Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Eine Leseempfehlung
Das Geheimnis der Strandvilla von Corinna Kastner
Zwei Personen, Roman Marendorff und Viktoria Brand, die einander noch nie begegnet sind, erben nach dem plötzlichen Tod des Rechtsanwaltes Martin Niemann, eine Strandvilla in Wüstrow an der Ostsee. Allerdings ist noch eine Bedingung an das Erbe geknüpft: Die beiden müssen mindestens zwei Monate gemeinsam in der Villa leben.
Anschließend könnten sie die Villa verkaufen, wenn beide dies wünschen.
Damit beginnt ein Abenteuer, das sowohl Roman und Viktoria sowie die Leserschaft auf Trab hält. Zunächst sind die beiden mehr als zurückhaltend und ein wenig unschlüssig, wo genau sie mit ihrer Recherche beginnen sollen. Viktoria hat Erfahrung mit Recherchen, ist sie doch Autorin und kann zum Beispiel alte Dokumente, die in Sütterlin geschrieben sind entziffern. Ein unschätzbarer Vorteil, bei der Durchsicht von alten Kirchen- oder Grundbüchern. Mit jedem Puzzleteilchen, das Roman oder Viktoria entdecken und an die richtige Stelle der Geheimnisses der Villa fällt, wird der Ehrgeiz das Rätsel zu lösen größer.
Wird es ihnen gelingen, das Rätsel der Villa, das sie bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückführt, lösen können?
Meine Meinung:
Dieser Roman ist bereits 2009 unter dem Titel „Die geheime Kammer“ erschienen und nun im Emons-Verlag neu aufgelegt worden.
Ich kenne den einen oder anderen Fischland-Krimi von Corinna Kastner, die mich nicht ganz zu 100 Prozent überzeugt haben. Dieser Roman, der durch alte Aufzeichnungen, verborgene Hinweise sowie längst vergessen geglaubte Konflikte recht lange die Spannung einer Familiengeschichte aufrecht erhält, hat mir sehr gut gefallen. Die Rückblenden in die Vergangenheit haben eine, vor allem für Frauen, bedrohliche Atmosphäre wieder auferstehen lassen. Wer nicht in das Raster passt, wird entweder passend gemacht (wie auch immer) oder weg gesperrt, sei es in eine Anstalt oder in einer Kammer auf den Dachboden.
Der Roman ist sehr gut gegliedert und erzählt die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Dazu benützt die Autorin auch den Kniff, Tagebücher oder Briefe abzudrucken. Manche Tagebucheintragungen sind vielleicht einen Hauch z lange abgefasst, aber das ist Geschmacksache.
Lasst euch nicht von den 592 Seiten abschrecken. Die Seiten fliegen nur so dahin.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Ausflug in eine Familiengeschichte, die keiner der beiden Erben gekannt hat, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Ein gelungener Sommer-Krimi
Taverne der toten Fischer von Katerina Gatakis
In ihrem zweiten gemeinsamen Fall bekommen es Anna Apostolaki und Loukas Petritsis von der Kripo Kalamata nicht nur mit einer toten Fischerin, die sich in ihren eigenen Netzen verheddert hat und dabei ertrunken ist zu tun, sondern auch mit einer Sondereinheit der Polizei, die ihr eigenes Süppchen kocht zu tun.
Recht bald stellt sich heraus, dass die Tote, Zoí Mitropoulou, nicht nur aus ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Akis Nikeas ein Geheimnis gemacht hat, sondern einer ziemlichen Sauerei auf der Spur gewesen ist.
Doch bevor die beiden mit Akis sprechen können, wird der auf dem Fischmarkt erstochen. In was sind Zoí und Akis hineingeraten? Denn an Blutrache zwischen verfeindeten Familien, wie Roussos vermutet, glauben Anna und Loukas nicht.
Auch wenn Anna und Loukas auf Grund ihrer ziemlich unterschiedliche Charaktere manchmal Probleme miteinander haben, schaffen sie es gegen alle Widerstände, auch knifflige Verbrechen aufzuklären.
Meine Meinung:
Dieser Griechenland-Krimi spricht einiges an, was nicht nur in der Ägais Sorgen macht: Die Überfischung des Meeres, Grundstücksspekulation, Korruption und Freunderlwirtschaft bei Behörden (auch bei der Polizei), politische Interventionen und Diebstahl von Artefakten.
Nun, liebe Leserinnen und Leser - sucht euch aus, was hier als Motiv passt, Zoí und Akis zu töten.
Der Schreibstil ist flüssig zu lesen. Der eine oder andere griechische Name ist ein Zungenbrecher. Um die Personen gut auseinanderzuhalten gibt es im Anschluss ein Personenverzeichnis, das ich persönlich lieber zu Beginn des Krimis gesehen hätte. Griechische Ausdrücke werden gleich im Text übersetzt.
Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet. Vor allem die Rolle von Annas und Loukas Vorgesetzten, dem Kripo-Chef Stavros Roussos, samt seiner Sekretärin ist, vorsichtig formuliert, ein wenig fragwürdig. Er wirkt auf mich wie ein inkompetenter, aufgeblasener Ochsenfrosch. Auch Annas Ex-Freund, führt sein intrigantes Spiel weiter, um erstens Anna zu desavouieren und zweitens jede Beförderung zu verhindern. Ob ihm in einer Fortsetzung endlich das Handwerk gelegt werden kann? Ich hätte dazu die eine oder andere Idee. Schauen wir einmal, was der Autorin noch weiter einfällt....
