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Rezensionen von bookloving:
Ein eindringlicher Roman über das Sterben
Ein unerhörter Wunsch von Ann Packer
In ihrem neuen, aufwühlenden Roman „Ein unerhörter Wunsch“ widmet sich Ann Packer dem Sterben eines Menschen und den vielfältigen emotionalen Herausforderungen für das engste Umfeld sowie die pflegenden Bezugspersonen. Sie greift damit eine anspruchsvolle wie bedrückende Thematik auf.
Mit großer Sensibilität beleuchtet die Autorin das komplexe Spannungsfeld zwischen Nähe und Abgrenzung, zwischen Vertrauen, Liebe, Fürsorge und Würde und stellt dabei die Frage, wie viel Selbstbehauptung einem Menschen bleibt, wenn das Lebensende unausweichlich näher rückt.
Im Mittelpunkt der aus Eliots Perspektive erzählten Geschichte steht das seit vierzig Jahren verheiratete Paar Claire und Eliot, dessen Beziehung von tiefer Verbundenheit, Verlässlichkeit, vertrauten Alltagsroutinen und beständiger Zuneigung geprägt ist. Trotz aller Harmonie stehen unausgesprochene Gefühle und latente Missverständnisse zwischen ihnen, die bis in das Leben ihrer inzwischen erwachsenen Kinder hineinwirken. Seit Claires erschütternder Krebsdiagnose begleitet Eliot sie über Jahre hinweg, organisiert den Alltag und pflegt sie mit großer Hingabe, sodass seine Rolle als Ehemann längst untrennbar mit der des Pflegenden verschmolzen ist.
Als Claire, inzwischen als nicht mehr therapierbar, in die terminale Phase mit nur noch wenigen Monaten Lebenserwartung eintritt und von einem Hospizteam zu Hause betreut wird, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung. Sie wünscht sich, dass Eliot das gemeinsame Haus verlässt und ihren beiden engsten Freundinnen, Holly und Michelle, den Platz an ihrer Seite überlässt. Hautnah erleben wir mit, wie sehr Claires letzter Wunsch Eliot erschüttert und das fragile Gleichgewicht ihrer Beziehung ins Wanken bringt.
Mit großer psychologischer Genauigkeit und ohne große Dramatisierung. entfaltet Packer die Tragweite dieser überraschenden Entscheidung. Behutsam legt sie die vielschichtigen Konsequenzen für alle Beteiligten frei und zeigt dabei gekonnt auf, wie eng Liebe und Verletzung, Nähe und innere Distanz miteinander verwoben sein können.
Die schwelenden Spannungen verdichten sich in Gesprächen, subtilen atmosphärischen Verschiebungen und schmerzhaft eindeutigen Reaktionen. Zugleich spürt sie in verschiedenen Episoden der Frage nach, wer einen geliebten Menschen in der finalen Lebensphase begleiten darf, was man einander schuldet und wo Fürsorge an ihre Grenzen stößt, wenn der Sterbende selbstbestimmt über seine letzten Tage verfügen möchte. Bemerkenswert ist dabei, dass die Autorin Claires Innenleben bewusst im Ungefähren belässt und so gezielt eine Leerstelle schafft. Durch das Fehlen einer unmittelbaren Innensicht lenkt sie unser Augenmerk konsequent auf die Wahrnehmung der anderen Figuren und unterstreicht zugleich die Unzugänglichkeit eines Menschen am Ende seines Lebens. Dadurch lässt sie Raum für unterschiedliche Deutungen und macht für uns die Grenzen des Verstehens eindrucksvoll erfahrbar.
Geschickt zeigt sie die Ambivalenz von Claires Wunsch auf Selbstbestimmung auf, der zunächst egoistisch, verletzend und undankbar erscheint, vor dem Hintergrund ihrer existenziellen Situation aber auch nachvollziehbar ist. Claire erleben wir als widersprüchliche, eigenwillige und schwer greifbare Figur, die mit ihren Emotionen und Ängsten zu kämpfen hat.
Besonders überzeugend ist die vielschichtige Zeichnung Eliots. Ausführlich wird geschildert, wie er den Alltag inmitten dieser Ausnahmesituation bewältigt. Halt findet er in den scheinbar banalen, alltäglichen Haushaltsroutinen wie dem Kochen, Backen und Waschen, die ihm eine gewisse Struktur im Leben geben und verhindern, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In seiner Fürsorge zeigt er sich aufmerksam und beinahe aufopferungsvoll. Gerade in seiner unermüdlichen Zuwendung wird jedoch deutlich, wie verbissen er versucht, Kontrolle über eine Situation zu behalten, die sich letztlich jeder Kontrolle entzieht. So verwundert es nicht, dass auch er bisweilen im Gefühlschaos von Trauer, Rücksichtnahme und vermeintlicher Zurückweisung an die Grenzen seiner Belastbarkeit gerät.
Packer macht eindringlich deutlich, dass Claires terminale Krankheit nicht nur den körperlichen Verfall betrifft, sondern auch gewachsene Beziehungsgeflechte angesichts des Unausweichlichen erschüttert. Das engste Umfeld sieht sich gezwungen, Unverständnis, verletzende Momente und emotionale Überforderung auszuhalten. So entwirft Packer ein differenziertes Bild dessen, was es bedeutet, einen geliebten Menschen auf dem schwierigen Weg des Sterbens zu begleiten und zugleich selbst Begleitung zu erfahren. Nachdrücklich zeigt sie, wie unterschiedlich Menschen mit Abschied, Angst und Überforderung umgehen und wie leicht man trotz aller Liebe scheitern und sich in einer derart extremen Situation sogar voneinander entfernen kann.
FAZIT
Ein einfühlsam erzählter, psychologisch vielschichtiger Roman über die emotionalen Zumutungen des Abschieds und die Grenzen von Nähe.
Ein empfehlenswerter, zutiefst bewegender Roman, der lange nachhallt - aber keine einfache Lektüre!
Berührender Debütroman
Der Einsiedlersommer von Anne Sverdrup-Thygeson
Mit dem eindrucksvollen Roman „Der Einsiedlersommer“ legt die norwegische Naturschutzbiologin Anne Sverdrup-Thygeson, bekannt durch mehrfach ausgezeichnete Sachbücher wie „Extraordinary Insects“, ihr erstes literarisches Debüt vor.
Im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht die 33-jährige Biologin Eva Wist, die nach der Totgeburt ihres Sohnes spontan von Oslo in das abgelegene Dorf Vestfold in der norwegischen Provinz zieht.
