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Rezensionen von dorli:
Matjes, Mafia, Marihuana und Mord
Matjes al dente von Christiane Franke; Cornelia Kuhnert
Neuharlingersiel. Postbote Henner Steffens hat ein Einschreiben für Tjalda Esposito und vermutet die Eigentümerin der „Meeresglück“ an Bord ihres Schiffes. Auf dem Vordeck wird er fündig, allerdings ist Tjalda mausetot - erschossen, wie schnell feststeht.
Rudi Bakker und seine Kollegen von der Kripo Wittmund übernehmen die Ermittlungen und haben es plötzlich mit Schutzgelderpressung, Mafia und Drogengeschäften zu tun.
Hat das organisierte Verbrechen im beschaulichen Ostfriesland Einzug gehalten?
Lehrerin Rosa Moll hat sich vorgenommen, die Sommerferien zu genießen. Sie will einen Kitekurs machen und sich im Stand-Up-Paddling versuchen. Aber wenn es um Mord geht, kann sie es natürlich nicht lassen, auch eigene Nachforschungen anzustellen - erst recht nicht, als Henner plötzlich zum Hauptverdächtigen wird.
„Matjes al dente“ ist bereits der 13. Fall für das Neuharlingersieler Ermittlertrio, der Krimi ist aber auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände bestens verständlich.
Auch in diesem Band erwarten den Leser neben einer guten Portion Spannung wieder abwechslungsreiche Ermittlungen und amüsante Dialoge. Der Fall ist äußerst knifflig, so dass man bis zur schlüssigen Auflösung prima über Täter, Motive und Hintergründe mitgrübeln und miträtseln kann. Für gute Laune sorgen darüber hinaus der lebhafte Alltag der Dorfgemeinschaft und die brodelnde Gerüchteküche.
Zusätzlich zu der herrlichen Nordseeküsten-Atmosphäre warten die Autorinnen wieder mit interessanten Themen aus der Region auf. Diesmal geht es um Seebestattungen und den Anbau von Cannabis.
Und auch auf einige Spezialitäten und Leckereien aus der ostfriesischen Küche nebst Rezepten im Anhang darf sich der Leser wieder freuen.
"Matjes al dente" hat mir sehr gut gefallen. Ein kurzweiliger Küstenkrimi, der mit abwechslungsreichen Ermittlungen und amüsanten Dialogen zu unterhalten weiß.
Im Sumpf des Verbrechens
Waldmann von Thomas Ziebula
Thomas Ziebula wartet in seinem Kriminalroman „Waldmann - Flucht in den Tod“ mit einem sehr aufwühlenden Thema auf. Es geht um das grausame Schicksal ukrainischer Flüchtlingsfrauen - junge Frauen, die vor dem Krieg geflohen sind, weil sie sich eine bessere und vor allen Dingen sichere Zukunft erhofften.
Doch Naivität und Leichtsinn wurden Zlata, Kateryna und Sofia zum Verhängnis, auf die drei Frauen wartete nicht der ersehnte Neuanfang, sondern Verschleppung, unsägliche Gewalt und Zwangsprostitution.
Die Bonner Mordkommission wird an einen Tatort in einem Luxusbordell gerufen. Ein prominenter Kommunalpolitiker wurde dort ermordet und verstümmelt aufgefunden. Ein Mordfall, der die Beamten in ungeahnte Abgründe führen wird, denn sie kommen einer global agierenden nigerianischen Mafiaorganisation auf die Spur.
Mit den Ermittlungen wird Hauptkommissar Johannes Waldmann betraut. Waldmann, der seit einem Schicksalsschlag vor sieben Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, droht das berufliche Aus. Die Aufklärung dieses Falls ist seine letzte Chance. Unterstützt wird er bei seinen Nachforschungen von der ambitionierten Journalistin Pia Luninger und der leidenschaftlich für die verschleppten Frauen kämpfenden Susanna Torn.
Die Charaktere habe ich als besonders gut gelungen empfunden. Alle spielen die ihnen zugedachte Rolle ganz hervorragend. Die Hauptfiguren kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch versteht, was sie antreibt und wie sie ticken. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.
Dieser Krimi ist keine leichte Kost, denn Thomas Ziebula scheut sich nicht, das hinterhältige und erbarmungslose Vorgehen der Menschenhändler zu schildern und die vielfältigen Situationen sowie die daraus resultierenden Emotionen greifbar darzustellen. Es ist nicht nur die Handlung selbst, die mich immer wieder aufs Neue betroffen macht, auch die Gedanken daran, dass das, was ich hier lese, wahrscheinlich tagtäglich so oder so ähnlich in der Realität geschieht und die Behörden in den meisten Fällen nicht in der Lage sind, diese Form der modernen Sklaverei zu stoppen, erschüttern mich.
