Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Manfred Fischer:
Interessantes Buch zum immer wieder Hineinschmökern
Atlas der 60er Jahre von COLUMBUS Verlag GmbH & Co. KG
Die Umbrüche der 60er Jahre anhand von mehr als 200 (Land-)Karten und visuellen Darstellungen zu erzählen, finde ich außergewöhnlich. Sie ist mit diesem Atlas sehr gut gelungen.
Wo man beim Lesen langer Texte längst ausgestiegen wäre, laden die Karten zum Wiedereinstieg ein. Etwa wenn es ab S.
38 um die Mondlandungen der Apollo-Missionen geht. Gerade hatte ich die Nachrichten zur aktuellen Artemis-Mission der NASA verfolgt, da lud mich dieser Abschnitt ein auf die Mondlandungen vor mehr als 40 Jahren zurückzusehen.
Durch die Karten und bildliche Darstellungen lassen sich Entwicklungen, Zusammenhänge und globale Trends schnell erfassen und einordnen. Die Kartografie wird dabei selbst zum Analyseinstrument.
Im Abschnitt „Krieg und Konflikte“ werden etwa die zahlreichen Auseinandersetzungen im Zuge des Kalten Krieges anschaulich dargestellt. Man sieht gleich was sich wo ereignet hat.
Der 60er-Jahre-Atlas ist kein Buch zum von vorne bis hinten durchlesen, sondern eines zum immer wieder Hineinschmökern.
Cosmic Latte ist die Farbe des Universums - interessant!
Auf einen Kaffee im All von Eva Freistetter; Jana Steuer; Elka Xharo
Das Buch "Auf einen Kaffee im All" von Eva Freistetter, Jana Steuer und Elka Xharo enthält auf 251 Seiten interessantes Wissen über das Weltall und ist leicht lesbar. Neu war mir beispielsweise, dass das Universum eine eigene spezielle Farbe hat – Cosmic Latte heißt diese und ist ein helles Beige.
Wie es zu dieser Zuschreibung kam, liest mann/frau auf Seite 11.
Besonders aufschlussreich finde ich auch den Abschnitt "Horoskope, Mondmythen und andere Märchen", der den Unterschied zwischen AstroNOMIE und AstroLOGIE gut verständlich und leicht nachvollziehbar argumentiert.
Ein Teil ist „Frauen, die nach den Sternen greifen“ gewidmet. Er hebt Frauen hervor, die für die Astronomie große Bedeutung hatten, deren Namen aber in der Astronomie-Geschichte unter den Tisch fallen. Etwa der von Vera Rubin, die sich Verdienste bei der Jagd nach der Dunklen Materie erwarb (S. 65ff).
Weitere Kapitel behandeln die Exoplanetenforschung, seltsame Objekt im Weltall, die Planetare Verteidigung vor Asterioden und anderes mehr.
Das Buch verschriftlicht die Beiträge des Podcast "Cosmic Latte" (https://cosmiclatte.podigee.io/episodes) von Eva Freistetter, Jana Steurer und Elka Xharo.
Leicht lesbare gut zusammengefasste Darstellung
Die Steinzeit von Hermann Parzinger
Dem international renommierten Archäologen und Prähistoriker Hermann Parzinger ist mit diesem Buch eine leicht lesbare und übersichtliche Darstellung der Steinzeit gelungen – immerhin eine Zeitperiode von vor ca. 2,7 Millionen Jahren bis zum Ende des Neolithikums etwa 3000 vor unserer Zeitrechnung.
Der Untertitel lautet „Vom ersten Faustkeil bis zur Sesshaftwerdung“.
Der Autor teilt den langen Zeitraum in fünf Kapitel auf. Im ersten von 2,7 Millionen bis 45.000 Jahre vor heute beschreibt er die Entwicklung vom Homo habilis über den Homo erectus bis zum Homo sapiens und dessen Weg aus Afrika heraus. Er geht dabei auch auf den Neandertaler und die Denisoveraner ein.
Er verweist auf die durch die Genanalyse möglich gewordenen neuen Erkenntnisse. Etwa, dass nicht jede mit Waffen als Beigaben bestattete Person ein Mann gewesen ist. Dies zeigte, dass auch Frauen jagten und am Erlegen von Tieren beteiligt waren.