Fazit:
Wer gerne einen flotten Sommer-Krimi lesen will, ist hier richtig. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Fesselnd bis zur letzten Seite
Salzkammerflut von Dagmar Hager
Während einer Führung durch die Stollen der ehemaligen Salzbergwerks in Ebensee, das während der NS-Zeit ein Nebenlager des KZ Mauthausen war, wird ein Mobiltelefon mit einem Hilferuf entdeckt. Es ist eine Aufnahme zu sehen und hören, in der eine Frau namens Sara Lewandowski Opfer einer Entführung geworden ist.
Ben Achleitner vom LKA Linz übernimmt die Suche nach Sara. Dabei stellt sich heraus, das der Name Lewandowski in Ebensee nicht ganz unbekannt ist, ist doch im Jahr 1959 bei einer verheerenden Flut ein Mann dieses Namens verschwunden. Doch genaueres ist zunächst nicht zu erfahren, leben doch nur mehr wenige Personen, die sich an die Naturkatastrophe erinnern können. Einer davon ist Bens Großvater, der im Beisein von Bens Jugendfreundin der Ärztin Marie, erstmals über sein streng gehütetes Geheimnis, das bis in die NS-Zeit zurückreicht, spricht.
Die Ermittlungen rund um die vermisste Frau gestalten sich schwierig, denn Ebensee hat durch die Vergangenheit gelernt, dass es einfacher zu überleben ist, wenn alle schweigen.
Wird Ben Achleitner die verschwundene Sara Lewandowski finden können?
Meine Meinung:
Dieser Regionalkrimi, der mit viel Lokalkolorit des oberösterreichischen Salzkammerguts aufwartet, führt uns mit dem Geheimnis von Bens Großvater in die NS-Zeit zurück, an die bis heute viele Bewohnerinnen und Bewohner nicht gerne erinnert werden wollen. Obwohl es ein Museum für Zeitgeschichte gibt, das die politische Entwicklung des Salzkammerguts zwischen 1918 und 1955 eindrucksvoll beleuchtet, wurde das Memorial, das an jene Mitbürger erinnert, die der NS-Zeit zum Opfer gefallen sind, erst 2025 errichtet. Elf der fünfundzwanzig namentlich Genannten sind auf Schloss Hartheim ermordet worden.
Autorin Dagmar Hager bettet die Ereignisse der NS-Zeit und der Jahre danach sehr gut in die persönliche Geschichte der (fiktiven) Familie Achleitner ein. Hier spielt sie ihre schriftstellerische Klasse aus, als Ben entdeckt, wie ein bislang unbekannter, ererbter Schatten, unbewusst Einfluss auf sein eigenes Leben hat. Denn diese Schatten sind seine eigenen Dämonen. Ich mag ja Bens Großvater, der nun, über neunzigjährig von seiner großen Last befreit wirkt, zumal die Suche nach der vermissten Frau eine große Überraschung für ihn bereit hält.
Nicht nur Bens Großvater erlebt eine große Überraschung, sondern auch für uns Leser hält Dagmar Hager eine unerwartete Wendung bereit. Was das genau ist, will ich nicht verraten.
Wie schon in den Vorgängern, spielt auch diesmal die Ärztin Marie, die mit Ben eine gemeinsame Vergangenheit hat, wieder eine große Rolle. Man wird sehen, ob die beiden eine Zukunft miteinander haben.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Krimi, der mit einer überraschenden Auflösung aufwartet, 5 Sterne und eine Leseempfehlung, die für die ganze Reihe gilt.
Hat mich leider nicht überzeugt
Die Lago Maggiore-Morde - Tod im Rustico von Annemarie Regez
Dieser Krimi der Schweizer Autorin Annemarie Regez ist der vierte rund um Commissaria Roberta Casanova, die mit ihrer Frau, der Journalistin Julia und der gemeinsame Tochter Laura, eigentlich nur die Vorweihnachtszeit mit Schlittenfahrten verbringen will. Dazu gehört, dass auch Nicolas, Lauras leiblicher Vater, gemeinsam mit seinem neuen Liebhaber Oliviero eingeladen ist.
Überraschenderweise mag die kleine Laura Oliviero nicht, was die beiden Mütter nicht zu bemerken scheinen.
Wenig später ist die angehende Weihnachtsstimmung vorbei, denn in Olivieros Rustico wird ein Toter gefunden. Dem ersten Anschein nach, hat der Mann Suizid begangen. Als dann Fremdverschulden festgestellt wird und DNA-Spuren von Nicolas‘ an der Leiche zu finden, ist er natürlich der Hauptverdächtige, zumal er angibt, den Toten nicht zu kennen.
Also beginnt die Commissaria mit ihrem Team zu ermitteln und auch Julia Nachforschungen anzustellen, beide auf ihre eigene Art, die sie bis nach Zürich in eine Schwulenbar führen werden.
Dabei entdecken sie, dass Olivero nicht nur einmal die Unwahrheit gesagt hat. Ist Lauras intuitive Ablehnung berechtigt? Wie kommt Nicolas aus dieser toxischen Beziehung heraus?
