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Rezensionen von Ele95:
Was die Toten erzählen
Die Anatomie einer neuen Zeit von Leon Morell
Die Anatomie einer neuen Zeit, Historischer Roman von Leon Morell, Ebook von dtv
Der Medicus von Padua und was ihm die Toten erzählten.
Verena von Pfäffikon soll als Hexe verbrannt werden, die Heilkundige kann durch glückliche Umstände entkommen und flieht verkleidet als Mann nach Padua, dort gibt sie sich als Johann Lederer aus.
Mit einer Gruppe von Studenten gelangt sie ins anatomische Theater wo der berühmte Anatom Vesalius eine Obduktion durchführt. Noch während der Vorlesung wird Vesal zu einem sterbenden Studenten gerufen, Verena und Vesalius erkennen, dass es sich um einen Giftmord handelt. Nach der gemeinsamen Obduktion nimmt Vesal sie unter seine Fittiche, gemeinsam suchen sie den Giftmörder und geraten dabei selbst in Gefahr.
Der Roman besteht aus 70 Kapiteln, die Geschichte ist aus der Sicht Verenas geschrieben, zu jeder Zeit ist der Leser somit in der Lage, das Geschehen aus erster Hand zu erfahren. Ergreifende Szenen, über die Gefahren, die den Charakteren begegnen. Lehrreiche Auftritte, die das Genie Vesalius aufzeigen und aufregende Ermittlungsarbeit der Beiden, haben mich nur so durch das Buch fliegen lassen. Schlagfertige Dialoge, beleben die Erzählung. Medizinische Begriffe, lateinische und italienische Phrasen sind kursiv deutlich hervorgehoben.
Das Buch hat mich auf das Leben und das Wirken von Andreas Vesalius aufmerksam gemacht, somit veranlasst, mich etwas über den flämischen Chirurgen und Anatom kundig zu machen. Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Anatomie und des morphologischen Denkens in der Medizin. Die Entstehung seines Lebenswerks, „Sieben Bücher vom Bau des menschlichen Körpers“ kommt im Roman zur Sprache auch, die endotracheale Beatmung ist auf ihn zurückzuführen. All dies ist im Buch beschrieben, wer sich für Medizingeschichte interessiert, wird hier gut informiert. Eine gründliche Recherche des Autors liegt nahe. Fiktion und Realität haben sich hier sehr gut zum Gesamtwerk verbunden.
Das Buch hätte für mich mehr Seiten haben dürfen, vermutlich werde ich mich über Vesalius noch ein wenig weiter informieren. Alle anderen Charaktere sind verhalten beschrieben, gerne hätte ich über Najat mehr erfahren. Sie blieb für mich bis zuletzt fremd. Wie es in Verenas Leben weitergeht, hätte ich auch gerne gewusst. Mir kommt es vor, als ob im Buch einige Kapitel fehlen, ein abruptes Ende hat mich ratlos zurückgelassen.
Trotzdem hat mir der Roman gefallen, hat mich gut unterhalten, meine Neugierde geweckt. Das Setting war gut beschrieben, ich hatte das Gefühl mit den Figuren durch Padua zu gehen. Auch das Studiolo des Gelehrten war sehr bildhaft beschrieben. Insgesamt wurde hier ein klares Bild der Renaissance geschaffen, das war mir bei der Lektüre zu jeder Zeit bewusst.
Ein lehrreiches Buch welches mich gut unterhalten hat, ein wenig mehr Erläuterndes über die Figuren, hätte ich mir gewünscht. Eine Leseempfehlung und dazu 4 Sterne.
Tote Taucher
Die Kammer von Will Dean
Die Kammer, Thriller von Will Dean, EBook, Hoffmann & Campe Verlag.
Tod in der Druckkammer.
Fünf Sättigungstaucher und eine Sättigungstaucherin haben einen Einsatz irgendwo in der Nordsee um eine Ölpipeline zu reparieren. Zum Druckausgleich sollten sie dafür für mehrere Wochen in einer Druckkammer auf sehr engem Raum verbringen um von dort die Arbeitseinsätze zu tätigen.
Doch plötzlich liegt ein Toter in seiner Koje, der Einsatz wird abgebrochen. Trotzdem müssen die Taucher noch einige Tage in der Dekompressionskammer aushalten. Es gibt mehr Tote und es gibt auch kein Entkommen.
