Kunden em pfehlungen
Rezensionen von gabiliest:
Das bisschen Haushalt macht sich von allein...
Mama reicht's! von Anke Neckar
Der Beginn dieses Schlagertextes, gesungen von Johanna von Koczian, stammt schon aus dem Jahr 1977. Damals kannte niemand die Begriffe Care-Arbeit oder Mental Load. Aber hat sich seither wirklich die Arbeitsaufteilung in den Familien verändert?
Das thematisiert der Debütroman “Mama reicht’s!” der bekannten Autorin, Bloggerin und Creatorin Anke Neckar.
Das aussagekräftige und ansprechende Cover zeigt bereits die Hauptfigur, Julia, die in der Zwickmühle zwischen Privat- und Arbeitsleben steckt.
Julia ist 24/7 Mutter von zwei Kindern und Ehefrau von Marcel, einem Grundschullehrer. Halbtags arbeitet sie als Ordinationshilfe. Soweit geht es der Familie gut, doch die Trennung eines befreundeten Pärchens macht Julia nachdenklich. Geht es auch ihr gut? Oder übernimmt sie viel zu selbstverständlich wesentlich mehr Verantwortung für das Funktionieren ihrer Gemeinschaft als ihr Mann?
Viele Leserinnen werden nun schmunzeln oder seufzen – je nachdem, wie weit sie ihr eigenes Familienleben darin wiedererkennen. Marcel hilft zwar, wenn Julia ihm ganz genau sagt, was er wann tun muss, womit – und wo er alle Sachen findet. Vielleicht in seinem vollgestopften Kleiderkasten, in dem die Motten nie fliegen lernen werden? Wo sind die Sachen der Kinder, wenn Marcel sie braucht? Und wieso ist Marcel unfähig, die Einkaufsliste zu lesen?
Ist das Buch ein Männer-Bashing? Nein, es zeigt nur auf, mit welchen Problemen und fiesen Situationen Frauen heute noch zu kämpfen haben. Auch in der Ordination gibt es Bemerkungen, die unangebracht sind, sogar Übergriffe kommen vor, wie Julia von ihren Freundinnen berichtet wird. Was Julia bisher hilft: Sie schreibt Briefe an ihr “Older Me” – nachts, wenn ihre Familie schläft. Diese Briefe sollen sie später erinnern: an Kapitel ihres Lebens, die sie abgeschlossen hat; an Schönes und an große Trauer, als sie ihr Baby verlor; an die übergriffige Schwiegermutter; und immer wieder an ihre Kinder, die sie von ganzem Herzen liebt. Doch in den Briefen stehen auch ihre Zweifel – so kann es mit Marcel nicht weitergehen! Julia wünscht sich einen Partner, keinen Mann, der sich wie ein drittes Kind verhält, dem man alles mehrmals sagen muss, der sehr liebesbedürftig ist und schon für jede Kleinigkeit gelobt werden will.
Als an Julias dreiundvierzigstem Geburtstag die Situation eskaliert, weil Marcel beim Grillen einige Bierchen zu viel gezischt hat, scheint es völlig offen, wie sich die Beziehung weiter gestalten wird. Wäre Julia ohne Marcel besser dran? Oder ist er doch ihr Fels in der Brandung?
Und Marcel? Der fällt aus allen Wolken! Es geht ihnen doch gut zusammen, was also hat er falsch gemacht? Sind das vielleicht schon die Wechseljahre? Erst langsam erkennt er, dass die Arbeit in der Familie nicht gerecht verteilt ist und dass er Julia auch noch seine Probleme aufgeladen hat.
Mit “Mama reicht‘s!“ hat Anke Neckar einen klugen und einfühlsamen Roman geschrieben, der die Situation vieler Frauen und damit gleichzeitig unserer Gesellschaft beleuchtet. Die Autorin greift nicht nur innerfamiliäre Themen auf, sondern schreibt auch über wirtschaftliche Abhängigkeit, Altersarmut und toxische Beziehungen. All diese Themen sind in einem fröhlichen, gut lesbaren und interessant aufgebauten Roman verpackt, der humorvoll, ehrlich und mit Augenzwinkern die Situation vieler Paare beleuchtet. Daher kann ich dieses Buch wirklich empfehlen. Es eignet sich gut als Sommerlektüre – und das ausdrücklich nicht nur für Frauen.
Das ist der Fluch der bösen Tat....
Jenseits des Scheins von Anna Johannsen
Die bekannte SPIEGEL Bestseller-Autorin Anna Johannsen hat den fünften Band der Serie über die Ermittler Jan de Bruyn und Hanna Will vorgelegt. Diesmal zeigt das gelungene Cover, dass die Spurensuche in verborgene Tiefen führen wird.
Der Ehemann der Bundestagsabgeordneten Meyerdirks wird bei einer Campingtour im Harz vermisst – Jakob Berger, der nie den Namen seiner Frau angenommen hat.