Meine Meinung:
Dieser Krimi ist für mich der erste von Annemarie Regez, wird aber voraussichtlich gleichzeitig der letzte sein. Warum?
Irgendwie werde ich mit den Charakteren und der Story an sich nicht wirklich warm. Roberta ist mit Leib und Seele Polizistin, die Mutterrolle scheint ihr nicht so zu liegen. Ja, es hat sogar den Anschein, als wäre sie von Julia in diese Rolle hineingedrängt worden.
Zudem geht mir Nicolas mit seinem Gejammere über mehrere fehlgeschlagene Beziehungen auf die Nerven. Es gibt ebenso viele heterosexuelle Männer, die auf eine Vielzahl von gescheiterten Partnerschaften zurückblicken können (müssen). Vielleicht sollte Nicolas professionelle Hilfe suchen, um diese toxische Beziehung, die auch sein Umfeld in den Abgrund zu reißen droht, beenden?
Auch zahlreiche andere Zeitgenossen benehmen sich merkwürdig. Da ist neben Nicolas und Oliviero, die Nachbarin in Nicolas‘ Wohnhaus, mit der Roberta noch eine Rechnung offen zu haben scheint oder der Barkeeper der Schwulenbar, der mehr weiß, als er zugibt. Ich persönlich finde ja, dass Roberta befangen ist und hier gar nicht ermitteln dürfte.
Meiner Meinung hätte es den zusätzlichen Handlungsstrang mit der homophoben und frauenfeindlichen Sekte als mögliche Spur nicht gebraucht. Ein lesbisches Paar mit Kind, ein schwules Paar mit mehrfach wechselnden Partnern sowie eine Ispettrice, die Probleme mit ihrer zukünftige Schwiegerfamilie hat - das alles auf nur 256 Seiten, wirkt auf mich irgendwie überfrachtet. Jedes Thema für sich alleine, fände ich interessant genug, um sich eingehend damit zu beschäftigen. So unterbrechen die Einblicke in die Gefühlswelt der Charaktere den eigentlichen Handlungsablauf.
Auch der Showdown zum Schluss wirkt auf mich sehr aufgesetzt und dadurch unglaubwürdig.
Ich kenne die drei Vorgänger nicht. Üblicherweise stört mich das nicht, weil Autorinnen und Autoren wichtige Eckdaten der Protagonisten geschickt in den aktuellen Fall einblenden und damit auf die Vorgeschichte(n) neugierig machen. Diesmal habe ich nicht das unbedingte Verlangen, die Vorgänger lesen zu müssen. Mir genügen die Informationen, die ich mir zusammenreimen kann.
Fazit:
Leider hat mich dieser Krimi nicht überzeugt. Daher reicht es nur knapp für drei Sterne.
Eine klare Leseempfehlung!
Der Club der Unbeugsamen von Kathryn Stockett
Dieser Roman entführt uns in das Jahr 1933 in die USA. Noch herrscht die Prohibition und die Weltwirtschaftskrise hat auch die USA fest im Griff. Die Menschen verlieren ihre Arbeit, Vermögen seinen Wert und Kinder werden einfach ausgesetzt oder unverheirateten Müttern behördlicherseits abgenommen, um die Moral aufrecht zu erhalten.
Diese Kinder werden selten gut und liebevoll versorgt.
Kathryn Stockett erzählt diese Geschichte, die aus mehreren Handlungsstränge besteht, aus der Sicht von Meg, die im Waisenhaus lebt, und aus der Perspektive von Birdie, die nach Oxford kommt, um Frances, ihre, mit einem Banker verheiratete Schwester um Geld zu bitten, um die fällige Grundsteuer bezahlen zu können. Sie und ihre Mutter würden sonst das Elternhaus verlieren. Während Birdie auf eine Zusage von Rory, Frances‘ Ehemann wartet, lernt sie im örtlichen Waisenhaus die elfjährige Meg kennen, als sie dort für wenige Cent die Buchhaltung in Ordnung bringt, weil eine Inspektion in Haus steht.
Noch weiß niemand, dass Rory das Vermögen seiner Mutter verzockt hat, in der Bank gekündigt worden ist und das Haus vor der Zwangsversteigerung steht.
„...Auf dem Papier heiße ich Margot, aber für gewöhnlich werde ich Meg genannt. Ich bin wie gesagt seit zwei Geburtstagen hier…“
Mit diesen Worten stellt sich die elfjährige Meg vor, wenn an den sogenannten Besuchstagen adoptionswillige Ehepaare in das Waisenhaus von Oxford/Mississippi kommen und sich ein Kind aussuchen. Leider werden fast immer Babys und Kleinkinder adoptiert, denn sie sind, wie es so schön heißt „noch formbar“. An den älteren Mädchen wie Meg hat kein Ehepaar Interesse, außer man braucht eine billige Arbeitskraft. Zusätzlich ist Meg fortwährend den sichtlich religiös motivierten Schikanen von Mrs. Garnett, die Leiterin des Waisenhauses, ausgesetzt. Nach außen hin präsentiert sich Mrs. Garnett als fürsorgliche Person, die die Mädchen auf den „rechten Weg zurückführen will“.