Im Rahmen eines Forschungsauftrags soll sie die dortige Gegend kartieren und den als ausgestorben geltenden Eremitenkäfer aufspüren. Schon bald lernt sie die 76-jährige Nachbarin Olga, die als exzentrische Einsiedlerin lebt und einen uralten Eichenwald besitzt, der einem geplanten Steinbruch weichen soll. Aus der anfänglich zurückhaltenden Begegnung der beiden Frauen entwickelt sich trotz aller Unterschiede nach und nach eine vertrauensvolle Freundschaft. Obwohl der Roman schwerwiegende Themen wie Verlust und Traumata, Umweltzerstörung und Artensterben behandelt, gelingt es Sverdrup-Thygeson mit ihrem lebendigen Schreibstil hervorragend, uns in ihre Geschichte abtauchen zu lassen. Kurze Kapitel und ein geschickter Wechsel zwischen den Perspektiven der beiden Protagonistinnen sorgen für Abwechslung und bauen schon bald einen Spannungsbogen auf.
Fesselnd ist es mitzuerleben, wie allmählich Olgas altes Familiengeheimnis ans Licht gebracht wird und wir mehr über Evas tiefe Trauer erfahren. Ein besonderes Highlight des Romans ist die glaubwürdige und tiefgründige Zeichnung der beiden so unterschiedlichen Hauptfiguren Eva und Olga – auch wenn die Ausgangskonstellation, in der eine junge, trauernde Frau auf eine ältere, verschlossene Außenseiterin mit einem Familiengeheimnis trifft, sicherlich kein neues Motiv darstellt. Der Autorin gelingt es, ihre Figuren als eigenwillige Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten zu entwerfen. Facettenreich, widersprüchlich und mit nachvollziehbaren Schwächen erweckt sie diese mit großem Feingefühl zum Leben. Die aufschlussreichen Einblicke in Gedanken, Sorgen und Hoffnungen der beiden Frauen lassen einen tief in ihre jeweilige Lebenssituation eintauchen und machen ihre Beweggründe nachvollziehbar. Gerade Olgas Verschrobenheit, Sturheit und Verschlossenheit sorgen dafür, dass echte Sympathie für sie erst nach und nach im Verlauf der Geschichte wächst.
Ein weiteres Highlight sind die eindrucksvollen, lebendigen Naturschilderungen, durch die der norwegische Eichenwald mühelos zum Leben erweckt wird.
Die Autorin versteht es, die Atmosphäre des Waldes, das Licht, die Geräusche und die Vielfalt des Ökosystems so anschaulich zu beschreiben, dass man mitten im Geschehen zu stehen scheint. Interessant ist auch ist die fachliche biologische Expertise, die die Autorin in ihre Geschichte um den vom Aussterben bedrohten Eremitenkäfer einbringt, wie beispielsweise in Form von eingeschobenen Passagen über Waldökologie und Insektenkunde. Schade nur, dass der Balanceakt zwischen fesselndem Roman und lehrreichem Sachbuch hier stellenweise etwas ins Wanken gerät und die Autorin etwas zu sehr ins Dozieren verfällt. Am Beispiel des geplanten Steinbruchs, der nicht nur den Lebensraum des Käfers, sondern auch Olgas emotionale Erinnerungsorte bedroht, behandelt der Roman aktuelle Fragen zu Artenvielfalt, wirtschaftlichen Interessen und dem Konflikt zwischen Naturschutz und regionaler Entwicklung. Geschickt verknüpft Sverdrup-Thygeson persönliche und ökologische Krise zu einer gelungenen, nuancierte Gegenüberstellung der verschiedenen Sichtweisen, die bewusst auf einfache Antworten verzichtet.
ZUM HÖRBUCH
Der Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Heike Warmuth gelingt es mit ihrer warmen, einfühlsamen Stimme hervorragend, die Geschichte um Eva und Olga lebendig werden zu lassen. Sie fängt sowohl ihre innere Zerrissenheit als auch ihre tiefe Leidenschaft und ihr unermüdliches Engagement für die Natur mit einer überzeugenden Authentizität ein. Durch ihre nuancierte Betonung und ein fein abgestimmtes Sprechtempo vermittelt sie die verschiedenen Stimmungen und emotionalen Wendungen des Romans facettenreich und sehr lebendig.
Auf diese Weise schafft sie es nicht nur, eine fesselnde Spannung aufzubauen, sondern auch in den eindrucksvollen Naturbeschreibungen und poetischen Passagen mit stimmungsvollen Nuancen einen Raum zum Nachdenken und Verweilen zu eröffnen. Die Hörfassung wird so zu einem unterhaltsamen und berührenden Hörerlebnis für alle, die sich für eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft und die Umweltbewegung interessieren.
FAZIT
Ein berührender, atmosphärisch dichter Roman über Trauer, Heilung und die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur. Ein empfehlenswertes Debüt, das zum Nachdenken über Verlust, Freundschaft und unsere Verantwortung für die bedrohte Natur anregt.
Stimmungsvolles Debüt
Das Jahr der Wale von Kelly Anderson
MEINE MEINUNG
Mit ihrem bewegenden Debüt „Das Jahr der Wale " hat die kanadische Autorin Kelly Anderson einen außergewöhnlichen Roman vorgelegt, der nicht nur eine faszinierende Mischung aus klassischer Familien- und Liebesgeschichte ist, sondern auch eine eindrucksvolle Liebeserklärung an die Natur, an ihre wilde Schönheit, ihre Zerbrechlichkeit und ihre unergründliche Kraft.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Annie MacLeod, die auf einem kleinen Segelboot im pazifischen Nordwesten aufwuchs. Bei ihren unkonventionellen Eltern genießt sie eine schöne Kindheit in Freiheit und im Einklang mit dem Ozean und seinen Urgewalten. Doch ein verheerender Tsunami hinterlässt an der Westküste Kanadas eine Spur der Verwüstung und reißt Annies heile Welt in Stücke. Annie verliert ihre Eltern und muss sich im kleinen Küstenort Hale's Landing, der Heimat ihres Vaters, mit einem ihr gänzlich fremden Leben an Land arrangieren. Als wichtige Menschen in ihrem Leben sind ihr nur noch ihre Großmutter und ihr Jugendfreund Evan geblieben.
Am Strand begegnet sie einem jungen, stummen Fremden namens Walker, von dem ein eigentümliches Summen ausgeht, das nur Annie wahrnehmen kann und das eine unwiderstehliche Anziehungskraft entfaltet. In ihrer Trauer und Orientierungslosigkeit muss Annie sich entscheiden, wie sie weiterleben soll und wem ihr Herz gehört –ihrem Freund Evan, der letzten verlässlichen Instanz in ihrem Leben oder dem mysteriösen Walker, dem sie sich so unerklärlich nah fühlt.
