Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Herwig Oberlerchner:
Mythenumrankte Insel
Gavdos von Tomer Dotan-Dreyfus
Gavdos
Wer diese kleine Insel südlich von Kreta kennt, weiß, dass sie mythenumrankt ist. Kalypso soll dort in einer Höhle gelebt und sieben Jahre lang Odysseus beherbergt haben, der Apostel Paulus strandete am Fuß der heutigen Kirche Agios Pavlos, exilierte Politiker lebten am Strand von Sarakiniko.
Diese Insel ist besonders durch ihre Geschichtsträchtigkeit, die Einsamkeit, die meist leeren Strände magnetisch, die nur wenigen Einwohner holen das Letzte aus dem kargen Boden, im Sommer ein touristischer Geheimtipp, im Winter verlassen. Seit einigen Jahren ist die Insel nun um eine Besonderheit reicher, tatsächlich haben einige Intellektuelle sich im Westen von Gavdos nahe Vatsiana niedergelassen, bearbeiten dort eine relativ fruchtbare Region, haben Häuser und eine tempelähnliche Anlage gebaut, Mythen ranken sich um die Sekte und ihre Philosophie der Unsterblichkeit, unterirdische Geheimbauten werden vermutet. Einige haben die Insel inzwischen wieder verlassen.
Gilad, ein junger, aber schwerkranker Journalist reist nach Gavdos, um die Insel und ihre Bewohner, besonders aber diese Gruppe der Pythagoräer kennenzulernen. Er trifft dabei auf Freaks, Untote, schräge Menschen, mythologische Figuren. Die Begegnungen mit diesen lassen Grenzen zwischen Realität und Fantasie, bewusst und unbewusst, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen. Auf der Nebeninsel Gavdopoula soll Heilung passieren.
Nicht nur für Gavdos-Kenner ein besonderes Leseerlebnis. Doch beendet man den Roman mit dem Gefühl des nur Angerissenen, des oft Oberflächlichen, Halbfertigen und Skizzenhaften. Die geographische Verortung der Geschehnisse hätte exakter sein können, der philosophische Diskurs fundierter, das Eintauchen ins Unbewusste konsequenter.
Eine besondere Lektüre für Fortgeschrittene
"Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen" von Bernhard Fetz; Katharina Manojlovic; Juliane Werner
Der neue Profile-Band über Thomas Bernhard zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (seit 30. April 2026) geht unter dem Titel „Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“ dem Phänomen dieses österreichischen Ausnahmeliteraten nach. Besondere und teilweise noch unbekannte Dokumente und biographische Details werden dargestellt, qualitativ hochwertige Texte von Bachmann-ExpertInnen zu Werk und Leben machen diesen Band zu einem reichen Fundus und zu einer kurzweiligen Möglichkeit für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Aktualität Bernhards.
Als reich bebildertes Lesebuch für Fortgeschrittene sehr zu empfehlen!
Am Nil mit Neal
Nil von Anna Baar
Am Nil mit Neal
Keine konkrete Handlung, Charaktere, deren Grenzen verschwimmen und gemeinsam in den Tod springen? Ein Mann und eine Frau in der Hoffnung auf Befreiung von der Kindheit, auf der Suche nach dem jeweils anderen, bezogen, nicht so isoliert wie die Tiere im Zoo, die schmerzhaft tanzenden Bären, das einsame Krokodil.
Ein Computerspiel mit wechselnden Rollen, Avatare, die immer von vorne beginnen? Eine Geschichte, die enden muss, weil der Chefredakteur ungeduldig drängt? Wenn schon nicht zusammen, dann wenigstens gemeinsam in den Tod. Oder?
Schutzengel
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Adrian Reiter ist ein zurückhaltender, stiller Mensch, er spricht nicht viel, lässt die Dinge auf sich zukommen und wirken, reflektiert vorerst wenig, lässt sich im Leben – der Leser begleitet ihn über 75 Jahre – treiben, besondere Ereignisse und Begegnungen rutschen mehr durch Zufall und weniger durch aktives Zutun in sein Leben, das der Autor in vier Etappen unterteilt.
In diesen Lebensphasen trifft Adrian auf Menschen, deren Schicksale in besonderer Weise mit den Weltkriegen verwoben sind: kriegsversehrte, direkt oder indirekt traumatisierte, desillusionierte, nach Einordnung des Grauens, nach (Ant-) Worten suchende Menschen, denen sich Adrian eher schutzengelhaft begleitend, erst zuletzt menschlich verbunden zur Verfügung stellt. Man gleitet mit ihm bedächtig durch die Jahrzehnte bis fast zu seinem Tod und einem letzten Resümee.
Kalkutta
Der Stadtschreiber von Kalkutta von Josef Winkler
Josef Winkler verbringt einen Monat auf Einladung in Kalkutta. Er streift mit seiner Füllfeder und Notizbüchern durch die Straßen und Märkte und Verbrennungsstätten dieser überbevölkerten, lauten, schrillen, verrückten Stadt und beschreibt Szenen, die oft jenseits des Vorstellungsvermögens von Europäern liegen, was Armut, Mentalität, Überlebenskampf und in Riten gelebte Religion betrifft.