„Waldmann - Flucht in den Tod“ hat mir sehr gut gefallen - ein Kriminalroman, der sich trotz des gewichtigen Themas leicht lesen lässt und schnell einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.
Friedrich II. von Preußen - Kriegsgeschehen und innerfamiliäre Konflikte
Sieben Jahre von Tanja Kinkel
In ihrem historischen Roman „Sieben Jahre“ entführt Tanja Kinkel den Leser in die 1750er Jahre nach Preußen. Im Mittelpunkt stehen König Friedrich II., sein Leben und Wirken während des Siebenjährigen Krieges und ganz besonders die wechselvolle Beziehung zu seinen Geschwistern während dieser Zeit.
Tanja Kinkel beginnt ihren Roman mit einem Prolog, der mir nicht nur einen kleinen Überblick über die wichtigsten Protagonisten und ihre Eigenarten gibt, sondern mir auch Einblick in die familiäre Situation der königlichen Hoheiten verschafft und mir damit vor Augen führt, dass das Leben im Hause Hohenzollern kein Zuckerschlecken war.
Die eigentliche Handlung beginnt dann im Januar 1756 und wird zum größten Teil aus der Perspektive von Friedrichs Bruder Heinrich und seiner Schwester Amalie erzählt. Heinrich, der Friedrich in vielem ähnelt und doch ganz anders ist. Und Amalie, die eigenwillig und scharfzüngig ihre eigenen Wege geht.
Tanja Kinkel hält sich eng an die historischen Fakten und vermittelt mir ein äußerst umfassendes und detailreiches Bild von Zeit und Ort - ich werde nicht nur hineingezogen in das Gerangel der Mächtigen um die Vorherrschaft in Europa und erlebe Feldzüge, Belagerungen, Schlachten und das stetige Ausklügeln von Strategien und Taktiken mit, ich bin auch mittendrin in einer konfliktreichen Familiengeschichte, in der alle mit den Auswirkungen einer überaus strengen Erziehung zu kämpfen haben.
Das Miteinander und Gegeneinander der charakterlich so unterschiedlichen Geschwister habe ich als besonders interessant empfunden. Die Autorin lässt mich hier intensiv an einen turbulenten Familienleben teilhaben - es wird geliebt und gehasst, gelogen, gestichelt, gedemütigt und verhöhnt, gestritten, provoziert und intrigiert. Ich erlebe geschwisterlichen Neid, Besitzgier und Eifersucht mit und erfahre darüber hinaus einiges über ihren Alltag, ihre Freundschaften und Feindschaften, ihre Zweckehen, ihre sexuellen Neigungen und ihre große Leidenschaft zur Musik.
Eine Figur, die mich besonders beeindruckt und zudem gut unterhalten hat, ist der ehemalige Sklavenjunge Hannibal. Ein pfiffiges Stehaufmännchen. Als die sächsische Gräfin, der Hannibal zuletzt als Page gedient hat, wegen der einfallenden Preußen Dresden Hals über Kopf verlässt, bleibt er obdachlos zurück. Mutig bittet er ein paar Soldaten um Arbeit und hat das Glück, dass Heinrich Teil der Gruppe ist. So wird Hannibal zunächst Page bei Prinz Wilhelm und später auch bei Amalie. Durch Hannibals Augen bekomme ich gute Einblicke in das Umfeld der königlichen Familie. Der clevere Junge versteht es ganz ausgezeichnet, sich bei den jeweiligen Hoheiten einzuschmeicheln und sichert sich so Kost, immer einen geschützten Platz zum Schlafen und erhält sogar die Bildung, die er sich wünscht.
Das Lesen dieses über 800 Seiten starken Buches war für mich über weite Strecken eine Herausforderung, gelegentlich sogar ein wenig anstrengend, weil der Roman mit einer überbordenden Fülle an Informationen und Emotionen aufwartet. Dennoch bleibe ich am Ende zufrieden zurück, weil die abwechslungsreiche Handlung mit all den kleinen und großen Dramen mein bisher eher bescheidenes Wissen über Friedrich II. von Preußen, seine Familie, seine Zeit und die damalige Politik auf anschauliche Weise erweitert hat.