Das Buch ist aufgeteilt in 86 starke Kapitel, dazu ein zusätzliches Kapitel, welches den Titel „4 Wochen später“ trägt. Interessante Dialoge und auch Innenansichten, vor allem Gedanken der Protagonistin beleben die Geschichte. Eigennamen, wie Zeitschriften Liedtitel, Buchtitel sowie Briefe sind durch kursive Schrift deutlich gemacht. Geschrieben in der Ich-Form aus Sicht der einzigen Taucherin in der Gruppe. Anfänglich habe ich mich mit den Spitznamen der Personen schwergetan, bis ich sie passend zuordnen konnte.
Bin immer begeistert bei Mordfällen auf einem Boot, denn der Mörder ist immer dabei. Das Buch war für mich ein Pageturner, vor allem zum Ende hin, ich wollte ich gar nicht mehr zu lesen aufhören. Die Spannung beginnt schon beim ersten Tauchgang, steigert sich dann, von Leiche zu Leiche. Die Dramatik wird zusätzlich befeuert, durch die Enge, die körperlichen Anforderungen die das Sättigungstauchen mit sich bringt. Das Ausgeliefertsein durch ständige Beobachtung, den kleinen begrenzenten Rückzugsort, der irgendwann keine Sicherheit mehr bietet, dass fast völlige Fehlen von Intimsphäre, Hunger und Durst. Die Gratwanderung nah am Wahnsinn, zum Schluss hat mich völlig aus der Fassung gebracht. Die Auflösung war nicht so meins, da hätte ich mir ein stärkeres Motiv gewünscht, ist jedoch völlig in Ordnung, da es hinreichend und nachvollziehbar erklärt wird. Die letzten zwei Stunden der Dekomprimierung haben mich ordentlich ins Schwitzen gebracht.
Die Protagonistin fand ich höchst aufregend, ihre private Situation und auch ihr Beruf beweisen, was für eine starke Frau sie ist. Auch über ihre Kollegen hat der Leser sich ein Bild machen können, die Story wie auch die Charaktere sind authentisch. Sie wirken so echt, dass der Leser ein Gefühl hat, so könnte es tatsächlich gewesen sein.
Ich fand die zusätzlichen Informationen über das Tauchen, ganz besonders das Sättigungstauchen, sehr wissenswert. Ich wurde verständlich über das Berufstauchen informiert, habe so viel darüber erfahren, wie extrem dieser Job ist. Was es bedeutet tagelang in einer Druckkammer eingepfercht zu sein und sie unter keinen Umständen früher zu verlassen, egal was passiert.
Es war ein tolles Buch, eine abwechslungsreiche Erfahrung. Ich fühlte mich hervorragend unterhalten. Eine Leseempfehlung nicht nur für Personen die sich fürs Tauchen begeistern.
Ich vergebe 5 Sterne.
Von Weihrauch bis Leichengeruch
Die Gerüche der Kathedrale von Wendy Wauters
Die Gerüche der Kathedrale, Sachbuch von Wendy Wauters, 400 Seiten, Theiss in der Verlag Herder GmbH
Eine sinnliche Rekonstruktion des Alltagslebens im Spätmittelalter in Antwerpen
Die Autorin ist promovierte Kunsthistorikerin und hat eine preisgekrönte Dissertation über die Lebenswelt mittelalterlicher Kirchgänger verfasst.
Sie arbeitete als Leiterin der Sachbuchsammlung der Bibliotheken von Antwerpen.
Das Buch besteht aus 17 Kapiteln mit dem zum Inhalt passenden Titel. Die Abschnitte tragen ebenfalls eine inhaltsbezogene Überschrift. Zu Beginn der Kapitel ist ein zeitgenössisches Bild platziert. Ein ausführlicher Bildteil ist in der Mitte des Buches eingefügt. Grundrisse, Gemälde, Skulpturen, Ausschnitte aus Gemälden, Skizzen und Fotos auf die im Text hingewiesen wird, sind dort zusammengefasst. Berichte von Zeitzeugen sind in alter Sprache und in einer anderen Schrift eingefügt. Am Ende befindet sich eine Zeittafel und der Antwerpener Festkalender.
Ich habe sehr lange am Buch gelesen, denn durch die Hinweise auf die passende Illustration im opulenten Bildteil wurde mein Lesefluss immer wieder unterbrochen, auch schien mir der zeitliche Ablauf nicht ganz chronologisch, auch beim dazugehörigen Bildmaterial musste ich immer wieder vor und zurückblättern, Quellenhinweise sind nicht stören nicht, denn die Bibliografie ist ganz hinten im Buch zusammengefasst. Das fand ich sehr angenehm.