In ihrem Roman erzählt die Autorin jedoch weniger eine vielschichtige Dreiecksgeschichte zwischen Annie, Evan und Walker, sondern vielmehr die fesselnde Schicksal einer jungen Frau, die zwischen zwei Welten zerrieben wird: der nüchternen, oft schmerzhaften Realität eines Lebens an Land oder der vertrauten Geborgenheit, die sie im engen Kontakt mit der unergründlichen Weite des Meeres findet. Zerrissen zwischen diesen beiden Polen begibt sie sich auf die Suche nach ihrer eigenen Bestimmung. Geschickt hat die Autorin ihren Roman nach dem ewig wiederkehrenden Zyklus der Gezeiten in die Abschnitte Tiefstand, Stauwasser, Flut, Höchststand und Ebbe gegliedert. Innerhalb dieses Rhythmus werden zudem mehrere Zeitebenen miteinander verwoben. So gewähren Rückblenden Einblicke in das Kennenlernen von Annies Eltern vierzig Jahre zuvor sowie in Annies eigene Kindheit, während ein Zeitsprung die Handlung sechs Jahre nach der Katastrophe in eine ganz andere Richtung lenkt und sich Annies Leben nach dem Verlassen von Hale‘s Landing widmet.
Hervorragend gelungen sind Anderson die eindrucksvollen sehr bildhaften Naturschilderungen. Ob nun das faszinierenden Ökosystem der Tiefsee, die Begegnungen mit den Buckelwalen oder das vielfältigen Leben in den Gezeitentümpeln - dank des atmosphärisch dichten Erzählstils wird das Meer selbst zu eigenständigen, fast lebendigen Figur mit geheimnisvoller Präsenz, die das aufwühlende Geschehen ebenso mitträgt wie die menschlichen Charaktere. Der Roman lebt vor allem von seiner mystischen Grundstimmung, die den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht. Gerade die außergewöhnlich enge Verbindung der Figuren zum Meer sowie die zahlreichen rätselhaften, kaum erklärbaren Vorkommnisse verleihen dem Roman einen Hauch von Magischem Realismus, der eine eigentümliche, schwer greifbare Faszination ausübt. Doch als sich die Handlung von der Küste entfernt, verfliegt dieser Zauber abrupt. Nach dem Zeitsprung von sechs Jahren tritt die mystische Atmosphäre leider fast vollständig in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine distanzierte, nüchterne Perspektive, die zwar Annies neue Lebensrealität anschaulich aufzeigt, aber stellenweise überladen wirkt. Hier hätte man sich deutlich mehr Einblicke in die Innenwelt und die inneren Dämonen der Charaktere gewünscht, um ihre Entwicklung besser nachvollziehen zu können.
Zu den meisten Figuren, insbesondere zur vielschichtig angelegten Protagonistin Annie, gelang es mir leider nicht, einen echten emotionalen Zugang zu finden. Auch wenn mich Annies sinnliche Verbindung zur Natur sehr faszinierte, konnte ich mich selten in Annies sehr ambivalenten Charakter hineinversetzen. Bisweilen wirkten ihre Handlungen und Beweggründe merkwürdig fremd und waren schwer nachvollziehbar, sodass ihr Schicksal mich letztlich seltsam unberührt ließ. Das recht offene Ende hinterlässt insgesamt ein Gefühl der Unabgeschlossenheit. So bleibt in diesem fesselnden Roman vieles im Ungewissen und zahlreiche offene Fragen zu den mystischen Geschehnissen müssen letztlich mit unserer Fantasie eingeordnet werden.
FAZIT
Ein ambitioniertes Debüt, das einen trotz einiger Schwächen vor allem durch seine mystische Atmosphäre, poetische Naturbeschreibungen und die eindrucksvolle Darstellung des maritimen Ökosystems in den Bann zieht.
Allerdings trüben eine schwer fassbare Protagonistin und ein allzu offenes Ende etwas den Lesesog.
Ein beeindruckender Roman wie das Meer selbst- an der Oberfläche von betörender Schönheit, in der Tiefe jedoch stellenweise unergründlich und schwer zu fassen.
Zwischen Sprachlosigkeit und Aufbruch - Ein leiser, vielschichtiger Roman
Wirf einen Schatten von Elena Fischer
In ihrem berührenden Roman „Wirf einen Schatten“ erzählt Elena Fischer eine stille, eindringliche Geschichte über Verlust, Rettung, die Kraft der Liebe und Gemeinschaft sowie die Möglichkeit eines Neuanfangs.
Dabei setzt die Autorin auf eine ruhige, psychologisch ausgerichtete Erzählweise und verzichtet bewusst auf dramatische Zuspitzungen, was allerdings nicht durchgehend frei von Längen ist.
Im Mittelpunkt der in den frühen 1960er Jahre angesiedelten Geschichte steht der Landwirt Joseph, der auf einem abgelegenen Hof lebt. Sein Lebensalltag ist geprägt von harter Arbeit, Pflichterfüllung und großer Sprachlosigkeit. Als ihn seine Frau Lis mit dem kleinen gemeinsamen Sohn Samuel verlässt, um in der Stadt ein anderes Leben zu beginnen, gerät nicht nur seine gewohnte Ordnung ins Wanken, sondern auch sein Selbstverständnis und Lebenswillen. Das unerwartete Auftauchen der jungen, geheimnisvollen Birdie an Heiligabend lässt das fragile Gefüge seiner Existenz langsam bröckeln und bringt eine leise, aber entscheidende Wendung in sein Leben.
Geschickt hat die Autorin ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen angelegt. Neben der einer Monate umfassenden Gegenwartshandlung werden nicht chronologische Rückblenden in die Vergangenheit eingestreut. Schrittweise werden die biografischen Hintergründe für Josephs innere Zerrissenheit enthüllt, wodurch sich eine subtile Spannung aufbaut. Die ruhig erzählte Geschichte lässt uns immer tiefer in die Entwicklungsgeschichte der Charaktere eintauchen und gewinnt zunehmend an Tiefe und atmosphärischer Dichte, die besonders durch die eindrücklichen Natur- und Jahreszeitenschilderungen verstärkt wird.
Sehr gelungen ist die facettenreiche Ausarbeitung der Hauptfigur und behutsame Figurenentwicklung sowie die einfühlsame Schilderung zwischenmenschlicher Spannungen.
Nach und nach entsteht das facettenreiche Portrait eines sehr verschlossenen Mannes, der kaum Zugang zu zu seinen Gefühlen und inneren Blockaden findet und wenig über sein Leben reflektiert. Rückblickende Episoden zeichnen ein stimmiges Bild seiner Herkunft mit einer schwierigen Kindheit, geprägt von seinem emotional distanzierten Vater, der Härte mit Stärke verwechselt, sowie von einem tragischen familiären Verlusterlebnis, das tiefe Schuldgefühle in Joseph hinterlassen hat. Als Kind seiner Zeit und seines sozialen Umfelds, in dem emotionale Befindlichkeiten keinen Platz haben und tradierte Rollenbilder tief verinnerlicht sind, fällt es ihm schwer, die Bedürfnisse seiner Frau zu verstehen, die unter den täglichen Anforderungen, der beklemmenden Enge des Hoflebens und emotionaler Vereinsamung leidet. Ihr Weggang erscheint so nicht nur als Flucht, sondern auch als ein Versuch der Selbstbehauptung. Mit großem psychologischen Feingefühl zeigt Fischer das Scheitern dieser Ehe nicht als individuelles Versagen zweier Menschen, sondern als Folge widersprüchlicher Bedürfnisse, unausgesprochener Erwartungen und rigider Rollenbilder jener Zeit. Insgesamt konnte mich die psychologische Herleitung überzeugen, auch wenn sie stellenweise erwartbaren Mustern folgt.
