Kunden em pfehlungen
Rezensionen von stina23:
Archäologie für Kinder aufbereitet
Der rätselhafte Verwandte aus der Eiszeit von Silke Vry
Im siebten Band der „Dusty Diggers“ wird einer Menschenart auf den Grund gegangen, die es in dieser Form nicht mehr gibt – den Neandertalern. Zu Beginn begegnet man zwei italienischen Arbeitern, die beim Zerhacken einer dicken Lehmschicht in einer Höhle im deutschen Neandertal auf Knochen stoßen.
Durch mehrere glückliche Zufälle und beharrliche Menschen wird dieser Fund der Wissenschaft zugänglich gemacht und nach und nach stellt sich heraus, welche Sensation dahintersteckt. Einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kommen zu Wort und es wird über die neuesten Erkenntnisse über die Lebensweise der Neandertaler berichtet.
Ich habe mit dem siebten Buch mein erstes aus der Dusty-Diggers-Reihe gelesen und mir hat es sehr gut gefallen. Zwar passe ich nicht ins Profil der hauptsächlich angesprochenen Leserschaft (für Leser und Leserinnen ab 8 Jahren), aber auch als Erwachsene darf man sich mit und über Kinderbücher freuen. Und tat ich! Ich war vor allem von der Art, wie (Archäologie-) Geschichte vermittelt wird, begeistert. Die oft so harten Fakten der Geschichte sind in eine schöne Story verpackt, und man lernt einfach nebenher etwas Neues (zB: Warum musste die harte Lehmschicht weggehackt werden?). Mich erinnert die Herangehensweise an einen Podcast, den mein Kind sehr gerne hört und sich dabei einiges über Geschichte merkt. Die Sprache ist an das Alter der angesprochenen Leserschaft angepasst. Am Ende des Buches gibt es einige Seiten, auf denen Wörter, die im Text mit einem Sternchen markiert wurden, erklärt werden. Die Autorin schafft auch etwas sehr Wichtiges - sie gibt Frauen der Wissenschaft einen Platz im Buch. Im 19. Jahrhundert waren es zum allergrößten Teil Männer, die Erwähnung und Beachtung fanden. Silke Vry lässt die Leserschaft an der Arbeit von zwei Frauen und einem Mann im 21. Jahrhundert teilhaben und macht so auch für Kinder sichtbar, dass jede und jeder eine Stimme hat, die gehört werden soll.
Die Illustrationen von Marie Geissler sind wunderbar. Sie begleiten die Geschichte nicht nur sehr gut, sie machen das Buch zu einem Erlebnis. Die bunten und mit Liebe zum Detail gemachten Zeichnungen laden zum Betrachten ein und unterteilen den Text, was für einige junge Leserinnen und Leser motivierend sein kann („schau mal, ich hab bis zu diesem Bild gelesen“).
Ich bin von diesem Buch begeistert und werde die Reihe auf jeden Fall weiterverfolgen und auch weiterempfehlen!
Knisternde Nerven, die stark verbunden sind
Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher
Er wollte doch nur das Richtige tun. Sein Verhalten wird missverstanden, ist es ja auch recht außergewöhnlich. Er kämpft mit dem Richtigsein. Sie kämpft ebenfalls damit, wie auch mit ihrer eigenen Richtigkeit und vor allem kämpft sie aber für ihn.
Ozzy und seine Mutter Ann haben knisternde Nerven, wie Ann es ausdrückt.
Bei Ozzy wird ADHS diagnostiziert, bei seiner Mutter wurde das in ihrer Kindheit nicht. Sie wurde einfach als wild eingestuft. Ozzy wird auch in Schubladen gesteckt. Schubladen, die verhindern, dass er in seiner Ganzheit gesehen und verstanden wird. Als eines Tages in der Schule ein Unglück passiert, auf das Oz so reagiert, dass es andere verstört, beginnen sich Ereignisse aneinanderzureihen, die den Jungen und seine Mutter außerordentlich fordern.