Sehr betroffen scheint die Abgeordnete, der bisher nur hinter vorgehaltener Hand Korruption vorgeworfen wird, nicht zu sein. Da der Fall aber von öffentlichem Interesse ist, werden die LKA-Kommissare Jan de Bruyn und Hanna Will, denen ein legendärer Ruf als Sonderermittler vorauseilt, zur Unterstützung des lokalen SoKo-Teams hinzugezogen. Als sie Erkundigungen zu Berger einholen, sprechen manche von einem Schöngeist, andere Befragte jedoch von einem Mann mit zwei Gesichtern. Auch hatte Berger kaum eigene Einnahmen, sondern wurde von seiner Frau finanziert.
Lange bringen die Recherchen keine konkreten Ergebnisse, doch in Bergers Leben gibt es viele Liebschaften und Beweise für seine Untreue. Er sowie zwei seiner Schulfreunde stehen jedoch auch im Verdacht, sich als Jugendliche an einer Mitschülerin vergangen zu haben. Die Befragungen stoßen lange auf Schweigen, schließlich gelingt es, die damaligen Mittäter auszuforschen. Durch Hannas Hilfe ist das Opfer nun sogar bereit, gegen seine Peiniger auszusagen.
Unterstützt werden Jan und Hanna von einer Investigativjournalistin, die den Lebenslauf von Meyerdirks durchleuchtet. Da gibt es durchaus Beweise, dass Gelder geflossen sind, aber auch dafür, dass die Ehe mit Jakob Berger gescheitert war. Was hat Jakob Berger vor vielen Jahren getan? Und wurde er wegen seiner Vergangenheit getötet?
Neben diesem komplexen Fall, in dem sich die Ermittlungen schwierig und anfangs schleppend gestalten, bringen auch persönliche Probleme die beiden Kommissare, die ebenso privat liiert sind, an ihre Grenzen. Hanna hat schon einmal einen schweren Verlust erlitten und steht daher dem Gedanken einer Familiengründung mit Jan skeptisch gegenüber. Möchte sie wirklich ein Kind, ist sie jetzt vielleicht bereit für eine neue Rolle, oder wird ihr die Arbeit über alles gehen? Wie steht Jan, der gerade Probleme mit seinem Sohn aus erster Ehe hat, zu diesen Fragen? Hier erzählt Anna Johannsen von schweren Schicksalsschlägen und peinigenden Zweifeln, das eigene Leben komplett zu verändern.
Obwohl die gesamten Untersuchungen sehr professionell geführt werden, arbeitet vor allem eine Beamtin, Rosa Lipinski, dem Ermittler-Duo hervorragend zu. Ihre genaue, unaufgeregte und intelligente Art bringt Jan und Hanna auf die Idee, sie künftig als Sonderermittlerin bei brisanten Fällen anzufordern. Das würde nicht nur ihre Arbeit erleichtern, sondern auch ihre privaten Überlegungen positiv beeinflussen. Letztlich gönnt die Autorin den Lesenden ein schönes und stimmiges Ende. Dass die Aufklärung des Falles gelingt, stand sowieso außer Zweifel.
“Jenseits des Scheins” ist ein gut konstruierter Kriminalroman mit Figuren, die ihre Ecken und Kanten haben, aber dennoch immer menschlich und souverän agieren. Wer gerne interessante und spannende Kriminalfälle mit viel persönlichem Touch liest, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.
Auch Wünsche erfüllen will gelernt sein
Ein Otti für alle Fälle - Verflixte Steinerei! von Nicola Anker
Hast du schon einmal einen Otti gesehen? Nein? Das ist kein Wunder, denn normalerweise sind Ottis unsichtbar. Nur mit Seifenwasser müssen sie aufpassen, dann sieht man sie nämlich. Wie du aber trotzdem Ottis sehen kannst, ist ganz einfach: Nicola Anker hat über sie ein ganz tolles Buch geschrieben.
Schon am Anfang gibt es natürlich ein Otti-Bild und du erfährst jede Menge über diese knuddeligen magischen Tiere. Dazu gibt es viele bunte und lustige Bilder von Nikolai Renger. Also jetzt –Buch auf!
Ottis gibt es schon sehr lange, mit ihren Zaubersteinen helfen sie Menschen und Tieren. Heute bekommt jedes Otti-Kind in der Schule seinen ersten eigenen magischen Stein. Otti Wurfel wünscht sich einen Spaßstein, denn er ist ein kleiner Witzbold. Aber wieso bekommt er einen Wunschstein- was soll Wurfel denn mit dem? Der ist ja furchtbar langweilig! Kann man den nicht umtauschen? Steinkundelehrer Moosbert willigt unter einer Bedingung ein: Zuerst muss Wurfel den Menschen Wünsche erfüllen. Welchen Menschen? Wurfel kennt ja gar keine!
Als Wurfel dann doch eine Familie findet, steht dummerweise ein Kübel mit Seifenwasser auf der Terrasse, und verflixt- Wurfel wird sichtbar. Schnell erkennt er, dass alle Familienmitglieder seine Hilfe brauchen könnten. Und Wurfel zaubert mit dem Wunschstein, doch alles geht schief! Aber nicht nur der Zauber funktioniert ganz verkehrt, Wurfel hat in der Schule Dinge über Menschen gelernt, die so gar nicht stimmen können. Menschen trinken aus der Kloschüssel oder mögen besonders stinkende Pupse – das ist doch echt grauslich. Doch trotzdem schließt ihn die Familie fest ins Herz, denn Wurfel hat ihnen etwas gebracht, das alle mögen- Spaß!
