Im Detail
Die Kinder von Bilbao
Autor*in: Maria Larrea
Übersetzt von: Corinna Rodewald
Deutsch
2025 - Kein & Aber
Hardcover
Auch verfügbar als:
E-BOOK (EPUB)€ 17.99
Inhalt
Kurztext
Maria ist Ende zwanzig, als plötzlich Zweifel daran aufkommen, ob sie wirklich die Tochter ihrer Eltern ist. Filmisch, packend und einfühlsam schreibt sie ihre Familiengeschichte neu.
Textauszug
PROLOG
Man erinnert sich nicht an den Moment seiner Geburt.
Ich erinnere mich nicht an meine, das ist von Geburt an so. Es ist schlicht unmöglich, die Hirnstrukturen, die für Erinnerungen zuständig sind, sind bei Säuglingen noch nicht ausgebildet. Ich weiß nur das, was man mir darüber erzählt hat. Du, Mamá, wie war es eigentlich, als du mich geboren hast? Pues como todo el mundo. Na, wie bei allen anderen eben. Eine Frau, eine Gebärmutter, ein Fötus, ein Neugeborenes im Anmarsch. Das ist die Reise, der Modus Operandi, wie ich ihn in meinem Kinderkopf sehe, in meinem Jugendlichenkopf, sogar noch in meinem Erwachsenenkopf.
Vor mir eine Szene in einem Krankenhaus oder einer Klinik. Eine Frau liegt auf einem Bett. Sie schwitzt, ihr Atem geht stoßweise, ihre Beine sind breit aufgestellt wie bei der Gynäkologin. Sie presst mit aller Kraft, ein Arzt beugt sich zwischen ihre Beine und verschwindet hinter einem Laken. Dann der erste Schrei.
Ein Mädchen.
Ich hatte amerikanische Seifenopern schon mit der Muttermilch aufgesogen, dazu die Horrorfilme donnerstagabends auf M6, Kinoabend auf TF1 jeden Sonntag und La dernière séance von Eddy Mitchell auf FR3, und in meinem kindischen Hirn stellte ich mir meine Geburt sehr lange so vor. Mit meiner Mutter und mir als Hauptdarstellerinnen. Das Ganze auf Spanisch, denn das wusste ich mit Gewissheit. Ich war an einem 2. November in Bilbao geboren worden, in Spanien. Der Dialog der Szene wäre also auf Kastilisch. Das r wird gerollt, wie es sich gehört, und vermutlich wird auch gehörig geflucht. Das alles ist reine Fantasie, und ich sollte erst viel später verstehen, weshalb. Weshalb ich Regisseurin werden wollte.
Ich hatte eine Inszenierung im Kopf, aufeinanderfolgende Bilder, die das Unbekannte erzählen würden, dieses klaffende Loch, den Ursprung der Welt. Um das zu tun, müsste ich den Beruf der Regisseurin erlernen. Dann könnte ich mich dazu entscheiden, eine Großaufnahme zu drehen, mit Teleobjektiv auf das Gesicht der entbundenen Frau.
Und Action.
ERSTER TEIL
1
Der Tintenfisch spuckte schäumenden Speichel auf die Felsen, als Dolores ihn packte.
Sie hatte keine Angst vor ihm, sie hielt ihn an der Stelle unter seinem Kopf umklammert, wo sich die Tentakel ausbreiteten. In seiner vollen Länge musste der Kopffüßer auf einen Meter kommen. Langsam schlang er einen seiner schleimigen acht Tentakel um Dolores' Arm. Keine Spur von Entsetzen oder Ekel angesichts dieser Umschlingung des Tiers. Dolores marschierte vom felsigen Strand bis zu dem Betonbunker, der ihr als Haus diente. Trotz der Januarkälte, dieser feuchten und mörderischen Winterkälte an der Küste Galiciens, hatte sie bloße Arme. Sie trug ein leichtes Sommerkleid mit Blumen, denn nichts anderes passte mehr, ihr schwangerer Bauch stand kurz vorm Bersten.
