwickelt sich ein spannender innerer Prozess, der ihn duch Phasen der Beschönigung, Romantisierung, Distanzierung und der abstrakten Beschäftigung mit dem ersten Weltkrieg führt. Dem allen setzt er nichts entgegen und erkennt erst spät , dass er dadurch Schuld auf sich lädt.
Am Ende seines Lebens kann er die obsessive Beschäftigung mit dem Krieg aufgeben, indem er die Frau, die er liebt durch einen tiefen Trauerprozess begleitet.
Norbert Gstrein hat sich wieder als exzellenter und kluger Erzähler erwiesen.
Wer bin ich -und wenn ja, zu viele?
Die Passantin von Nina George
Die spannende Story, die in vielen kurzen Kapiteln zwischen 2015 und 2019 spielt, erzählt von der gefeierten Schauspielerin Jeanne Partou, die beim Germanwings-Absturz, bei dem es keine Überlebenden gab, als tot gemeldet wurde, sich aber nicht an Bord befand. Sie ergreift spontan die Möglichkeit, ihrem bisherigen angepassten und abhängigen Leben zu entkommen und abzutauchen.
In ständiger Auseinandersetzung mit ihrem bisherigen angepassten und ihrem neu entstehenden Ich , sowie mit den Frauen, deren Geschichten sie im Laufe ihres Neubeginns und ihres Emanzipationsprozesses erfährt, entdeckt sie sich selbst und neue Wege, bis sie sich letztendlich wieder zu erkennen gibt.
EIne durchaus lesenswerte Geschichte, die die Situationen in denen Frauen leben bzw. glauben leben zu müssen, beleuchtet, wäre da nicht von allem etwas zu viel. Es scheint, als hätte Nina George nicht darauf vertraut, dass ihre Geschichte auch ohne raschen Szenenwechsel, immer wieder wechselnde Rückblicke und ab und zu deftige Sprache die Aufmerksamkeit der Leserin/ des Lesers bis zum Ende aufrecht hält.
Insofern der abgewandelte TItel von Richard David Prechts Buch: Wer bin ich- und wenn ja, zu viele?
Wachstumsschmerzen
Himmel ohne Ende von Julia Engelmann
Auch wenn ich meine Pubertät schon vor vielen Jahrzehnten erlebte, empfand ich einen Nachklang beim Lesen dieses einfühlsamen, mit Verständnis und Poesie geschriebenen Buches. Es handelt sich ja um ein zeitloses Thema, obwohl sich die äußeren Verhältnisse geändert haben.
Charlie, schwankend zwischen Zurückgezogenheit und Sehnsucht nach Anerkennung und Freundschaft erlebt Zweifel, Kränkungen und Unsicherheit.
Doch sie kann auch a in einigen Situationen klar ihre Bedürfnisse verteidigen.
Durch die Freundschaft mit Pommes, der ein schweres Familientrauma zu bewältigen hat, erkennt sie, dass es auch andere junge Menschen gibt, die vor Herausforderungen stehen und sie trotz Angst mutig zu bewältigen versuchen.
Pubertät ob gestern oder heute vollzieht sich trotz verschiedener äußerer Bedingungen im inneren Kampf um Sebsterkenntnis und im Suchen nach dem angemessenen Platz in der Welt nicht ohne Wachstumsschmerzen.
Ein Schelmenroman?
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler
Wie kann man sich davor schützen, eine Familientradition von psychischen Krankheiten, Unglück und falschen Entscheidungen weiterführen zu müssen? Der junge Erzähler widmet sich mit Selbstreflexion und zunehmendem Verständnis den Lebensgeschichten seiner Vorfahren und erfährt durch sein Psychologiestudium und die Erfahrungen in der Psychiatrie, dass Patienten nicht ihre Krankheiten sind, sondern ihre Krankheiten haben und die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität durchaus fließend sind.
Letztendlich gelingt ihm, mit Empathie und klarem Blick sich auch seinen eigenen Ängsten zu stellen.
Diese Lektüre war für mich interessant und zugleich aber immer wieder bedrückend. Witz habe ich selten registriert.
