Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Manfred Angerer:
Kurze Ewigkeit
Für die Ewigkeit von Helmut Krausser
Die Geschichte beginnt ganz nett. Töchterchen aus wohlhabendem argentinischem Haus verliebt oder „verspielt“ sich in den jungen Klavierlehrer, der mit ein paar dunklen Flecken seiner Vergangenheit belastet ist. Sie fliehen vor dem Vater des Töchterchens nach Rio de Janeiro, schlagen sich eine Weile durch, bis sie vom Cousin des Töchterchens entdeckt werden, der während Unzuchtshandlungen am Töchterchen von deren Vater erwischt und von bösen Handlangern desselben getötet wird.
Der Junge Klavierlehrer nimmt die Schuld auf sich und wandert ins Gefängnis, wo er 11 Jahre später an den Folgen einer Blinddarmentzündung stirbt;das Töchterchen heiratet einen (offenbar ihrem Vater genehmen) Fabrikanten, setzt mit ihm 4 Kinder in die Welt und stirbt später an Herzinfarkt als Folge exzessiven Alkohol- und Kokainkonsums.
Die ganze Haupthandlung spielt 1902 in Buenos Aires und Rio de Janeiro und spiegelt ein bisschen die damaligen sozialen Verhältnisse wider. Die Sprache ist kurz und knackig, einige Szenen sind sehr schön geschildert, berührt hat mich das Buch aber nicht oder hat mir einfach der Zugang gefehlt. Eine nette Sommerlektüre.
Großartig
Ich bleibe hier von Marco Balzano
Ein sehr berührender Familienroman aus einem Südtiroler Bergdorf über den Zeitraum nach dem ersten Weltkrieg bis zur Errichtung des Stausees beim Reschenpass. Eine wunderbar einfache Sprache, die ihrerseits die Schlichtheit des geschilderten Lebensalltags im Bergdorf noch einmal verstärkt. Die Geschichte zeigt auch, wie eng der Spielraum für (Über)Lebensentscheidungen in einem Bergdorf für die Menschen vor allem dann wurde, als der Nationalismus und nachfolgend der Faschismus sich ausbreiteten.
Auch zeigt es sehr nachdrücklich, dass nach dem Überleben des Krieges, Konzerne mit politischen Verknüpfungen ganze Landstriche nachhaltig verändert und Menschen ihre angestammte Lebensgrundlage verloren haben.
Nebenbei: Hintergründe für Stadtviertel mit Bezeichnungen wie „Kanaltaler Siedlung“, „Südtiroler Siedlung“ können in diesem Buch nachgelesen werden.
Sehr empfehlenswert und deshalb 5 Sterne
Heimat berührend entzaubert
Vom Land von Dominik Barta
Ein sehr schöner „Heimatroman“, der die ländliche Idylle ein bisschen entzaubert, die Sprachlosigkeit und Eintönigkeit und das Unterwerfen unter das Primat der Aufrechterhaltung des Funktionierens am Hof sehr eindrücklich wiederspiegelt.
Der Einblick in das Leben der „Kinder“, ihre Lebenseinstellungen, die Verwicklungen in der Dorfgemeinschaft werfen immer wieder die subtile Frage auf, ob eine Ursache einfacher und nicht besonders empathischer Lebensmodelle auch darin liegen kann, dass das Leben am Hof kaum zeitlichen und emotionalen Raum lässt, um den eigenen Kindern das für ihren individuellen Selbstwert erforderliche Rüstzeug in ihr Leben mitzugeben.
Ein bisschen fehlt mir noch ein Ende, das alles positiver ausklingen lässt, deshalb nur 4 Sterne. Trotzdem unbedingt lesenswert und Denkanstoß für so manche Lebenseinstellung.
Großartig
Rote Kreuze von Sasha Filipenko
Die ausgezeichnet verwobene Geschichte eines jungen Mannes, dessen Frau in der Schwangerschaft an Krebs erkrankt und seiner Nachbarin, einer 90 jährigen demenzkranken Frau, die ihre Lebensgeschichte und die von ihr erlebten Gräuel unter der Herrschaft von Stalin in Russland erzählt. Berührend und spannend geschrieben, oft kurze dichte Textsequenzen mit Bildern, die mich dazu gebracht haben, das Buch wegzulegen und dem Gelesenen nachzuspüren.
Meiner Meinung nach eine Pflichtlektüre, auch weil sie den Fokus auf einen Teil der Menschheitsgeschichte lenkt, der ebenso wenig in Vergessenheit geraten sollte, wie die Gräueltaten des Nationalsozialismus oder eines Kommunismus unter Mao Zedong oder….. Bleiben wir kritisch und zeigen Zivilcourage.