Ein Windstoß erhob sich und peitschte ihre beinahe verbrannten Wangen. Mit zusammengekniffenen Augen, damit sich keine Sandkörner unter ihre Lider schoben, ging sie ins Haus. Ein schmuckloser, farbloser Klotz aus Beton ohne jegliches Bestreben nach Schönheit. Das Haus stand allein, vom Wind gebeutelt, in diesem kleinen Tal am Ozean und einen Kilometer vom kleinen Dorf Gateira entfernt. Wie kann ein Mensch so wenig architektonische Ambitionen haben? Im Erdgeschoss gab es ein Zimmer für alles, darüber wurde geschlafen. Die einzige Koketterie des Kastens war der Innenhof, wo die Wäsche trocknete und sich der Altar der ehrwürdigen Hausfrauen der Region befand: ein Spülstein, in dem Dolores die Wäsche schlug, den Tintenfisch und ihren Sohn.
Als sie begann, mit einem Stock heftig auf den Schädel der Krake einzudreschen, setzte ihre erste Wehe ein. Dolores erkannte, was sich dort in ihr zusammenbraute. Es war weniger schmerzhaft, als wenn Santiago sie schlug, wenig
Hauptbeschreibung
Was bedeutet es für ein Leben, wenn plötzlich die Wurzeln gekappt werden?
Als Maria mit Ende zwanzig erfährt, dass sie adoptiert ist, fühlt sie sich, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggerissen. Sie begibt sich auf die Spuren ihrer eigenen Identität und versucht zu ergründen, wie sie zu der geworden ist, die sie jetzt ist. Während Maria in die Erinnerungen an ihre Kindheit in Paris eintaucht, imaginiert sie parallel die Geschichten ihrer Eltern: Victoria, geboren in Galicien, und Julián, einige Kilometer weiter in Bilbao. Jahre später begegnen sie sich, verlieben sich ineinander, wandern gemeinsam nach Frankreich aus, wünschen sich ein Kind.
Maria erzählt von ihrer Suche nach dem Ursprung, von Herkunft und Prägung, von biologischen Eltern und Adoptiveltern, von Verlust und Liebe. Schreibend gewinnt sie Satz für Satz die Macht über ihr Leben zurück.
Autor*in
Maria Larrea wurde 1979 in Bilbao geboren und ist in Paris aufgewachsen, wo sie später an der Fémis ein Filmstudium absolvierte. Sie ist Regisseurin und Drehbuchautorin. Die Kinder von Bilbao ist ihr erster Roman.
Corinna Rodewald studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und lebt als freie Übersetzerin und Lektorin in Berlin. Sie übersetzt aus dem Französischen und Englischen und übertrug unter anderem Olivia Ruiz, Virginie Carton, Michelle Zauner und Philippa Perry ins Deutsche.
Stichworte
Kindheit | Paris | Bilbao | Spanien | Frankreich | Waise | Niños robados | Idendität | Identitässuche | Wahrheit | Herkunft | Eltern | Migration | Filmregisseurin | autobiografischer Roman | wahre Begebenheiten | Wahrsagerin
Buchdetails
| Titel: | Die Kinder von Bilbao |
| Untertitel: | Übersetzt von: Corinna Rodewald |
| Verlag: | Kein & Aber |
| Erscheinungsjahr: | 2025 |
| Sprache: | Deutsch |
| 208 Seiten | |
| 16 mm x 122 mm | |
| ISBN-13: | 978-3-0369-5059-4 |
Produktsicherheit
Hersteller: Kein & Aber AG
Bäckerstrasse 52, 8004 Zürich CH
E-Mail: berlin@keinundaber.deHersteller: Kein & Aber Verlag
Bäckerstrasse 52, 8004 Zürich CHWürttembergallee 12, 14052 Berlin DE