Fasziniert hat mich jedoch wie gründlich die Autorin auf die Sinneseindrücke in der Kathedrale bzw. bei einem Gottesdienst, sowie Kirchenbesuche im ausgehenden Mittelalter eingegangen ist. Natürlich, wie im Titel beschrieben, vor allem auf die Gerüche, Ausdünstungen der Gläubigen, den von Körperhygiene hielt man damals nicht viel. Schlechter Atem, Schweiß, übertüncht mit Parfüm, ungewaschenen Kleider, Krankheiten etc. Dazu kamen Gerüche von Tieren du ihren Ausscheidungen, z.B. Hunden die sich in der Kathedrale aufhielten, sogar eine Tierherde wurde durch die Kirche getrieben, als Abkürzung des Weges. Damals wurden die Toten direkt im Boden unter der Kathedrale bestattet, nicht so tief und nur mit etwas Erde bedeckt, verursachte Fäulnis und Verwesungsgeruch. Überschwemmungen, Pest, gemischt mit Weihrauch und Räucherwerk gegen Krankheiten, verursachten besonders im Sommer bestialischen Gestank.
Doch die Sinneseindrücke gehen weit über olfaktorische Eindrücke hinaus, denn auch für die Augen war einiges geboten, Gold Silber und Farben, Bilder Statuen Pracht und Pomp an allen Ecken. Dazu gab es auch für die Ohren genügend Wahrnehmungen. Predigten, Gesänge, Orgelspiel, Glocken, Schellen und so manch unangemessene Unterhaltung. Es war schwer damals in einer Kirche kontemplativ zu sein. Zusätzlich ist das religiöse Leben im Mittelalter gut und ausführlich beschrieben. Ein farbiges Bild des Lebens in der entsprechenden Zeit.
Ein besonderer Abschnitt ist dem Bildersturm gewidmet, wie viele Kunstwerke sind dadurch verloren gegangen.
Ich habe viel durch dieses Buch dazugelernt. Es ist eher als Nachschlagewerk denn als Unterhaltungslektüre geeignet. Wer sich für das religiöse Leben im ausgehenden Mittelalter, für Gottesdienste und Kirche, vor allem für die Antwerpener Kathederale zu dieser Zeit interessiert, ist hier richtig, Von mir 4 Sterne.
Verwirrend
Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman
Russische Spezialitäten, Roman von Dmitrij Kapitelmann, Ebook, Hanser-Verlag
Bittersüß und zutiefst politisch.
Eine ukrainische Familie eröffnet im Osten Deutschlands einen Laden mit russischen Spezialitäten. Der Sohn liebt auf der Welt nichts mehr als seine Mutter, die russische Sprache und Kiew, seine Geburtsstadt.
Dann kam der Angriffskrieg der Russen in der Ukraine. Seine Mutter ist auf der Seite Putins, sieht russisches Fernsehen und ist komplett der russischen Propaganda verfallen. Das spaltet das Verhältnis von Mutter und Sohn. Während des Krieges, beschließt der Sohn eine Reise in die Ukraine zu machen.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Die einzelnen Kapitel tragen, eine den Inhalt zusammenfassende Überschrift. Lieder, Übersetzungen, Gedichte und Eigennamen sind kursiv hervorgehoben. Russische und ukrainische Texte beleben das Schriftbild. Ich hatte große Probleme mit den Wortschöpfungen des Autors, viele Begriffe sind mir unverständlich. Rotzenstraff, liebeslau, himmelsfühlen, unbeflehbar, hinterhistorisch, mit diesen Wortneuschöpfungen kann ich absolut nichts anfangen, keine Ahnung was der Autor damit aussagen will. So hat sich bei mir kein Lesefluss eingestellt, die Sprache ist eckig und kantig, ich habe mich mit der Lektüre schwergetan, das Buch immer wieder entmutigt aus der Hand gelegt, einige Abschnitte mehrmals lesen müssen.
Der sowjetische Leim ist offensichtlich dicker als Blut, das hat die Mutter ihrem Sohn immer wieder deutlich zu verstehen gegeben. Der zynische Humor und die Situationskomik jedoch, haben mir gefallen, da gab es zwischendurch immer wieder lustige Szenen. Andere Szenen zum Beispiel, die Zigarettenfrau am Bahnhof von Grimma und die sprechenden toten Fische konnte ich jedoch nicht nachvollziehen. Obwohl das Buch überwiegend gelobt wird, konnte ich nichts damit anfangen, wir wurden keine Freunde.
