Kunden em pfehlungen
Rezensionen von BarbaraM:
Weihnachtszauber mit einer Extraportion Gefühl
Weihnachten im geheimen Buchladen von Cressida McLaughlin
„Weihnachten im geheimen Buchladen“ von Cressida McLaughlin hat mir gut gefallen und ist für mich eine schöne Lektüre, um sich auf die Weihnachtszeit einzustimmen. Im Mittelpunkt steht Sophie, die an der englischen Küste ihre selbst gebundenen Notizbücher verkauft und sich eigentlich nirgendwo so richtig niederlassen möchte.
Doch als sie ein geheimnisvolles Buch geschenkt bekommt und gemeinsam mit dem eher zurückhaltenden Harry das Weihnachtsfest im Dorf organisieren soll, beginnt sich für sie einiges zu verändern. Mir gefällt besonders die gemütliche Atmosphäre, die sich durch die ganze Geschichte zieht. Die kleine Dorfgemeinschaft, die winterliche Küstenlandschaft und die vielen liebevollen Details machen es einem leicht, sich in die Geschichte hineinzuversetzen. Auch die Figuren mochte ich gerne, gerade weil sie alle ihre eigenen Geschichten und manchmal auch ihre Schwierigkeiten mitbringen. Cressida McLaughlin schreibt sehr gefühlvoll und schafft es, Themen wie Vertrauen, Freundschaft und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, schön miteinander zu verbinden. Manchmal war mir das Ganze allerdings ein bisschen zu kitschig und auch die eine oder andere Entwicklung konnte man sich schon recht früh denken. Trotzdem habe ich Sophie gerne auf ihrem Weg begleitet. Ein wenig schade fand ich außerdem, dass der geheime Buchladen selbst nicht die große Rolle spielt, die ich aufgrund des Titels erwartet hatte. Insgesamt ist es aber eine schöne, warmherzige Geschichte, die wunderbar in die Vorweihnachtszeit passt und bei der man es sich beim Lesen so richtig gemütlich machen kann.
Eine geheimnisvolle Geschichte, die mich nicht ganz erreichen konnte
Die Leuchtturmwärter von Emma Stonex
Die Ausgangsidee von „Die Leuchtturmwärter“ hat mich sofort neugierig gemacht. Ende 1972 verschwinden drei Leuchtturmwärter spurlos von einem abgelegenen Leuchtturm vor der Küste Cornwalls. Die Tür ist von innen verschlossen, die Uhren sind zur gleichen Zeit stehen geblieben und im Logbuch wird von einem Sturm berichtet, den es eigentlich gar nicht gegeben hat.
Zwanzig Jahre später versucht ein Schriftsteller herauszufinden, was damals wirklich passiert ist, und spricht dafür mit den Frauen, die die drei Männer zurückgelassen haben.
Eigentlich bringt diese Geschichte alles mit, was mich an einem Buch fesseln könnte. Die einsame Lage mitten im Meer, das rätselhafte Verschwinden und die Frage, was auf dem Leuchtturm tatsächlich geschehen ist, fand ich richtig spannend. Leider konnte mich das Buch trotzdem nicht so richtig catchen. Durch die vielen Wechsel zwischen den Personen und Zeitebenen fiel es mir gerade am Anfang schwer, eine Verbindung zu den einzelnen Charakteren aufzubauen. Auch die Spannung, die ich mir aufgrund der Ausgangsgeschichte erhofft hatte, wollte sich bei mir lange Zeit nicht wirklich einstellen.
Was mir dagegen gut gefallen hat, ist die besondere Atmosphäre. Die Einsamkeit auf dem Leuchtturm, das Meer und die Enge des Zusammenlebens kann man sich beim Lesen sehr gut vorstellen. Auch die Geschichten der zurückgebliebenen Frauen und die Frage, wie unterschiedlich Menschen mit Verlust, Trauer und ungeklärten Fragen umgehen, fand ich interessant. Trotzdem zog sich die Geschichte für mich an einigen Stellen und ich hätte mir gewünscht, dass mich das Geheimnis um die drei verschwundenen Männer stärker in seinen Bann zieht.