Besonders gelungen ist die glaubhafte Darstellung von Josephs schrittweiser, innerer Entwicklung aus seiner Erstarrung. Diese verläuft keineswegs gradlinig, sondern wird als ein von Rückschlägen und Unsicherheiten geprägter Prozess beschrieben, bei dem sich für ihn schließlich die Möglichkeit einer vorsichtigen Hinwendung zum Leben eröffnet.
Sehr überzeugend ist auch die differenzierte und sorfältig ausgearbeitete historische Einbettung der Geschichte. Ohne nostalgische Verklärung beschwört die Autorin jene Zeit herauf, in der soziale Herkunft, ökonomische Zwänge, starre Geschlechterrollen, familiäre Hierarchien und gesellschaftliche Normen die Lebenswege der Menschen maßgeblich bestimmten. Eindringlich wird am Beispiel der Figuren spürbar, wie sehr diese Bedingungen individuelle Entscheidungen beeinflussen und begrenzen.
FAZIT
Ein stiller, eindrucksvoller und psychologisch fein gezeichneter Roman über Einsamkeit, Schuld, Fürsorge, zwischenmenschliche Entfremdung und die Schwierigkeit, sich selbst und andere wirklich zu verstehen. Eine atmosphärisch dichte, nachdenklich stimmende Geschichte, die von einfühlsamen Beobachtungen und der behutsamen Figurenentwicklung lebt.
Ein Mosaik aus Begegnungen – Bewegende Lebenserinnerungen
Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami
In seinem neuen, faszinierenden Roman „Das Mosaik der Frauen“ erzählt Rafik Schami über das Leben als fein gesponnenem Geflecht aus Erinnerungen, Verlusten und prägenden Begegnung mit Frauen, die sich manchmal nur kurz, manchmal jedoch für immer in die Biographie einschreiben.
In der Rahmenhandlung begegnen wir Said Mardini, einem Mann, der vor Jahrzehnten aus Syrien nach Heidelberg gekommen ist und dem der todkranke Nadim Suri seine bewegte Lebensgeschichte anvertraut.
Im eigentlichen Hauptteil des Romans bildet jedoch Nadim Suris Perspektive, der ebenfalls aus Damaskus über Beirut nach Heidelberg geflüchtet ist und nun rückblickend nicht nur von politischen Umbrüchen, Flucht und Neuanfängen berichtet, sondern vor allem jene Frauen in den Blick nimmt, die seinen Lebensweg zeitweise begleitet, geprägt, bereichert und nachhaltig verändert haben.
Mit einer Ausnahme ist jeder Frau ein eigenes, selbstständiges Kapitel gewidmet, in dem Nadim in wohltuender, hochachtungsvoller Erinnerung von ihren Begegnungen, ihrer Liebe, von stillen Momenten der Zuneigung, aber auch von Schmerz, Enttäuschung und schmerzhaften Trennungen berichtet.
Aus diesen unterschiedlichen Episoden, gleichsam als einzelne, bunten Mosaiksteinchen, entsteht nach und nach ein vielgestaltiges, von Brüchen durchzogenes Lebensbild, das Nadim zu dem charismatischen Menschen werden lässt, der er heute ist. Schami gelingt es hervorragend, aufzuzeigen, dass das Leben seines Protagonisten keine geradlinige, kontinuierliche Chronik darstellt, sondern aus zahlreichen, jeweils prägenden Begegnungen besteht, in denen sich die Persönlichkeit im Laufe der Zeit immer wieder aufs Neue zusammensetzt. Jede von ihnen hinterlässt dabei Spuren von anderer Art, Tiefe und Wirkung.
Gerade durch die Verbindung von Nadims persönlicher Lebensgeschichte mit der politischen Enge und der kulturellen Vielfalt Syriens gewinnt der Roman eine besondere Eindringlichkeit und fast greifbare atmosphärische Dichte. Insbesondere die Fragilität privaten Glücks gegenüber den ständigen Bedrohungen, dem Verlust von Freiheit und der Gefahr, Menschen zu verlieren, lässt die zwischenmenschlichen Beziehungen umso wertvoller und zärtlicher erscheinen.
Eindrucksvoll zeichnet Schami seine syrische Heimat, indem er uns einen lebendigen Blick auf das alltägliche Leben in Damaskus ermöglicht, eine widersprüchliche Stadt, die geprägt ist von religiöser Vielfalt, Aberglauben, fragilen Hoffnungen und den vielen Facetten der Beziehungen. Mit großer Empathie und sicherem Blick für Details entwirft er ein Bild des Landes, das von einem repressiven Regime geprägt ist und dessen Bevölkerung ständig im Schatten von Misstrauen, Überwachung, Gewalt und diffuser Angst lebt.
Schami schreibt über die Frauen in Nadims Leben als lebendige, komplexe Charaktere, die Nadim geformt und deutliche Spuren hinterlassen haben, aber auch durch ihn geprägt wurden.
Schami beweist erneut sein großes erzählerisches Können. Sein bildgewaltiger, oft poetischer Schreibstil strahlt eine warmherzige, fast vertrauliche Nähe aus, als säße man selbst im Raum und hörte Nadim beim Erzählen zu. Zwar fordert die verschachtelte, mäandernde Erzählweise viel Aufmerksamkeit und Geduld, doch gerade die scheinbar beiläufigen Abschweifungen und eingeschobenen Geschichten verleihen der berührenden Lebensgeschichte einen besonderen Reiz. Sie wirken nie willkürlich, sondern ergänzen die zentrale Metapher des Mosaiks, das keine perfekten, geraden Linien kennt, sondern aus Brüchen, Lücken und scheinbar unzusammenhängenden Teilen besteht. Erst mit Abstand und im Rückblick erschließt sich das Ganze auf beeindruckende Weise vollständig.
Faszinierender Kunstroman
The Artist von Lucy Steeds
Lucy Steeds’ Debüt “The Artist - Die Farben des Lichts“ ist ein fesselnder historischer Roman, der durch seine sprachliche Brillanz, dichte Atmosphäre und eine faszinierend vielschichtige Thematik überzeugt. Eindringlich geht er der Frage nach, welchen Preis künstlerisches Schaffen fordert und wer diesen letztlich zu tragen hat.