Die Abschnitte in denen Kapitelmann über seinen Aufenthalt in der Ukraine berichtet, haben mich betroffen gemacht. „Resignation“ würde ich diesen Abschnitt beschreiben. Das ist der stärkere, doch leider nur kurze 2. Teil. Die Figuren außer dem Protagonisten sind mir fremd geblieben. Die Mutter und ihr Wesen habe ich einfach nicht verstanden. Entweder ist sie die liebende Mutter oder sie unterstützt die russischen Mörder, beides geht für mich nicht. Als Dimitrij in bei einem Bombenangriff in einem ukrainischen Hotelbunker sitzt gibt sie ihm zu verstehen, er braucht keine Angst zu haben denn das russische Militär beschießt ausschließlich militärische Ziele. Der Vater dagegen konnte mein Interesse eher wecken, ihn mochte ich.
Für mich sprachlich schwierig, in die Mentalität der Figuren und ihren Charakter, konnte ich mich nicht hineinversetzen, über die Zeit in der Ukraine hätte ich gerne mehr Schilderungen gehabt. Von mir deshalb 2,5 wo nötig 3 Sterne.
Froilein
Berchtesgaden von Carolin Otto
Berchtesgaden, Roman von Carolin Otto, EBook, Lübbe Verlag.
Ein bildgewaltiges Gesellschaftspanorama einer symbolträchtigen Zeit. Mai 1945, Berchtesgaden kapituliert und die Alliierten, hier die US-Amerikaner, übernehmen die Regierung. Die 19jährige Sophie, bewirbt sich um eine Stelle als Übersetzerin und Schreibkraft beim Military Government.
Hier lernt sie Menschen kennen, die den Blick auch auf ihre eigene Familie wandeln und wird mit der Wahrheit über die deutschen Verbrechen konfrontiert. Im Schatten des Obersalzbergs verändert sich ihr ganzes Leben.
An Hitlers ehemaligen Wohnort Berchtesgaden trafen bei Kriegsende 1945 die verschiedensten Menschen aufeinander: Sieger und Besiegte, Täter, Opfer und Mitläufer, leben jetzt hier, unter amerikanischer Herrschaft.
Das Buch besteht aus 54 Kapiteln, jeweils aus dem Fokus einer der verschiedenen Personen, Sophie, die Protagonistin, die sich durch ihre Anstellung als Sekretärin, näher mit den Kriegsverbrechen der Deutschen und der eigenen Verantwortung befasst
Die Figur Frank Rosenzweig, jüdischer Abstammung und als Kind in die Staaten emigriert. Er ist stark eingebunden in die Verhöre der Deutschen, durch den Militärgeheimdienst CIC.
Sam Cork, ein schwarzer Soldat, der in den besetzten Gebieten mehr Freiheiten und Rechte hat, als in den Staaten aufgrund der dortigen Rassentrennung.
Dr. Rudolf Kriss, der als Regime-Gegner denunziert, verhaftet und zum Tod verurteilt wurde, der aus der Gefangenschaft kam und Bürgermeister von Berchtesgaden wurde. Meg Taylor die Kriegsberichterstatterin, Ali Gral, Nebendarstellerin in Propagandafilmen und ehemalige Geliebte eines Generals, und viele andere Figuren, die den Roman sehr authentisch machen.
Das geschieht auch durch die Sprache, die beschriebene Kleidung, Lebensgewohnheiten und die perfekt geschilderte, umgebende Landschaft. Die Autorin besticht durch ihren flüssigen Schreibstil, obwohl die erzählenden Figuren ständig wechseln, blieb der Lesefluss erhalten. Die Handelnden sind sehr gründlich gezeichnet, interessante Gedankengänge liest man zur Genüge. Ich entdeckte viele sympathische Figuren, Sophie, ihre Oma Anni, Sam etc.Doch auch schreckliche Zeitgenossen sind zur Genüge vorhanden, am unangenehmsten fand ich Max, den älteren Bruder von Sophie und seine Taten. Denunzianten, Verbrecher auch bei den alliierten Truppen sind vorhanden. Das Buch ist sehr menschlich mit allen Abgründen und allem Guten.
Verständliche Dialoge, in Fremdsprachen und Dialekt beleben den Roman.Die fiktive Erzählung gründet auf eine hervorragende profunde Recherche der Autorin, die Handelnden sind literarische Figuren, die aber zum Teil auf authentische Charaktere basieren. Ich habe mich schon länger, für das Geschehen in den 1930er bis 1945er Jahren auf dem Obersalzberg interessiert. War auch schon einige Male vor Ort, und doch habe ich neue Fakten entdeckt. Das Empfinden der Bevölkerung, hier im Buch speziell mit der alliierten Besatzungsmacht, den Amerikanern, kann ich durch die Erzählungen meiner Großeltern bestätigen. Auch meine Mutter bekam ein Kleid, aus den Resten der roten Fahne, wie im Roman beschrieben.