Amüsant
Rate, wer zum Essen bleibt von Philipp Tingler
Ein nettes Buch über Dialoge, mit denen man Mitmenschen und vor allem Gastgeber kann schön aus dem "eingefahrenen" Konzept bringen kann. Anwendung im realen Leben nur nach sorgfältiger Abwägung der möglichen Auswirkungen empfohlen. Teils sehr amüsant und wortwitzig geschrieben. Was aber fehlt, ist für mich ein schlüssiges und rundes Ende.
Schade.
großartiger Hochgenuss
Der Sprung von Simone Lappert
Kaleidoskopartige Lebensausschnitte von 11 Personen, kumuliert an einen Tag im Kontext mit einer jungen Frau, die in scheinbar selbstmörderischer Absicht auf einem Hausdach entdeckt wird.
Nachdenklich, tiefsinnig, stellenweise amüsant, alles, was ein Roman für eine niveauvolle Lektüre enthalten soll; auch überraschende Wendungen und Abschlüsse der jeweiligen Handlungsstränge.
Absoluter Lesetipp, geeignet für jedes Bücherregal
schauerlich bedrückend
Der Riss von Simone Lappert
Ogi ist gefangen in der eigenen Bewegungslosigkeit und (fast) Artikulationsunfähigkeit und somit hilflos denjenigen Menschen ausgeliefert, die sich seiner annehmen. Und das ist letztendlich ausgerechnet die Schwiegermutter, die die Verletzungen der eigenen Tochter aus der Ehe mit Ogi offenbar noch sehr präsent hat.
Die Sprache, vor allem die Knappheit der Schilderungen und dadurch die Dichte des Textes sind faszinierend, der Aufbau der Spannung ist grandios. Nur, berührt hat mich die Geschichte und das irgendwie vorhersehbare Ende nicht.
Vielleicht kann aus dem Roman aber die Anregung erkannt werden, sich rechtzeitig um geeignete Pflegepersonen für die Phase der eigenen Hilflosigkeit zu kümmern und/oder sein Leben weitestgehend so zu leben, dass Rachegelüste von Mitmenschen tunlichst vermieden werden.
Omi -Enkelin Geschchte der etwas anderen Art
Großmutters Haus von Thomas Sautner
Unzufriedene Studentin mit "Liebesbeziehung" zu einem verheirateten Familienvater (Schema: Auffrischung der männlichen Vitalität nach vielen Ehejahren) und keinem Geld bekommt von ihrer Großmutter per Post einen Packen Bargeld und fährt sodann zu ihr auf Besuch in das nördliche Waldviertel.
Omi betreibt dort für einen sehr eingeschränkten Kundenkreis einen auf reiner Mundpropaganda aufgebauten Ab Hof Verkauf von Rauchwaren der Typen "Godfather", "Sputniks" und "Ables", alle persönlich aus garantiert biologischen Ingredienzien hergestellt und alle mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die eigene Wahrnehmung.
Enkelin taucht zwei Wochen in diese Welt ein, lernt dort manch kauzige Typen kennen und begibt sich auf die Suche nach sich selbst.
Eine nette Geschichte, leider etwas flach und ohne bleibendes Echo, aber jedenfalls vergnügliche Lesestunden
Tipp an alle Omis: Nachahmung nicht unbedingt empfohlen, könnte zu längerer unfreiwilliger Trennung von Enkelkindern führen
Großartig
Der Stotterer von Charles Lewinsky
Die Geschichte: vielfältig und vielschichtig im Wechsel zwischen dem Erlebten und dem Fiktiven. Die Sprache: hervorragend und grandios, ein Meister seines Faches. Und die Geschichten: ein phantastisches Spiel zwischen dem Erzählten und den Bildern, die das Erzählte und oft auch das gar nicht Geschriebene im Kopf schafft.
Einfach grandios und gehört zum Besten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Langweilig
Am Beispiel des Affen von Charles Lewinsky
Leider hat mich das Buch nicht erreicht. Für mich eine Aneinanderreihung von Geschichten aus dem Studentenleben mit, einem Hauch von Anpassungsschwierigkeiten des indischen Protagonisten an der amerikanischen Universität. Einen Handlungsstrang, der mich durch das Buch führen könnte, habe ich nicht entdeckt; von einer ernsten oder sarkastischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Kulturen, wie beispielsweise die "Briefe in die chinesische Vergangenheit" keine Spur.
Die wenigen Szenen aus dem indischen Alltag, auch wenn sie teilweise schockierend sind, sind nur kleine Spots in einem für mich ziemlich langweiligen Text Großteils über historische Schriftstücke und literarische Texte, deren Bedeutungszusammenhang ich nicht erkenne und die bei mir keine Neugier geweckt haben, unbedingt die nächsten Seiten des Buches zu lesen. Schade.











