Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Eine starke junge Frau
Der Gesang der See,1 Audio-CD, 1 MP3 von Trude Teige
Den Roman „Der Gesang der See“ habe ich als Hörbuch genossen. Das macht durchaus einen Unterschied zum Lesen. Denn ein Sprecher kann unter Umständen so modulieren und betonen, dass manche Stellen deutlicher hervorgehoben werden, ja sogar spannender sind als wenn jemand vielleicht bereits müde oder abgelenkt ist und über eine Stelle hinwegliest, die von Bedeutung gewesen wäre.
Kristiane ist die Witwe eines Lotsen und könnte das Lotsenamt weiterführen, wenn sie ein Mann wäre, denn am Können fehlt es ihr nicht. Damit die Familie vom Lotsendienst leben kann und ihr die Plakette erhalten bleibt, müsste sie nochmals heiraten. Natürlich sind da potenzielle Bräutigame, doch Kristiane will sich nicht nötigen lassen. Denn vom künftigen Ehemann hat sie ihre eigenen Vorstellungen.
Auch mit Neuerungen verschafft sie sich nicht nur Freunde, kann sich jedoch schließlich gegen mächtige Inselbewohner durchsetzen. Sie stemmt sich gegen die Machtlosigkeit, in der die Frauen zu dieser Zeit immer noch gefangen sind, keine Stimme haben, vieles einfach nur hinnehmen können und von den Männern bestohlen und misshandelt werden. Hier zeigt sich die Stärke einer Frau, die es mit Männern aufnehmen kann. Im Stillen habe ich der Heldin, denn das ist Kristiane, wiederholt applaudiert.
Was ich an den Werken von Trude Teige so schätze, ist ihr Erzählstil. Ihre Texte sind unaufgeregt und ruhig, aber voller Leben und Farbe und Tempo. Sie schildert die Menschen, wie auch ihre Leser ähnlichen Charakteren bereits begegnet sind. Man weiß, so und genauso sind und handeln sie
Schon drei andere Romane von Trude Teige habe ich gelesen und war jedes Mal begeistert. Sie ist eine großartige Erzählerin, und ich habe in den Personen immer wieder ähnliche, mit bekannte Menschen erkannt und konnte die einzelnen Entscheidungen der Protagonisten nachvollziehen. Gleichzeitig ist eine Küstenlandschaft vor mir entstanden, die wild und schön, aber auch herausfordernd ist.
Nicht eitel Sonnenschein
Fünf Tage im Licht von Rhiannon Lucy Cosslett
Alessia, Iris, Helena, Sophie: vier Namen, die gut nach Griechenland passen. Vier junge Frauen, Freundinnen, die das Ende der Junggesellinnenzeit von einer von ihnen miteinander begehen, und das auf einer griechischen Insel, im südlichen Licht. Und damit kommt der Leser gleich zu Sophie, der Malerin.
Sie hat einen Partner, Greg, der seinen Kinderwunsch mit Nachdruck verfolgt. Das aber widerspricht dem künstlerischen Streben von Sophie, die mit Nachwuchs behaftet am Malen gehindert wäre.
Auf der Insel fertigt Sophie ein Portrait von Alessia an, doch es gibt Streit zwischen ihnen, und das wirkt sich auf das Gemälde aus. Auch das Liebesabenteuer mit dem Griechen Ky geht nicht spurlos an der Protagonistin vorüber. Und nach den ersten fünf Tagen kommen die Männer der vier Frauen nach.
Zwischen den Kapiteln immer wieder Begegnungen mit den Werken von tatsächlich existierenden oder existiert habenden Malerinnen, Gedanken dazu, Kommentare, Zustimmung, Ablehnung, sogar Identifikation. Auch sie wollten nichts anderes als ihrer Kunst zu leben.
Viele Themen unserer Zeit werden angesprochen, manches bleibt an der Oberfläche. Das Buch wäre damit auch überfrachtet. Die Farben der Insel, das Inselgefühl, die Hitze, das Licht sind wunderbar beschrieben. Der Verlauf ist jedoch nicht straff durchgezogen, die Handlung hat meiner Meinung nach einige Hänger, manches ist vorhersehbar. Der Text scheint mir ein wenig zu sehr auf Frauen zugeschnitten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er auch von Männern gern gelesen wird.
Es ist eine unaufgeregte Sprache, einmal leicht dahinplätschernd, dann wieder durchwirkt von ungewohnten Ausdrücken wie „Hangxiety“ und langen Absätzen, die zum Überfliegen verführen. Mir scheint das Werk insgesamt noch unausgereift, und ich vermisse eine gewisse Homogenität. Aber schließlich ist es ein Erstling, der hoffen lässt.