Ein sehr informatives Werk sachlich und doch spannend, aufgelockert durch die Erlebnisse der Charaktere, mir hat es sehr gut gefallen, besonders möchte ich dieses Buch der jungen Generation empfehlen, die diese Informationen nicht mehr aus den Familiengeschichten kennen. 5 Sterne.
Barbara ist weg
Der Gott des Waldes von Liz Moore
Der Gott des Waldes, Roman von Liz Moore, EBook. C.H. Beck Verlag
Ein literarischer Thriller
1975, Aus einem Feriencamp verschwindet ein 13jähriges Mädchen. Es trifft die Familie Van Laar, erneut. Denn schon 1961 ist der Sohn der Familie verschwunden. Peter genannt Bear wurde niemals gefunden, der reichen und einflussreichen Familie lebt seit Generationen in den Adirondack Mountains und ist Sponsor des Sommercamps.
Manche sagen, das Verschwinden der Kinder kann kein Zufall sein. Manche sagen die beiden Fälle haben nichts miteinander zu tun.
Das Buch teilt sich in sieben Abschnitte, die Kapitel darin, zum Teil sehr kurz, sind mit den Namen der Personen überschrieben aus deren Sicht das Kapitel erzählt wird. Verschiedene Zeitebenen werden durch Jahreszahlen markiert. Der gesamte Überblick, von Personen und Zeiten war jederzeit gewährleistet. Deshalb konnte ich trotz der Zeitenwechsel und der Sichtweise vieler Personen stets dem Plot folgen. Der Roman besticht durch ausgefeilte Dialoge. Der Wechsel zwischen Spannung der flüssig geschriebenen Szenen und die Entspannung der erzählerischen Sequenzen ist gut gewählt. Ich mag kurze Kapitel und schnelle Perspektivenwechsel durchaus, denn diese sorgen meist für ein hohes Lesetempo. Es war für mich schwer das Buch aus der Hand zu legen, ab dem letzten Drittel schier unmöglich. Die Dramatik war kaum noch zu überbieten.
Das Setting ist hervorragend beschrieben, die Faszination dieser einzigartigen Natur ist in jedem Satz greifbar. Mir hat gut gefallen, wie die Autorin ihre Figuren in die Handlung integriert hat, so authentisch glaubhaft, dass man meint, genauso wäre es auch passiert. Alle Figuren sind tief charakterisiert, ich hatte das Gefühl sie gut zu kennen. Manchmal war es auch des Guten zu viel, einige Details hätte ich nicht gebraucht. Dennoch ist der Leser ist ganz nah dran am Geschehen. Eine ganz besonders interessante Figur für mich war Alice, die Mutter der Kinder, die durch das Verschwinden ihres Sohnes zerbrochen ist, durch Alkohol und Tabletten betäubt, vegetiert sie nur noch dahin. Ganz besonders unangenehm die beiden Peter, die meinen, dass ihr Geld und Einfluss die Welt regiert. Die guten und die schlechten Menschen darum herum, sie alle waren wichtig für die Geschichte. Am besten jedoch fand ich die starken Frauen. T.J., Barbara und ganz besonders die taffe Ermittlerin Judyta.
Die Spannung war schon zum Einstieg hoch und hat sich gesteigert, bis zum unvorhersehbaren Ende. Klug konstruiert führte mich die Autorin immer wieder auf die falsche Fährte. Glaubhafte Plottwists konnten mich veranlassen, dass ich immer wieder eine andere Figur verdächtigte.
Insgesamt habe ich mich hervorragend unterhalten gefühlt, und es hat viel Spaß gemacht das Buch zu lesen. Eine Leseempfehlung für die Leser die gut durchdachte Thriller mit ungeahnten Wendungen und literarischen Szenen mögen und dazu von mir 5 Sterne.
Ein Sommermärchen
Das Leben fing im Sommer an von Christoph Kramer
Das Leben fing im Sommer an, Roman von Christoph Kramer, 256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch
Der berührende Coming-of-Age-Roman des Fußballweltmeisters Christoph Kramer
Es ist Sommer 2006, der heißeste Sommer überhaupt, es sind Sommerferien und der 15 jährige Chris hat nur einen Wunsch – er will Fußballprofi werden.
Dann passiert etwas völlig unfassbares: Debbie, das schönste Mädchen der Schule interessiert sich für IHN. Und plötzlich beginnt für Chris das wirkliche Leben, Enttäuschungen, Himmel hoch jauchzend – zu Tode betrübt, doch er vergisst dabei nie, was das wichtigste im Leben ist, nämlich gute Freunde.