Die Handlung spielt im Sommer 1920in der Provence auf einem abgelegenen Landgut, in das sich der berühmte Maler Edouard Tartuffe gemeinsam mit seiner Nichte Ettie zurückgezogen hat. Der junge englische Journalist Joseph Adelaide erhofft sich von seinem Besuch ein spektakuläres Interview mit dem großen Genie, das sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzogen hat. Tartuffe willigt Josephs Bleiben ein, unter der Bedingung, ihm Modell zu stehen. Was zunächst wie eine Gelegenheit für den aufstrebenden Journalisten scheint, entwickelt sich rasch zur Rolle eines stillen Beobachters, der sich vorsichtig dem verschrobenen Künstler annähert, bis sich seine Aufmerksamkeit immer stärker auf Ettie richtet, jene faszinierende, sehr rätselhafte junge Frau, die sich wie ein Schatten still durch das Haus bewegt und im Hintergrund für alles sorgt. Inmitten der spektakulären Landschaft aus Hitze, Licht, Farben und Stille entspinnt sich eine flirrende Geschichte, die weit über Malerei und künstlerische Obsession hinausgeht, Sie erzählt von Abhängigkeit und Kontrolle, von verdrängtem Schmerz, Kriegserfahrungen, Leidenschaft und Verlangen, aber auch von ungleichen Geschlechterverhältnissen und Macht in der Kunst. Die Handlung setzt sich langsam, etwas zäh in Gang und wird abwechselnd aus der Perspektive des jungen Journalisten Joseph und der rätselhaften Ettie erzählt, deren innerer Zugang zu Menschen und Bildern Josephs flüchtigen Außenblick stets zu hinterfragen scheint.
Besonders beeindruckend ist Steeds bildgewaltiger Schreibstil. Mit präziser, fast malerischer Prosa, verwandelt sie Landschaft, Atmosphäre, Farben, Texturen und das Licht der Provence in lebendige Bilder, wodurch diese nicht nur als Kulisse, sondern als eigenständiger Part in der Geschichte erscheinen. Ob nun den blassen, suchenden Joseph, die in Licht und Schatten getauchte Ettie oder den grotesk überzeichneten, bedrohlichen Taruffe - ihre Figuren zeichnet Steeds sehr eindrucksvoll und facettenreich wie schillernde Porträts auf einer Leinwand, so dass man sie fast zu spüren und zu sehen glaubt.
Gekonnt entwirft Steeds ihre Geschichte wie ein kunstvoll arrangiertes Tableau, in dem jeder Blick, jede Geste und jedes scheinbare Detail eine besonders aufgeladene, erst im Verlauf erschließbare Bedeutung gewinnt. Steeds versteht es, sich Zeit für die atmosphärisch dichte Beobachtung von Nuancen, Stimmungen und Stille zu nehmen und dabei geschickt eine subtile, unheilvolle Spannung aufzubauen, die sich unaufdringlich immer mehr ausbreitet. Nach und nach werden die feinen Grenzverschiebungen zwischen Beobachter und Akteur, zwischen Macht und Unterwerfung erkennbar, während die Beziehungen, Sehnsüchte und Verletzungen der Figuren immer deutlicher hervortreten und eine faszinierende Komplexität ihrer Welt offenbaren. Geschickt lenkt die Autorin unser Augenmerk allmählich von Joseph auf Ettie, die eigentliche Protagonistin des Romans. Mit ihr hat Steeds eine faszinierende, vielschichtige Figur geschaffen, deren Geheimnisse, Ambivalenzen und rätselhaftes Verhalten uns zunehmend in ihren Bann ziehen. Im Verlauf zeigt sich, dass die lange im Hintergrund bleibende Ettie eine zentrale Figur für Tartuffe ist und über verborgene Talente verfügt, die sich in ihrem scharfen Blick, ihrer Beobachtungsgabe und ihrem sensiblen Umgang mit Bildern ausdrücken. Ihr Schweigen erscheint nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als ein stiller, bewusster Widerstand gegen eine Rolle, die ihr nur den unsichtbaren Platz im Schatten des Künstlers erlaubt. Auf tragische Weise wird deutlich, dass Ettie eine andere Geschichte hätte leben können, wenn die rigiden patriarchalen Strukturen und gesellschaftlichen Zwänge der damaligen Zeit für Frauen weniger einengend gewesen wären und sie sich hätte selbstverwirklichen können. Ihre inneren Kräfte und die enorme Stärke, ihren eigenen Weg zu gehen, werden erst nach und nach sichtbar, auch wenn die spätere, durchaus spektakuläre Enthüllung ihres Handelns in meinen Augen keine wirkliche Überraschung ist.
In dieser Hinsicht erzählt Steeds nicht nur vom Leben gefeierter Künstler, sondern vor allem von den Frauen an ihrer Seite, die durch Fürsorge, Organisationstalent und bewusste Zurückhaltung die Illusion von „Genie“ aufrechterhalten, ohne selbst je sichtbare Anerkennung zu erhalten. „The Artist“ zeichnet damit eine eindrückliche Geschichte von ungleiche Geschlechterverhältnissen und der historische Schieflage dessen, was überhaupt als kreative Leistung anerkannt wird.
Ein Sommer der Veränderung und Heilung - Ein gelungenes Debüt
Tage am Fluss von Jochen Mariss
Mit seinem Debüt „Tage am Fluss“ ist Jochen Mariss ein wundervoller Sommerroman gelungen, der sich thematisch mit Verlust, Verletzlichkeit, Bindungsangst und der Schwierigkeit beschäftigt, wieder Vertrauen zu fassen. Zudem erzählt er von der Suche nach Selbstbestimmung, Heilung und einem Neuanfang in einer sich wandelnden Welt.
Wir begleiten zwei Menschen unterschiedlicher Generationen, die durch ihre Begegnung allmählich lernen, sich wieder auf Vertrauen, Nähe und Verantwortung einzulassen. Mit feinem Gespür verknüpft Mariss die persönlichen Schicksale seiner Protagonisten mit der Natur als verletzlichem und schützenswertem Lebensraum und regt damit zugleich zum Nachdenken über Umweltthemen an.
Im Mittelpunkt steht Sara Harmsen, eine Fährfrau Anfang fünfzig, die im idyllischen Erlengrund zurückgezogen am Fluss lebt. Ihr Leben ist von einer selbstgewählten Abgeschiedenheit geprägt. Hühner, Schafe, die geliebte Hündin Luna und die tägliche Routine auf der Fähre geben ihren Tagen eine beruhigende Struktur, hinter der Sara ihre seelischen Verletzungen verbirgt. Mit dem Auftauchen des verletzten Leon, eines jungen Mannes, der bei ihr Schutz sucht, gerät Saras sorgsam organisiertes Leben gehörig ins Wanken.