Mich hat die Geschichte sehr berührt. Es waren die Passagen, die Ozzys innere Welt mit der Reaktion der Außenwelt in Vergleich brachten. Vieles von dem kam mir bekannt vor. Das Fehlen von Verständnis, dem richtigem Auseinandersetzen mit dem Menschen, der ein bisschen anders funktioniert und auch das Bedürfnis, diesen Menschen passend zu machen. Mit Ann, ihren Gedanken und ihrem Erleben, ging es mir da sehr ähnlich. Die Autorin erzählt die Geschichte der beiden sehr authentisch. Ich fand mich in vielem wieder und das berührt einfach. Ozzys Wunsch nach einer freien, unbeschwerten Zeit, in der einfach nichts von ihm gefordert wird. Seine Sorge, dass er das eingetretene Unglück visualisiert hat und damit daran Schuld ist. Anns Gedanke, dass alles, was passiert, nur dann wahr ist, wenn man es auch fühlen kann. Das ist mir alles in Variationen vertraut und von der Autorin gut recherchiert oder erlebt. Über all dem steht noch das wichtigste Thema: die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.
Mir gefällt der Schreibstil von Birgit Birnbacher sehr gut. Die oft unvermittelten Sprünge zwischen den Erlebenden/Erzählenden machen das Buch besonders und bilden für mich auch ein bisschen ab, wie Gedankenprozesse in einem neurodivergenten Gehirn funktionieren können. Die lockere und intelligente Erzählweise, sowie die schon erwähnten authentischen Charaktere machen die Geschichte angenehm lesbar.
Für mich war das Lesen dieses Buches eine schöne gedankliche Reise, die häufig an meiner Realität angedockt hat und mich deshalb berührt hat.
Zeitreise geht auch besser
Das White Octopus Hotel von Alexandra Bell
Für Eve ist einiges normal, was auf andere fremdartig wirkt. Oft wird sie von einem Kaninchen, das niemand anderes zu sehen scheint, verfolgt oder ihr Oktopus-Tattoo wandert auf ihrem Körper umher und bewegt die Arme. Für sie liegt die Erklärung für all das in dem Schicksalsschlag, den sie schon als kleines Kind erleben musste.
An dem ist nicht nur sie in großen Teilen zerbrochen, sondern auch ihre Familie. Einsamkeit, Kontrolle und ein nicht greifbares Sehnen prägen ihr Leben. Bis eines Tages ein alter Mann an ihrem Arbeitsplatz auftaucht und damit der Stein für ein Abenteuer angestoßen wird, das Eve nicht nur in andere Länder, sondern auch in andere Zeiten führt.
Zu Beginn hat mich das Buch recht schnell begeistert. Die Aussicht auf eine Zeitreise mit ungeahnten Folgen hat in mir viel Vorfreude ausgelöst. Eve wirkt aufgrund ihrer Traumata unnahbar, kalt und sehr kontrolliert. Sie fühlt sich in ihrer Umgebung, eigentlich in ihrem gesamten Leben falsch, akzeptiert als Erwachsene aber ihr Schicksal, hat jedoch auch Träume und Ziele verloren. Als dann das Unglaubliche geschieht, scheint das wie der Startschuss in ein Abenteuer, das alles, inklusive Eve verändern kann. Für mich ist das leider nicht geschehen. Eve ist weiterhin ein Rätsel für mich geblieben, sehr unnahbar und wenig greifbar. Besonders schade fand ich, dass die angeblich große Liebe mit den tiefen Gefühlen für mich absolut nicht als solche nachvollziehbar war. Zu oberflächlich wurde über sie geschrieben, zu wenig wurde die Leidenschaft transportiert. Obwohl sich einige Wendungen im Buch auftun und das Zeitreisen ein interessanter Aspekt ist, hängt immer etwas Düsteres über der Geschichte.
Mir hat das Buch nur in Teilen gefallen und meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es hat mich einfach nicht gepackt.
Freunde, Familie, Liebe
FREI - Bester Anfang (FREI 3) von Sarah Welk
Im dritten Band der Buchreihe „Frei“ steht Koray im Mittelpunkt. Der Fünfzehnjährige lebt mit seiner Mutter bei seiner Oma in Rottloch, einem Dorf in Deutschland. In der Familie kriselt es. Die Influencer-Karriere von Chiara, Korays Mutter, wurde unter unschönen Umständen beendet, sodass die Familie finanziell in Not gerät.