Und die Liebe hat doch eine Chance
Wie Risse in der Erde von Clare Leslie Hall
Ein solch leidenschaftliches erstes Liebeserlebnis, getragen von gegenseitigem Verstehen, Kreativität und Leichtigkeit , doch auch ernsthaft und unvergesslich, wer würde sich das nicht wünschen? Beth und Gabriel sind leidenschaftlich ineinender verliebt, teilen das Interesse für Literatur und wollen Schriftsteller/in werden.
Sie sind aber noch zu jung, abhängig von der Meinung der Eltern , unsicher und stolz, um ihre Liebesbeziehung zu bewahren.
Als sie sich nach mehreren Jahren wieder begegnen, ist Gabriel frisch geschieden und Beth verheiratet mit dem verlässlichen und liebevollen Frank. Gabriel ist
inzwischen ein bekannter Schriftsteller geworden und Beth lebt in einem kleinen Dorf und bewirschaftet mit Frank und seinem Bruder einen Bauernhaf.
Sowohl Gabriel als auch Beth haben Fehlentscheidungen und einen schweren Verlust zu verkraften.
Doch sie können nicht anders, als ihre leidenschaftliche Beziehung wieder aufzunehmen.
Aus diesem Konflikt , der daraus entstehenden Tragödie und ihrer Schuld speist sich der Roman von Clare Leslie Hall.
Obwohl klischeehafte Figuren und Situationen gezeichnet, obwohl Gefühle und Erlebtes zu dick aufgetragen werden, obwohl manches zu konstruiert scheint, gibt es Stellen, die mich sehr berührt haben. Und dass es möglich scheint, mit schwierigsten Geschehnissen konstruktiv und beherrscht umzugehen, hebt das Buch von so mancher modernen Literatur ab, in der Heldinnen narzistisch um sich kreisend, ihr Schicksal beklagen.
Warum dann nur 2 Punkte? Weil weniger mehr gewesen und der künstlich überdehnte Spannungsbogen nicht notwendig gewesen wäre.
Ein Buch zum warm Anziehen
Wild wuchern von Katharina Köller
Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann besinnt sich Maria auf ihre Cousine , die als Eremitin in einer Almhütte in den Tiroler Bergen lebt.
Die kraftvolle Johanna, naturverbunden und schweigsam, ist in allem das Gegenteil ihrer hübschen, modischen Cousine, die ein angepasstes Leben als Schuhdesignerin nach Aufenthalten in New York ,Paris und London in Wien lebt.
Das Zusammenleben gestaltet sich für Johanna und Maria schwierig, denn unterschiedlicher könnten sie gar nicht sein.
Den Schlüssel zu ihrer Verständigung finden sie letztendlich in ihrer Kindheit, wobei Maria erkennt, dass die abgelehnte, aus dem gesellschaftlichen Rahmen gefallene Johanna eine Stärke entwickelt hat, um die sie sie beneidet.
Wortgewaltig, wuchtig und oft bis zur Grenze verdichtet zeichnet Katharina Köller Charaktere und Situationen, die Oberflächlichkeit und den Verlust der Eigenständigkeit im Gegensatz zur Mühe und Ernsthatftigkeit aber auch Schönheit des Lebens in der Natur.
An mehreren berührenden Stellen nimmt mich der Roman gefangen und lässt mich so hautnah miterleben, wie sehr Maria unter der Kälte leidet, dass ich aus dem Bett aufstehe, um mir einen Schal zu holen!
Ein Buch zum warm Anziehen.
Liebe und Musik
Für Polina von Takis Würger
Selten habe ich in den letzten Jahren eine Liebesgeschichte gelesen, die mich so berührt hat. Was ich in modernen Romanen oft vermisse, finde ich hier: einfühlsame Sprache, hoffnungsvolle Zuversicht, Anteilnahme an Menschen, die nicht der Norm entsprechen, Freundschaft, die sich bewährt und Liebe, die sich nicht beirren lässt .
Vor allem aber Musik, die das ganze Buch erfüllt.
Man legt es beglückt zur Seite und wünscht sich mehr davon.











