Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Havers:
Denn niemand ist ohne Schuld...
Sunshine Man von Emma Stonex
Achtzehn Jahre sind vergangen, seit Birdies Schwester Providence tot ist. Allerdings ist die damals Fünfzehnjährige keines natürlichen Todes gestorben, sondern wurde erschossen. James „Jimmy“ Maguire, der neunzehnjährige Täter, in schwierigen Verhältnissen groß geworden, wurde deshalb zu einer langen Haftstrafe verurteilt.
Diese hat er mittlerweile verbüßt, seine Entlassung steht bevor, weshalb sich Birdie, mit einer Beretta in der Tasche, auf den Weg macht. Schließlich hat sie hat noch eine Rechnung mit ihm offen…
Emma Stonex, bekannt durch ihren Erstling „Die Leuchtturmwärter“, fragt nach Gründen. Warum wird ein Mensch zum Mörder? Warum wird jemand gut, warum wird jemand böse? Sind es die Erbanlagen? Ist es das Milieu? Was geschieht mit einem Kind, dem die elterliche Liebe fehlt? Um das man sich nur halbherzig kümmert?
Sie lässt sowohl Birdie, die Jimmy quer durchs Land auf den Fersen ist, als auch Jimmy in wechselnden Kapiteln zu Wort kommen, wobei nicht immer die Gegenwart, sondern sehr oft die Vergangenheit im Fokus steht, was nicht nur den Blick der Leser schärft, sondern auch die Grenzen zwischen schuldig und unschuldig verschwimmen lässt.
Natürlich stellt sich die Frage nach dem Wer? und dem Warum?, obwohl die Beantwortung dieser Frage gegen Ende zunehmend in den Hintergrund tritt. Es sind die Bilder, die Stonex erschafft, die eine ganz besondere Atmosphäre kreieren, die sich im Kopf festsetzen. Und sie wirken auch dann noch nach, wenn man das Buch längst zugeklappt hat.
Unter die Haut
Breakup Season von Sophie White
Der irischen Autorin Sophie White ist mit „Breakup Season“ (im Original „Such a good couple“) ein unterhaltsamer Sommerroman gelungen, der nicht mit ernsten Zwischentönen spart. Sie wirft darin einen entlarvenden Blick auf die Langzeitbeziehungen und Lebensumstände dreier Freundespaare, die seit Collegezeiten miteinander befreundet sind:
Clara und Ollie, 3 Kinder, verkörpern die „Normalen“.
Das Häuschen ist eng, das Geld ist ständig knapp. Es ist Clara, die durch Alltag, Job und Familie kaum mehr Land sieht. Und dann ist da auch noch das nagende Gefühl, seit sie die Nachricht auf dem Handy Ihres Mannes gesehen hat…
Annie und Conor, ungewollt kinderlos, waren auch ohne Trauschein glücklich, bis Annies Sehnsucht nach einem Kind, die Beziehung an den Abgrund führt.
Maggie und Fionn, das Glamourpaar, 2 Kinder. Seit Fionns Schauspielkarriere zu Geld gekommen, das sie bereitwillig mit ihren Freunden teilen. Sie machen ihnen teure Geschenke und finanzieren diesen gemeinsamen Luxusurlaub auf Cape Cod. Einst von der Kritik als „frische, vielversprechende Stimme“ als Drehbuchautorin gefeiert, wird sie von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen, angefeuert durch Meldungen der Klatschpresse, geplagt, was sie schließlich in verhängnisvolle Muster ihrer Vergangenheit zurückfallen lässt.
Aber der Scheintrügt. Viele Jahre wurden bei allen drei Paaren die Probleme unter den Teppich gekehrt, bis sie im Urlaub schließlich implodieren, und plötzlich ist nichts mehr, wie es war.
Sophie White legt den Finger in die Wunden, hat ein ganz besonderes Talent dafür, diese bekannten Muster der Paarbeziehungen mit der richtigen Dosis Humor zu beschreiben, scheut sich aber auch nicht, uns vor der Tragik, die hinter den Einzelschicksalen steht, zu verschonen. Und das ist stellenweise hochemotional und rührt das Innerste ihrer Leserinnen an.
Eine Story zum Lachen und Weinen. Für alle, die einen unterhaltsamen, aber auch zu Herzen gehenden „summer read“ jenseits von Sonnenschein und Schirmchendrinks suchen. Große Leseempfehlung!
Historischer Roman oder Krimi?
Die Queen von Mayfair von Alex Hay
Wir befinden uns im viktorianischen London, ein Setting, das wir bereits aus dem vorherigen Roman des Autors Alex Hay kennen. Dort treffen wir auf Quinn Le Blanc, eine geniale Trickbetrügerin, eher bekannt als die „Queen von Mayfair“, die hier den ganz großen Coup im Visier hat. Der dicke Fisch, den sie zu fangen gedenkt, ist der Duke of Kendal, vermögender Spross einer wohlhabenden Adelsfamilie.
Unterstützt wird sie dabei von Silk, einem Gauner, mit dem sie schon lange zusammenarbeitet. Fünf Tage haben sie Zeit, um ihren wasserdichten Plan, der aus fünf Schritten besteht, durchzuziehen. Aber ganz so einfach, wie gedacht ist es dann doch nicht, haben sie doch den fatalen Fehler begangen und die Gegenseite unterschätzt.