Nicola Anker hat mit “Ein Otti für alle Fälle– Verflixte Steinerei!” ein witziges, warmherziges Kinderbuch geschrieben, das mittels durchgehender, farbiger Illustrationen von Nikolai Renger zu einem echten Hingucker wird. Schon das fröhliche Hardcover lässt erahnen, dass Wurfel mit seinem Wunschstein für Erstaunen sorgt. Wurfel ist so knuddelig beschrieben, manchmal etwas hilflos, aber immer fröhlich und einfach zum Liebhaben. Ein besonderer Spaß ist, dass Lehrer Moosbert im bairischen Dialekt spricht, der immer ausgeprägter wird, je mehr er sich ärgert. Aber in wenigen Sätzen werden auch ernste Probleme dargestellt wie Überforderung in der Arbeitswelt und Depression. Sollten Kinder hier nachfragen, bietet die Geschichte einen guten Gesprächsansatz.
Das Buch wird für Kinder ab sieben Jahren empfohlen und eignet sich durch die kurzen Kapitel, die große Schrift und das dicke Papier gut zum Vorlesen und ersten Selberlesen. “Ein Otti für alle Fälle– Verflixte Steinerei!” gehört für alle gut sichtbar in jedes Kinderbuchregal!
Gefühlsecht, gemein und großartig: Betrug
Das habe ich wegen dir getan von John Lanchester
Der bekannte englische Autor John Lanchester legt mit seinem neuesten Roman “Das habe ich wegen dir getan” eine brillante Rachekomödie vor. Wer ist hier Täterin, wer Opfer? Schon das gelungene Cover lässt die Grenzen verschwimmen: Was ist Licht, was ist Schatten?
Zwei Frauen, zwei Generationen, zwei Rachepläne, zwei Motive: Kate und Phoebe erzählen von Vergeltung:
“He, ich will dich, Disco Doll.
” Das ist nur eine von Jacks frivolen Bemerkungen in seiner Ehe mit Kate. Worte, die so nie in der Öffentlichkeit fallen würden, die jedoch die Intimität dieser Beziehung prägen. Jack ist erfolgreicher Architekt, auch sozial sehr engagiert. Er kümmert sich um Obdachlose und bietet sogar einer betrunkenen jungen Frau, die auf seiner Türschwelle sitzt, spontan Asyl für die Nacht. Obwohl Kate und Jack der Boomer-Generation angehören, ist Jack sehr technikaffin; sein Smart-Home ist sein ganzer Stolz. Doch unerwartet stirbt er.
Phoebe, eine junge, gefragte Drehbuchautorin, feiert gerade ihren Durchbruch. Ihre Netflix-Serie ist ebenso amoralisch wie gemein, doch damit trifft sie den Zeitgeist. Phoebe empfindet keine Reue, weil sie intimste Details einer Ehe – der Ehe zwischen Jack und Kate – zum Gegenstand ihres Drehbuchs macht. Der Erfolg gibt ihr recht, vorerst. Doch dann folgen schlechte Kritiken und eines Tages steht Kate vor ihrer Tür.
John Lanchester beschreibt in unnachahmlicher und einfühlsamer Weise, wie Kate nach Jacks Tod leidet. Niemals wieder gemeinsam lästern, lachen, lieben – niemals, niemals, niemals! Jack muss sie betrogen haben und die intimsten Details ihrer Ehe verraten haben. Kate fühlt sich gedemütigt, ihr bisheriges Leben erscheint als Lüge. Trauer schlägt in Wut um, der Schmerz weicht jedoch mit der Zeit einer unwiderlegbaren Analyse: Genau so, nur so kann es gewesen sein! Und Kate sinnt auf Rache – Rache an Phoebe, die erstaunlich bürgerlich mit Toni zusammenlebt, einem Lehrer und verkannten Musiker. Daneben kümmert sie sich um ihre fürchterliche Mutter. Doch es gibt etwas in ihrer Familiengeschichte, ein Ereignis, das nach Vergeltung verlangt. Nach Rache an Kate und Jack!
John Lanchester zeichnet das Bild zweier Frauen, die vor nichts zurückschrecken, um das Leben der anderen zu zerstören, und die sich bedenkenlos nehmen, was sie wollen. Beide haben gute Gründe für ihr Handeln, beide kennen keinerlei Gewissensbisse oder moralische Zweifel. Unterschwellig und gekonnt ironisch verhandelt der Autor auch den Generationenkonflikt und verschiebt dabei lustvoll die Grenzen des Anstandes.
Die Stärke des Buches liegt in seiner unverwechselbaren und launig-bildhaften Sprache. Aus Worten wachsen große Gefühle – so echt und intensiv, als würde man sie tatsächlich spüren. Wenn man glaubt, die Figuren und ihre Motive durchschaut zu haben, führt John Lanchester die Lesenden mit einem gekonnten Twist in die Irre. “Das habe ich wegen dir getan” ist meisterhaft konstruiert, witzig und voller skrupelloser Gemeinheiten – ein absoluter Pageturner, ein Lesevergnügen und ein herausragender Roman.