Das Buch beginnt mit einem Interview, mit dem bekannten Fußballstar und schon da erkannte ich, dass dieses Buch von einem sympathischen Menschen geschrieben wurde, und, dass es etwas Besonderes werden könnte. Das Buch umfasst eigentlich nur einen kurzen Zeitraum, drei Tage in diesem heißen Sommer 2006, danach ein Kapitel 1460 Tage später, Chris hat Abitur gemacht, dann Sommer 2014 2920 Tage später und Chris blickt zurück. Liedzeilen, besondere Texte, Träume sind kursiv geschrieben und somit als etwas Besonderes markiert. Die flüssige Sprache, in frischem jugendlichen Stil und ganz besonders die bildhaften Erzählungen haben mich nur so durchs Buch fliegen lassen. Es war spannend, lustig und traurig, alles vorhanden. Ein besonderes Highlight im Buch ist die bildmalerische Erzählfähigkeit des Autors, alles was er schildert konnte ich mir so gut vorstellen, das Freibad, die Düfte von Sonnenöl oder Pommes aus der Fritteuse, das Ambiente im Le Soleil, im Kino, beim Hoffest, alles so gut beschrieben, dass ich in Gedanken direkt dabei gewesen bin.
Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt lesen soll, denn ein weiteres Buch eines Promis, aus monetären Gründen geschrieben, lehne ich grundsätzlich ab. Da es aber nicht über den Fußball handelt war ich doch neugierig. Ich habe es nicht bereut und bin froh, dass ich den Fußballer drei Tage in seiner Jugend begleiten durfte. Meine Lieblingsfigur, natürlich der Protagonist, Chris, schüchtern unsicher und bescheiden, ein lieber netter Junge von nebenan. Zu keiner Zeit ist er überheblich oder hat Starallüren. Ich weiß nicht, was im Buch fiktiv, oder Wahrheit ist, das ist dem Leser selbst überlassen, aber ich nehme ihm jedes einzelne Wort ab. Auch seine Freunde, Salvo oder Johnny, beide so liebenswert authentisch und echt, und die allerbesten Freunde, die man nur haben kann, so erlebte ich in diesem Alter auch die Zeit mit meinen Freunden in den Ferien. An den Ausnahme-Sommer 2006, denke ich noch oft gerne zurück, es war auch für mich ein ganz besonderer.
Ein Coming-of-Age Roman, einer der emotionalsten und bezauberndsten, die ich je gelesen habe, ich habe die Lektüre genossen. Und ich kann das Buch wirklich nur empfehlen. Wer solche Erwachsen-werden-Romane mag und auch für die Fans des beliebten Fußballers, dafür eine Kaufempfehlung. Von mir 5 Sterne, gut gemacht.
Marmor und Marillen
Ein Schimmern am Berg von Lenz Koppelstätter
Ein Schimmern im Berg, Kriminalroman von Lenz Koppelstätter, Kiepenheuer & Witsch eBook.
Commissario Grauner ermittelt zwischen Marmor und Marillen, parallel dazu in New York Saltapepe und Tappeiner.
Im Marmorbruch von Laas wird eine, von einer Marmorschneidemaschine, zerstückelte Leiche entdeckt.
Es handelt sich um die ortsansässige Bildhauerin. Einen Teil der Ermittlercrew verschlägt es in diesem Teil nach New York, deshalb ist Grauner auf die Mithilfe von Staatsanwalt Belli angewiesen. Marmor, vergiftete Marillen und die Mafia es ist rasant spannend.
Auch noch nach dem 10. Band bin ich von Koppelstätters Südtirolkrimis begeistert. Schon im Prolog setzt die Handlung mit der grausigen Auffinde-Situation ein, die Spannung bleibt auf hohem Niveau und endet in einem nervenzerreißenden Finale. Doch ein Versprechen für weitere packende Romane steht schon im Epilog. Das Spiel wird weitergehen. Dazwischen reichlich Wendungen und falsche Fährten und erst ganz am Ende habe ich die Auflösung zusammen mit den Ermittlern erfahren.
