Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Sehr pflanzlich
Brombeerblaue Tage von Simone Veenstra
Elisa erhält von ihrem Vater, der bisher in ihrem Leben kaum präsent war, die Nachricht, vorübergehend zu seinem Haus auf Rügen und dem Hund zu schauen. Er müsse zu einer Untersuchung aufs Festland. Die Landschaftsarchitektin macht sich denn auch auf den Weg zur Insel, nur um ihren Vater knapp zu verpassen.
Überhaupt häufen sich die Missverständnisse zu Beginn des Romans, und in der Folge kommt alles ganz anders als vorgesehen.
Die junge Frau arbeitete bisher in Berlin, wo natürlich alles ganz anders ist, besonders, was die Natur (und der Umgang mit ihr) betrifft. Doch Elisa hat auch die Gene ihrer gärtnernden Großmutter in sich, und bald ist sie begeistert in die Inselwelt eingetaucht. Der Leser wird mit viel Wissen über Pflanzen beschenkt und damit auch über die Farben, die sich aus ihnen gewinnen lassen, sowohl für tierische wie pflanzliche Fasern.
Mir gefiel, wie Elisa den Kontakt zu den Nachbarn aufbaut und hält, obwohl diese zu Beginn sich teils nicht sehr einladend geben. Auch die Zusammenarbeit, das nachbarschaftliche Zusammenhalten ging mir nahe, das gemeinsame Lösen von Problemen, das Zusammenhelfen für die Genesung von Elisas Vater. Und da ist auch noch der Hund, der die Verbindung zwischen allen Personen hält.
Das Cover gefiel mir schon beim ersten Blick darauf, so fruchtig-frisch und appetitlich. Zwischen den Kapiteln immer wieder eine Graphik zu einer Blume und die genaue Klassifizierung und Beschreibung. Der Schreibstil ist flott fließend, die Sinne ansprechend, manchmal schon fast haptisch. Etliche Themen, die Natur betreffend, werden angesprochen, auch psychische und medizinische nicht zu knapp.
Eine heilsame Zwangspause
Pause von Lena Kupke
Ein schwerer gesundheitlicher Zusammenbruch bringt Hanna wieder zurück zu ihren Eltern nach Lüneburg, weg von ihrer zweiten Heimat Berlin, weg von einer wackligen Beziehung. Er wirft sie auch in die Gefühlswelt eines jungen Mädchens zurück, obwohl sie über Dreißig ist. Zu diesem Zusammenbruch kommt auch noch, dass Hanna ihren Job in Rekordzeit verliert und ihr Freund Paul mit ihr Schluss macht.
Zur Verzweiflung trägt ebenfalls bei, dass weder ihre Familie noch ihre Freundinnen sie zu verstehen scheinen. Einzig ihre Nachbarin Helen und die konsultierte Ärztin bringen das nötige Mitgefühl auf. Und noch jemand kann sie positiv beeinflussen und ihr einen Schritt weiterhelfen.
Immer wieder Tränen und Alkohol, Trotzphasen, Heimlichkeiten, … Sie zählt unwillkürlich die Adverbien, wenn sie in der längeren Aussage einer Person mehrmals vorkommen, sie fühlt sich in ihrem Elternhaus wieder wie ein Teenager.
Kein Wunder, wenn jede ehrliche Kommunikation scheitert, gerade dann, wenn es in der Familie daran schon immer gefehlt hat. Doch wer schon einmal in Hannas Lage war, weiß ganz genau, was so viele Schläge auf einmal mit einem Menschen machen können, der sich so sehr nach Nähe und Verstehen sehnt. Da hilft auch das Kuscheltier nur für kurze Zeit.
Lena Kupke schreibt in einem Ton, der passgenau das Alter aufnimmt, in das Hanna vorübergehend zurückgeworfen worden ist. Sie zeigt auf, wohin uns eine Krise führen kann, wie man sich darin fühlt, aber auch einige mögliche Lösungen. Schritt für Schritt durchleben wir mit Hanna sowohl die Tiefen als auch das allmähliche Emportauchen aus dem Blues.
Ich selbst habe lange gebraucht, um in diesen Roman hineinzufinden. Dann aber war das Lesen kein Spaziergang, und ich habe beim Lesen nie mehr als 50 Seiten am Stück durchgehalten. Es hat mich sehr ermüdet und mehr bedrückt als unterhalten. Trotz der wenigen Humor-Einsprengseln. Auch hätte ich gern die Bedeutung einiger englischer Ausdrücke zumindest annähernd erklärt bekommen. Andrerseits hat die Lektüre mich zum Nachdenken darüber, wie das bei mir und meiner eigenen Familie ist, angeregt. Doch bis zuletzt wird verschwiegen, was Hanna denn nun eigentlich bei diesem Zusammenbruch passiert ist. Ein Abortus wird vage angedeutet, aber es muss viel mehr sein. Oder viel weniger, denn darauf kommt es letztendlich nicht an.