„Die Leuchtturmwärter“ ist sicherlich kein schlechtes Buch und die Grundidee finde ich nach wie vor richtig spannend. Für mich persönlich konnte die Geschichte ihr Potenzial aber nicht ganz ausschöpfen und hat mich leider weniger gepackt, als ich es mir zu Beginn erhofft hatte.
Wieder ein bisschen genauer hinsehen
Das Jahr der Wale von Kelly Anderson
„Das Jahr der Wale“ von Kelly Anderson ist für mich ein ganz besonderes Buch. Eine Geschichte, die mich vor allem durch ihre besondere Atmosphäre und ihre tiefe Verbundenheit zur Natur berührt hat. Ganz besonders haben es mir die Charaktere angetan. Vor allem Mara, Annie und Evan sind mir sehr ans Herz gewachsen.
Ihre Geschichten, ihre Beziehungen zueinander und ihre ganz eigene Verbindung zur Natur haben mich sehr berührt. Annie steht dabei immer wieder zwischen verschiedenen Welten, zwischen Meer und Land, zwischen Vernunft und Gefühl und zwischen dem Leben, das von ihr erwartet wird, und dem Leben, das sich für sie richtig anfühlt. Am meisten begeistert hat mich jedoch, welchen Stellenwert die Natur in diesem Buch bekommt. Das Meer, die Wale und die Landschaft sind nicht einfach nur Kulisse. Sie gehören ganz selbstverständlich zum Leben der Menschen und verbinden alles miteinander. Dabei wird auch deutlich, wie wunderschön und gleichzeitig unberechenbar die Natur sein kann. Genau das macht dieses Buch für mich so wertvoll. Ich glaube, dass vielen von uns dieses Gespür für die Natur ein Stück weit verloren gegangen ist. Wir leben unseren Alltag und vergessen manchmal, wie eng wir eigentlich mit unserer Umwelt verbunden sind. Wir Menschen stehen nicht außerhalb der Natur, sondern sind ein Teil von ihr. Das Jahr der Wale erinnert auf eine sehr besondere und überhaupt nicht belehrende Weise daran. Auch das leicht Mystische der Geschichte mochte ich sehr. Nicht alles wird erklärt und vielleicht muss es das auch gar nicht. Manches darf einfach gefühlt werden. Gerade das passt für mich wunderbar zu diesem Buch. Das Jahr der Wale hat mich berührt und zum Nachdenken gebracht. Über unsere Verbindung zur Natur, darüber, wo wir wirklich zu Hause sind und wie wichtig es manchmal ist, wieder genauer hinzusehen und auf das eigene Gefühl zu hören. Vielleicht brauchen wir manchmal genau solche Geschichten, um uns wieder daran zu erinnern, dass wir selbst ein Teil von all dem sind.
Dranbleiben lohnt sich
Offener Himmel von Jonas Eika
Mit Offener Himmel von Jonas Eika habe ich mich am Anfang wirklich schwergetan. Ich bin nur langsam in die Geschichte hineingekommen und musste mich zunächst erst einmal an die besondere Sprache, die religiösen Vorstellungen und die mittelalterliche Welt gewöhnen. Teilweise wusste ich gar nicht so recht, wohin mich die Geschichte führen würde.
Umso überraschter bin ich darüber, wie sehr mich das Buch inzwischen gepackt hat.
Die Geschichte führt uns nach Lüttich ins Jahr 1233. Die junge Ida wird halb erfroren am Flussufer gefunden und von Clarisse in einen Beginenhof aufgenommen. Dort lebt eine Gemeinschaft religiöser Frauen, die weder als Nonnen noch als Ehefrauen leben, sondern versuchen, ihren Glauben und ihr Zusammenleben selbst zu gestalten. Gerade diese Gemeinschaft fand ich mit der Zeit immer faszinierender. Die Frauen versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich Freiräume zu schaffen, obwohl die Kirche zunehmend Druck auf sie ausübt.