Hay erzählt multiperspektivisch, lässt in alternierenden Kapiteln die Beteiligten zu Wort kommen. Aber leider macht er dennoch den gleichen Fehler, den ich bereits im Vorgänger moniert habe, er konzentriert sich zu sehr auf die Vorbereitungen plus entsprechender Twists, was leider zu Lasten der Charakterentwicklung der Hauptfiguren geht. Das mag ja in Ocean’s Eleven funktionieren, aber „Die Queen von Mayfair“ ist in erster Linie ein historischer Roman, kein Krimi. Aber in den Beschreibungen des viktorianischen London plus seiner adligen Gesellschaft brilliert der studierte Historiker. Diese sind außerordentlich gut gelungen und erzeugen in der Tat die entsprechenden Bilder im Kopf des Lesers.
3,5 von 4, wohlwollend aufgerundet, verbunden mit der Hoffnung, dass die Gewichtung bei seinem nächsten Roman besser klappt.
Die Straße von Robert Seethaler
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber jetzt ist es passiert! Ich habe ein Buch des Autors, den ich über die Jahre schätzen gelernt habe, entnervt abgebrochen.
Seit Seethaler „Trafikant“ bin ich ein großer Fan des Autors, habe alle seine Romane nicht nur mit großer Freude, sondern auch persönlichem Gewinn gelesen.
Sie haben mich angefasst, weil er immer wieder die grundlegenden Themen der menschlichen Existenz, des Seins, des Miteinanders, in den Mittelpunkt gestellt hat. Absolut gelungen in „Das Café ohne Namen“.
Daran wollte er wohl mit „Die Straße“ anknüpfen, aber meiner Meinung nach ist ihm das hier nicht wirklich gelungen. Zu kurz die Einwürfe der jeweiligen Bewohner, zu wenig Das habe ich leider in diesem Porträt der Straße nicht entdecken können. Zu kurz die jeweiligen Einwürfe, eine Ansammlung von Banalitäten, nichtssagend in ihren Andeutungen einer Gesellschaftskritik.
Und leider lässt auch die (einmal mehr) gewählte Erzählstruktur, ob ihrer kurzen Beiträge und permanent wechselnden Perspektive, ein unbefriedigendes Gefühl zurück, wird der Leserin/dem Leser doch damit nicht nur die Möglichkeit genommen, eine wie auch immer geartete Verbindung zu dem Leben der Sprechenden aufzubauen, ganz zu schweigen davon, eine Vorstellung des Lebensraums dieser Menschen zu bekommen.
Leichte Kratzer an der Oberfläche ohne Empathie und Handlung. Von Seethaler bin ich Besseres gewohnt.
Ein würdiger Nachfolger für Inspektor Morse
Ein unglücklicher Tod von Peter Grainger
„Ein unglücklicher Tod“ ist der Auftaktband der ursprünglich im Eigenverlag veröffentlichten, mittlerweile 17-bändigen Reihe mit DC Smith. Smith ist ein sympathischer Protagonist, ein gewitzter Ermittler mit Vergangenheit, ein Dinosaurier, der in seinem Berufs- und Privatleben nicht nur Erfolge sondern auch Niederlagen zu verbuchen hat.
Verortet ist die Reihe in Norfolk, East Anglia, was der Autor aber nicht zum Anlass nimmt, die Story mit ellenlangen Landschaftsbeschreibungen aufzublähen. Ganz im Gegenteil.
Grainger legt seinen Fokus zum einen auf die akribische Ermittlungsarbeit, zum anderen auf die Beschreibung des Protagonisten, sein zwischenmenschliches Agieren und den moralischen Kompass, der Smith während seiner beruflichen Laufbahn weniger Applaus als vielmehr misstrauische Blicke der Kollegen und Vorgesetzten, samt einer beruflichen Degradierung (die ihn aber weiter nicht kratzt) eingebracht hat.
So auch im Todesfall des ertrunkenen Teenagers, mit dem er beauftragt wird. Eigentlich nur eine Überprüfung, Routine, aber dann entdeckt Smith einen ungewöhnlichen Abdruck auf der Leiche. Gemeinsam mit Watts, einem Anfänger, (Sohn eines ehemaligen von ihm sehr geschätzten Kollegen), der ihn unterstützen soll, beginnt er zu ermitteln. Eine Erkenntnis reiht sich an die nächste, und schließlich landen sie bei einem Verbrechen, das während des bosnischen Genozids begangen wurde und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.
Ein sympathischer Protagonist mit Ecken und Kanten, ein klassischer, englischer Polizeiroman, der sich auf die Ermittlungsarbeit konzentriert, die moralischen Konsequenzen, die ein Verbrechen nach sich zieht, betrachtet und auf schmückendes Beiwerk weitestgehend verzichtet.
Kennt und schätzt ihr die Inspektor Morse Romane von Colin Dexter? Dann solltet ihr unbedingt zu Peter Graingers DC Smith Krimis greifen. Nachdrückliche Empfehlung meinerseits!