Das Cover gibt nicht viel preis, vermittelt aber einen mediterranen Eindruck, der an Badeferien denken lässt.
Heiter, aber allzu brav
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Der Pfarrer stirbt, seiner Haushälterin, schon seit frühen Kindertagen mit ihm befreundet, wird dadurch aber nicht langweilig. Denn noch vor der Beerdigung steht bereits ein junger Nachfolger aus dem hohen Norden zu nachtschlafender Zeit vor der Tür. Fürs erste scheint es keine größere Sorge zu geben als sein unverständliches Plattdeutsch.
Und so muss die Messfeier eben in lateinischer Sprache gehalten werden, und für die Predigt tut es auch ein herausgerissenes Blatt aus einem italienischen Kochbuch (Minestrone).
Durch alle Seiten hindurch zieht sich der Duft von kochender Mirabellenmarmelade, und das hat mir sehr gefallen, denn auch ich liebe dieses Aroma heißer Früchte seit meiner Kindheit. Wie Perlen auf einem Rosenkranz reihen sich in einem fort diverse Histörchen und Geschichtlein aneinander. Es sind Hunderte, und man könnte aus dem Schmunzeln gar nicht mehr herauskommen.
Nur: Wie auf die brave ältliche, aber mit ihren 54 noch keineswegs alte Pfarrersköchin zugeschnitten sind alle so harmlos wie Kinderwitze. Eine Pfarrersköchin, deren Markenzeichen ihr hellblaues Wollkostüm ist, verfügt wohl auch über keine aufregenden Erinnerungen. Ein wenig mehr Spannung, ab und zu ein kräftiger Kick, vielleicht zwischendurch noch eine Prise Paprika hätten dem Roman bestimmt gutgetan. So habe ich des Öfteren querfeldein gelesen und mich manchmal gelangweilt. Dieses Buch liest sich leicht-seicht, man möge mir verzeihen.
Doch wer diese Art von literarischer Unterhaltung gerne mag, dem seien die „Mirabellentage“ herzlich empfohlen.
Freundinnen am und im Wasser
Unter Wasser von Tara Menon
Wenn jemand so wie ich ohne jedes Vorwissen die Seiten dieses Buches zu lesen beginnt, tappt er zuerst im Dunkeln. Andeutungen tun sich hier und da erhellend auf, bis man ahnt, worum sich die Ereignisse drehen. Erst da habe ich auf das genaue Datum geachtet, und der Roman gewann mit einem Mal zusätzlich an Hochspannung.
Auf zwei Zeit- und Ortsebenen, aber durchwoben von Erinnerungen an die Freundin Arielle, die nichts so sehr liebte wie das Wasser, das Meer, das gemeinsame Element der beiden. Es geht dabei um zwei Naturkatastrophen, welche 2004 und 2012 die ganze Welt in Atem hielten und in Trauer stürzten.
Während in den Thailand-Kapiteln nur von Arielle und der Erzählerin Marissa die Rede ist, taucht die verstorbene Arielle auch in jedem New York-Teil auf. So sehr ist sie zu einem Stück ihrer Freundin geworden, dass sie beinahe materiell zugegen ist und Marissa sich ständig fragt: Was hätte SIE in dieser Situation gemacht oder gesagt? Auf den Wirbelsturm Sandy mit seinen Folgen wird nicht weiter eingegangen, aber das ist auch nicht nötig, diese Seite der Story ist viel bekannter als der Tsunami im fernen Osten.
Fast unerträglich spannend wird der Lesestoff, und zum Glück ist das Buch schmal, denn ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Die Sprache ist voller Bilder und Sinneseindrücke, besonders deutlich, wenn der Verzehr von Chilischoten beschrieben wird. Da ist mir selbst fast die Nase ins Rinnen gekommen. Dann wieder erzählt Menon voller Zurückhaltung, wie aus Ehrfurcht vor der Trauer der Hinterbliebenen. Hier ist der Autorin Tara Menon ein großer Wurf gelungen. Bitte, mehr!
Das Coverbild mit seinem Wasserstrudel versinnbildlicht nicht nur eine gewisse Leichtigkeit, Geheimnisse unter Wasser oder auch ein Schwimmvergnügen, sondern ebenfalls die Gefahr, die zu diesem Element gehört. Andrerseits deutet sie das Leben, die Wiedergeburt durch das Wasser in zarter Weise an. Nicht zuletzt ist dieser Roman ein Appell an alle Menschen, sich um unsere Erde und unseren Lebensraum in noch stärkerem Maß zu bemühen.