Zweite Chance?
Weißer Sommer von Eva Pramschüfer
Den ersten Teil des Romans würde ich am liebsten mit „Distanzen, wohin ich sehe“ übertiteln. Es friert mich fast. Jede Person steht ganz allein für sich da, mit viel Abstand rings um sich: in der Vergangenheit Eltern zu ihren Kindern, Almas Großvater zur Familie sowie Théo zu seinem Vater, aktuell die beiden Protagonisten.
Verbundenheit zeigt sich noch am ehesten zur längst verstorbenen Großmutter, die zwischen dem allzu strengen, narzißtischen Großvater (ein bis ins Mark korrekter Jurist) und der Familie zu vermitteln versucht hatte.
Beim Anlass seines Todes sehen sich Alma und Théo zum ersten Mal. Jahre später sind sie im südfranzösischen Haus von Almas verstorbenen Großeltern wieder beisammen, acht Tage lang. Zwar sind sie miteinander in der Zwischenzeit eine Liebesbeziehung eingegangen, doch die hat sich zerschlagen. Sie lieben sich noch, und doch tauchen grundlegende Fragen auf. Was spricht für eine Trennung, was für ein erneutes Bemühen um das vorherige Glück? Ist eine Investition in eine gemeinsame Zukunft zum Scheitern verurteilt, oder könnte ihre Liebe wie Phönix aus der Asche neu auferstehen? Fürs erste sind die beiden jungen Menschen allein im Haus, auf Abstand bedacht, vorsichtig alles hinterfragend.
Erst allmählich konnte ich mein anfängliches Frieren ablegen und bin mit dem Kennenlernen der näheren Umstände ihres Annäherns und Auseinanderdriftens zusehends aufgetaut. Abwechselnd wird aus Almas und Théos Sicht erzählt. Beide studieren (sie Kunst, er Architektur) und sind sehr sensibel, aber auch introvertiert, sodass es leider an klärender Kommunikation zwischen ihnen fehlt. Manchmal hätte ich am liebsten helfend eingegriffen, denn der Liebe muss doch geholfen werden, wenn sie schon einmal da ist. Aber daneben muss ich nun am Schluß der Lektüre sagen: Vom einen oder anderen hätte ich schon mehr gewusst, um noch besser zu verstehen. Dass die Autorin genauer auf die Personen eingeht, sie noch mehr herausmodelliert, ihnen die eine oder andere Ecke und Kante mehr gibt, mehr Vertiefungen. So ist Eva Pramschüfer für meinen Geschmack ein wenig zu sehr an der Oberfläche geschwommen, um das Coverbild mit einzubeziehen.
Dennoch, ein gelungenes Debut. Von dieser Autorin möchte ich gerne mehr lesen.
Fragen und Widersprüche
Falls jemand fragt, wer wir waren von Eva Kranenburg
1953: Vor kurzem erst ist die DDR gegründet worden, da finden wir die Mädchen Tilla und Rena am Ufer der Saale. Einerseits fühlt Rena sich in ihrem Land und seiner Gesellschaft sicher, da sie an den Sozialismus glaubt, anderseits sehr unsicher deswegen, was denn nun alles erlaubt, was verboten ist, was trotzdem an Gefährlichem möglich sein könnte.
Sie müht sich durch ihr erstes Verliebtsein und versucht, die neugewonnene Freundschaft mit Rena zu erhalten. Gleichzeitig ist da plötzlich eine weibliche Leiche in der Saale.
Und dann: Rena verschwindet, vieles im Zusammenhang mit ihr scheint sich als Lüge zu entpuppen. Mit der Zeit taucht eine weitere Frage auf: Wer ist sie, Tilla, selbst? Fragen über Fragen, und niemand, der Antwort geben will.
Als Österreicherin habe ich vom Leben in der DDR nicht allzu viel mitbekommen, nur was man uns erzählt hat und was vereinzelt in den Büchern zu lesen war. Dass es am 17. Juni 1953 dort einen Volksaufstand gegeben hat, wusste ich bisher nicht. Dieser Roman nun gibt authentische Einblicke in das Leben und das Denken der Menschen von damals samt ihrem Zweifeln.