Als die Freiheit verschwand
Wenn die Bienen schweigen von Caryl Lewis
Zuerst verschwanden die Bienen, still, leise, ohne Aufhebens. Dann verschwand die Lebensgrundlage der Menschen. Dieses Ausgangsszenario hat die preisgekrönte walisische Autorin Caryl Lewis für ihren packenden Jugendroman “Wenn die Bienen schweigen” gewählt. Das außergewöhnliche Cover lässt offen, ob die darauf abgebildete Biene noch lebt.
Caryl Lewis siedelt ihr Buch in einer nicht näher bezeichneten Gegend nahe einer Stadt an. Dort werden in einem Lager Mädchen zwischen elf und sechzehn Jahren interniert. Ihre Aufgabe ist die Pflanzenbestäubung per Hand mit Pinseln. Schwere Arbeit, Hunger als Machtmittel und die Unterbindung jeder Individualität machen die Mädchen gefügig. Aber nicht alle. Jess, die eine andere, bessere Welt aus Erzählungen ihrer Mutter und einer alten Nachbarin kennt und die schon als Kind mit Hingabe malte, durchschaut die Manipulationen durch das System. Persönliche Freiheit ist undenkbar, gleichgültige Frauen, “Mütter” genannt, bewachen die Insassinnen, die brutal behandelt und gedemütigt werden, Tag und Nacht. Als Jess durch Glück einige Farbtuben erhält, ist sie entschlossen, dem Regime entgegenzutreten. Am nächsten Morgen zeigt ein Gemälde auf der Lagermauer eine offene Tür. Wird die Kunst die Kraft haben, Widerstand auszulösen?
Caryl Lewis lässt Jess als Ich-Erzählerin die brutale Härte des Lagers schildern. Sie beschreibt die psychischen und physischen Qualen, die Unterdrückung und die Heuchelei des Lagerleiters, der das herrschende Militärregime repräsentiert. Auch unter den Mädchen gibt es Mobbing und Verrat. Doch Jess hat eine Freundin, Kass. Lange glaubt Kass blind den Parolen des Regimes, aber als sie sich in ein anderes Mädchen, Deva, verliebt, erkennt sie seine grausame Härte. Wird die Kunst helfen, den Mädchen Hoffnung zu geben?
“Wenn die Bienen schweigen” ist ein Buch, das den Umweltaspekt betont, der aber nur noch im Hintergrund mitschwingt. Die Geschichte erzählt von Repression, bewaffneter Gewalt und dem Mut, dem Regime Paroli zu bieten. Die Themen sind ernst und düster: furchtbare Lebensbedingungen im Lager, aber auch bei den Menschen in der Stadt.
Besonders erschütternd ist das im Roman gezeichnete Frauenbild. Mädchen, die ihre Periode bekommen, werden zwangsverheiratet, unfruchtbare und ältere Frauen sind für die Gesellschaft nutzlos und werden gnadenlos ausgestoßen. Lewis ist überzeugt, dass in einer dystopischen Welt die Selbstbestimmung von Frauen in Gefahr ist. Weniger im Fokus stehen die jungen Männer, die vom Militärregime an die Waffen gezwungen werden. Doch auch hier blitzen manchmal Menschlichkeit und Hoffnung auf.
“Wenn die Bienen schweigen” erzählt eine spannende Geschichte über Freundschaft, Mut und die Fähigkeit, für Selbstbestimmung zu kämpfen. Der Roman wird ab vierzehn Jahren empfohlen und setzt der Freiheit, die auch in der Realität bitter erkämpft werden musste, ein Denkmal. Wo endet hier die Fiktion? Das Buch, das in einfühlsamer und poetischer Sprache Entsetzliches beschreibt, würde sich gut als Schullektüre eignen, um den Wert der Demokratie in den Fokus zu stellen. ”Wenn die Bienen schweigen” ist eine aufrüttelnde und tiefgründige Erzählung über den Wunsch nach Freiheit und die Kraft und Schönheit der Kunst, die auch in scheinbar aussichtslosen Situationen Hoffnung gibt.
Lebensstufen – berührend, bestürzend und brandaktuell
Der Einsiedlersommer von Anne Sverdrup-Thygeson
Die norwegische Professorin für Naturschutzbiologie und Autorin gefeierter Sachbücher, Anne Sverdrup-Thygeson, hat mit “Der Einsiedlersommer” ihren ersten Roman vorgelegt, der in 15 Ländern erschienen ist. Der künstlerisch gestaltete Buchumschlag dieses hochwertig mit Lesebändchen ausgestatteten Werkes zeigt einen Käfer der sich auch direkt auf dem Hardcover wiederfindet.
Der Roman erzählt von zwei Frauenschicksalen unterschiedlicher Generationen. Da ist zum einen Eva, eine dreiunddreißig Jahre alte Biologin, deren Neubeginn einer Flucht gleicht. Ohne ein Abschiedswort verlässt sie Oslo und ihren Lebensgefährten Eirik. Eirik, der so rational reagiert hat, während Eva hätte schreien und toben können vor Schmerz. Sander ist gestorben – ihr Sohn. Noch im Mutterleib, einen Tag vor dem Geburtstermin. Eva sucht Ruhe und muss Abstand gewinnen, zu Eirik und ihrem bisherigen Leben.