Auch Ida selbst wurde für mich immer interessanter. Ihre Visionen werden stärker und gewinnen für sie und die Menschen um sie herum zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig geht es in der Geschichte um so viel mehr: um Glauben und Zweifel, um Gemeinschaft und Solidarität, um Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch um Macht und Ausgrenzung. Besonders spannend finde ich dabei, wie eine Geschichte, die vor fast 800 Jahren spielt, immer wieder Themen berührt, über die man auch heute noch nachdenken kann.
Was mich inzwischen aber ganz besonders begeistert, ist der Schreibstil von Jonas Eika. Die Sprache ist außergewöhnlich, intensiv und unglaublich bildhaft. Manchmal ist sie fast poetisch und lässt Bilder entstehen, die noch lange im Kopf bleiben. Gleichzeitig verlangt das Buch einem auch etwas ab. Nicht alles erschließt sich sofort und manche Passagen brauchen Zeit. Genau das, was mir am Anfang den Einstieg so schwer gemacht hat, macht für mich inzwischen aber einen großen Teil des Reizes aus.
Rückblickend glaube ich deshalb, dass meine anfänglichen Schwierigkeiten gar nicht unbedingt gegen das Buch sprechen. Man muss sich auf diese Geschichte und ihre besondere Sprache einlassen. Bei mir hat es eine Weile gedauert, aber dann war ich plötzlich mittendrin.
Und eines weiß ich jetzt schon ganz sicher: Ich werde Offener Himmel noch einmal lesen. Dann aber wahrscheinlich mit Begeisterung ab Seite eins. Ich bin mir sicher, dass ich beim zweiten Lesen vieles ganz anders wahrnehmen und gerade auf den Seiten, die mir beim ersten Mal noch Schwierigkeiten bereitet haben, unglaublich viel Neues entdecken werde.
Ein Buch, das es mir zunächst wirklich nicht leicht gemacht hat und das mich gerade deshalb am Ende umso mehr begeistert.
Mutig, stark und unbeirrbar – Frida Kahlo
Frida Kahlo - 5 Minute Genius Stories (Deutsche Ausgabe) von Stephen Krensky
Was für eine beeindruckende Frau! „Frida Kahlo – 5 Minute Genius Stories“ von Stephen Krensky hat uns Frida Kahlos außergewöhnliches Leben auf eine sehr schöne Art nähergebracht.
Besonders gut gefällt uns die Aufteilung in die einzelnen kurzen Kapitel, die jeweils eine wichtige Station aus ihrem Leben erzählen.
So erfährt man Stück für Stück mehr über diese unglaublich starke und mutige Frau, ohne dass das Buch mit Informationen überladen wirkt. Frida musste schon früh mit einer schweren Krankheit und später mit den Folgen eines schlimmen Unfalls umgehen. Trotzdem ließ sie sich nicht unterkriegen und ging ihren eigenen Weg. Besonders beeindruckt hat uns die Geschichte ihrer Ausstellung in Mexiko. Obwohl es ihr gesundheitlich bereits sehr schlecht ging, wollte sie unbedingt an ihrer eigenen Ausstellung teilnehmen und ließ sich kurzerhand in ihrem Bett dorthin bringen. Diese Geschichte zeigt für uns ganz besonders, wie viel Willensstärke in Frida Kahlo steckte. Auch die farbenfrohe Gestaltung und die vielen Illustrationen gefallen uns richtig gut und passen wunderbar zu ihrer Lebensgeschichte.
Sehr schade finden wir allerdings, dass keine Bilder ihrer eigenen Werke im Buch abgedruckt sind. Gerade nachdem man so viel über Frida und ihre Malerei erfahren hat, hätten wir uns gewünscht, auch einige ihrer Kunstwerke entdecken zu können.