Bei dieser Geschichte über einen totalen Umbruch und das Ergebnis der Erkenntnisse war ich als Leserin mittendrin, habe um die gefährdeten Personen mitgebangt. Eva Kranenburg bezieht zwar keine persönliche Stellung zur DDR, legt aber ihren Finger auf Wunden wie Auschwitz und die teils krasse Ungleichheit in der damaligen Sowjetunion. Und zwar indem sie Tilla geheime Akten lesen und ihren Vater von seinen Erlebnissen und nicht zuletzt seiner bisher für Tilla verborgenen Ideologie erzählen lässt.
Trotz aller Spannung, besonders im letzten Viertel des Buches, habe ich etliche Stellen als langatmig empfunden und quergelesen. Auch Hauptthema sah ich keines, es ging um mehrere Erzählstränge, denen nicht gleich viel Gewicht zugestanden wurde. Hauptsächlich geht es um Tilla selbst, ihre jugendlichen Nöte, ihr Leben mit dem verwitweten Vater, den Mädchen auf dem Schulhof und um Roman, der noch pubertär zwischen dem Bild eines einsamen Menschen und seinen Versuchen männlicher Dominanz schwankt.
Eher an den Rand gedrängt wird nach Rena geforscht, die unauffindbar zu bleiben scheint. Was mir sehr gefiel, war, dass die Details am Rand zusätzlich Farbkleckse in die Lektüre streuen und den Lesestoff speziell machen. Tilla in ihren Nöten ist ausgezeichnet geschildert, Rena, der Vater, Roman und Rupert farbig skizziert, beinahe haptisch. Auch war ich dankbar für den historischen Kontext am Ende des Buches, der bei mir einige Wissenslücken schloß.
Leidenschaftlich, aber stur
Ochsenkopf von Manik Sarkar
Seltsam – zuerst fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Rinderkopf auf dem Cover und der Stirn auf dem Autorenfoto auf. Und dann habe ich mit Vergnügen den Roman über einen recht sturen, aber sehr begabten Metzger gelesen. Begabt ja, für das Fleisch und seine Be- und Verarbeitung, aber der zwischenmenschliche Bereich fällt dem jungen Rensing halt verflixt schwer.
Zwar hat er mit seiner Frau eine kluge Person an seiner Seite, aber das anzuerkennen, fällt ihm schwer. Doch es gibt eine gewisse Handlung, die ihm die Kraft für die richtigen Entscheidungen gibt…
Ich habe mich beim Lesen öfters köstlich amüsiert. Der unaufgeregte, ruhige Stil hat mich davongetragen, die Bilder sind stark und eindrücklich, die Charaktere eingängig gestaltet. Zudem interessieren mich Menschen am Rand der sogenannten „Normalität“ ohnehin viel mehr als alle anderen. Rensings Kampf gegen den Supermarkt bzw. seinen abgewanderten Kundenstock nimmt groteske Ausmaße an. Die Vernunft ist zwar bei seiner Frau durchaus beheimatet, doch es fällt ihrem Gatten schwer, das anzuerkennen. Einerseits der ruhig fließende Erzählton, andrerseits das viele Neue, das den Metzger zum Umdenken zwingen will, ihm immer mehr zusetzt und ihm innere Stürme beschert.
Von mir aus hätte auf die junge, praktisch veranlagte Metzgerstochter und nun Ehefrau Jacomine und auf eine andere Außenseiterin, Jans, mehr eingegangen werden können.
„Sturkopf“ ist lustig und traurig zugleich, weil ein so hingebungsvoller, begabter Mensch immer wieder scheitert. Auf jeden Fall ein ungewöhnliches Thema, kurzweilig und lesenswert, mit Blick auf die Einzelheiten, gestaltet. Der Einblick in das Metzgerhandwerk und wie ein Handel dabei vonstattengehen kann, hat mein bescheidenes Hausfrauenwissen überdies erweitert.
Von diesem Autor möchte ich mehr lesen. Gern empfehle ich den Roman weiter.
Schwerer letzter Lebensabschnitt
Ein unerhörter Wunsch von Ann Packer
Eine Frau, todkrank, will ihre allerletzten Tage nicht mit dem Mann verbringen, der sie während ihres gemeinsamen Lebens immer geliebt und umsorgt hat, sondern mit ihren besten Freundinnen. Das stößt ihn natürlich vor den Kopf und enttäuscht ihn sehr. Er beginnt sich selbst unbarmherzig zu hinterfragen und muss schmerzhafte Selbsterkenntnisse aushalten.
Es geht um Treue im engsten Sinn, um Liebe, Frauenfreundschaft, Solidarität und Hilflosigkeit, besonders auf Seiten des Ehemannes. Dramatik und Traurigkeit sind von Anfang an dabei.