Koray will dem Abhilfe verschaffen, indem er seinen Vater ausfindig machen will, um von ihm Alimente einzufordern. Bei seiner Suche stehen ihm Nina, Josh, Nasrin und Nico, seine besten FreundInnen, die man schon aus den vorhergehenden Bänden kennt, zur Seite. Gemeinsam gehen sie Hinweisen nach und finden so einiges über sich, einander und die Geheimnisse im Dorf heraus.
Koray erzählt aus der Ich-Perspektive. Er ist ein interessanter Charakter. Vor einiger Zeit hat er noch ein eher luxuriöses Leben geführt, ist jetzt aber auch bei seinen Freunden und seiner Großmutter in Rottloch eigentlich recht zufrieden. Denn wie auch schon in den vorhergehenden Bänden wird die Freundschaft zwischen den Jugendlichen sehr großgeschrieben. Doch die Beziehung zu seiner Mutter verschlechtert sich nicht nur wegen ihrer Arbeitslosigkeit und der Geldsorgen, sondern auch weil ein großes Geheimnis zwischen ihnen steht – die Identität von Korays Vater. Während die Teenager nach ihm suchen, erfährt man einiges über ihre verschiedene Familienmodelle und auch über die Probleme, die ihnen innewohnen. Die Autorin schreibt realitätsnah und lässt ihre jugendlichen Charaktere altersadäquate Sprache verwenden. Das und einiges an Humor verleihen dem Buch Leichtigkeit. Koray darf sich auch verlieben und erste Erfahrungen mit in einer homosexuellen Beziehung machen.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich denke, dass die angesprochene jugendliche Leserschaft das ähnlich sehen könnte. Die Themen sind aus ihrer Lebensrealität gegriffen und die unzerreißbare Freundschaft in der Gruppe wirken stärkend und motivierend. Eine lesenswerte Lektüre!
Neurodivergent und gut so!
Ich erzähle von meinen Beinen von Cornelia Travnicek
Der Alltag und vor allem der Schulalltag gestaltet sich für Valerie und auch für ihre Mutter Wally manchmal herausfordernd. Es wird angeregt die Zehnjährige testen zu lassen, wobei sich herausstellt, dass das Mädchen ADHS hat. Daraufhin stellen sich der Familie viele Fragen, wie zum Beispiel zur Gabe von Medikamenten.
Wally fällt einige Entscheidungen im Alleingang, kämpft für und mit ihrer Tochter. Doch auch in ihrem Leben, besonders in ihrem Inneren, gibt es viele Herausforderungen, die Konzentration und Organisation angehen. All das und noch einige unvorhergesehene Geschehnisse führen dazu, dass es zu der immer wieder in kurzen Absätzen angekündigten Katastrophe kommt.
In Rückblicken erzählt die Autorin mit Wally als Ich-Erzählerin, wie sich die Ereignisse aneinanderreihen, die zu ihrem Nervenzusammenbruch und der Überschwemmung führen.
Die dreiköpfige Familie lebt recht idyllisch in einem Haus am Land nahe einer größeren Stadt. Alles scheint gut zu laufen, doch Wally kosten viele Dinge des Alltags mehr Energie, wo sie doch andererseits nur so vor Ideen und Energie sprudelt. Ihrer Tochter Valerie geht es da ähnlich und bei ihr wird ADHS diagnostiziert. Die Leserschaft darf Wallys täglichen Überlegungen, ihrem Leben in einem kleinen Dorf, dem Anderssein, den vielzähligen Ideen, die auf Umsetzung warten und ihren Bemühungen alles schaffen zu müssen folgen.
Das Buch ist in kurzen Kapiteln und noch kürzeren Einschüben aus Zitaten, Gedanken oder vorausschauenden Erklärungen aufgebaut. Für mich war das interessant und spielgelt auch die Struktur, der ein neurodivergentes Gehirn folgen kann. Mich hat es überaus berührt, wie sehr ich mich in Wallys alltäglichen Abläufen, Gedanken und Problemen wiederfand. Einige Worte der Autorin drückten aus, was auch in mir schlummert, sich jedoch noch nicht bis zur Oberfläche durchgearbeitet hat und sie sprach mir damit oft aus dem Herzen. Die Themen Mental Load, Alltag mit Beruf und Familie, schulische Herausforderungen für Kind und Eltern, die sich von denen neurotypischer Familien sehr unterscheiden können und das fehlende Verständnis des Umfeldes fand ich sehr gut recherchiert (oder sind sie selbst erlebt, denn diesen Eindruck hatte ich oft wegen der präzisen Beschreibungen?). Dabei wohnt der Geschichte auch viel Humor inne, der das Buch zu einer schön und leicht zu lesenden Lektüre macht.