Schlimmes Urlaubsende
Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? von Wencke Mühleisen
Was Erika am letzten Abend ihres Urlaubs von ihrem Ehemann erfährt, ist eigentlich eine alte Geschichte, x-fach praktiziert, gerade am Ende eines gemeinsamen Urlaubs. Und da sie schon seit langem seine Zärtlichkeiten und seine Leidenschaft vermisst, sollte seine Eröffnung, er habe schon seit vielen Monaten ein Verhältnis, sie nicht gar so überraschen.
Und doch ist frau von einer derartigen Eröffnung immer wie erschlagen. Wir Frauen sollten eigentlich mit dieser Möglichkeit gewissermaßen rechnen und im Geist schon einmal durchgehen, was danach kommen könnte.
Aber das ist worst case einer Ehe, wenn auch sehr häufig vorkommend, und eine lebenserfahrene Seniorin wie ich sollte nicht so gescheit daherschreiben. In Erikas Kopf beginnt nämlich jetzt ein wahres Gedankenkarussell: Was für Möglichkeiten bleiben ihr denn noch mit ihren 65 Jahren? Sind Männer in dieser Lage besser dran? Oder eröffnen sich ihr jetzt nicht nur eine neue Freiheit, sondern auch eine immense Einsamkeit und Verlorenheit? Was war die Ursache dieser neuen Bindung? Am Äußeren der beiden Frauen (Erika kennt die Nebenbuhlerin) kann es wohl kaum liegen. Widersprüche und Selbstzweifel erschweren zusätzlich das Verstehen einer solch neuen Situation im Leben einer Frau am Beginn des Rentenalters.
Teils sind es lange Passagen im Text, ein kaum gegliedertes Schriftbild, welches das Lesen mühsam machte und mich zum Querlesen verführte. Mir gefällt aber, was die Autorin Wencke Mühleisen zum Thema alles überlegt hat und nun uns zu vermitteln weiß. Ab und zu blitzt Humor auf, das ist bei diesem Thema wohltuend. Insgesamt ist die Grundstimmung in der Story durchaus nicht negativ, aber manchmal wirkt sie schon sehr bedrückend.
Insgesamt bin ich froh, dass ich dieses Thema hinter mir habe. Den Roman werde ich vermutlich kein zweites Mal mehr lesen. Das heitere und etwas naiv wirkende Cover hat mir eine etwas andere Geschichte vorgegaukelt. Wer aus den Überlegungen der Autorin etwas für sich selbst lernen will, dem sei das Buch empfohlen.
Heimat ist auch Geruch
Melken von Sanna Samuelsson
Ein Romandebut ist für mich immer beachtenswert, denn wer es erstmals geschafft hat, gedruckt zu werden, kann kein schlechter Autor sein. Und so bin ich auch von diesem Erstling angetan. Die Autorin führt uns mitten in eine Welt, die für die meisten von uns eher fremd ist: in die Landwirtschaft mit all ihren unangenehmen, aber unerlässlichen Nebenerscheinungen.
Und noch dazu ein unerlaubter Einbruch in die Welt ihrer Jugend, ihrer Vergangenheit, das allein wäre schon aufregend.
Sanna Samuelsson erzählt lebhaft fließend und sehr anschaulich, sodass der Leser die verschiedenen Stall- und vor allem Milchgerüche fast in die Nase kriechen. Ihre Protagonistin Ellen tritt nicht allzu deutlich hervor, was das Äußere angeht, doch ihr Denken und Fühlen dafür umso mehr.
Viel Wehmut kommt aus den Seiten, viel Erinnerung und späte Einsicht. Dass die Erzählerin Ellen ihr Handy kurzerhand im Wasser versenkt hat, beginnt sie bald zu bereuen. So ganz von ihrem bisherigen Leben und der Partnerin ausgeschlossen zu sein, fällt ihr dann doch nicht leicht. Ich konnte gut mitfühlen und stellte mir unwillkürlich vor, wie es wäre, wenn ich unversehens in mein Elternhaus zurückkehren würde, in dem längst andere Leute leben. Und wenn diese Gedanken beim Lesen hervorgerufen werden, ist das doch eine der schönen Aufgaben eines Romans.
Ich kann ihn guten Gewissens allen Lesefreudigen weiterempfehlen.
Kind zwischen West und Ost
Unser Haus mit Rutsche von Safia Al Bagdadi
Ein Vater, der mit seinen kleinen Zaubertricks und seinen Witzen in Gesellschaft allen die Show stiehlt, dabei aber immer wieder alles Mögliche in den Sand setzt. Eine liebende, sich stets bemühende Mutter, die zwischen West und Ost hin- und hergerissen ist und sich dem Zauber des Orients doch nicht entziehen kann.