Im vorliegenden Band teilt sich das Ermittlerteam, denn die Geschichte betreffend den Marmor und der Bildhauerei ziehen Kreise bis in die Staaten. Da bieten sich Tappeiner und Saltapepe, die Urlaub in den USA machen, für Ermittlungen über dem Atlantik geradezu an. Dieser Handlungsstrang war noch brisanter als der in Südtirol. Ich konnte mich in die Angst von Saltapepe direkt hineinfühlen, auch das italienische Ambiente in New York habe ich genossen. Der Ermittlungszeitraum zieht sich vom 4. Bis zum 7 August. Kurze Kapitel abwechselnd in den Handlungssträngen befeuern die Lesegeschwindigkeit, da sie oft an den spannendsten Punkten wechseln. Italienische Phrasen, besonders Grauners Flüche, ebenfalls die schlagfertigen Dialoge machen die Geschichte lebendig. Ohne Übersetzung trotzdem verständlich. Ein flüssiger und bildhafter Schreibstil zeichnet Koppelstätters Romane aus. Gerne genieße ich die Südtirol Krimis, das Setting ist mir aus diversen Urlauben bekannt, bzw. macht Lust, beim nächsten Aufenthalt, die Orte zu besuchen.
Saltapepe ist immer wieder für Überraschungen gut, diese Figur hat sich im Laufe der Bände enorm weiterentwickelt. Tappeiner ist diesmal nicht so in den Vordergrund getreten. Grauner der schrullige Commissario, der seine Kühe und seine Familie gleichermaßen liebt, hat auch diesmal private Probleme, das macht ihn überaus menschlich und sympathisch. Trotzdem löst er den Fall auf bekannt souveräne Art. Diesmal im Beisein seines nicht so von ihm geschätzten Staatsanwalt Belli. Die Zusammenarbeit der beiden hat mich immer wieder schmunzeln lassen. Mir gefällt, dass sich der Autor immer wieder etwas Neues einfallen lässt, gut gemacht.
Auch Belli hat mich im Band 10 überrascht, er wirkte geradezu menschlich auf mich. Die Probleme der Menschen in Südtirol sind wieder einmal aus einer anderen Sicht zur Sprache gekommen. Das dies dem gebürtigen Südtiroler Autor am Herzen liegt merkt man in jeder Folge.
Ganz vorne befindet sich wieder eine Karte vom Gebiet der Marmorberge bei Laas im Vinschgau. Wer sich die Karte in Farbe und zoombar am Computer ansehen möchte, für den ist ein Link angegeben.
Ich fand den 10. Band der Südtirolkrimi-Serie ganz besonders unterhaltsam und spannend. Deshalb hatte ich auch kaum Gelegenheit den Reader aus der Hand zu legen, bis der letzte Satz gelesen war. Koppelstätter steigert sich immer mehr und die Krimis werden für mich von Band zu Band aufregender. Eine Verheißung auf Fortsetzung ist gegeben, darauf freue ich mich schon.
Ein Muss für Grauner-Fans, doch auch ohne Vorwissen kann dieser Band gelesen werden, allerdings wäre es schade die Entwicklung der Figuren nicht von Beginn an zu verfolgen.
Leseempfehlung und 5 Sterne
Atemberaubendes Finale
Seelen, die in Scherben springen von Dania Dicken
Seelen die in Scherben springen, Profiler-Thriller von Dania Dicken, EBook
Abschlussband der Libby-Whitman-Reihe
Owen ermittelt im Darknet gegen einen Kinderporno-Ring. Zusammen mit Amaya seiner iranischen Kollegin versuchen sie bei einer Versteigerung einen kleinen Jungen zu retten, vergeblich. Owen macht sich schwere Vorwürfe.
Deshalb will Libby ihn unterstützen. Bald ergeben sich Hinweise, dass ein hoher Politiker in die Machenschaften verwickelt sein könnte und die Ermittlungen werden blockiert. Owen, Amaya und Libby geben jedoch nicht auf.
Es ist soweit, der letzte Teil der Profiler-Reihe ist gelesen und obwohl es sich um den bereits 20. Fall handelt, hat der Plot weder an Brisanz noch an Spannung oder Aktualität verloren. Da ich seit Libbys Kindheit in der Sadie-Reihe dabei bin, und das gesamte Umfeld mir bestens vertraut ist, hätte ich Libby bis zur Rente begleiten können. Dania Dicken schafft es mit dem genau richtig ausgewogenen Maß an Spannung und Entspannung, die Seiten beim Lesen nur so dahinfliegen zu lassen. Das Setting und die Personen sind so echt geschildert, dass man ständig das Gefühl hat dabei zu sein. So viele Themen wurden angesprochen, was Serienmörder, Kinderschänder und andere Verbrecher hergeben. Dabei hat die Autorin weder ihre Charaktere noch den Leser geschont, zu ertragen war es immer wieder durch die Beschreibungen des Freundes und Familienkreis der Protagonisten, Entspannung der Situation zwischendurch. Das hat emotionale Verbindungen geschaffen und mich jahrelang, die Reihen gefesselt lesen lassen. Dabei habe ich noch unendlich viel über wahre Fälle, psychologische Hintergründe und die Arbeit des Profilings gelernt.