Parzinger nimmt weiters die Entwicklungen außerhalb Eurasiens in Augenschein und betrachtet die «neolithische Revolution» – also die Sesshaftwerdung und den Beginn des bäuerlichen Lebens – in einem globalen Zusammenhang. Interessant und lesenswert, finde ich.
Unterhaltsames Buch zu Bibelzitaten
Mit Feuereifer und Engelszungen von Rainer Metzner
Ja, Sie lesen richtig … unterhaltsam und Bibelzitate. Mit „Feuereifer und Engelszungen“, das kürzlich im C.H. Beck Verlag erschien, ist Rainer Metzner ein lesenswertes, unterhaltsames Buch zu Bibelzitaten gelungen.
Der Theologe der Humboldt-Universität Berlin und evangelische Pfarrer greift in einer lexikalen Zusammenstellung 280 Wendungen und Wörter aus der deutschsprachigen Übersetzung der Bibel durch Luther auf, die in unseren allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden haben.
Er legt ihr Vorkommen in der Bibel, ihre Bedeutung in der Originalsprache und in der deutschen Übersetzung dar. Er zitiert die Bibelstellen und liefert Hintergrundwissen zu den Textstellen.
So etwa zum Begriff „Denkzettel“: „Das Wort Denkzettel steht seit dem 15. Jahrhundert für ‚schriftliche Nachricht, Vorladung, Urkunde‘, dann auch für ‚Merkzettel, Notizbuch‘. Die alte Lutherbibel (LÜ 1545) gebraucht den Ausdruck als Übersetzung für das himmlische ‚Gedenkbuch‘ (revidiert) der Gerechten (Mal 3,16, hebr. sefär sikkaron) und für die an Stirn und Arm getragenen ‚Gebetsriemen‘ (revidiert), die auf Pergamentstreifen verzeichnete Schriftworte als Merkzeichen’ (Dtn 6,8; 11,18) enthalten (Mt 23,5, griech. phylakteria).“
Die Redewendung „sich ein Feigenblatt umhängen“ beziehungsweise „etwas als Feigenblatt benutzen“ (also etwas verbergen) spielt auf Gen 3,7 an. Feigenblätter sind bekanntlich „die als Notbehelf gewählte Kleidung“, die sich Adam und Eva als Schurze über die Genitalien legen, nachdem sie sich ihrer Nacktheit bewusst wurden.
Unbedingt lesen ...
Die Medizin und Ihre Feinde von Herbert Lackner; Christoph Zielinski
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das mit den Lügen der Scharlatane und Verschwörungstheoretiker, die seit Jahrhunderten die Wissenschaft bekämpfen, aufräumt.
im Shop ansehen weitere Rezensionen von Manfred Fischer, Journalist u. HistorikerPerspektivenwechsel - Geografischer Raum ins Zentrum gerückt
Geogeschichte von Christian Grataloup
Wenn ein Geograf ein Geschichtsbuch schreibt, kann Spannendes herauskommen – wie beim Buch „Geogeschichte“ von Christian Grataloup. Es ist spannend, mit ihm die Perspektive zu wechseln. Er hebt die Rolle von Territorien, Ressourcen, Verkehrswegen und Klimazonen beim Erfolg oder Misserfolg menschlicher Unternehmungen und historischer Prozesse hervor.
Der geografische Raum rückt gleichsam von der Hinterbühne ins Zentrum und wird zum historischen Akteur. Er legt dar, welchen Einfluss die Geografie auf die Entwicklung von Kulturen hatte.
Damit begibt er sich auf den Weg der französischen Annales-Schule, einer Gruppe französischer Historiker des 20. Jdhdts, wie Fernand Braudel, Lucien Febvre und Marc Bloch, die in der Geschichtswissenschaft für die Hinwendung zu Wirtschaft und Gesellschaft, die Erschließung quantifizierbaren Materials und die Orientierung an langfristigen Entwicklungen stehen.