Spannende Ermittlungen in Åre
Lügennebel von Viveca Sten
Die Studentinnen Fanny Smedsås und Olivia Hallin wollen gemeinsam mit vier Kommilitonen eine Woche Urlaub in dem verschneiten Bergdorf Åre verbringen - Skifahren und jede Menge Party stehen auf dem Plan. Die Stimmung ist ausgelassen, der Alkohol fließt in Strömen. Doch was mit reichlich Spaß beginnt, endet bereits am ersten Morgen nach ihrer Ankunft in einer Tragödie: Fanny liegt tot im Schnee und keiner der jungen Leute kann erklären, was in der Nacht geschehen ist…
„Lügennebel“ ist bereits der vierte Einsatz für das Ermittler-Duo Hanna Ahlander und Daniel Lindskog - der Krimi ist aber auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände bestens verständlich.
Es begeistert mich immer wieder aufs Neue, wie vielschichtig und lebensnah Viveca Sten ihre Akteure beschreibt und deren Beziehungen zueinander schildert. Kaum haben die impulsive Hanna und der nachdenkliche Daniel mit ihren Ermittlungen begonnen, bin ich auch schon mittendrin in dem Fall und grüble mit den Kommissaren mit. Jeder Einzelne der Befragten wird dabei von mir skeptisch und wachsam beäugt: Sind die Studenten wirklich so gut befreundet, wie es auf den ersten Blick erscheint? Was ist mit dem Nachbarn Åke Carlsson, der sich sehr über die Anwesenheit der lautstarken Jugendlichen ärgert? Und warum Hausmeister Staffan Berg ständig um das Ferienhaus herum? Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Fast jede der von Hanna und Daniel vernommenen Personen macht sich irgendwie verdächtig, so dass die Spannung bis zum Schluss auf einem hohen Level bleibt.
Viveca Sten lässt mich auch die privaten Angelegenheiten ihrer Ermittler sehr intensiv miterleben - es gefällt mir außerordentlich gut, dass ich an den Alltagsproblemen der Polizisten teilhaben kann und mehr über ihre persönlichen Hintergründe erfahre. Das rundet die Krimihandlung prima ab und macht das gesamte Geschehen authentischer.
Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt ständig - auch hier trifft Viveca Sten genau meinen Geschmack. Besonders der stetige Blickwinkelwechsel gefällt mir, da ich so von den Gedanken, Ansichten und Motivationen aller Akteure Kenntnis habe und bestens mitverfolgen kann, wie jeder auf unerwartete Ereignisse reagiert oder Aufgaben und Konflikte meistert.
„Lügennebel“ hat mir sehr gut gefallen - ein abwechslungsreicher und unterhaltsamer Krimi mit einer für mich genau richtigen Mischung aus Ermittlungsarbeit und Privatangelegenheiten.
Spurensuche in Schlesien
Die Verlorene von Miriam Georg
„Die Verlorene“ ist eine fiktive Familiengeschichte, deren tragische Handlung in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang nimmt. Das militärische Kampfgeschehen bleibt größtenteils im Hintergrund, denn in diesem Roman geht es um die Schrecken, die der Krieg und die nationalsozialistische Ideologie auf einem abgelegenen Gutshof angerichtet haben.
Es geht um tiefgreifende Ereignisse, die eine Familie fest zusammenschweißen oder eben auch für immer zerreißen können.
Frankfurt, 2019. Die 93-jährige Änne bekommt ein Gemälde aus ihrer alten Heimat Schlesien zugeschickt. Das Bild versetzt sie mächtig in Aufruhr. Bei dem Versuch, eine Kiste mit Erinnerungsstücken aus dem oberen Schrankfach zu heben, stürzt sie schwer und fällt in ein Koma, aus dem sie nicht mehr erwachen wird.
Als Laura die nach dem Sturz verstreuten Sachen ihrer Großmutter aufräumt, entdeckt sie alte Dokumente, Fotos und Briefe, die sie stutzig machen. Änne hat Fragen über ihre Herkunft immer abgeblockt und nur wenig aus ihrem früheren Leben erzählt. Wenn Laura ihren Fund richtig deutet, scheint das Wenige, das Änne erwähnt hat, allerdings nur aus Lügen und Halbwahrheiten bestanden zu haben. Laura und auch ihre Mutter Ellen sind fassungslos. Beide wollen Antworten und so machen sich erst Laura und dann auch Ellen auf den Weg nach Schlesien, um Licht in das Dunkel rund um ihre Familiengeschichte zu bringen.