Auch der vorliegende Fall hat mich wieder an meine Grenzen gebracht. Kindesmissbrauch und Kinderhandel, die Verbrechen am schwächsten Glied unserer Gesellschaft waren kaum zu ertragen. Perspektivenwechsel, schlagfertige Dialoge und der auktoriale Stil beleben die Geschichte, voller Vertrauen jedoch und an den Glauben, dass das Gute letztendlich siegt, habe ich den Ermittlern bei ihrer Arbeit zugesehen, mit Gänsehaut und Tränen in den Augen. D. Dicken hat es auch geschafft, alle offenen Fäden aufzunehmen und zum Ende zu führen, keine Fragen sind offen geblieben. Am Ende kann ich sie alle nur schwer gehen lassen, die mich jahrelang begleitet haben.
Es war mir eine Freude, es hat mich bestens unterhalten, im Epilog schreibt die Autorin sehr emotional, das ist mir auch ganz tief gegangen, dass sie ihre Bücher stets gelebt hat. Dabei zu sein, die Bücher mitzuerleben, ist Unterhaltung vom Feinsten. Ich kann die Profiler- Thriller der Autorin nur wärmstens empfehlen. Alle Reihen, von Anfang an.
Und für den Abschlussband, in dem es nochmal ordentlich zur Sache geht 5 Sterne.
Das Fräulein und der GI
Im Warten sind wir wundervoll von Charlotte Inden
Im Warten sind wir wundervoll, Roman von Charlotte Inden, Piper ebook
Eine Geschichte die das Leben schrieb.
Im Dezember 1948 strandet Luise Adler am Flughafen in New York, denn ihr Verlobter, dem sie von Nachkriegsdeutschland gefolgt ist erscheint nicht, um sie abzuholen. Eine Flughafenmitarbeiterin nimmt sich um sie an und die Presse wird auf sie aufmerksam.
In kürzester Zeit ist das German Fräulein in allen Zeitungen und zu einer Berühmtheit geworden. Wenn ihr Verlobter nicht auftaucht muss Luise nach Deutschland zurückkehren. 70 Jahre später macht sich ihre Enkelin ebenfalls auf in die Staaten, auf der Suche nach der Liebe.
33 Kapitel gekennzeichnet mit römischen Zahlen, die einzelnen Kapitel unterteilt in Leseabschnitte überschrieben mit arabischen Ziffern. Die Autorin erzählt in verschiedenen Zeitebenen die munter durcheinander gereiht sind. Kurze und abgehackte Sätze und ein zerstückelter Erzählstil haben mich lange nicht in Lesefluss kommen lassen. Mir war am Anfang nicht immer klar in welcher Zeit ich mich überhaupt befinde.
Ich habe mich sehr auf die Lektüre gefreut, weil ich unbedingt etwas über die War Brides erfahren wollte, ein Teil der Geschichte kurz nach Ende des 2. Weltkriegs, über den ich bisher nicht viel wusste. Das Thema war gut gewählt und hätte sehr viel Interessantes hergeben können. Durch die verknappte Sprache, zum Teil Sätze mit ein oder zwei Wörtern, habe ich mich bei der Lektüre schwer getan. Der aufgesetzte Erzählstrang aus der Gegenwart, d.h. die Geschichte von Elfie, der Enkelin Luises war überflüssig, das hätte ich für diesen Roman nicht gebraucht. In diesem Teil hat mich die naive Protagonistin genervt, dieser Teil war für mich nicht nachvollziehbar, es hat Tiefe gefehlt.
Der historische Teil war interessant, die Schilderung wie hart das Leben 1945 in Deutschland war, über die alliierten Besatzungen, hier die Amerikaner und ihr Umgang mit den Deutschen war authentisch. Diese Abschnitte habe ich genossen. Auch wie Luise in den Staaten ankam und auf dem Flughafen gestrandet ist, war spannend erzählt, da wollte ich wissen wie es weitergeht, wie sich die Verwicklungen auflösen, hier habe ich mich gut unterhalten gefühlt, das hat mich nicht enttäuscht. Die Autorin bezieht sich hier auf die Grundlage einer wahren Geschichte.
Über den War Brides Act und den ergänzenden Fiancée Act, dazu die interessanten Hintergründe, werde ich mich vermutlich anderweitig informieren müssen. Wer auf dieses hofft ist hier falsch, wer einen Liebesroman in zwei Zeitebenen sucht wird hiermit zufrieden sein.
Von mir 3 Sterne.