Als Birdie entdeckt, dass Meg vom Unterricht ausgeschlossen ist und in einer verschimmelten Kammer, deren Fenster vernagelt ist, mehr oder weniger sinnlose Arbeiten verrichten muss, obwohl sie leicht und gerne lernt, beginnt sie sich gegen Mrs. Garnetts Anweisungen hinwegzusetzen und in Garnetts Abwesenheit, das Los Megs und der anderen Kinder zu verbessern. Birdies Wahlspruch ist
“... manchmal ist es besser, nachher um Verzeihung zu bitten als vorher um Erlaubnis….“
Wenig später spitzt sich die Situation zu: Meg wird zur Überraschung aller an Stelle eines Babys adoptiert, Frances und ihre Schwiegermutter müssen feststellen, dass Rory das Haus von allen Wertsachen „befreit“ und sie mit einem Haufen Schulden sitzengelassen hat. Als sich dann noch herausstellt, dass Rory schwul und ihre Ehe eine schlechte Farce ist, ist gute Rat teuer. In dieser Situation taucht Megs Mutter Charlie auf, die die letzten beiden Jahre in einer Anstalt verbracht hat. Die Hintergründe werden erst später offenbart.
Jedenfalls will Charlie ihre Tochter zurück, braucht aber dafür Geld. Sie macht Birdie einen unkonventionellen Vorschlag , um rasch Geld zu verdienen ....
Und dann kreuzt noch als weitere Verbündete die Krankenschwester Victoria bei Charlie und Birdie auf. Sie will Medizin studieren, was damals Frauen nur an wenigen Universitäten in den USA erlaubt ist und als Ärztin vorrangig Frauen betreuen. Sie hat es satt, wie männliche Ärzte über Frauen bestimmen und eine Einweisung in eine Anstalt und/oder eine Zwangssterilisation anordnen können.
Meine Meinung:
Dieses Buch ist das erste von Kathryn Stockett für mich.
Obwohl es in den 1930er-Jahren spielt, erinnern mich einige Stellen an das hier und jetzt. Sei es, dass Homosexualität seitens der Behörde und zahlreicher Ärzte als behandelbare Krankheit angesehen wird oder sei es, dass sich einzelne, wie die bigotte Mrs. Garnett als einzige moralische Instanz im Lande halten und nur ihre eigene Meinung gelten lassen. Rassismus hat im Bundesstaat Mississippi eine lange Tradition, Abwertung von Frauen ebenso. So erhält Birdie für ihre Arbeit nur 25 Cent, während ein angelernter Jüngling 75 Cent für die gleiche Tätigkeit bekommt. Unverheiratete Frauen werden ohne viel Federlesens als Prostituierte gebrandmarkt und selbst ein Gespräch mit einem Farbigen zieht eine Anzeige und Haft nach sich. Ehefrauen aus ihren Dienstverhältnissen bei der Post etc. werden entlassen, weil die Arbeitsplätze den Männern zustehen.
Obwohl mich das Buch an manchen Stellen ziemlich wütend macht, muss ich auch immer wieder darüber schmunzeln, mit welcher Chuzpe Charlie und Birdie den bigotten Einwohnern von Oxford die Stirn bieten. Welche Aktionen das sind, müsst ihr selbst lesen.
Der Roman lässt sich flüssig lesen, was auch an der gelungenen Übersetzung liegt. Die 848 Seiten sind im Nu gelesen. Kathryn Stockett erzählt straff, raffiniert und detailliert zugleich. Sie entlarvt dabei messerscharf die Heuchelei und Bigotterie jener Zeit. Die Charaktere sind fein herausgearbeitet. Auf der einen Seite, jene Frauen, wie Charlie oder Viktoria, denen das Leben nichts geschenkt hat, und die sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu wehren wissen. Zum anderen jene wie Birdie, die über sich hinauswächst und ihre Schwester und Schwiegermutter, die viel zu lange den Kopf in den Sand gesteckt haben, letztlich aber mit Hilfe von Charlie & Co. ihr erstmals Leben selbst in die Hand nehmen. Die starken Frauenfiguren wachsen einem schnell ans Herz. Der Ton ist schonungslos offen und dennoch heiter.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Roman, der in den USA von 1933 spielt und in manchen Bereichen durchaus Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Eine Leseempfehlung
Ferne Heimat Altmontal von Michael Riepl
„Ist je irgendwer zurückgekehrt - nach Altmontal?“
Diese Frage stellt sich Autor Michael Riepl als er die Aufzeichnungen seiner Großmutter Hedwig Krämer in die Hände bekommt. An Hand der Aufzeichnungen seiner Großmutter, die sie im Alter von 75 Jahren für ihre Nachkommen aufgezeichnet hat, dürfen Michael Riepl bei seiner Spurensuche begleiten.
Was für uns Leser eine fesselnde Geschichte ist, ist für den Autor eine Spurensuche, die in über mehrere Jahre und Reisen von Deutschland nach Armenien und in die Ukraine führt.
Michael Riepl erzählt in seinem Buch die außergewöhnliche Lebensgeschichte seiner Großmutter Hedwig Krämer, die 1919 im deutschen Dorf Altmontal in der Schwarzmeerregion geboren wurde. Die ursprünglich deutsche Familie gehört zu jenen, die einst, um die entvölkerten Landstriche wieder zu beleben, angesiedelt worden sind.