In ihrem selbst gewählten Einsiedlerdasein ist Eva nicht ganz allein. Sie lernt Olga kennen. Olga, die bereits die Siebzig überschritten hat und Evas Mutter, ja Großmutter sein könnte. Olgas Kindheit war nicht nur vom Krieg gezeichnet, sondern auch vom Bruderzwist in ihrer Familie. Die Frage, wer ihr Vater ist, brennt Olga unter den Nägeln. Ist es Arne, der sie aufgezogen hat und jetzt im Pflegeheim seinen letzten Sommer verlebt? Oder ist es sein Bruder Knut, der angeblich ein Held war und dessen Leiche nie gefunden wurde?
Eva kartiert im Auftrag der Provinzverwaltung den Wald in der Umgebung des Städtchens Midtstranda. Sie lebt in einem schäbigen, von der Gemeinde beigestellten Häuschen. Doch Olga, die sich eigentümlich verhält, macht sie neugierig. Nach anfänglichen Schwierigkeiten freunden sich die beiden Frauen an, denn sie teilen das gleiche Schicksal: Auch Olga hat ihre Tochter Oline als Baby verloren. Beide Frauen eint die Liebe zur Natur und die Entschlossenheit, zu verhindern, dass diese durch die Errichtung von Steinbrüchen zerstört wird. Olga, die bisher einsam auf ihrem Gut gelebt hat, ist störrisch und undiplomatisch. Sie scheut sich nicht, sich mit der Gemeinde und ihren Abbauplänen für den Naturstein Larvikit anzulegen.
Neben der Kartierung sucht Eva eine in der Region angeblich ausgestorbene Käferart, den Eremiten ( Osmoderma eremita). Die zauberhafte Natur mit Jahrhunderte alten Eichen hilft ihr, Ruhe zu finden und trotzdem ihre Trauer zuzulassen. Mit Hallvard, einem Gemeindemitarbeiter, scheint sie sich gut zu verstehen. Wäre eine neue Beziehung eine Option? Während ihr Lebensgefährte Eirik wiederholt verzweifelt versucht, zu Eva durchzudringen und ihre Liebe zu retten, hinterfragt Eva, ob sie dieser Beziehung einen Neuanfang zugesteht.
“Der Einsiedlersommer” ist ein wunderbares Buch, das die Charaktere der Frauen in ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit zeichnet. Daneben steht die Schilderung der wunderbaren Natur – die Liebe der Autorin zu ihr ist in jeder Zeile zu spüren, ebenso überzeugt die umfassende Sachkenntnis. Große Gefühle laufen im Hintergrund einer Erzählung über den Kampf zwischen Ökologie und Ökonomie ab, Arbeit und Einkommen steht gegen die nicht wieder gut zu machende Zerstörung von Naturschätzen. Bringt es Rendite, eine aussterbende Art zu retten? Ist der Mensch maßlos in seinem Profitstreben? Drei Monate – das Buch umfasst den Zeitraum von Juni bis August 2012 – drei Monate, in denen Eva nicht nur den Eremiten sucht, sondern auch zu neuem Lebensmut findet.
“Der Einsiedlersommer” ist ein kluges, einfühlsames, leises und doch so prägnant geschriebenes Buch, ein Lesehighlight und eine absolute Leseempfehlung. Jede Lebensstufe hat ihre Zeit: “Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde.”
Das Zitat stammt aus dem Gedichtband von Hermann Hesse “Stufen” (2011) ISBN: 978-3-458-35747-6 (Insel-Verlag).
Sprachlos
Ein ganz normales Wunder von Woody Brown
Woody Brown hat mit “Ein ganz normales Wunder” das erste Buch vorgelegt, das von einem nicht-sprechenden autistischen Autor geschrieben wurde. Das gelungene Hardcover nimmt die Lesenden mit zum Schwimmbecken von Upward Bound, der Betreuungseinrichtung, über die Woody Brown schreibt.
Woody ist erwachsen und er ist Autist.
Er kann Sätze nicht selbstständig formulieren, denn er leidet an Echolalie. Damit spricht er Sätze nach, die er von anderen Personen oder in einem Film gehört hat, die jedoch selten zur jeweiligen Situation passen. So ist es kein Wunder, dass er als behindert, ja zurückgeblieben angesehen wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Woody hat seinen Master of Fine Arts an der renommierten Columbia University im Bereich Creative Writing gemacht.
Aber welch steiniger Weg dorthin! Woody kann nur mit Hilfe einer Tafel auf Buchstaben zeigen und braucht dazu einen geschulten Betreuer. Als seine Mutter eine Arbeit annehmen muss, kommt er in eine Tagesstätte für Behinderte, Upward Bound, wo niemand sein Potenzial erkennt und ihn fördert. So beobachtet Woody klar und distanziert: sich selbst, seine Tics und Verhaltensweisen. Das Verhalten der anderen Schützlinge analysiert er mit Verständnis und Mitgefühl. Doch er, der nicht sprechen kann, kann weder seine Bedürfnisse artikulieren noch die Betreuer auf die Bedürfnisse der anderen aufmerksam machen.