Danke für das verständnisvolle, tröstende, tiefgründige und humorige Buch!
Aus dem Funken wird ein Feuer
Funkenschwestern von Barbara Blaha
Barbara Blaha schafft es in ihrem Buch den Funken überspringen zu lassen. Obwohl es eigentlich ein Sachbuch ist, ist ihre Art zu schreiben sehr einnehmend. Der Text liest sich flüssig, denn sie erzählt eine Geschichte, die Geschichte des Feminismus und sie erzählt auch Geschichten. Geschichten rund um den Feminismus, oft auch direkt aus ihrem Erleben.
Diese Mischung ließ mich immer interessiert und aufmerksam bleiben, sodass ich das Buch beinahe ohne Weglegen durchgelesen habe. Die Autorin vermittelt Fakten, Zahlen, verweist auf viele Studien und andere AutorInnen. Die vielen Informationen verbindet sie harmonisch und schafft so ein Buch, das, so wie sie das selbst schreibt, ein Feuer entfachen kann. Ein Feuer dafür, das Patriachat, in dem wir alle leben, in seinen vielen, oft aus alter Gewohnheit schon unsichtbar gewordenen Facetten zu erkennen, zu beleuchten, zu hinterfragen und vor allem hinter uns zu lassen und zu einem neuen Ufer aufzubrechen, in dem wir alle gleichberechtigt sind. Wie Johanna Dohnal es ausdrückte: „…in eine menschliche Zukunft“.
Mich hat Barbara Blaha mitgerissen und mir gezeigt, dass ich mit meinen Ansichten nicht allein bin. Sie bestärkt die Menschen, die Veränderung voranzutreiben, mit viel Kraft, Mut und Nachsicht. Durch den Blick zurück, veranschaulicht sie, wie weit wir schon gekommen sind und wie viel Menschen vor uns schon geleistet haben und motiviert damit, den Feminismus immer weiterzutragen. Ich fühlte mich beim Lesen bestärkt durch ihre kraftvollen und energiegeladenen Worte und bin dankbar, dass es eloquente Menschen wie sie gibt, deren Worte man sich leihen kann.
Jede*r verdient eine Liebesgeschichte
24 Sekunden ab jetzt von Jason Reynolds
24 Sekunden, 24 Tage, 24 Wochen und 24 Monate – in diese Zeitabschnitte teilt der Autor sein Buch und die Ereignisse in Neons Leben ein. Den Siebzehnjährigen beschäftigt eine Sache mehr als alles andere. Seine Freundin Aria und er wollten zum ersten Mal Sex haben, miteinander und überhaupt. Da tauchen sehr viele Fragen bei ihm auf, die er mehr oder weniger beantwortet bekommt.
Seine Familie spielt dabei eine wichtige Rolle und auch seine Freunde und Freundinnen lernt man dabei besser kennen und welche Meinungen und Erfahrungen sie zum und mit dem Thema Sex haben. Es kommt zu vielen offenen Gesprächen, die Neon teilweise unangenehm sind, jedoch vermitteln sie Großteils eine sehr schöne, moderne und respektvolle Einstellung zu Sex, wobei die Gefühlsebene die ihr zustehende wichtige Bedeutung bekommt. Auch wird angesprochen, welche Ratschläge die Großvatergeneration gegeben hat und Neon muss erklärt werden, was mit „sich die Hörner abstoßen“ gemeint ist. Die Eltern entkräften diesen alten Spruch, indem sie ihn mit der Realität und ihren eigenen Erfahrungen damit oder auch ohne ihn abgleichen.