Geschickt wechselt die Erzählperspektive zwischen den Hauptfiguren und gewährt aufschlussreiche Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt, wodurch der Spannungsbogen allmählich gesteigert wird. Aus der zufälligen Begegnung entwickelt sich eine vorsichtige Annäherung zweier Menschen, die Misstrauen lange als Überlebensstrategie verinnerlicht haben. Erst nach und nach wächst zwischen ihnen ein Verhältnis von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis, aus dem schließlich eine tiefere Verbundenheit trotz aller Unterschiede in Alter und Lebenserfahrung erwächst. Mariss stellt diesen Prozess mit all seinen Höhen und Tiefen äußerst glaubwürdig dar.
Ausgezeichnet gelingt dem Autor die einfühlsame, vielschichtige Charakterzeichnung. Jede der Hauptfiguren wirkt mit ihren Eigenheiten, Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten lebendig und authentisch. Während Sara anfangs abweisend und verschlossen erscheint, überwindet sie allmählich ihre inneren Unsicherheiten und öffnet sich im Verlauf der Erzählung immer mehr. Leon hingegen steht für eine jüngere, bereits desillusionierte Generation, die auf der Suche nach Orientierung, Verantwortung und Sinn im Leben ist. Beiden gemeinsam ist ihre tiefe Verbundenheit mit der Natur.
Der lebendige, bildhafte Schreibstil, durchzogen von feinem Humor, ist individuell auf die unterschiedlichen Charaktere zugeschnitten und ermöglicht ein rasches Eintauchen in ihre persönlichen Lebensgeschichten. Die eindrucksvollen, atmosphärisch dichten Naturbeschreibungen – von der Flusslandschaft über den Wald bis hin zum Spiel des Lichts – sind Mariss hervorragend gelungen. Sie schaffen eine besondere Stimmung voller nuancenreicher Zwischentöne. In der Begegnung mit der Flusslandschaft, den Tieren, den Urgewalten der Natur und den zaghaften Dialogen der Figuren entfaltet sich schrittweise eine entschleunigende, beruhigende und zugleich bewegende Atmosphäre von sanfter Intensität.
Gekonnt bringt Mariss uns die Umweltthematik nahe und zeigt auf facettenreiche Weise, wie bedeutsam es ist, der von vielen Seiten bedrohten Natur Respekt, Achtsamkeit und Schutz entgegenzubringen. Den Roman beschließt der Autor mit einem bewusst offenen Ende, gleichsam als ein Spiegel des Lebens, das selten eindeutige Perspektiven für uns bereithält.
ZUM HÖRBUCH
Das ungekürzte Hörbuch überzeugt mit Heike Warmuth und Nils Kretschmer durch ein hervorragend abgestimmtes Sprecherduo, das den Protagonisten Sara und Leon jeweils eine unverwechselbare Stimme verleiht. Die Besetzung ist äußerst stimmig; durch den Wechsel der Sprecher gewinnt die Erzählung an Lebendigkeit und emotionaler Intensität. Warmuth und Kretschmer gelingt es mühelos, authentische Persönlichkeiten zum Leben zu erwecken. Sie verstehen es, Lebensalter, Temperament und Innenleben der Figuren nuanciert und glaubhaft darzustellen – von Saras zurückhaltender Reserviertheit bis zu Leons verletzlicher Aufbruchsstimmung. Ihre einfühlsame, dynamische Interpretation unterstreicht die atmosphärische Dichte des Romans und erleichtert das Eintauchen in die emotionale Geschichte. Durch die sorgfältige Sprechgestaltung, ein passendes Tempo und eine sensible Betonung der Gefühlsnuancen entsteht ein bereicherndes Hörerlebnis.
FAZIT
Ein warmherzig erzählter, inspirierender Sommerroman, der uns daran erinnert, wie viel Schönheit in stillen Momenten liegt, und die innovative Kraft von Begegnungen aufzeigt, die eingefahrene Muster durchbrechen und Neues ermöglichen.
Zwischen Verlust und Neubeginn
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Martina Bogdahns neuer Roman „Mirabellentage“ entführt uns erneut in das fiktive bayrische Dorf Blumfeld, in dem bereits ihr Debüt „Mühlensommer“ spielte, und lässt uns wieder in ein ebenso lebendiges wie berührendes Panorama des ländlichen Lebens eintauchen.
Obwohl sich die deutsche Fotografin und Autorin Bogdahn thematisch und atmosphärisch treu bleibt, entfaltet sich eine deutlich stillere, melancholischere Geschichte, in der sie mit viel Feingefühl über Abschied, Erinnerung, Zusammenhalt und Suche nach dem, was im Leben wirklich wichtig ist, erzählt.
Angelegt ist der Roman ist in der Gegenwart des Jahres 2010.
Bogdahns Erzählstil ist leicht, lebendig und von großer Wärme geprägt. Mit spürbarer Nähe zur eigenen Herkunft schildert sie das Leben im ländlich geprägten Blumfeld ebenso anschaulich wie authentisch. Mit großem Einfühlungsvermögen, sicherem Sinn für Stimmungen und einem liebevoll-ironischen Blick gelingen ihr nicht nur heitere, teils wunderbar komische Episoden und stimmungsvolle Naturbeschreibungen sondern auch fein beobachtete Momente voller Nachdenklichkeit und stiller Wahrhaftigkeit.
Im Mittelpunkt steht diesmal die 54jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Anna Nass, die langjährige Haushälterin und Gefährtin des verstorbenen Blumenfelder Dorfpfarrers Josef. Durch seinen plötzlichen Tod verliert Annas klar strukturierter Lebensalltag und vertrauten Gewohnheiten jede Ordnung. Zudem gerät Annas kleine Welt beträchtlich ins Wanken, als noch vor Josefs Beerdigung der junge, neubestellte Nachfolger Fridtjof ins Pfarrhaus einzieht. Der junge Nordfriese mit seinem für Bayern schwer verständlichen Plattdeutsch tut sich schwer mit seiner neuen Aufgabe und braucht Annas Hilfe, so dass sich zwischen den beiden allmählich trotz aller Befremdlichkeiten eine zarte, vertrauensvolle Bindung entwickelt.
Rückblenden eröffnen nach und nach aufschlussreiche Einblicke in Annas Kindheit, ihr Alltagsleben und die prägende Zeit auf dem Land sowie Erinnerungen an frühere Dorffeste und schöne Momente. Diese feine Verflechtung von Vergangenem und Gegenwärtigem macht den Roman besonders facettenreich und lässt Annas Lebensweg eindrucksvoll nachvollziehen. So begleiten wir Anna bei ihrer inneren Reise, bei der sie über die Vergänglichkeit, das eigene Altern, alte Freundschaften und verpasste Chancen nachdenkt.