Mit derselben Akribie analysiert der Autor das Leben und die Einstellung seiner Betreuer, die schlecht bezahlt einen schwierigen Job machen. Manche Betreuer scheinen ein besonderes Verhältnis zu ihren Schützlingen zu haben, man könnte es Seelenverwandtschaft nennen. So auch Jorge mit seinem Betreuer Carlos, die einander die Welt zu bedeuten scheinen. Jorge, der gerne ausbüxt, sieht sich hilflos einer Polizeistreife gegenüber. Carlos greift ein, doch diese Episode endet bitter. Woody weiß genau, dass sich Autisten auffällig benehmen, sich unerwartet und unverständlich artikulieren und dadurch schnell Missverständnisse entstehen. Und davor hat Woody Angst.
“Ein ganz normales Wunder” lässt neurotypische Menschen in eine Welt blicken, die ihnen bisher verschlossen war. Man könnte Mitleid empfinden. Aber ist dieses Mitleid angebracht? Natürlich sind die Bedingungen für die Betroffenen nicht optimal – schlechte Betreuung, wenig Geld, um die Verhältnisse zu verbessern. Aber ist Mitleid nicht arrogant, wie eine Protagonistin fragt, die die Gruppe jeden Freitag bei ihrem Ausflug in ein Kaufhaus beobachtet? Woody Brown erzählt in klarer, direkter und manchmal humorvoller Sprache, dass kein Außenstehender das Innenleben von Autisten beurteilen kann. Er kritisiert, dass neurotypische Menschen nicht erkennen, dass Zeit auch für Autisten ein wertvolles Gut ist. Man sollte sie nutzen, um die Schützlinge möglichst gut zu fördern. Mitleid will er nicht, sondern Akzeptanz und Verständnis von einer Gesellschaft, für die ein neurotypisches Leben die Normalität ist.
Aber Bewunderung ist erlaubt. Bewunderung für Woody und seine Mutter, für ihre Kraft, ihr Durchhaltevermögen, ihre gegenseitige Liebe und dafür, wie sie ihr Leben meistern. Denn Selbstmitleid wird man in diesem Buch vergeblich suchen.
Mein Fazit:
“Ein ganz normales Wunder” ist ein bewegendes Dokument über das Sehnen und Fühlen autistischer Menschen. Woody Brown nimmt die Lesenden mit in sein Leben und lässt sie sehr ehrlich daran teilhaben. Wir dürfen mitfühlen, sowohl mit den Betroffenen als auch mit ihren Familien und Betreuern. Woody Brown ist ein besonderes, sehr berührendes Buch gelungen, das große Beachtung und starken Widerhall in der Öffentlichkeit verdient.
Ein Feuerwerk der Fantasie
Immerland - Der Ozean der Ewigkeit von Flix
Mit “Der Ozean der Ewigkeit” hat der vielfach preisgekrönte Illustrator und SPIEGEL Bestseller-Autor Felix Görmann unter dem Pseudonym Flix den zweiten Band der “Immerland-Trilogie”, einen Jugendroman, geschrieben und illustriert, der die Lesenden in Welten zwischen Utopie und Dystopie führt.
Das hochwertige, künstlerisch herausragend gestaltete Hardcover mit Goldprägung lädt dazu ein, Mika, die Hauptfigur des Buches, bei seinen Abenteuern zu begleiten.
Mika ist fast vierzehn Jahre alt, bei seinen Mitschülern nicht besonders beliebt und ein Zocker. Schon einmal war er in Immerland, einer Welt jenseits von Raum und Zeit. In der ewigen Stadt ist er nur knapp dem Tyrannen – dem Doktor – entkommen. Nun landet Mika in Immerland, dieses Mal zusammen mit einer Mitschülerin, der stressigen Jessica, der Selfies und Posts über alles gehen. Mika muss Jessica wieder nach Hause bringen. Um in die ewige Stadt zu kommen, robbt Mika durch stinkende Abwasserkanäle, verfolgt von einem Rudel naiver Affen, den Jägern. Doch Jessica scheint es in der ewigen Stadt zu gefallen, denn dort wird jeder Wunsch sofort erfüllt. Wieder trifft Mika bei seiner gefährlichen Mission auf seinen größten Feind, den Doktor. Diesmal möchte nicht nur er verhindern, dass Jessica und Mika Immerland wieder verlassen.
Flix hat in “Immerland – Der Ozean der Ewigkeit” ein wahres Feuerwerk an Ideen abgebrannt. Aus jeder Seite des Buches kriecht eine Kreatur – meistens feindlich gesinnt, manchmal hilfsbereit, wenn auch nur aus Eigennutz. So hat Mika, der in der Oberwelt etwas linkisch erscheint, in Immerland die Rolle eines Helden. Niemand kann so gut riesige Maschinen steuern wie er. Auch wenn Mika immer wieder überzeugt ist, dass ”Dinge passieren. Aus Gründen. Und meistens ist es Physik”, wird man in diesem Buch die Gesetze der Physik und Logik vergeblich suchen.