Er bleibt in der Rolle des Stadtschreibers, des Beobachters, auch die unvorstellbarsten Szenen werden dem Leser nüchtern und emotionslos, aber akribisch ins Detail gehend angeboten. Ein faszinierendes Bilderbuch aus Müll, Blumengirlanden und den Resten von Mensch und Tier. Und doch stellenweise viel Emotion: das eigene Heimweh, die Einsamkeitsattacken und die Sehnsucht nach den Kindern vertraut Winkler den Lesern an.
Varianten einer Familienbiographie
Die Namen von Florence Knapp
Cora ist Opfer extremer häuslicher Gewalt, sie wird erniedrigt, geschlagen, überwacht, entmündigt, erpresst, mehrfach verletzt. Ihr Mann, ein angesehener, beliebter Arzt, lebt zu Hause all seine Wut, Kränkung und Impulsivität, gespeist aus der eigenen Geschichte, ungehemmt aus. Cora versucht so gut wie möglich ihr erstgeborenes Kind, die Tochter Maia, vor dieser Atmosphäre zu schützen.
Ein Sohn wird geboren, er soll wie der Vater und Großvater Gordon heißen. Doch Cora entschließt sich ihn Bear zu taufen, was zur Familienbiographie I führt, oder Julian (Variante II) oder – Variante III – bleibt doch bei Gordon.
Drei Namen, drei Schicksale, drei Familienbiographien, drei Versuche mit häuslicher Gewalt umzugehen. Die Autorin führt uns über Mord, Femizid und Fluchtversuche zu auch subtilen Einblicken in die Psycho- und Soziodynamik traumatisierter Menschen, ihren oftmals rührenden Versuchen der transgenerationalen Last zu entgehen und im Kontakt mit Menschen Liebe, Vertrauen und Trost zu finden.
Eine um Halt und Heimat ringende Frau
Dieses unruhige Ich von Dieter Burdorf
640 Seiten Text, weitere 124 Seiten Anhang, Bibliographie und Namenregister. Jahrelange Vorbereitung und Recherche. Ein detailreiches, akribisch recherchiertes Buch, eine Biographie, die aber das Leben dieser Schriftstellerin nicht chronologisch abbildet, sondern anhand der Briefwechsel mit den wichtigsten Wegbegleitern, Kollegen, Partnern und Freunden zur Darstellung bringt.
Es entsteht ein buntes, vielfältiges, manchmal irritierendes Bild dieser oft widersprüchlichen Frau. Meist lässt der Autor die Briefe, Artikel, Werke und Zeitzeugenberichte für sich sprechen, nur selten greift er interpretierend ein. Im Mittelpunkt stehen nicht die Schriftstellerin und ihre Werke, sondern die geographisch wie in Beziehungen um Halt und Heimat ringende, einsame Frau, die zuletzt der aus tiefer Sehnsucht geborenen Sucht erliegt.
Eine Udographie
Udo Fröhliche von Benjamin von Stuckrad-Barre
Die neu aufgelegte und ergänzte und überarbeitete Biographie beschreibt dieses Urgestein deutscher Musikgeschichte in Form von kurzweiligen Episoden und Anekdoten von Alkohol bis Zigarren. Daran erkennt man schon, dass auch die Suchthematik in der Lebensachterbahn dieses faszinierenden Künstlers eine zentrale Rolle spielt.
Zuletzt weiß man nichts von Udo Lindenbergs Leben, keine Fakten und Daten und hat doch das Gefühl diesem Menschen sehr nahe gekommen zu sein. Eine etwas andere Biographie - eine Udographie.
Ein missglücktes Mosaik
Die Straße von Robert Seethaler
Die Straße
Robert Seethaler
„Der Trafikant“ – ein wunderbares Buch, verfilmt noch besser, „Ein Ganzes Leben“ - eine berührende Biographie eines einfachen Menschen, der nur Arbeit und eine Liebe kennt, in „Der letzte Satz“ mit Mahler am Schiff … und jetzt das: Ein Mosaik aus Steinen, die auch zusammengefügt kein Bild ergeben, Wahrnehmungsbruchstücke und Sequenzen, willkürlich oder zufällig aneinandergereiht wie mit der Shuffle-Funktion, ohne Tiefgang.
Schicksale und Ereignisse während eines Jahres in einer Straße, wie es Tausende gibt aus einer affektentkoppelten Beobachterposition.
Ein enttäuschendes, missglücktes Buch – auch wenn in den Medien natürlich breit und nur zart ambivalent und unaufrichtig beworben – eines vielleicht ausgeschriebenen Schriftstellers. Ein schlechtes Buch bleibt ein schlechtes Buch, auch wenn es aus einer berühmten Feder stammt.
Rotzig frech - schleimig triefend.
Jesus von Texas von DBC Pierre
Fund bei einem Bücherflohmarkt. Aufgehoben, hinausgezögert, angefangen und nach der zehnten Seite fasziniert durchgezogen. Ein rotzig frecher, provokanter Stil, ein Pubertierender „reift“ in einer faszinierend empathielosen Welt heran, wird als suspekter Außenseiter des Mitwirkens an einem Schulmassaker bezichtigt und Zentrum einer sensationsgeilen, gierigen und rücksichtslosen Medienlandschaft.
Ein von Körperflüssigkeiten triefender, abgründiger Einblick in die kranken Untiefen der amerikanischen Gesellschaft. Eine verstörend-spannende Dystopie.