Ein zweiter Handlungsstrang spielt in den 1940er Jahren in Schlesien auf dem Pappelhof, einem Gutshof mit Pferdezucht. Hier lerne ich die 17-jährige Änne Thomke und ihre Zwillingsschwester Luise kennen. Die beiden stehen sich sehr nah - eine Nähe, die ihr Schicksal im Verlauf der Handlung auf verhängnisvolle Weise bestimmen wird.
Was für eine Geschichte! Ich war schon nach wenigen Seiten von den Ereignissen gefesselt. Das Geschehen ist sowohl im zeitgenössischen wie auch im historischen Part mit vielen Details gespickt, so dass beide Welten vor meinen Augen schnell lebendig geworden sind. Alles wirkt echt und greifbar. Ich habe nicht nur gespannt verfolgt, wie Laura immer tiefer in die Vergangenheit eintaucht und Stück für Stück ihre Familiengeschichte aufblättert, auch das herausfordernde Leben auf dem Pappelhof in den letzten Kriegsjahren hat mich schnell eingefangen und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen.
Miriam Georg versteht es ganz ausgezeichnet, ihre Charaktere authentisch und lebensnah dazustellen. Änne und Luise, Laura und Ellen - vier Frauen, drei Generationen. Es hat mir wahnsinnig gut gefallen, wie die Autorin mich in die Gedanken und Emotionen ihrer Figuren mitgenommen hat. Ich bin willensstarken Frauen begegnet, die ihre Ecken und Kanten haben. Ich konnte die Wege, die sie gegangen sind, nachvollziehen. Konnte ihre Ängste und Sorgen spüren. Habe die alltäglichen Herausforderungen, die einschneidenden Entbehrungen und die herben Verluste miterlebt. Konnte an ihrem Miteinander und an ihrem Gegeneinander teilhaben. Ich konnte durchweg mit ihnen mitfiebern und war stets neugierig darauf, was wohl als nächstes passieren würde.
Wenn ich über diese tragischen Schicksale lese und darüber nachdenke, wie grausam besonders Umsiedlung und Vertreibung für die Betroffenen gewesen sein müssen, dann wundert es mich nicht, dass viele Menschen der Kriegsgeneration über das Erlebte und Erduldete schweigen bzw. geschwiegen haben. Ich habe großes Verständnis für diejenigen, die ihre Erinnerungen nicht teilen wollen, weil es für sie einfach zu schmerzhaft wäre, die Erfahrungen und Emotionen gedanklich noch einmal durchleben zu müssen.
„Die Verlorene“ hat mich von der ersten bis zur letzten Seite fest im Griff gehabt - eine realitätsnah erzählte, tiefgründige Familiengeschichte, die voller aufwühlender Momente ist und auch nach dem Lesen noch lange nachklingt. Absolute Leseempfehlung!
Auf der Suche nach Julie
Himmelerdenblau von Romy Hausmann
Am 07. September 2003 verschwindet die 16-jährige Julie Novak spurlos aus der Villa ihrer Eltern. Man vermutet eine Entführung, denn es gibt eine Lösegeldforderung, doch das Geld wird nie eingefordert. Alle Ermittlungen verlaufen im Sande, Julie bleibt trotz intensiver Suche unauffindbar. Als sich der Tag ihres Verschwindens zum zwanzigsten Mal jährt, beschäftigen sich Liv Keller und Philipp Hendricks in ihrem True Crime Podcast mit dem Fall, nicht ahnend, was sie mit ihrer Recherche und ihren eindringlichen Fragen ins Rollen bringen…
In „Himmelerdenblau“ geht es um das rätselhafte Verschwinden eines Kindes.
Viel mehr noch geht es allerdings darum, was dieser Verlust mit den Menschen aus dem Umfeld der Vermissten macht. Auch zig Jahre später noch macht. Romy Hausmann geht der Frage nach, wie sich die ständige Ungewissheit, die immer wiederkehrenden Zweifel und vor allen Dingen die wilden Theorien von Außenstehenden auf das Leben der Angehörigen auswirken.
Mittelpunkt der Geschichte ist Julies Vater Theo. Der 74-Jährige war früher ein angesehener Chirurg an der Berliner Charité, ist mittlerweile Witwer, lebt verarmt in einer kleinen Wohnung und ist an Demenz erkrankt. Seine Krankheit und damit die Erkenntnis, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, die Wahrheit über das Verschwinden seiner Tochter ans Licht zu bringen, machen ihn sehr empfänglich für Livs Nachforschungen. Die Podcasterin hat leichtes Spiel, sie entfacht den kleinen Funken Hoffnung, der Theo geblieben ist, schnell zu einem lodernden Feuer.