In atemberaubendem Tempo verändern sich die Szenerien und die Aufgaben, die Mika zu bewältigen hat. Damit erinnert der Ablauf des Geschehens an ein Computerspiel. Einige der Charaktere, denen Mika begegnet, sind schon aus dem ersten Band der Reihe bekannt, bleiben aber insgesamt eher blass. Auch die Figur des Doktors, Mikas Endgegner, bekommt wenig Raum. Doch diesmal ist klar: Mika muss nicht nur Jessica und sich selbst retten, sondern die gesamte Menschheit. Denn der Doktor möchte allen ewiges Leben und die Erfüllung aller Wünsche ermöglichen und nicht nur Immerland beherrschen, sondern die ganze Welt.
“Immerland – Der Ozean der Ewigkeit” ist ein Comicroman in geschriebenen Bildern, die erst im Kopfkino der Lesenden sichtbar werden. Doch auch das leistungsfähigste Kopfkino könnte durch die ungeheure Ideenfülle überfordert sein, die manchmal die Geschichte nicht voranbringt, sondern immer wieder mit neuen Elementen ausgestaltet. Da das Buch ab zwölf Jahren empfohlen wird, ist die Sprache der Altersgruppe angemessen, und man sollte sich an einigen nicht salonfähigen Ausdrücken nicht stören. Im Hintergrund laufen wichtige Themen mit: Macht Konsumwahn unfrei? Ist ewiges Leben wirklich erstrebenswert? Ist der Mensch nur ein Irrtum der Evolution? Kann dieses Buch die Zocker von ihren Geräten weglocken?
Und der Ozean der Ewigkeit? In einem unermesslichen Raum schwimmen Seelen, die ihre Lieben zwar sehen, aber keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen können. So regt das Buch auch durch poetische Passagen zum Nachdenken an und schafft Vorfreude auf Band drei, der 2027 erscheinen wird.
Mein Fazit:
“Immerland – Der Ozean der Ewigkeit” ist ein Jugendbuch, das mit überbordendem Ideenreichtum, bildhafter Sprache und einer spannenden Geschichte aufwartet. Die Themen Freundschaft und Loyalität sind wichtig, neben jeder Menge Abenteuer gibt es auch nachdenklich stimmende Passagen. Jugendliche, die ein Feuerwerk der Fantasie und eine unkonventionelle Handlung schätzen, haben hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.
Hochzeit auf italienisch
Mama mag keine Spaghetti von Tessa Hennig
Mit “Mama mag keine Spaghetti” hat die bekannte Autorin Tessa Hennig ein sommerliches, fröhliches Buch vorgelegt, das in eine der schönsten Gegenden Italiens entführt, in die Toskana.
Mamma mia, eine italienische Hochzeit! Da sind Temperament, Verwicklungen und natürlich Amore vorprogrammiert.
Julia aus Deutschland will ihren italienischen Freund Lorenzo heiraten. Dumm nur, dass sich kurz vor der Hochzeit herausstellt, dass sie über sein Vorleben kaum Bescheid weiß. So einen Hallodri kann man nicht heiraten - oder doch? Aber es gibt nicht nur ein Beziehungschaos. Julias Mutter Hanna und ihr Vater Michael haben sich kürzlich getrennt. Beide sind zur Hochzeit angereist, der Vater sogar mit neuer Freundin. Da ist die Eifersucht groß und die Begegnungen sind eigenartig bis unangenehm. Zudem hatten Hanna und Michael einen gemeinsamen Lebenstraum: Sie wollten eine Weinhandlung eröffnen. Nun sind beide Konkurrenten – wer wird die besten Weinlieferanten an Land ziehen?
Doch damit nicht genug des Elends, poca miseria (das ist ein Schimpfwort und braucht nicht übersetzt zu werden). Auch Lorenzos Eltern haben Ehekrach. Da kann es sicher gar keine Versöhnung geben- oder doch?
Tessa Hennig hat mit leichter Feder und sehr schwungvoll einen Liebesroman geschrieben, den man selbst gerne am Strand in Italien lesen möchte. Das italienische Temperament, die südliche Lebensfreude und die Lebenslust der Menschen sind gut eingefangen. Jedoch auch die Schwierigkeiten, die sich in einer langjährigen Ehe ergeben, in der die Partner nicht immer gemeinsame Wege gehen.
Die Charaktere der Protagonisten sind passend zum Thema ausgearbeitet. Da ist Hanna, die die Fünfzig schon überschritten hat und sich fragt, ob ein Neuanfang in ihrem Alter möglich ist und die die Freude am Leben und an der Liebe in Italien wiederfindet. Michael, ihr Noch-Ehemann, ist auch in den “besten” Jahren und schmückt sich mit einer zwanzig Jahre jüngeren Freundin, Katrin. Zum Ärger von Hanna und Julia ist Katrin auch noch nett und klug. Julia wird als selbstbestimmte, tüchtige junge Frau beschrieben, die ihre Ansprüche durchzusetzen weiß und die nicht bereit ist, schnell zu verzeihen. Lorenzo liebt Julia, aber war nicht ehrlich zu ihr. Chaos pur, wohin man auch schaut.