Insgesamt ist es für uns dennoch ein sehr gelungenes Buch, das Frida Kahlos Leben kindgerecht und interessant erzählt und gleichzeitig zeigt, wie viel Mut und Stärke in einem Menschen stecken können.
Mit Köpfchen und Fingerspitzengefühl zum Piratenschatz
EXIT® - Das Spiel Family: Der verlorene Piratenschatz von Inka Brand
Mit „EXIT – Das Spiel Family: Der verlorene Piratenschatz“ hatten wir als Familie eine richtig schöne gemeinsame Rätselzeit. Schon die Rahmengeschichte rund um das geheimnisvolle Piratenschiff und die Suche nach dem verborgenen Schatz hat uns gut gefallen und sorgt von Anfang an für die passende Abenteuerstimmung.
Besonders gelungen fanden wir die abwechslungsreichen Rätsel. Hier war nicht immer dieselbe Art von Denken gefragt und genau das hat dafür gesorgt, dass jeder aus unserer Familie etwas beitragen konnte. Mal brauchte es eine gute Beobachtungsgabe, mal logisches Denken, mal eine kreative Idee und manchmal eben auch ein wenig Fingerspitzengefühl. So wurde wirklich gemeinsam gerätselt und niemand saß nur daneben.
Unser persönliches Highlight war das Rätsel mit dem Fernrohr. Natürlich musste bei uns jeder einmal hindurchsehen und allein dadurch wurde aus dem Rätsel ein kleines Erlebnis. Richtig toll fanden wir aber auch das letzte Rätsel, bei dem noch einmal Fingerspitzengefühl gefragt war. Eine wunderbare Idee für das Finale, die die Schatzsuche bis zum Schluss spannend gemacht hat.
Überhaupt gefällt uns die Umsetzung als Familienspiel sehr gut. Die Regeln sind schnell verstanden, das Material ist liebevoll und clever eingesetzt und die Geschichte passt perfekt zu einem gemeinsamen Spielen mit Kindern. Dass am Ende tatsächlich der Piratenschatz auf uns wartete, war dann natürlich die Krönung unseres Abenteuers.
Für uns ist „Der verlorene Piratenschatz“ ein rundum gelungenes EXIT-Erlebnis, bei dem vor allem das gemeinsame Entdecken und Knobeln im Mittelpunkt steht. Wir hatten eine richtig schöne Zeit miteinander und genau das macht für uns ein gutes Familienspiel aus. Das nächste EXIT-Abenteuer darf also sehr gerne kommen!
Da geht das Herz ganz weit auf!
Der Mond im Meer von Sandra Dieckmann
Schon die erste Seite von „Der Mond im Meer“ hat uns verzaubert. Der Text im Vollmond, die Wolken, die Wellen im Meer und diese ganz besondere Stimmung ziehen einen sofort mitten hinein in die Geschichte. Dazu der knorrige Baum und die zauberhafte kleine Maus, die einem einfach augenblicklich ans Herz wächst.
Die Geschichte ist liebevoll und wunderschön erzählt und zugleich überraschend spannend. Denn plötzlich ist der Mond verschwunden. Ist er etwa ins Meer gefallen? Und vor allem, wird er wieder auftauchen? Diese große Frage begleitet die kleine Maus und mit ihr natürlich auch uns beim Lesen. Gerade dieses Zusammenspiel aus einer so sanften, beinahe poetischen Geschichte und der echten Spannung hat uns unglaublich gut gefallen.
Besonders schön finden wir die Gedanken und Fragen, die sich hinter der Geschichte verbergen. Die kleine Maus versucht zu verstehen, was geschehen ist, und macht sich auf die Suche nach einer Antwort. Dabei erzählt das Buch auf ganz behutsame Weise von Unsicherheit, vom Staunen über die Welt und davon, dass manches vielleicht ganz anders ist, als es zunächst scheint.