Doch nicht allein Neos und Arias erstes Mal steht im Fokus dieses Buches. Im Verlauf der Geschichte wird mehr und mehr ausgezoomt. Ist am Beginn der Moment, den Neon in Arias Badezimmer verbringt und sich Gedanken über Sex macht, wichtig, wird Seite um Seite, Kapitel um Kapitel mehr von seiner inneren sowie auch äußeren Welt sichtbar. Dieses Stilmittel hat mir sehr gut gefallen. Es lässt die Leserschaft einerseits den Siebzehnjährigen, seine Beziehung mit Aria, seine Familie und Freunde besser kennenlernen, andererseits zeigt es auch, wie es zu dem einen am Anfang des Buches einzig wichtig zu scheinenden Gedanken gekommen ist und wie das Umfeld eines Menschen ihn und seine Handlungen prägt.
Das Buch ist angenehm zu lesen, die Sprache ist Jugendlichen angepasst, kommt jedoch ohne Jugendsprache aus. Die Offenheit, mit der Neon und sein Umfeld über Sex sprechen ist für das Buch wichtig, ich bezweifle aber, dass das in der Realität oft vorkommt, und ich stelle mir die Frage, wie sehr Jugendliche mit der Geschichte etwas anfangen können. Mir haben auf jeden Fall die wertschätzenden, respektvollen und achtsamen Ratschläge, die Neon bekommt, gefallen und denke, dass es lesenswert ist.
Stark und zart zugleich
Mo & Moritz von Julya Rabinowich
Mo hat so viel mehr als nur seinen Geburtsnamen hinter sich gelassen, als er mit seinen Eltern und Geschwistern aus seinem Land flüchten musste. Zugehörigkeit, Sicherheit und Akzeptanz fühlt er in seinem neuen Zuhause Wien nur vereinzelt. Als er aus der Schule geworfen wird, eröffnet sich für ihn in seiner Lehre als Friseur mit viel Glück ein neuer Pfad.
Einer, der für ihn jedoch auch mit vielen Hindernissen bestückt ist. Mo lernt Moritz kennen und lieben, trifft auf Menschen, die an ihn glauben und steht vor der Herausforderung, sein Selbst leben zu lernen und seinen Weg zu gehen.
Die Autorin, Julya Rabinowich, schreibt sehr einnehmend. Wie an einem Faden wird man durch die Geschichte gezogen. Ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen und beleuchtet das Leben von Mo und Moritz über den Zeitraum von einigen Monaten. Dabei wird klar, dass in den Familien der beiden tiefliegende Traumata schwelen. Zeitnah ist es bei Mo, der unter gewaltsamen Umständen die Flucht aus seiner Heimat erleben musste und dessen Familienmitglieder damit und mit den Lebensumständen – sie wohnen in einer sehr kleinen Wohnung in einer oft voreingenommenen neuen Stadt - umgehen müssen. Moritz‘ Familie trägt das Trauma schon ein bis zwei Generationen mehr mit sich herum. Aufgrund antisemitischer Vorfälle bricht es immer wieder an die Oberfläche. Die beiden jungen Männer, die sich trotzdem für eine Beziehung entscheiden, sind eine Fackel der Hoffnung und stehen für eine vorurteilsfrei(er)e Gesellschaft. In absolutem Gegensatz dazu steht Mos Bruder. Die Autorin lässt seine radikalisierte Lebensweise mit einem Thema, das vor eineinhalb Jahren in Wien und darüber hinaus traurige Brisanz erfuhr, verschmelzen. Julya Rabinowich hat ihre Figuren wunderbar gezeichnet, gestaltet sie vielschichtig und ihre Handlungen sind nachvollziehbar. Weiters lässt sie sie sich im Fortschreiten der Geschichte weiterentwickeln und bringt sie den Lesenden nahe, indem sie nahe an der Realität bleibt.
Mich hat das Buch, wie schon erwähnt, gefesselt, einen Blick in andere Lebensrealitäten ermöglicht und auch etwas Hoffnung geschenkt. Eine absolute Empfehlung meinerseits.
Frauen in den 1930ern – ein bisschen anders und ganz viel gleich
Was vor uns liegt von Alba de Céspedes
Wie viele Bücher und die darin erhaltenen Geschichten wohl schon vergessen wurden? Das Werk „Was vor uns liegt“ von Alba de Céspedes wurde im Jahr 1938 erstmals in Italien herausgebracht und von den Faschisten sogleich wieder verboten. Durch die Neuauflage, beinahe 90 Jahre später, wird es vor dem Schicksal des Vergessens bewahrt.