Ein Atlas-Abschnitt in der Buchmitte mit aufschlussreichen Karten setzt den Text visuell in Landkarten um. Die Karte auf S. 29 etwa veranschaulicht, wie vernetzt die Welt bereits im Jahr 200 unserer Zeitrechnung gewesen ist. Die Globalisierung ist also keine Erscheinung unserer Zeit, sondern war schon immer vorhanden.
Dieser Kartenabschnitt macht Lust auf ein anderes Buch Grataloups, „Die Geschichte der Welt. Ein Atlas“, das im Beck Verlag bereits in mehreren Auflagen erschienen ist. Auf 515 Karten wird darin die Geschichte der Menschheit visualisiert und von ihrer eurozentrischen Perspektive befreit.
Techno-Milliardäre gefährden Demokratie – Wege dagegen
Silicon Valley attacks von Marietje Schaake
In ihrem Buch „Silicon Valley attacks“ schildert die KI-Expertin Marietje Schaake wie die Techno-Milliardäre aus dem Silicon Valley in den USA die Macht von öffentlichen und demokratischen Institutionen zu ihren weltumspannenden Unternehmen verlagert haben. Durch ihre gesellschaftspolitischen Ansichten sind sie damit zu einer Bedrohung für unsere Demokratie, Freiheit und die Menschenrechte geworden.
So meint etwa Peter Thiel, Mastermind der Techno-Milliardäre, dass Freiheit und Demokratie nicht kompatibel seien und plädiert gegen die Demokratie für die unbeschränkte Freiheit der Tech-Giganten.
Tech-Giganten wie Google, Meta und Amazon umgingen in den letzten Jahrzehnten jede Regulierung. Sie haben sich dabei eine Macht gesichert, von der selbst Diktaturen nur träumen können. Die Spielregeln, wie Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren sollen, liefert Silicon Valley. Zunehmend manipulieren seine Algorithmen Märkte und liefern autoritären Regimen oder dem Handel mit persönlichen Daten aller die Werkzeuge zur totalen Kontrolle.
Marietje Schaake zeigt im Buch (ab S.315) Wege auf, wie die Attacken aus Silicon Valley zurückgedrängt werden können. Dieser Abschnitt ist für mich der wertvollste, denn er bietet Handlungsstrategien an, um der Macht von Peter Thiel, Elon Musk, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg Grenzen zu setzen.
Schaake skizziert konkrete Maßnahmen, um das digitale Machtgleichgewicht wiederherzustellen. Sie fordert eine strikte Regulierung von Tech-Konzernen, den Schutz von Bürgerrechten im digitalen Raum und eine stärkere demokratische Kontrolle über Technologien wie Künstliche Intelligenz und Big Data.
Verhandeln will gelernt sein – dieses Buch hilft dabei
Zug um Zug verhandeln von Aurélien Colson; Alain Lempereur; Andreas Winheller
Ich habe mich immer wieder mal gefragt, warum ich beim Zustandekommen einer Abmachung nicht erreicht habe, was ich eigentlich wollte. Was habe ich falsch gemacht?
Das Buch „Zug um Zug verhandeln“ hat mir bewusst gemacht, was meine kleinen und auch großen Fehler beim Verhandeln mit meinem Gegenüber waren.
Die Autoren sind erfahrene Verhandlungstrainer. Sie haben ihr Wissen aus unzähligen Situationen in diesem Werk zusammengeführt und zeigen, dass Verhandeln ein dynamischer Prozess ist, den man bewusst und aktiv gestalten muss.
Besonders erhellend fand ich in Kapitel 3 den Abschnitt „Zuhören ist die Wunderwaffe“. Wenn wir unser Gegenüber bitten, zuerst seine Vorstellungen darzulegen, wird dies sicher als positive Geste aufgefasst werden. Wir erfahren dabei aber auch sehr viel über dessen Positionen und können uns im weiteren Verhandlungsverlauf darauf einstellen.
In 8 Kapiteln legen die Autoren leicht nachvollziehbar eine Strategie dar, wie man Verhandlungen erfolgreich und ergebnisorientiert gestaltet. Sie zeigen auch, dass manchmal vorhandene alte „Verhandlungsgewohnheiten“ dem Gelingen einer Verhandlung nicht zuträglich sind.