Und dann steckt in dieser zauberhaften Geschichte noch eine wunderbare Botschaft über Gemeinschaft. Denn erst durch das gemeinsame Tun kann der Mond gerettet werden. Jeder trägt seinen Teil dazu bei und genau darin liegt für uns etwas besonders Schönes. Jeder von uns ist Teil einer Gemeinschaft, jeder kann etwas beitragen und gemeinsam können Dinge gelingen, die einer allein vielleicht niemals schaffen würde.
Auch die Illustrationen sind einfach wunderschön und schaffen gemeinsam mit dem Text eine ganz eigene, warme und fast magische Atmosphäre.
Wir sprechen eine absolute Leseempfehlung aus!
Zwischen Nähe, Schweigen und Verstehen
Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange
„Alte Pfade“ von Alexa Hennig von Lange ist für mich ein wunderschönes und ganz besonderes Buch. Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Wanderung von Liliane und ihrem 89-jährigen Vater durch die schottischen Highlands. Doch eigentlich geht es um so viel mehr. Besonders berührt hat mich die Beziehung zwischen Tochter und Vater.
Wie gut kennen wir eigentlich unsere Eltern? Wann beginnen wir, sie nicht mehr nur als Mutter oder Vater zu sehen, sondern als Menschen mit einer eigenen Geschichte, mit Verletzungen, Ängsten und Erfahrungen, die lange vor unserer eigenen Geburt begonnen haben? Und wie sehr prägt die Beziehung zu unseren Eltern unser eigenes Leben? Während der gemeinsamen Wanderung beginnt Liliane, ihren Vater und damit auch ihre eigene Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen. Vieles, was zwischen den beiden steht, erhält nach und nach einen anderen Hintergrund. Dabei geht es nicht darum, Verletzungen einfach zu vergessen oder zu entschuldigen. Vielmehr zeigt der Roman sehr feinfühlig, wie eng die Geschichten verschiedener Generationen miteinander verbunden sind und welche Spuren Eltern in ihren Kindern hinterlassen. Gerade die Gedankenwelt, in die Alexa Hennig von Lange mich eintauchen ließ, fand ich überragend. Die Erinnerungen, Zweifel und Erkenntnisse Lilianes haben mich immer wieder innehalten lassen. Vieles reicht weit über diese eine Vater Tochter Geschichte hinaus und regt dazu an, über die eigene Familie und die eigene Beziehung zu den Eltern nachzudenken. Dazu kommt die wunderschöne Sprache, die mich durch das gesamte Buch getragen hat. Ebenso großartig ist das Setting der schottischen Highlands. Die Weite, die Einsamkeit und die raue Landschaft passen wunderbar zu dieser sehr persönlichen Reise. Der gemeinsame Weg durch Schottland wird dabei immer mehr auch zu einem Weg in die Vergangenheit.
„Alte Pfade“ ist für mich ein stilles, tiefgründiges und wunderschön erzähltes Buch über Eltern und Kinder, über Erinnerungen und Verletzungen und vor allem über die Möglichkeit, einen Menschen, den man sein ganzes Leben zu kennen glaubte, noch einmal mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke dieses Romans: Er lässt einen nicht nur über Liliane und ihren Vater nachdenken, sondern unweigerlich auch über die eigenen Eltern und all das, was zwischen den Generationen gesagt und manchmal viel zu lange verschwiegen wird.
Was wir von außen nicht sehen
Ein ganz normales Wunder von Woody Brown
Ein ganz normales Wunder von Woody Brown ist für mich ein ganz besonderes Buch. Nicht, weil es laut oder besonders dramatisch erzählt wird, sondern weil es Einblicke ermöglicht, die man als Außenstehender wohl nur sehr selten bekommt. In einer Tagesstätte für erwachsene Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen wir ganz unterschiedlichen Menschen, ihren Bedürfnissen, Hoffnungen und Schwierigkeiten.
Dabei wechselt Woody Brown immer wieder die Perspektive und lässt nicht nur die Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch Betreuer und Außenstehende zu Wort kommen.