Anschaulich widmet sich die Autorin Annas verspätet ersetzender Selbstreflexion und ihrem allmählich einsetzenden inneren Befreiungsprozesses. Erst mit Mitte fünfzig beginnt sie über sich selbst und ihr von harter Arbeit, Bescheidenheit und Verzicht geprägtes Leben nachzudenken und ihre tradierten Rollen, Verpflichtungen und Loyalitäten zu hinterfragen. Mag ihr Lebensweg zunächst eher unspektakulär wirken, so gelingt es Bogdahn doch, ein glaubwürdiges Bild einer mitfühlenden Frau und leisen Heldin zu zeichnen, die Beständigkeit, Rücksichtnahme und alte Werte schätzt und deren aufopferndes Leben, ihr Sinn und Halt gibt.
Neben der liebevoll und facettenreich gezeichneten Hauptfigur mit all ihren Eigenheiten, Stärken und Schwächen begegnet man einer Reihe origineller Dorfbewohner, aber leider auch etwas klischeehaft inszenierter Nebenfiguren, die dem Roman Farbe und Lebendigkeit verleihen sollen.
Mit eindrucksvoller Detailfülle und mit feinem Humor arbeitet Bogdahn in vielen kleinen Episoden und Anekdoten ein atmosphärisch dichtes und nostalgisch angehauchtes Panorama von den charmanten Besonderheiten des Landlebens und eines stark katholisch geprägten Mikrokosmos heraus. Die Autorin versteht es zudem, mit leiser Ironie und einer Prise gelungener Situationskomik, für Unterhaltung und nette Schmunzelmomente zu sorgen.
Allerdings bleibt die ruhige, etwas seicht dahinplätschernde Geschichte leider deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. So Bogdahn beschwört eine heile Welt voller Idylle und Gutherzigkeit sowie die behagliche Geborgenheit in einer starken Gemeinschaft herauf, ohne deren Schattenseiten mit starren Konventionen, der Enge und Ausgrenzung von Abweichlern auszuleuchten. Bisweilen hätte ich mir doch einige Überraschungen oder emotionale Zuspitzungen für mehr Spannungsmomente gewünscht.
Fermentieren leicht gemacht
Fermentieren – Twist your Taste! von Nadine Schünemann
Das neue Sachbuch „Fermentieren – Twist your Taste!“ von Nadine Schünemann, erschienen im EMF Verlag, ist ein ebenso inspirierender wie fundierter Leitfaden für alle, die die faszinierende Welt der Fermentation kennenlernen oder vertiefen möchten.
Mit großer Leidenschaft und beeindruckender Sachkenntnis belebt die Autorin die einst als veraltet geltende Vorratstechnik wieder und bereitet ihr mit modernen kulinarischen Trends und nachhaltigem Bewusstsein ein cooles Comeback.
Von leckeren Frühstücksideen, Snacks aus knackigem Gemüse, innovativen Hauptgerichten, fruchtigen Drinks bis hin zu cremigen Bowls - Nadine, die Gründerin der beliebten Marke „Lieblingsglas“, zeigt uns, wie aus modernen Ferment-Basics unendlich viele gesunde Rezept-Variationen gezaubert werden können, die die volle Vielfalt der Fermentation und ganz neue, überraschende Aromen direkt auf den Teller bringen.
Diese Rezeptvielfalt zeigt eindrucksvoll, wie Fermente als Aromabooster funktionieren: Sie bringen Säure, Umami und Textur ins Spiel und ermöglichen es, aus wenigen einfachen Komponenten komplexe Geschmackserlebnisse zu zaubern.
Dieses Buch ist somit weit mehr als ein reines Kochbuch mit Rezepten zum Fermentieren, sondern soll uns eine Grundlage für jede Menge Experimentierfreude und einfache, kreative Anregungen für die Alltagsküche bieten. Gut gefallen haben mir die klare, übersichtliche Gliederung und die inspirierenden Erläuterungen, sodass man das Werk sowohl als Nachschlagewerk wie auch als Experimentierhandbuch nutzen kann.
Gegliedert ist es in drei Hauptabschnitte.
Im ausführlichen Grundlagen-Teil wird uns zunächst alles relevante Wissen rund um das Fermentieren und den Fermentationsprozess verständlich erklärt.
Der zweite, informative Basisfermente-Teil zeigt dann, wie man die verschiedensten Fermente herstellt und im Alltag als einigartige Würzmittel verwenden kann. Hier finden wir die Rezepte für 30 Basisfermente untergliedert in Getreide & Hülsenfrüchte, Gemüse & Obst, Basics & Dips sowie verschiedene Drinks. Passend dazu gibt es für die einzelnen Fermente unter der Rubrik „Mix & Match“-Ideen konkrete Vorschläge für deren vielfältige Einsatzmöglichkeiten mit Verweisen auf den dritten Rezeptteil. Der Kreativität sind hier wirklich keine Grenzen gesetzt. So lässt sich beispielsweise aus einem Glas fermentiertem Gemüse ein Dressing, ein Aufstrich, ein Topping oder sogar ein köstliches Hauptgericht zaubern. Äuerst spannend ist auch zu erfahren, was die einzigartigen Fermente in unserem Körper so alles bewirken und unsere Gesundheit unterstützen können.
Im letzten Mix-&-Match-Teil, in dem 60 originelle Fermentations-Rezepte für jeden Tag als Inspirationsquelle vorgestellt werden, erfahren wir schließlich wie wir die verschiedensten Fermente-Basics vielseitig einsetzen und kombinieren können. Hier sind der Kreativität wirklich keine Grenzen gesetzt!
Im Einführungsteil führt uns die Autorin zunächst in die Grundlagen der Fermentation ein und erklärt anschaulich, wie Mikroorganismen – Bakterien, Hefen und Pilze – natürliche Prozesse der Haltbarmachung und Geschmacksentwicklung steuern. Neben fundiertem Hintergrundwissen enthält der Theorieteil viele praxisorientierte Hinweise: zur Auswahl von Zubehör, zu Hygieneregeln, Haltbarkeit und Gärgefäßen. Zudem werden Themen wie Arten der Fermentation und Bedingungen oder auch Darmgesundheit und Mikrobiom ausführlich und verständlich vermittelt.
Dabei gelingt es ihr, viele wissenswerte Fakten mit praktischen Tipps und kulinarischem Enthusiasmus zu verbinden. Sehr gelungen sind auch Hinweise aus der Community und den Dos und Don’ts, die bei typischen Problemen weiterhelfen können und als erste Orientierungshilfe dienen .
Besonders aufschlussreich sind ebenfalls die Abschnitte zu Fermente als Würztechnik und Gewürze in Fermenten.