Neben Theo und Liv spielt auch der Altenpfleger Daniel Wagner eine wichtige Rolle. Er ist der Ex-Freund von Julie und wurde damals beschuldigt, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun gehabt zu haben. Dafür hat es nie Beweise gegeben, dennoch hat Daniel bis heute mit den Auswirkungen der Anschuldigungen zu kämpfen.
Der Schreibstil von Romy Hausmann begeistert mich immer wieder aufs Neue. Sie hat ein ausgesprochen gutes Händchen für psychologisch ausgefeilte Thriller und versteht es ganz ausgezeichnet, das Leben und den Alltag ihrer Figuren authentisch und mitreißend darzustellen.
Schon nach wenigen Seiten steigt die Spannung auf ein hohes Level - die Autorin katapultiert mich in einen Strudel aus Vorverurteilungen, Ungereimtheiten und Lügen. Aktuelles Geschehen, eingebettete Rückblenden, wechselnde Perspektiven sowie facettenreiche Einblicke in die Gedanken und Gefühle der Akteure heizen meine Spekulationen über die Hintergründe zu Julies Verschwinden an. Ähnlich wie bei einem Kaleidoskop bekomme ich nach jedem Kapitel ein neues Bild präsentiert, habe mal den einen, mal den anderen als Täter im Visier und werde am Ende doch von den tatsächlichen Geschehnissen überrascht.
Besonders gut gelungen ist es der Autorin, mir Theos Kampf gegen das Vergessen näherzubringen. Ich konnte mit ihm mitfühlen, seine Angst, seine Wut, seinen Frust und natürlich auch seine Hoffnung spüren. Sehr deutlich wird auch, was Liv und Phil antreibt - diese Gier nach immer mehr Klicks und monatlichen Abrufzahlen lässt besonders Phil fast skrupellos agieren und dabei vergessen, welchen Schaden er im Leben anderer Menschen anrichtet.
„Himmelerdenblau“ hat mir sehr gut gefallen - ein vielschichtig angelegter Thriller, der mit unerwarteten Wendungen und einer aufwühlenden Thematik schnell einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.
Mörderischer Millionencoup auf Gran Canaria
Jagd unter Palmen von Thilo Scheurer
Die 50-jährige Kriminalhauptkommissarin Sofia Bitter hat sich nach einer schweren Schussverletzung in den Vorruhestand versetzen lassen. Im ehemaligen Ferienhaus ihrer Großeltern auf Gran Canaria will sie sich erholen, doch schon bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen stolpert sie unversehens in einen Kriminalfall - der Koffer eines Mitreisenden wird gestohlen.
Endlich in ihrem Domizil angekommen, beschließt sie, für die dringend notwendige Renovierung des Häuschens alles Nötige im nahe gelegenen Baumarkt zu besorgen. Zwischen Kehrschaufeln, Spaten und Spitzhacken belauscht sie zufällig ein Streitgespräch, das bei ihr die Alarmglocken schrillen lässt: Soll hier etwa ein Mord vertuscht werden!? Sofia kann nicht anders - sie folgt den unbekannten Männern und steckt plötzlich mittendrin in den Ermittlungen rund um einen mörderischen Millionencoup…
Inspector Jefe García hat nicht nur alle Hände voll zu tun, er ist auch mit einem übereifrigen Assistenten gestraft. Darauf, dass eine Kollegin vom LKA Stuttgart ständig seine Wege kreuzt und sich in seine Ermittlungen zu dem spektakulären Raubüberfall auf das Iberia-Depot einmischt, kann er eigentlich gut verzichten, doch er muss schließlich einsehen, dass er für die Aufklärung des Falls auf die Unterstützung von Sofia Bitter angewiesen ist…
„Jagd unter Palmen“ ist der erste Fall für KHK Sofia Bitter und Chefinspektor García vom Comisaría Las Palmas Norte - den Leser erwartet hier ein fesselnder Krimi mit einer kurzweiligen Handlung, spannenden Ermittlungen, vielschichtigen Figuren und jeder Menge Lokalkolorit.