Vieles aus der Vergangenheit wird wieder aufgewühlt, erlangt neue Dimensionen, erschwert das Zusammenleben und das Bedürfnis, für die todgeweihte Ehefrau da zu sein.
Die Lektüre hat mich tief aufgewühlt. Weil ich Ähnliches aus meinem Bekanntenkreis kenne, kann ich vieles nachvollziehen, aber nicht alles. Die Spannung ist sehr hoch gehalten, und das, was so schwierig zu fassen ist, hat mich selbst tief bedrückt. Ich denke, den meisten Lesern, die sich ernsthaft auf den Roman einlassen, wird es mehr oder weniger so ergehen.
Die Autorin versteht es, sensibel ein äußerst diffiziles Thema anzupacken und dennoch wahrhaftig zu bleiben. Die Figuren von Claire und Eliot sind besonders nahegehend gezeichnet, auch, was ihre Ehe ausgemacht hat, ist verständlich und einfühlsam beschrieben.
Aus Not wird Tugend
Pina fällt aus von Vera Zischke
Im Klappentext steht, dass die Autorin einen autistischen Sohn hat, und auch Leo, der Sohn der Protagonistin Pina, ist einer. Aus eigener Erfahrung und Anschauung ist dieser Roman entstanden und wirkt deshalb auch so wahr.
Was ist, wenn die einzige Person, die einen Autisten versteht und mit ihm umgehen kann, durch eine Krankheit, einen Unfall oder ein anderes Vorkommnis ausfällt? Auf sich allein gestellt kann Leo seinen Alltag nicht bewältigen.
Er braucht zumindest die Menschen, die um ihn herum leben und die er ein wenig kennt, die ihm zumindest vertraut sind. Doch diese sind hilflos, denn bisher interessierten sie sich keinen Deut für seine Behinderung. Und schon gar nicht wollen sie aus ihrer (ohnehin eher kleinen) Komfortzone heraustreten. Doch nun ist es notwendig geworden, dass sie einfach handeln müssen.
Vera Zischke ist es durch die Darstellung der Krankheit Autismus gelungen, dass der Leser sich für sie und die Betroffenen zu interessieren beginnt und von der Lektüre zutiefst berührt wird. Die Autorin schildert, wie die Hausgemeinschaft sich aufrappelt, zuerst hilflos reagiert und schließlich gemeinsam herausfindet, was nun zu tun ist. Besonders schön fand ich, wie Leos Charme nach und nach die Mitbewohner für sich einnahm und der neuen Situation einen gewissen Glanz und viel Freude verlieh. Das Zusammenfinden der Hausgruppe macht schließlich aus der Not eine Tugend: Gemeinsamkeit, Inklusion.
Die thematische Schwere wird durch einen leichten Ton im Schreibstil gemildert, ohne die Tragik des großen und leider ziemlich allgemeinen Unverständnisses in der Gesellschaft zu nehmen. Die Spannung baut sich schon ziemlich schnell auf. Mir gefiel, wie die Personen gezeichnet sind und wie schnell ich mitten in der Geschichte war.
Das Thema Inklusion ist nicht erst in letzter Zeit so aktuell. Es ist vor allem auch höchste Zeit, dass wir uns vermehrt damit auseinandersetzen. Inklusion nützt gar nichts, wenn sie nicht gelebt wird. Und keiner von uns sollte vergessen, dass wir alle in irgendeiner Form eigen sind. Denn was ist schon „normal“?
Wiedersehen nach 20 Jahren
Der Sommer, der uns blieb von Greta Herrlicher
Man kann das Gerüst dieses Romans mit folgenden Schlagworten umreißen: drei Kindheits-Freunde, ein Sommer, eine Schuld, Wiedersehen nach zwanzig Jahren, Umgehen mit der Vergangenheit. Natürlich geht es um viel mehr, doch das sollte man selbst erlesen, und das ist auch das Schöne an einer Lektüre.
Schon das legere Narrativ hat es mir angetan. Selbst schwierigste Themen wie der Tod drücken den Ton nicht hinunter, sondern es bleibt ein unaufgeregtes, luftig-leichtes, teils heiteres Erzählen, das mich mit sich genommen hat: sehr lebendig, manchmal fast sprudelnd-erfrischend und durchaus haptisch. Was nach dieser langen Trennung ans Licht gespült wird, gibt der Geschichte Drive, Emotion und Spannung. Dazu der Wechsel zwischen Vergangenheit und spannender Gegenwart, der mich regelrecht gefesselt hat.