Im Konvikt Grimaldi leben und studieren Frauen im Rom der 1930er. Mit dem Erhalt von Bildung erhoffen sie sich die Möglichkeit, ihr Leben freier gestalten zu können, denn die damals vorherrschenden Rollenbilder erlauben ihnen wenig Spielraum. Dieses gemeinsame Bestreben lässt die acht Frauen, die im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen, zusammen ihren Weg gehen, obwohl sie etwa Alter, Herkunft, ihr bisheriges Schicksal oder ihre Geheimnisse trennen könnten.
Der Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen. Sie eröffnet Stück für Stück den Zugang zu den verschiedenen Charakteren und ihren Lebenswelten. Dabei lernt man die acht Frauen mit ihren Gedanken, Sehnsüchten und Vorstellungen besser kennen und wie universell und zeitlos so vieles davon ist. Obwohl sich große Teile der Lebensumstände in den letzten fast 100 Jahren verändert haben (manches leider jedoch noch sehr ähnlich gestaltet ist), ist doch das Fühlen der Menschen und was sie an- und umtreibt, meiner Ansicht nach, noch recht gleichgeblieben. Genau in diesen Passagen fand ich das Buch kurzweilig, interessant und ansprechend.
Ich kann das Buch weiterempfehlen, da es für mich einen Ausdruck von innerer Verbundenheit von Menschen über die Zeit hinweg transportiert.
Die Idee, Bücher vor dem Vergessen zu bewahren, ist einfach großartig!
Ein Buch für Fans und die, die es noch werden wollen
Before I met Supergirl von Rea Garvey
Rea Garvey schreibt in seinem ersten Buch über seine Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenleben in Irland und wie ihn das nach und nach in einen Musiker verwandelt hat. Denn laut eigenen Angaben, war er, obwohl er findet, dass in jedem Iren und jeder Irin ein/e kleiner/e oder größere/r MusikerIn steckt, nicht unbedingt dafür bestimmt ein solcher zu werden.
Durch harte Arbeit, festen Glauben und einen starken Rückhalt durch seine Familie ist es ihm gelungen, seinen Weg zu gehen, seinen Traum umzusetzen und in seinem Beruf erfolgreich zu werden.
Detailreich schildert Rea Garvey, wie es für ihn war mit sieben Schwestern in Irland aufzuwachsen. Schon dabei lässt er deutlich erkennen, wie wichtig für in seine Familie ist und wie sehr in seine Eltern unterstützt und geprägt haben, besonders in seinem unerschütterlichen Glauben an Gott. Mehr Platz im Buch nimmt sein Studentenleben und seine noch nicht ganz so erfolgreiche Zeit als junger Musiker ein. Dabei schreibt er über einzelne Ereignisse sehr genau, andere Entwicklungen lässt er beinahe unter den Tisch fallen, was für mich beim Lesen teilweise schwierig wurde. Ich verlor etwas den Lesefluss und musste immer wieder zurückblättern oder suchen, wann die Ereignisse stattfanden, um im Bilde bleiben zu können. Für mich fühlte sich dieses Herumspringen so an, als ob man jemanden beim spontanen Erzählen über sein Leben zuhört. Das hat zwar auch seinen Reiz, für mich war es aber eher anstrengend zu lesen. Gut gefallen hat mir, dass sich der Musiker seiner Leserschaft gegenüber, was seinen Glauben betrifft, sehr öffnet. Auch wenn man seine Einstellung nicht teilt, erkennt man doch, wie ihn das Vertrauen auf eine höhere Macht durch sein Leben begleitet und seinen Charakter geformt hat. Denn trotz einiger schicksalhafter Begebenheiten schwingt eine gewisse Leichtigkeit und Unbekümmertheit im Text mit. Auch einiges an Humor ist darin verpackt.
Ich denke, dass Fans des Musikers mit dem Buch viel Freude haben. Für mich als „neutrale“ Leserin, war es ein nettes Buch, das mir einer Person näherbringen konnte. An mehreren Stellen in der Struktur des Buches bemerkt man, dass es Rea Garveys Erstlingswerk ist, aber auch, dass er es mit viel Herz geschrieben hat.