Thilo Scheurer erzählt die Geschichte sehr schwungvoll und versteht es dabei ganz ausgezeichnet, Situationen und Emotionen sowohl mitreißend wie auch unterhaltsam darzustellen, so dass es mir nicht nur ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen, ich konnte auch prima mit den Akteuren mitfiebern und mitfühlen.
Wie schon in seinen bisherigen Kriminalromanen zeigt der Autor auch diesmal, dass er ein überaus gutes Händchen dafür hat, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Es hat mir großen Spaß gemacht, das Zusammenspiel der sehr unterschiedlichen Charaktere zu beobachten. Sofia und García haben während der Ermittlungen einige Hürden zu überwinden. Es gelingt ihnen allerdings nicht immer, die Aufgaben und Herausforderungen, mit denen Thilo Scheurer sie im Verlauf der Handlung konfrontiert, reibungslos zu meistern. Das dämpft ein ums andere Mal die Laune der Ermittler, hat aber bei mir durchweg für gute Unterhaltung gesorgt.
Als sehr gut gelungen habe ich die Darstellung Gran Canarias und seiner Bewohner empfunden, weil sich die Beschreibungen und Schilderungen von Land und Leuten ohne aufgesetzt zu wirken in die laufende Handlung einfügen. Die Vielfalt und Besonderheiten der Insel werden hervorgehoben, so dass ich mir die Schauplätze alle sehr gut vorstellen konnte und von der kanarischen Atmosphäre schnell eingefangen wurde.
„Jagd unter Palmen“ hat mir sehr gut gefallen - ein kurzweiliger Krimi, der mit lebhaften Charakteren und einer spannenden Handlung zu überzeugen weiß.
Wo große Werke spielen
Schauplätze der Weltliteratur von John Sutherland
„Schauplätze der Weltliteratur“ ist ein reich bebildertes Nachschlagewerk, das einlädt, die Handlungsorte literarischer Werke zu erkunden. Eingeteilt in vier Rubriken - Romantische Aussichten (1817 bis 1920), Kartierung der Moderne (1921 bis 1951), Nachkriegspanoramen (1952 bis 1982) und Zeitgenössische Schauplätze (1982 bis 2019) - werden über 70 bekannte und auch weniger bekannte Werke vorgestellt und hinsichtlich ihres Schauplatzes näher beleuchtet.
Die Schauplätze werden dabei nur am Rande im geografischen Sinn porträtiert. Hier konzentriert man sich eher auf die Bedeutung des Schauplatzes für das eigentliche Werk und geht dabei unterschiedlichen Fragen nach, zum Beispiel, wie der jeweilige Autor den Schauplatz seiner Geschichte definiert hat; welchen Einfluss ein Ort auf Protagonisten und Handlung hat; wie das Zusammenspiel von Menschen und Umgebung funktioniert oder auch, ob bzw. in welcher Hinsicht sich eine Stadt oder eine Landschaft in einem Roman von der realen Vorlage unterscheidet.
Nur drei der jeweils zwei bis vier Seiten umfassenden Beiträge stammen aus der Feder von Herausgeber John Sutherland selbst, die anderen wurden von Autoren, Lektoren, Journalisten, Professoren sowie Kritikern erstellt. Durch die unterschiedliche Herangehensweise von Sutherlands Co-Autoren an die hier gestellte Aufgabe ist eine bunte Mischung stilistisch unterschiedlicher Arbeiten entstanden, die diesen Band sehr abwechslungsreich und damit ausgesprochen unterhaltsam macht.
Auch die Aufmachung des Buches ist sehr gut gelungen. Die informativen Essays werden ansprechend präsentiert und sind mit zahlreichen Fotos, Illustrationen sowie einigen Landkarten versehen.
„Schauplätze der Weltliteratur“ hat mir sehr gut gefallen - eine genauso unterhaltsame wie aufschlussreiche Sammlung, die den Leser auf eine Reise zu literarisch bedeutsamen Schauplätzen mitnimmt.
Ludwig der Fromme und seine Söhne
Das Erbe der Karolinger von Claudius Crönert
In seinem historischen Roman „Das Erbe der Karolinger“ entführt Claudius Crönert den Leser in die Jahre 817-840 in das fränkische Reich. Im Mittelpunkt stehen Ludwig der Fromme, seine Ordinatio Imperii und die immer wieder eskalierenden Streitigkeiten und Machtkämpfe zwischen ihm und seinen Söhnen.