Eine Tochter, die eigentlich in drei Welten aufwächst und lebt: Vater Iraker, Mutter Französin, Wohnort Saarbrücken.
Die größtenteils liebenswerten Situationen nehmen den Leser sofort mit sich.
Mich faszinierte der Einblick sowohl in die Elsässer (mit vielen kulinarischen Eindrücken!) als auch in die Irakischen Lebensgewohnheiten und Umstände, denn dort spielen sich die ersten zwei Teile des Romans ab. Im dritten dann führt uns die Autorin, auch mit Hilfe der geschilderten psychiatrischen Sitzungen, weiter durch die Familiengeschichte. Und nicht nur das, gleichzeitig erläutert sie das politische Geschehen im Irak nach 1990.
Eine Aneinanderreihung von Anekdoten, aus der Sicht der kleinen Tochter Layla. Manchmal kam es mir vor, als erzähle Harun al Raschid, was er auf seinen heimlichen Spaziergängen durch Bagdad aufgeschnappt hatte. Die Sprache ist lebhaft, fließend, farbig, und die teils sehr kurzen Kapitel erleichtern das Lesen für jemanden, der sich damit nicht immer leichttut.
Die Unbeschwertheit, die aus den Seiten strömt, zeigt sich auch im Cover, das sommerlich-locker und ferienhaft wirkt. Doch ist hinter all der Heiterkeit eine Schwermut, besonders in der Gestalt des Vaters. Eines Tages wird wohl auch das Kind von ihr bedrückt werden. Was aus dem Irak leider geworden ist, wissen wir.
Frieden auf dem Land finden
Mathilde und Marie von Torsten Woywod
Das vorliegende Buch wird in der Ankündigung „ein Roman, der einfach nur guttut“ genannt, und das ist wohl so. Für Marie, die nicht nur vor der Pariser Gesellschaft auf der Flucht ist, ziemlich planlos und überhastet übrigens, tun sich im Handumdrehen wunderbare Lösungen auf. Ein offenes Ohr, eine Unterkunft, freundliche Menschen und Tiere, eine wohltuende Umgebung und so weiter.
Schön für sie, aber im wirklichen Leben wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass sich alles so glatt fügt.
Drum konnte ich mich im ersten Drittel nicht mit diesem Werk anfreunden. Auch muss ich den derzeitigen Trend vieler Autoren feststellen, über Buchhandlungen, Bibliotheken und Bücherdörfer zu schreiben. Sicher, die sind ihre schöpferischen und notwendigen kommerziellen Habitate, das ist soweit verständlich. Aber das ergibt keine originelle Thematik. Schade!
Der Erzählfluß läuft munter dahin, fröhlich, bunt und friedlich, die Charaktere sind lebendig gezeichnet, das Land bilderreich geschildert. Durch die Ankunft und den Aufenthalt der jungen Marie ändert sich im Dorf vieles zum Guten, und es weicht auf, was bisher unter hartem Holz verborgen war. Seelenruhe breitet sich vielfach aus, genau das, was aktuell jetzt im Advent angestrebt werden soll.
Doch, dieser Text kann den Leser durchaus dazu beeinflussen, achtsamer zu leben und das allgemein herrschende Streben nach immer mehr Geschwindigkeit und noch höherer Leistung für sich selbst zu drosseln. Deshalb dürfte „Mathilde und Marie“ für viele Leser genau die richtige Lektüre und Anregung für das eigene Leben sein, aber für mich fehlt es an Spannung, Drive und Überraschungen. Das meiste ist vorhersehbar. Gern empfehle ich es für gelegentlich am Kachelofen darin zu schmökern, mein Lieblingsbuch wird es jedoch nicht. Drum leider nur drei Sterne.
Umwerfende Familienstory
Lázár von Nelio Biedermann
Nelio Biedermanns Roman lässt vor dem Leser eine Familiengeschichte erstehen, die so lebendig, farbsprühend und spannend ist wie kaum eine zweite. Da finden Szenen statt, die wie in einem Film an mir vorbeigezogen sind. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sein Erstling in mehr als 20 Ländern erscheinen wird.
Was mich an diesem Roman am meisten beeindruckt, ist das wundervolle Narrativ, in welches die Zeitgeschichte vor allem des 20. Jahrhunderts mühelos hineingebettet liegt. Man wird herrlich erzählend unterhalten und rekapituliert so ganz nebenbei, was alles geschehen ist, etwa in beiden Weltkriegen. Wobei die Sicht aus ungarischer Seite für mich eine bisher neue war.