Ausgehend von Hedwigs Memoir zeichnet der Autor ein bewegendes Bild einer Kindheit, die zunächst von Gemeinschaft und Geborgenheit geprägt war, später jedoch durch den, von Stalin absichtlich herbeigeführten Hungertod, politische Verfolgung und den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Während der Autor die Aufzeichnungen seiner Großmutter auswertet, reist er selbst in die Ukraine, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.
Seine Erlebnisse und jene der Großmutter werden abwechselnd erzählt. Immer wieder ergeben sich fesselnde Parallelen zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Durch seinen einfühlsamen Schreibstil kommen wir dem Schicksal Hedwigs und ihrer Familie sehr nahe. Die Schilderungen von Hungersnot, Verlust und Flucht sind eindringlich und doch sachlich.
Heute ist die alte Heimat Altmontal ferner denn je. Die eingangs gestellte Frage nach einer Rückkehr in das Dorf seiner Großmutter beantwortet sich der Autor im August 2025 selbst:
„Altmontal liegt heute direkt an der Front. Russische Pioniere haben es eingezäunt mit tausenden Drachenzähnen und Panzerigeln, haben unzählige Meter an Stacheldraht ausgerollt und Minenfelder entlang der Straße des Friedens gelegt. Neben den gähnenden Kratern, die die Artilleriegeschosse gerissen haben, müssen die vielen Schlaglöcher heute winzig wirken. Ob Wira, die schöne alte Frau, noch in Altmontal wohnt? Ob sie nun den russischen Soldaten die Geschichte erzählt, wie sich die Wehrmachtssoldaten bei ihr einquartiert haben?“
Das Buch vermittelt nicht nur ein interessantes Stück Familiengeschichte, sondern auch wichtige historische Einblicke in das Leben der Schwarzmeerdeutschen, die bislang nicht so sehr im allgemeinen Gedächtnis präsent sind. Zudem ruft das Buch die Auswirkungen von Krieg und mehrmaliger Vertreibung in der Ukraine wieder in das Gedächtnis. Gleichzeitig beeindruckt die Lebensgeschichte Hedwig Krämers durch ihren Mut, ihre Ausdauer und ihre Fähigkeit, trotz schwerster Schicksalsschläge Hoffnung zu bewahren.
Der Kreis schließt sich. Michael Riepl heißt mit seinem zweiten Vornamen nach Hedwigs verschollenen Bruder Kurt. Sein kleiner eigener Sohn hat seinen Namen Johann als Hommage an Hedwigs Vater erhalten.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser interessanten Familiengeschichte, die uns das eher unbekannte Schicksal der sogenannten Schwarzmeerdeutschen in Erinnerung ruft, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Penibel recherchiert und gekonnt erzählt
Der Totengräber und der Orden des Teufels von Oliver Pötzsch
In seinem 5. Fall für Inspektor Leo von Herzfeldt entführt uns Oliver Pötzsch in das Wien von 1896, in dem sich zahlreiche Verschwörungstheoriker zu okkulten Treffen verabreden. Allerdings bleibt es nicht immer beim lautstarken Geschwafel, sondern so manche Gruppe lässt den Theorien auch Taten folgen.
So wird Leo von Herzfeldt, der aktuell mit seiner Verlobten Julia, beim Begräbnis seines Vaters in Graz weilt, zurück nach Wien beordert. Der Sohn einer adeligen Familie steht unter Verdacht, bei einer gruseligen Séance, eine junge Frau getötet zu haben.
Dass er nun unverzüglich nach Wien reisen muss, um die Ermittlungen aufzunehmen, kommt ihm sogar gelegen, verlangt doch sein Bruder von ihm, die Verlobung mit Julia aufzulösen, ansonsten würde er enterbt. Das Verbrechen, das er nun aufklären soll, betrifft gleich zwei adelige Familien, nämlich jene des weiblichen Opfers und jene des augenscheinlichen Täters, die ihrerseits Verbindungen in höchste Kreise haben, sodass Moritz Stukart, Herzfeldts Vorgesetzter von mehreren Seite bedrängt wird, die Ermittlungen in die jeweils gewünschte Richtung zu lenken. Der mutmaßliche Täter kann nichts dazu sagen, denn er befindet sich in einer Art katatonischen Starre, weshalb man ihn in eine private Anstalt eingewiesen hat.
Neben den Juden geraten auch die verbotenen Freimaurer ins Visier der Ermittler, denn der Leichnam der Frau ist mit obskuren Zeichen versehen, die man den Freimaurern zuordnet.
Herzfeldt ist für den komplexen Kriminalfall fast dankbar, lenkt er ihn doch von seinen privaten Problemen ab, verschweigt er doch seiner Julia bislang das Ultimatum seines Bruders.
Julia, nunmehr Journalistin, soll ein Porträt des noch jungen und unbekannten Sigmund Freud schreiben und überredet ihn, sich des vermeintlichen Mörders anzunehmen. Die angewendete Hypnose gerät zu einem Desaster.
Zwischen all den Intrigen, die gegen Stukart und Herzfeldt geschmiedet werden und eine Abberufung beider zur Folge haben, echauffiert sich Totengräber Augustin Rothmayer über das geschändete Grab von Beethoven.