Schon auf den ersten Seiten spüre ich, Ludwig hat es gerne beschaulich. Ihm steht der Sinn nach friedlichen Lösungen. Sein Sohn Lothar ist ganz anders eingestellt. Lothar wirkt oft launisch, ist fast krankhaft ehrgeizig und will jede Unruhe im Land und an den Grenzen mit kriegerischen Maßnahmen abwenden.
In einem zweiten Handlungsstrang lerne ich Judith kennen, älteste Tochter von Welf I., einem alemannischen Grafen. Judith wird im Verlauf des Geschehens eine wichtige Rolle spielen. Sie wird von dem im Jahr 818 verwitweten Ludwig bei einer Brautschau als seine zweite Ehefrau ausgewählt. Die willensstarke Judith weiß ihren Status als neue Kaiserin zu nutzen und beeinflusst nicht nur die Entscheidungen innerhalb der Familie, sondern auch die Entwicklung des gesamten Reiches.
Durch die Ordinatio Imperii sollte - entgegen der bisherigen Regelung, das Herrschaftsgebiet unter allen Söhnen gleichmäßig aufzuteilen - das Reich als Einheit bestehen bleiben und immer der älteste Sohn die Kaiserkrone erben. Entsprechend ernannte Ludwig seinen ältesten Sohn Lothar I. zum Mitkaiser und setzte seine jüngeren Söhne Pippin und Ludwig den Deutschen als Unterkönige in Aquitanien bzw. Bayern ein.
Doch statt Einheit erreicht Ludwig das Gegenteil - alle driften immer weiter auseinander. Da die beiden Kaiser unterschiedliche Vorstellungen über die Art und Weise hatten, wie das Reich regiert werden soll, gerät die gut gedachte Neuregelung schnell ins Wanken und droht gänzlich zu scheitern, als Ludwig in zweiter Ehe Vater eines weiteren Sohnes wird, denn plötzlich gibt es mit Karl dem Kahlen einen weiteren Bruder mit Erbansprüchen.
Claudius Crönert erzählt sehr anschaulich. Mit viel Liebe zum Detail zeichnet er ein umfassendes, facettenreiches und vor allen Dingen sehr glaubwürdiges Bild der damaligen Zeit und versteht es ausgezeichnet, die historischen Fakten durch abwechslungsreiche Schilderungen und schwungvolle Dialoge mit Leben zu füllen. Schon nach wenigen Seiten hat mich die Welt der Nachkommen Karls des Großen gefangen genommen und ich habe gespannt das Leben, Wirken und Streiten der karolingischen Herrscherfamilie verfolgt.
Historische Gegebenheiten, Politik und Regierungsgeschäfte bilden die Grundlage für diesen Roman, das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem turbulenten Miteinander und Gegeneinander von Vater und Söhnen. Ich begegne streitlustigen Charakteren, von denen jeder Einzelne nur daran interessiert ist, seine persönliche Macht auszuweiten und seinen eigenen Besitz zu vergrößern. Wechselnde Perspektiven lassen mich dabei einen Blick auf ihre unterschiedlichen Eigenarten und Beweggründe werfen. Ich lerne die Stärken und Schwächen der Akteure kennen und kann an ihren unterschiedlichen Emotionen teilhaben. Es regieren Neid und Missgunst. Intrigen werden gesponnen, Verschwörungen ausgeheckt, Zwietracht gesät, Rebellionen angezettelt. Ich befinde mich mittendrin in einem frühmittelalterlichen Familienstreit, der sich auf die Zukunft des gesamten fränkischen Reiches auswirken wird.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Claudius Crönert nicht nur die großen Herausforderungen der Zeit beleuchtet, sondern auch die vermeintlich kleinen Hindernisse hervorhebt. So erlebe ich zum Beispiel mit, wie schwierig Verhandlungen manchmal waren, weil es keine gemeinsame Sprache gab. Nachrichten brauchten oft mehrere Wochen, so dass der Inhalt der Botschaft bereits überholt sein konnte. Gefechte waren waghalsig, weil man nie genau wusste, wo das gegnerische Heer stand oder wie weit Verbündete vorgerückt waren.
Im Verlauf der Handlung wird immer wieder deutlich, dass die Karolinger nicht nur hochrangige Adelige waren, sondern auch Menschen, die gute und eben auch schlechte Tage hatten. Die falsche Entscheidungen getroffen haben. Die zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln schwankten. Die fröhliche Momente erlebten, aber auch dunkle Zeiten und emotionale Krisen bewältigen mussten. Denen Erschöpfung, Schmerz, Trauer, Hunger und Unwetter zusetzten. Die wilde Tiere fürchteten oder mit ihrem Aberglauben zu kämpfen hatten. Es ist die ausgefeilte Mischung aus aristokratischen, menschlichen und alltäglichen Aspekten, die die gesamte Szenerie in diesem Roman so herrlich lebendig und glaubwürdig machen.