Mit “Mama mag keine Spaghetti” hat Tessa Hennig einen lockeren, stimmigen Liebesroman geschrieben, der alle Merkmale aufweist, die ein guter Liebesroman haben sollte. Unter der südlichen Sonne Italiens entfaltet sich ein Familienleben, das Gegenstand einer Tragikomödie sein könnte. Große Gefühle treffen auf Kränkungen, Ehrlichkeit und Treue sind Themen, die die Autorin eindringlich, doch auch sehr witzig behandelt. Und natürlich – es wäre nicht Tessa Hennig, wenn nicht Grande Amore alle Schwierigkeiten überwinden würde. Ich habe beim Lesen dieses Buches nicht nur das südliche Flair genossen, sondern auch eine Geschichte, die durch ihre Lebensfülle auch die Lesenden direkt einbezieht. Mir hat dieser Roman gut gefallen und ich empfehle ihn für entspannende Stunden gerne weiter.
Aus dem Hamsterrad
Querfeldein von Alex Capus
Der preisgekrönte SPIEGEL-Bestseller-Autor Alex Capus schlägt mit seinem neuen Werk “Querfeldein” einen großen Bogen vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die NS-Zeit. Der beeindruckende Buchumschlag, der ein Gemälde des Schweizer Künstlers Hans Emmenegger zeigt, öffnet den Blick in eine weite, offene Landschaft, eben querfeldein.
Arnold ist der Sohn eines Fabrikarbeiters. Als die Zeit kommt, dass auch er in die Fabrik soll, wird ihm sofort klar: In dieses stumpfsinnige, immer gleiche Tun, in dieses Hamsterrad, will er nicht. Arnold hat Glück im Spiel und gelangt zu Reichtum, er kann Land kaufen und den “Gasthof zur Moskau” bauen, nahe an der deutsch-schweizerischen Grenze. Der eigenartige Name des Hauses ist den ständigen Witzen der Dorfburschen geschuldet, denn Arnolds Land grenzt an “Peters Burg“, das verfallene Anwesen eines menschenfeindlichen Bauern.
Eines Tages reitet Betty über die verschneiten Felder in den Hof – und Betty bleibt. In wenigen Sätzen gelingt es Alex Capus, die intime und innige Beziehung des Paares darzustellen, diese absichtslose Freude aneinander, die ihr Glück ausmacht. In der Ehe werden acht Kinder geboren, Betty erkennt sehr bald, dass die älteste Tochter, Clara, Schwierigkeiten machen wird. Schon als kleines Kind stromert sie querfeldein, in der Natur bewegt sie sich sicher, in geschlossenen Räumen linkisch. Übergriffige Burschen bekommen nicht nur Claras Zynismus, sondern auch ihre kleinen Fäuste zu spüren. Dann verliebt sich Clara in einen tschechischen Burschen, der Zucker nach Deutschland schmuggelt.
Doch dort hat sich die Welt verändert, man schreibt das Jahr 1933, dort patrouillieren SS-Schergen. Was nun geschieht, bringt nicht nur Clara, die weder Furcht noch Scham kennt, gegen die Obrigkeiten diesseits und jenseits der Grenze auf. Das ganze Dorf sorgt dafür, dass sich zwischen Deutschland und der Schweiz unvorhersehbare diplomatische Verwicklungen ergeben.
“Querfeldein” ist ein Roman, der nicht nur durch seine Handlung, sondern auch durch seine einfache, starke und pointierte Sprache begeistert. Kurze Sätze bringen die Erzählung prägnant voran, schildern den Alltag oft trivial – im Alter bekommen die Zehennägel Rillen, die zu nichts gut sind –, doch immer schwingt im Hintergrund der Wunsch mit, die persönliche Freiheit zu bewahren und den Zwängen des Daseins zu trotzen. Arnold versteht das, stellt keine Fragen und wartet, wie sich die Dinge entwickeln. Seine freundliche und kluge Sichtweise auf das Leben ermöglicht es ihm, Verständnis für Betty und Clara zu zeigen. So nimmt sich Betty ihre Freiheit, ohne zu fragen und ohne sich rechtfertigen zu müssen, denn auch für sie kommt der Moment, in dem sie ihre Ehe und die täglichen Pflichten als Hamsterrad empfindet.
Im folgenden Szenario ist unklar, wo die Realität aufhört – immerhin handelt es sich um ein historisch belegtes Geschehen – und die Fantasie beginnt. In verschiedenen Erzählpanoramen stellt der Autor Vermutungen und Überlegungen zum weiteren Verlauf des Schicksals der Protagonisten an und die Lesenden sind eingeladen, es ihm gleich zu tun.
Mein Fazit:
“Querfeldein” ist hervorragende Literatur, die auf subtile Weise das Schicksal und die Möglichkeit thematisiert, es zu bewältigen oder ihm ein Schnippchen zu schlagen. Neben einer innigen Liebesgeschichte und lapidaren Schilderungen des Alltagslebens beschreibt Alex Capus eine Welt im Umbruch, zwischen Bürokratie und Fanatismus. Dennoch bietet der Roman skurrile Szenen, die den politischen Herausforderungen der Zeit geschuldet sind. ”Querfeldein” war für mich ein Lesehighlight; wer Romane mag, die auf realen historischen Ereignissen beruhen und dennoch eine unvergleichliche Geschichte bieten, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.