Geschichte Afrikas und seiner Kulturen neu erzählt
Black History von Amat Levin
In seinem mittlerweile in der zweiten Auflage erschienen Buch „Black History. Die vergessene Geschichte Afrikas. Von den Schwarzen Pharaonen bis heute.“ erzählt der schwedisch-gambische Journalist Amat Levin die Geschichte Afrikas und seiner Kulturen auf fesselnde Weise.
Europäische Historiker waren lange auf schriftliche Geschichtsquellen fixiert.
Viele afrikanische Kulturen hatten aber vor der Kolonialzeit keine Schriftsprache, sondern eine Erzähltradition mit der sie Geschichten und Geschichte von Generation zu Generation weitergaben. Wenn diese Kulturen untergingen, konnten ihre Spuren nur mehr archäologisch verfolgt werden.
Wie wertvoll diese „erzählte Geschichte“ sein kann, wurde westlichen Historikern, erst durch die „oral history“ im 20. Jhdt vor Augen geführt. Die Methode der „oral history“ war es zum Erkenntnisgewinn Zeitzeugen zu interviewen und daraus Schlüsse zu ziehen.
Gerade als Journalist hat Amat Levin einen besonderen Bezug zu erzählten Geschichten und erzählter Geschichte. Er folgt den Spuren untergegangener Kulturen und vergessener Ereignisse teils über Afrika hinaus. So ist sein Buch ein außergewöhnliches Mosaik aus Geschichten, die teilweise miteinander vernetzt sind, staunen lassen und zum Weiterlesen verführen.
Er erzählt von vergessenen Kulturen, den Hochkulturen in Nubien, Aksum oder Südafrika, in Äthiopien, Mali oder Groß-Simbabwe über die Epoche der Unterwerfung und Versklavung bis hin zum Freiheitskampf in der Karibik.
Das Buch ist lesenswert und vielfältig in den angesprochenen Themen. (fish)
Historische Mythen werden entlarvt – spannendes Buch
Vielfalt von Morgane Llanque
Das Buch „Vielfalt“ der Historikerin und Kulturjournalistin Morgane Llanque räumt mit historischen Mythen auf, die von der Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jhdts – alten, weißen, eurozentrierten Männern – in die Welt gesetzt wurden. Ihre Aussagen sind ausführlich recherchiert und belegt.
Neue wissenschaftliche Methoden, wie die DNA-Analyse menschlicher Skelettreste, helfen ihr dabei ihre Ergebnisse zu untermauern.
Für mich als Historiker war das Buch spannend zu lesen. In meiner Besprechung greife ich nur zwei Mythen auf, die die Autorin behandelt. In Kapitel 1 greift Llanque das Klischee der Rollenzuteilung in steinzeitlichen Gesellschaften auf: der männliche Jäger und die weibliche Sammlerin. Aufgrund der Grabbeigaben wurde lange auf das Geschlecht der beigesetzten Person geschlossen, d.h. lagen Waffen im Grab, ging man davon aus, dass es sich bei der beigesetzten Person um einen Mann handelte.
In den letzten Jahren zeigten aber DNA-Analysen von Skelettresten immer wieder, dass auch Frauen – also Jägerinnen - Waffen ins Grab gelegt wurden – und dies keineswegs nur in Einzelfällen.
Das Kapitel 3 ist der bereits in der alten Welt vorhandenen Globalisierung gewidmet. Die zitierten Studien zeigen, dass Vielfalt und Globalisierung keine Phänomene der Gegenwart sind, sondern immer schon Kern und Antrieb der menschlichen Geschichte waren. Die Kulturen Asiens, Arabiens, Europas und Afrikas waren vielfach vernetzt. Keine dieser Kulturen war eine „reinrassige“, sondern jede ist vielfältig gewesen – auch dies kann heute durch DNA-Analysen bewiesen werden.
Gefährlichen Mythen, wie der homogenen „Reinrassigkeit“, auch unserer Kultur setzt Llanque gesicherte historische Fakten entgegen.
Jemand, der beispielsweise behauptet, der Islam und das »Morgenland« seien ein Fremdkörper in Europa und »gehörten nicht zu Deutschland/Österreich«, hat sich schlicht und ergreifend nicht wirklich mit europäischer Geschichte auseinandergesetzt.