Beinahe gleichzeitig erschüttert ein Anschlag auf Vize-Bürgermeister Karl Lueger, einem eingefleischten Antisemiten, der auch im Jahre 2026 wegen seines Denkmals am Lueger-Platz noch von sich reden macht, die Stadt. Lueger ist mit seinem Antisemitismus nicht allein, denn gegen Juden wird schon seit Jahrhunderten gehetzt. Dieses Attentat wird den diversen Anarchisten, die im Vielvölkerreich ihr Unwesen treiben, zugeschrieben, die, was noch verborgen bleibt, einen weitaus größeren Anschlag planen.
Meine Meinung:
Auch in diesem 5. historischen Krimi rund um Leopold von Herzfeldt, seine Verlobte Julia und Augustin Rothmayer spielt vor dem Hintergrund einer Stadt im Umbruch. Auf der einen Seite Adel und wohlhabendes Bürgertum und auf der anderen Abertausende von Arbeiterinnen und Arbeiter, die unter unvorstellbaren Umständen ihr Leben fristen, um, zum Beispiel für die Prachtbauten an der Ringstraße in den Ziegelwerken zum Hungerlohn schuften. Oliver Pötzsch schafft es durch seinen eindringlichen Schreibstil und seiner akribischen Recherche, diese Zeit des Widerspruchs und Aufbruchs lebendig und authentisch auferstehen zu lassen.
Als Wienerin sind mir die Schauplätze und die historischen Persönlichkeiten wie eben Lueger (1844-1910) oder Freud (1856-1939) recht gut bekannt. Gut gefallen hat mir auch, dass der junge, noch unbekannte Sigmund Freud eine Rolle spielen darf. Kurz vor diesem historischen Krimi habe ich eine Biografie von Frank Tallis über Sigmund Freud gelesen, in der dessen Behandlungsmethoden aus den Tagebüchern bzw. den Patientenakten geschildert werden.
Der Anschlag auf Lueger, der eine Ähnlichkeit mit jenem auf Trump aufweist, wird sofort jener Gruppe untergeschoben, die die Masse der Bevölkerung ohnehin alles zutraut: Juden und Freimaurern. Im Hintergrund ziehen jedoch ganz andere die Fäden, um die Monarchie zu erschüttern. Geschickt flicht Oliver Pötzsch die Macht der Zeitungen ein, deren unterschiedliche Ausrichtung, die politische Meinung der Eigentümer vertritt. Krawallblätter, die mit ihren reißerischen Schlagzeilen die Menschen manipulieren, sind keine Erfindung der Neuzeit.
Ich freue mich schon auf Band Nr. 6 zumal der Cliffhanger, die eine oder andere Überraschung prophezeit.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem vielschichtigen historischen Krimi, der allen Beteiligten einiges abfordert, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Hier ist wenig, wie es scheint
Der Fotograf der Kaiserin - Funke einer neuen Zeit von Tom Sacher
Der zweite Fall für Kaiserin Elisabeths Kammerdienerin Liesel und dem Hoffotografen Viktor Angerer spielt kurz nach dem verheerenden Brand des Wiener Ringtheaters 1881, bei dem Hunderte Menschen getötet worden sind und nur wenige gerettet worden sind. Weil man der Gasbeleuchtung einen großen Anteil an dem Brand zumisst, wird versucht, die Beleuchtung auf elektrischen Strom umzustellen, was naturgemäß der Gaslobby, die vor allem aus Kohlegrubenbesitzern besteht, die um ihre Gewinne fürchten, nicht gefällt.
Wie man weiß, ist Kaiser Franz Joseph Neuerungen ziemlich abhold, weshalb er von den „Funken einer neuen Zeit“ rein gar nichts hält. Das wiederum setzt seine Gemahlin Kaiserin Elisabeth in Marsch, ihm durch mehr oder weniger subtile Interventionen, versucht, das „neumodische Teufelszeug“ schmackhaft zu machen.
Doch zurück zum Buch!
Während einer Veranstaltung kommt die junge Tänzerin Noelani, Mitglied der Reisegruppe des hawaiianischen Königs, der gerade in Wien weilt, ums Leben. Schnell stellt sich heraus, dass Noelani sowohl männlich als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist, was man in Hawaii zu schätzen weiß, in Wien aber als Kuriosität gilt. Ist nun auch Lili, die Schwester des Königs in Gefahr?
Kaiserin Elisabeth beauftragt ihre pfiffige Kammerdienerin Liesel und Viktor Angerer den Mord aufzuklären. Instinktiv will Liesel eigentlich Wien nicht verlassen. Doch kann man der Kaiserin von Österreich widersprechen?
Widerwillig begeben sich Liesel und Angerer zunächst einmal nach Brünn, um wenig später nach Prag reisen zu müssen und dort einen weiteren Auftrag der Kaiserin zu erfüllen.
Meine Meinung:
Tom Sacher, hinter diesem Namen verbirgt sich niemand anderer als Krimi-Autor Michael Seitz, hat uns hier einen interessanten Krimi, in dem er reale Personen mit fiktiven Charakteren geschickt mischt, beschert. So lässt der Herr Autor den realen und an technischen Neuerungen interessierten Dichter Ludwig Ganghofer (1855-1920), der im Herbst 1881 tatsächlich als Dramaturg, des im Dezember des gleichen Jahres abgebrannten im Ringtheaters beschäftigt gewesen ist, die fiktive Schauspielerin Lolo aus der brennenden Künstlergarderobe retten. Dabei trägt sie schwere Verbrennungen davon und muss ihre Karriere nicht nur deswegen beenden.