Die Rezepte sind insgesamt klar gegliedert und durchgehend praxisgerecht konzipiert, sodass der Einstieg leicht fällt. Nach einer kurzen Einleitung finden sich präzise Angaben zu den verschiedenen Zutaten, klare Schritt-für-Schritt Anleitungen für die Zubereitung, Hinweise zu Fermentationszeiten bzw. Gär-und Ruhezeiten sowie zur Lagerung. Die Basisrezepte sind für 2–4 Personen ausgelegt und können je nach Bedarf skaliert werden. Tipps zur Verwendung unterstreichen zudem, dass man fehlende Basisfermente problemlos durch andere Zutaten ersetzen kann und dass Geschmack sowie Fermentationszeiten je nach Saison, Temperatur und anderen Faktoren variieren können.
Besonders lobenswert ist die einfache, alltagstaugliche Darstellung vieler Rezepte, die Lust darauf machen, sofort loszulegen. Dennoch finden auch erfahrene Fermentationsfreunde genügend Herausforderung in komplexeren Projekten, die etwas mehr Geduld oder Erfahrung erfordern.
Von Turkish Eggs mit fermentierten Tomaten über Miso-Zitronen-Pasta mit Schnittlauch-Crunch bis hin zu Kefir-Mocktails, Milchkefir-Eis oder fermentiertem Porridge mit Bananenkaramell – bei diesen verführerischen Rezepten fällt die Entscheidung wirklich schwer.
Für die Wahl des Ferments, der Fermentationszeit und Würzmittel ist natürlich der persönliche Geschmack ausschlaggebend. Entsprechend sind auch die Angaben zu Salz, Zucker, Honig oder Knoblauch flexibel und können insbesondere bei den „Mix & Match“-Rezepten individuell modifiziert werden. Empfehlenswert ist es zunächst kleinere Mengen zu fermentieren und diese dann jeweils anzupassen.
Optisch ist das Buch eine wahre Augenweide. Das gelungene Layout ist sehr übersichtlich und ästhetisch ansprechend. Es bildet eine perfekte Mischung aus Information und Inspiration. Die hochwertigen, natürlichen Fotografien von Cara Schanuel und Lena Pfetzer fangen gekonnt die Faszination für das Fermentationsverfahren ebenso ein wie die Schönheit der fertigen Fermente und die appetitanregenden Gerichte.
FAZIT
Ein praktischer Begleiter für alle, die Fermentation aus der Theorie in die tägliche Küche holen wollen, mit einem gelungenen Mix aus verständlichem Grundlagenwissen, vielen tollen Tipps und vielseitig kombinierbaren Rezepten.
Ein sehr empfehlenswerter Fermentationsratgeber!
Eine berührende Geschichte über Verlust und Neubeginn
Eine Maus namens Merlin von Simon Van Booy
Mit seinem Debüt „Eine Maus namens Merlin“ ist Simon Van Booy ein herzerwärmender Wohlfühlroman gelungen, der mit erfrischender Leichtigkeit von Einsamkeit, schmerzlichen Verlusten und der Bedeutung der kleinen, oft unscheinbaren Momente im Leben erzählt. Zugleich macht er deutlich, dass Neuanfänge selbst im hohen Alter möglich sind.
Feiner Humor, zart verwobene Melancholie und ein hoffnungsvoller Ausklang verbinden sich zu einer angenehm entschleunigenden und wunderbar einfühlsamen Erzählung.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 83-jährige Witwe Helen Cartwright, die nach sechzig Jahren in Australien in ihren Geburtsort nahe Oxford zurückkehrt und dort sie ein kleines, möbliertes Haus bezieht. Helens Alltag erschöpft sich in immer gleichen Routinen, geprägt von selbstgewählter Einsamkeit, Resignation und dem bewussten Verdrängen schmerzhafter Erinnerungen an die Menschen, die sie verloren hat – fast so, als warte sie nur noch auf das Ende ihres Lebens. Doch das unerwartete Auftauchen einer kleinen, zutraulichen Maus in ihrem Haus durchbricht diese Erstarrung und bringt Bewegung in ihr zurückgezogenes Leben.
Zunächst empfindet Helen die Anwesenheit des kleinen Wesens noch als lästige Störung und setzt alles daran, es möglichst schnell wieder loszuwerden. Doch notwendige Besorgungen im Tierhandel, in der Bibliothek und im Eisenwarenladen führen sie Schritt für Schritt aus ihrer Isolation heraus und lassen sie erneut mit anderen Menschen in Kontakt treten.
Mit seinem einfühlsamen Erzählstil zeichnet Van Booy Helens zögerlichen Wandel gekonnt nach. Allmählich wächst ihr die kleine Mitbewohnerin, die sie Merlin nennt, ans Herz. Die ungewöhnliche Freundschaft schenkt ihrem eintönigen Alltag nicht nur Struktur, sondern auch neue Bedeutung. Eindringlich zeigt der Autor in seiner berührenden Geschichte auf, wie wichtig Menschlichkeit, Nähe und das Gefühl, gebraucht zu werden, für ein erfülltes Leben sind. Mit feinem Humor und viel Feingefühl erzählt er in episodischen Rückblicken auf Helens früheres Leben und eröffnet dabei berührende Einblicke in ihre innere Welt und ihre bemerkenswerte Persönlichkeit.
Mit seiner hochbetagten Protagonistin hat der Autor einen bemerkenswert vielschichtig angelegten Charakter geschaffen. Anfangs verschlossen und spröde, gewinnt sie zunehmend an Tiefe und Wärme, sodass sie einem schnell ans Herz wächst und sorgt zum Ende hin sogar für einige überraschende Momente.
Trotz der insgesamt ruhigen Handlung gelingt es Van Booy, den Spannungsbogen spürbar zu verdichten und die Geschichte mit einem stimmigen, nachdenklichen Schluss ausklingen zu lassen.
ZUM HÖRBUCH
Schauspielerin Frauke Poolman ist eine eindrucksvolle Umsetzung dieses zauberhaften Wohlfühlromans gelungen. Mit angenehmer Stimme und ihrem ruhigen Vortrag zieht sie uns mühelos in die leicht melancholische Geschichte hinein. Von beschaulichen Momenten, über feine Ironie bis hin zu humorvollen Episoden versteht sie es, die unterschiedlichen Stimmungen durch variierendes Sprechtempo und nuancierte Betonung lebendig einzufangen. Dabei gelingt es ihr immer wieder, uns ein sanftes Schmunzeln zu entlocken.
Insgesamt überzeugt Poolman mit einer exzellenten Lesung, die ein ebenso unterhaltsames wie herzerwärmendes Hörerlebnis bietet.
FAZIT
Eine stille, berührende Wohlfühlgeschichte über Einsamkeit, Verlust, die Magie unerwarteter Begegnungen und späte Neuanfänge.