Nelio Biedermann schöpft beim Entwurf der Charaktere derart aus dem Vollen, dass man zweimal hinsehen muss, wie blutjung der Autor noch ist. Zur Glaubwürdigkeit der einen, bereits sehr farbigen und lebenssprudelnden Personen gesellen sich die fantasievollen Eigenheiten der anderen, sozusagen der Unikate, die kaum irgendwo in der Literatur ihresgleichen haben. Man wähnt sich selbst in einer Traumwelt, ist gefangen im Geschehen und hofft inständig, besonders im letzten Drittel, dass man in den sicheren Gefilden der Schweiz erwacht.
Das alles muss erst einmal von einem Autorengehirn erdacht werden, auch dann, wenn Biedermann ganz bestimmt von seiner eigenen Familie bereits vieles erzählt bekommen hat. Denn dass er von ungarischem Adel abstammt, war ist für mich von den ersten Seiten an klar.
Noch dazu liest sich dieses, ja doch, opulente Buch flüssig leicht, auch wegen der meist kurzen Kapitel. Alle Sterne! Ich bin hellauf begeistert, und auf meinem Wunschzettel steht im Moment nicht mehr, als dass es NUR JA NICHT bei diesem Erstlingswerk bleibt! Gerade jetzt, für Weihnachten, scheint mir „Lázár“ ein überaus passendes Geschenk zu sein für alle, die immer neue Geschichten lieben.
Zukunft in Reichweite
Was vor uns liegt von Alba de Céspedes
Alba de Céspedes soll gesagt haben: „Wir Frauen leben auf dem Grund eines Brunnens, und nur wer auf dem Grund eines Brunnens sitzt, kennt das Mitleid.“
Wie ist das gemeint? Frauen und Mädchen sind in verschiedenen Kulturen meist für das mühsame Wasserholen aus den Brunnen zuständig, manchmal über weite Strecken hinweg.
Sie verrichten also Schwerarbeit und verstehen die Not der anderen Menschen besser als andere. Auch das Coverbild deutet auf den Brunnen hin.
Noch ein anderer Aspekt trifft auf „Was vor uns liegt“ zu: Es geht um zentrale Punkte, wo Frauen sich treffen, in diesem Fall ein katholisches Internat. UND dass Frauen aufgrund ihrer Rolle und Stellung in der Gesellschaft mit den Tiefpunkten meist sehr vertraut sind. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht. Soviel nur nebenbei.
Auf den nach dem anfänglichen Verbot und dem ersten Hype wieder aufgelegten Roman bezieht sich am meisten wohl der gemeinsame Austausch über eine sehr unsichere, aber weitgehend nicht selbstbestimmte Zukunft und die (noch) fehlende Selbstbestimmung.
Von Konventionen, Konservativismus und Religion eingeengte junge Studentinnen, noch dazu im faschistischen Italien, werden in einem katholischen Internat zusammengewürfelt. Jede hat ihr eigenes und ganz besonderes Vorleben, das sie prägt, und ihre Wünsche an die Zukunft. Doch die ist unsicherer als je zuvor.
Mir gefällt, wie reichhaltig die Autorin jede Figur zeichnet und ihr eine Fülle von Leben einhaucht. Auch wenn die Mädchen sich gegen die Nonnen nur selten wehren können, hat mich das jeweils Aufmüpfige doch sehr gefreut. Da brodelt und bebt es unter der Oberfläche, jeden Augenblick könnte eine der Frauen über die Stränge schlagen. Die einzelnen Schicksale haben mich berührt. Und noch etwas: de Céspedes schaut genau hin, zeigt auch auf die Kleinigkeiten am Wegrand der Handlung.
Der Sprachstil gefällt mir sehr, und auch, wie genau die einzelnen Szenen dargestellt sind. Ebenso die Erläuterung der verschiedenartigen Probleme, Hoffnungen und persönlichen Zweifel. Wie sehen die diversen Lebensentwürfe aus? Was ist den einzelnen Mädchen wichtig?
Die Spannung baut sich schon bald auf, von Beginn an erzählt Alba de Céspedes erfüllt mit Leben und Farbe. Der Roman umfasst viele Themen, welche gerade junge Frauen, aber eigentlich alle, auf die Beine bringen und bewegen. Sie sind allesamt noch heute aktuell.
Das Cover kommt klassisch rüber, brave und eifrige Mädchen zu Füßen eines Brunnens (Ausspruch Autorin).
Das Buch umfasst so vieles, was zeitlos bleiben wird. Ich möchte es eigentlich allen Literaturfreunden in die Hand drücken.