Auch der Aufenthalt des hawaiianischen Königs samt Entourage in Wien, der mir schon bekannt gewesen ist, trägt dazu bei, die Story farbenprächtig und lebendig zu gestalten. Gleichzeitig erhalten wir Einblick in die Abgründe wie mit der die feine Wiener Gesellschaft Andersartigkeit begegnen. Der Standesdünkel, mit dem der alte (oft verarmte) Adel auf den (Geld)Adel verächtlich herabsieht, ist schwer zu ertragen. Ebenso sind Antisemitismus, Verschwörungstheorien rund um die Freimaurerei und verbotene Duelle geschickt in den historischen Krimi verwoben.
Gut gefällt mir, wie die technischen Details der Stromerzeugung sowie die lebensgefährlichen Zusammenhänge von Wasser und Elektrizität, so quasi im Vorbeigehen, erklärt werden. Die neugierige Liesel ist hier perfekt in Szene gesetzt. Obwohl sie Analphabetin ist, ist ihr eine schnelle Auffassungsgabe in die Wiege gelegt. Ich denke, dass sie endlich lesen und schrieben lernen sollte, egal ob die Kaiserin das goutiert oder nicht. Das absichtliche „dumm halten“ von Untertanen ist mir immer wieder ein Gräuel. Bayern hin oder her, herrscht nicht auch dort die Schulpflicht? Angerer oder Ganghofer böten sich hier als heimliche Lehrer an.
Schmunzeln musste ich über den Auftritt des „Amerikaners“ William Cody Johnson. Hier hat der Autor Anleihen beim echten Varieté-Star William Frederick Cody (1846-1917), genannt Buffalo Bill, genommen, der mit seiner Wild-West-Show mehrere Jahre durch Europa gereist und im Mai 1890 auch im Wiener Prater aufgetreten ist. Auch ein Onkel von Albert Einstein hat einen kurzen Auftritt, bei dem er sich um die Sprachlosigkeit und den Geisteszustand des kleinen Albert sorgt.
Die Darstellung der Kaiserin Elisabeth lässt sie in einem differenzierten Licht sehen. So wählt sie ihre Hofdamen nicht (nur) unter dem Aspekt der Genealogie aus, sondern wegen deren „gesunden Füßen“. Wenn man sich die Schuhe der damaligen Zeit ansieht und die Gepflogenheiten Elisabeths, flotten Schrittes über Stock und Stein zu eilen, eigentlich durchaus vernünftig. Trotzdem kommt sie nicht umhin, Speichelleckerinnen wie Gräfin von Tolna, die eifersüchtig auf Liesel herabsieht, um sich zu dulden.
Für diejenigen, die sich am realen Wiener Hof nicht so gut auskennen, gibt es ein Personenverzeichnis. Natürlich darf auch Luziwuzi, das Enfant Terrible der Habsburger, Erzherzog Ludwig Viktor, der jüngste Bruder des Kaiser, der schwul ist und immer wieder in Frauenkleidern anzutreffen ist, nicht fehlen. Zudem gibt es im Nachwort Hinweise auf die Entstehungsgeschichte dieses historischen Krimis sowie was Fakt und was Fiktion ist.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem zweiten Fall für das ungleiche Ermittlerpaar Liesel und Viktor, der im historischen Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Auf Spurensuche nach der verlorenen Vergangenheit
Elbland von Claudia Rikl
Claudia Rikl ist, wie sie erzählt, zu diesem historischen Roman durch ihre eigene Familiengeschichte inspiriert worden. Die Autorin nimmt ihre Leserschaft in drei Zeitebenen (1945/1987 und Gegenwart) in die Geschichte einer dysfunktionalen Familie mit, die vor allem durch Sprachlosigkeit und fehlender Herzenswärme gezeichnet ist.
Der Roman ist die Geschichte eines Traumas, das am Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt und über die Jahrzehnte wie eine schwärende Wunde keine Heilung erfährt, erfahren kann, weil Mutter Irma über die Ereignisse nicht sprechen kann. Weder mit ihrem Ehemann noch mit ihren Töchtern Nina und Katja.
1987, nach einem Sommerurlaub an Irmas Geburtsort Arnau, heute Hostinné, in der damaligen Tschechoslowakei, bei der die Familie entdeckt, dass ihre Mutter fließend tschechisch spricht, geschieht einiges Unvorhergesehenes, über das geschwiegen wird. Warum stellt niemand die Frage nach den Sprachkenntnissen? Tschechisch ist ja nicht unbedingt eine Sprache, die man nebenher lernt.
Wenig später zerreißt es die fragile Familie endgültig, wie wenig später die DDR. Katja macht im Westen Karriere und der Ehemann verlässt den traurigen Rest seiner Familie. Nina, die ältere der Schwestern kümmert sich um ihre Mutter, die zusehends immer tiefer in Depressionen versinkt. Sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse stets zugunsten jener der Mutter zurück. Nur einmal, hat sie sich durchgesetzt. Statt Medizin zu studieren, ist sie Schauspielerin geworden.