Farbig, deutlich, sinnlich werden die Personen gezeichnet, und man weiß gar nicht, wer von den Hauptprotagonisten die meiste Sympathie verdient. Die Schwierigkeiten der Vergangenheitsbewältigung werden dem Leser verständlich vorgelegt. Es ist ja in diesen 20 Jahren so viel geschehen, und jeder der drei Freunde hat sein eigenes Leben bzw. Schicksal hinter sich, von dem die zwei anderen kaum etwas wissen.
Was den Band besonders macht, ist der Farbschnitt und die Illustration im Buchinneren. Das Cover zeigt einen deutlichen Schnitt zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt, gefällt mir sehr. Eine Sommerlektüre mit Tiefe, die ich gern weiterempfehlen werde.
Tolle Frau!
Die Briefträgerin von Francesca Giannone
Während meiner Ferien verdiente ich mir mehrere Jahre lang ein wenig Geld mit Post austragen, und ich kann gut nachvollziehen, wie es Anna bei ihrem Beruf ergangen ist. Im Gegensatz zu mir, die in der eigenen Stadt tätig war, befindet sich eine Norditalienerin im tiefsten Süden, wo Land und Leute so unterschiedlich sind.
Dort muss man sich erst daran gewöhnen, dass sie als Frau arbeitstätig ist. Nicht jeder im Dorf ist davon begeistert. Anna fühlt sich lange Zeit fremd und hat ihre Mühen mit der neuen Umwelt.
Doch bei Anna kommt noch hinzu, dass die unterdrücken muss, was sie für ihren Schwager Antonio empfindet. Daneben ist ihr Ehemann Carlo und das gemeinsame Söhnchen Roberto. Da kommen die unterschiedlichsten Gefühle ganz schön ins Laufen.
Francesca Giannone hat einen sehr interessanten Reigen an Personen geschaffen, und alle sind sehr farbig und lebhaft geschildert, ihre Charaktere plastisch gezeichnet. Manche treten sehr deutlich, fast haptisch vor den Leser hin, andere bleiben fast vom Nebel verhüllt. In wenigen Sätzen entwirft sie die apulische Landschaft. Der Schreibstil ist frisch, die Spannung sorgt recht bald für Tempo und Schwung. Manchmal glaubt man zu riechen, was gerade in der Küche zubereitet wird. Ich habe von Anfang an mitgelebt und war mittendrin. Vielleicht hat dazu auch mitgewirkt, dass die Autorin in diesem historischen Roman von ihrer eigenen Großmutter erzählt. In Rückblicken ersteht die Familie neu und frisch, als sei alles erst gestern gewesen.
Das Buch würde ich all jenen Menschen in die Hand legen, die Italien und Familiengeschichten lieben.
Achtsamkeit und Aufmerksamkeit
Das Jahr der Schmetterlinge von Lea Korsgaard
Schmetterlinge sind wunderschöne, aber auch sehr zarte Geschöpfe, man sollte ihre Flügel auf keinen Fall berühren. Noli me tangere – rühr mich nicht an! Achtsamkeit und größte Sorgfalt ist geboten.
Die Autorin möchte alle Schmetterlinge Dänemarks kennenlernen, dabei hat sie eine Familie, die ihr einiges abverlangt, ganz normal.
Doch kommt sie auf ihrer Suche mit vielerlei hilfreichen Menschen zusammen. Nicht zuletzt lernst sie dabei auch sich selbst besser kennen.
Allerdings: die vorgeschlagene Liste habe ich nicht angelegt und habe es später bereut, denn bald hatte ich die Übersicht über die verschiedenen Arten verloren. Immerhin schalte ich jetzt einen Gang herunter, nicht nur, wenn ich mich in der Natur aufhalte und spazieren gehe, sondern auch in der Begegnung mit jeglicher Kreatur. Lea Korsgaards Botschaften sind denn auch vielschichtig und vielfältig, und man sollte nicht durch die Seiten rasen, sondern beim Lesen entschleunigen.
Das Buch bekam ich geschenkt und dachte erst, das ist ein trockenes Sachbuch, etwas über Natur und vielleicht Landschaft, aber es ist viel mehr als das. Die Themen, die angeschnitten und behandelt werden, sind vielschichtig, interessant und wichtig. Die Autorin Lea Korsgaard stellt sich diesen Themen, rüttelt ihre Leser ein Stück weit auf. Ich merke, dass ich jetzt aufmerksamer und bedachter selbst dem kleinsten Geschöpf begegne. Zudem ist der Text in einem Stil geschrieben, der nie langweilig oder langatmig wird. Ich habe es gern gelesen und würde es jederzeit weiterempfehlen.