Besonders beeindruckt hat mich dabei Woody Brown selbst. Er ist nichtsprechender Autist und hat als erster nichtsprechender autistischer Student einen Abschluss an der UCLA erworben, später sogar einen Master in Creative Writing an der Columbia University. Zu wissen, welchen Weg dieser Autor zurückgelegt hat, macht seine Leistung für mich beinahe unglaublich. Gleichzeitig möchte ich das Buch aber keineswegs nur aufgrund seiner Biografie bewerten. Brown kann schreiben und vor allem kann er beobachten. Mit großer Feinfühligkeit zeigt er, was in Menschen vorgehen kann, die von ihrer Umwelt allzu schnell unterschätzt oder auf ihre Beeinträchtigung reduziert werden.
Gerade dieser Blick von innen hat mich beim Lesen immer wieder beschäftigt. Wie schnell schließen wir von fehlender Sprache oder bestimmten Verhaltensweisen auf fehlendes Verständnis? Wie oft sprechen Menschen über jemanden, ohne sich bewusst zu machen, dass dieser Mensch jedes einzelne Wort hört und versteht? Brown macht deutlich, wie viel Denken, Fühlen, Sehnsucht und Persönlichkeit hinter einer für uns vielleicht schwer zugänglichen Fassade verborgen sein können.
Besonders gefallen hat mir, wie vielschichtig Brown seine Figuren zeichnet und wie sehr dabei die Individualität jedes einzelnen Menschen im Mittelpunkt steht. Er reduziert niemanden auf seine Beeinträchtigung, sondern zeigt ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit eigenen Gedanken, Wünschen, Eigenheiten und Bedürfnissen. Auch die Menschen, die sie begleiten und betreuen, werden differenziert dargestellt. Gerade dadurch entsteht ein sehr menschlicher Blick auf das Miteinander und darauf, wie unterschiedlich Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und erleben.
Mir hat das Buch gut gefallen, vor allem aber hat es meinen Blick erweitert. Dass Woody Brown uns auf diese Weise an seiner Wahrnehmung und seinen Erfahrungen teilhaben lässt und Menschen sichtbar macht, die viel zu häufig unterschätzt werden, empfinde ich als große Leistung.
Ein stilles Buch über das Leben, das bleibt
Der Baum von Tommie Goerz
„Der Baum“ von Tommie Goerz ist für mich ein ganz besonderes Buch. Eigentlich erzählt es vom einfachen, ganz normalen Leben und gerade darin liegt seine große Stärke. Von Kindheit und Jugend, von Familie und Liebe, von Heimat, Schuld und verpassten Möglichkeiten. Es ist kein leichtes Leben, von dem Tommie Goerz erzählt.
Manches ist hart, manches traurig und über allem liegt eine leise Melancholie. Und doch hatte ich nie das Gefühl, dass das Buch schwermütig sein möchte. Es ist vielmehr ehrlich und ungeschönt. Besonders beeindruckt hat mich die wunderschöne Sprache. Goerz braucht keine großen Worte, um große Gefühle entstehen zu lassen. Beim Lesen hatte ich die Menschen, das Dorf und vor allem das alte Wirtshaus regelrecht vor Augen. Mehr noch: Ich hatte seinen Geruch in der Nase. Diesen ganz eigenen Geruch eines alten Wirtshauses, den ich selbst noch kenne und den man wohl nie ganz vergisst. Das Buch erzählt von einer Welt, die langsam verschwindet, von einem Ort, an dem Menschen zusammenkamen und an dem sich ein ganzes Leben abgespielt hat. Dabei wirft „Der Baum“ immer wieder Fragen auf: Was macht ein gelungenes Leben aus? Welche Entscheidungen bestimmen unseren Weg? Was bleibt am Ende? Und kann man dem Ort, aus dem man kommt, überhaupt jemals wirklich entkommen? Ein stilles, hartes und zugleich wunderschönes Buch, das mich sehr berührt hat und noch lange nach der letzten Seite beschäftigt.
Wie schön, dass es dieses Buch, diese Geschichte gibt.