Als die unnahbare Irma stirbt, fällt ihre Tochter Nina selbst in ein tiefes schwarzes Loch. Obwohl, oder vielleicht genau deswegen, weil die Belastung, ihre depressive Mutter zu pflegen, wegfällt, rebelliert ihr eigenen Körper. Nina verliert das wichtigste Instrument einer Schauspielerin - ihre Stimme. Krank geschrieben, stöbert sie in der Hinterlassenschaft und findet ein paar vergilbte Fotos und ein Rechenbuch. Neugierig macht sie sich auf eine Reise nach Tschechien, um den wenigen Spuren, die ihre Mutter hinterlassen hat, zu folgen.
Meine Meinung:
Obwohl ich natürlich aus zahlreichen Biografien bzw. historischen Romanen und Zeitzeugenberichten weiß, was in den Tagen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der deutschstämmigen Bevölkerung in der Tschechoslowakei passiert ist, ist es dennoch sehr interessant zu lesen, was Irma als Kind erlebt hat. In abwechselnden Rückblenden erfahren wir Details aus Irmas Kindheit und welche Dynamik aus der Tragödie entwickelt hat. Dieses transgenerationale Trauma, das auch beinahe Ninas Leben zerstört hat. Gleichzeitig eröffnet diese Reise nach Arnau, dem heutigen Hostinné, die Möglichkeit, einer Versöhnung der beiden Schwestern. Beide haben die jeweils andere als bevorzugtes Kind gefunden sowie des Verrats schuldig am Zerwürfnis verdächtigt. Dass hier ganz andere Mechanismen im Spiel sind, ist ihnen nicht bewusst.
Für mich, die sich schon länger mit Epigenetik und transgenerationalen Traumata beschäftige, ist die Auflösung sehr gut gelungen. Allerdings liegt vor den beiden noch ein langer Weg, mit den neuen Erkenntnissen umgehen zu lernen und eine neue Beziehung zueinander aufzubauen.
Die Autorin zeigt eindrucksvoll, welche Auswirkungen unausgesprochene Wahrheiten haben können. Vor allem kleine Kinder nehmen an, zum Beispiel an einer Trennung der Eltern „schuld“ zu sein, oder es „verdient“ zu haben, dass das Geschwisterkind augenscheinlich mehr geliebt wird als es selbst. Hier wären die Erwachsenen gefordert, den Kleinen zu helfen, in dem sie ihnen Vertrauen und Liebe schenken. Doch das ist ihnen oft, wie im Fall von Irma, nicht möglich, weil sie selbst emotional bedürftig sind.
Die Charaktere wirken authentisch, vor allem weil sie kaum eine emotionale Bindung zueinander aufbauen können. Auch die eine oder andere Leserin wird hier ihre Schwierigkeiten haben, Zuneigung oder Nähe zu den Figuren zu entwickeln. Das ist für mich aber die große Kunst der Autorin, keine rührselige Geschichte zu erzählen, sondern eine doch sachliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auszufechten.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser komplexen Familiengeschichte 5 Sterne.
Eine messerscharfe Analyse ohne Panikmache
Überfall von Franz-Stefan Gady
Krieg in Österreich - nicht bloß ein Szenario, sondern eine Frage der Zeit?
Franz-Stefan Gady ist einer der führenden Militäranalysten Europas und denkt in diesem Buch das bislang Undenkbare: Ein NATO-Russland-Konflikt eskaliert - und Österreich wird zum Kampfplatz. Ein Szenario, das von der Politik immer wieder durch gebetsmühlenartige Beschwörung unserer Neutralität negiert wird.
Doch Gady zeigt sachlich und nüchtern auf, dass Österreich nicht trotz, sondern wegen seiner Neutralität zum Kampfgebiet werden kann/wird.
Es liegt schlicht und einfach an der Geografie: Österreich liegt in einer Art Riegel in West-Ost-Ausrichtung zwischen zwei NATO-Staaten, nämlich Deutschland und Italien. Es wäre ein Leichtes, diese Verbindung über die Alpenpässe zu kappen. Noch bevor die Brenner- oder die Tauernstrecke zerstört worden sind, ist das Land und seine Gesellschaft unter dem Druck von Desinformation und Panikmache versunken.
Das Bundesheer, seit Jahrzehnten kaputt gespart hat keine Chance, das zu verhindern. Da hilft auch die aktuelle Diskussion über eine Verlängerung des Wehrdienstes sowie die Aufrüstung nichts. Entscheidungen müssen fallen, und zwar JETZT!
Noch einmal, Franz Stefan Gady will mit dieser Analyse keine Panik verbreiten, sondern zeigt sehr nüchtern und klar auf, dass wir uns auf ein solches Szenario vorbereiten müssen. Das Buch ist ein Weckruf an alle, Politiker wie Bevölkerung. Nehmen wir Gadys Worte ernst!
Denn Krieg in Österreich ist nicht bloß ein Szenario von Strategen, sondern eine Frage der Zeit!?
Fazit:
Gerne gebe ich dieser nüchternen und fundierten Analyse 5 Sterne und eine Leseempfehlung.