„Das Erbe der Karolinger“ hat mir sehr gut gefallen - eine mit vielen historischen Fakten verwobene Geschichte, die anschaulich und lebendig erzählt wird und dabei schnell einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.
Wenn das eigene Gedächtnis trügt
Die Mündung von Tim Pieper
Tim Pieper beginnt seinen Thriller „Die Mündung“ mit einem neugierig machenden Prolog: ein Mann in einem Segelboot kreuzt das Fahrwasser im Bereich der Elbmündung dicht vor dem Bug eines Containerschiffes - er versucht, mit dem waghalsigen Manöver seine Verfolger abzuhängen…
Im Folgenden lerne ich Lena Funk kennen - die Kriminalhauptkommissarin hat sich eine Auszeit genommen, um zu verarbeiten, dass ihre Schwester Jette einem Serientäter zum Opfer gefallen ist.
Lena verbringt deshalb einige Zeit als Umweltpraktikantin auf der Vogelinsel Scharhörn. Doch wiederkehrende Albträume und der Eindruck, dass die mit dem Fall betraute SoKo bei den Ermittlungen geschlampt hat, lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Interessant wird es, als Lena nach einem Unwetter eine männliche Leiche in den Dünen entdeckt. Der offensichtlich ermordete Mann hat Schmuckstücke bei sich, die der sogenannte Gezeitenmörder von seinen Opfern als Trophäe behalten hat. Auch ein Anhänger von Jette ist dabei…
Nach diesem Fund will Lena wieder mitermitteln und macht sich auf die Suche nach Antworten - und ich bin zunächst einmal irritiert, denn Lena verhält sich ganz und gar nicht wie eine erfahrene Kripo-Beamtin. Die Erklärung, warum ihre Ermittlungen so untypisch und nachlässig wirken, lässt nicht lange auf sich warten und hat es in sich…
In diesem Thriller ist vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. In einem dem Prolog vorangestellten Zitat von der US-amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus heißt es: „Unser Gedächtnis arbeitet konstruktiv. Es arbeitet rekonstruktiv. Das Gedächtnis funktioniert ein bisschen wie Wikipedia: Sie können es aufrufen und es verändern, aber andere können das auch.“ Diese Worte lassen bereits erahnen, dass Tim Pieper sich für seine Protagonistin und damit auch für den Leser ein paar besondere Herausforderungen ausgedacht hat - so muss Lena sich im Verlauf der Handlung die Frage stellen, wie sie den Fall lösen soll, wenn sie ihren eigenen Erinnerungen nicht trauen kann. Und ich frage mich ständig, was hier tatsächliches Geschehen ist und welche Ereignisse aufgrund von Manipulation Hirngespinste sind und nur scheinbar geschehen.
Tim Pieper wartet mit einer raffiniert gestrickten Geschichte auf, die voller falscher Fährten und dramatischer Wendungen ist. Die Spannung ist dabei von Anfang an auf einem hohen Level und wird durch unerwartete Ereignisse, temporeiches Geschehen und das stückweise Aufdecken von Hintergründen immer wieder aufs Neue befeuert.
Und auch die unterschiedlichen Zeitebenen tragen dazu bei, dass die Handlung einen enormen Sog entwickelt. Während ich in Rückblenden erfahre, was vor Jettes Verschwinden passiert ist und zudem die familiären Angelegenheiten der Schwestern kennenlerne, kann ich in dem gegenwärtigen Part prima mit den Akteuren mitfiebern und rausche so mit großer Geschwindigkeit durch das Buch, immer begierig darauf zu erfahren, wer hier seine kriminellen Finger im Spiel hat.
Als sehr gelungen habe ich auch die Beschreibungen der Schauplätze empfunden - die rauen Bedingungen an der Küste, der Wechsel von grauen Nebelschleiern und stürmischen Winden, das Spiel der Gezeiten und auch die Einsamkeit des Wattenmeers sorgen für eine düstere Atmosphäre und geben der Thrillerhandlung den passenden Rahmen.
„Die Mündung“ hat mir sehr gut gefallen - ein Thriller, der mit einem abwechslungsreichen Geschehen punkten kann und mir ein paar spannende Lesestunden beschert hat.











