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Im Detail

Palast der Miserablen

Autor: Abbas Khider

Deutsch
2020 - Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

E-Book (EPUB)

inkl. gesetzl. MwSt.
20

&euro 16,99

Inhalt

Kurztext / Annotation
'Abbas Khiders Figuren sind Entwurzelte, Träumer und Beobachter.' (F.A.Z.) - In seinem neuen Roman erzählt er die Geschichte eines Jungen aus den Slums von Bagdad.
Shams Hussein ist ein normaler Junge mit ganz normalen Träumen. In der Hoffnung auf ein friedlicheres Leben ziehen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester aus dem Süden des Irak nach Bagdad. Doch aus dem Streben nach einer besseren Zukunft wird in dem von Saddam Hussein beherrschten Land schnell ein Leben in existenzieller Not. Die Familie wohnt neben einem riesigen Müllberg, Shams arbeitet als Plastiktütenverkäufer, als Busfahrergehilfe, als Lastenträger. Und er liebt Bücher. In einer Zeit jedoch, in der ein falsches Wort den Tod bedeuten kann, begibt er sich damit in eine Welt, deren Gefahren er nicht kommen sieht. Ein persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich als 'illegaler Flüchtling' in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman Der falsche Inder, es folgten die Romane Die Orangen des Präsidenten (2011) und Brief in die Auberginenrepublik (2013). Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis geehrt. Außerdem war er im Jahre 2017 Mainzer Stadtschreiber. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. Bei Hanser erschienen von ihm Ohrfeige (Roman, 2016) und Deutsch für alle (Das endgültige Lehrbuch, 2019).

Textauszug

EINS
Lufternte

In meiner Familie war keiner von uns Jüngeren ein wilder Kerl. Der Einzige, der diese Bezeichnung verdiente, war unser Großvater. Er besaß die unschöne Eigenschaft, einfach jedem ohne Zögern und geradeheraus seine Meinung ins Gesicht zu speien. Es war ihm absolut gleichgültig, ob die Leute seine Worte zur Kenntnis nahmen, was sie über ihn dachten oder wie sie sich im Nachhinein fühlten. Er hatte mit seinen ätzenden Kommentaren und bösartigen Bemerkungen gestandene Männer zum Brüllen gebracht und wütende Witwen ihre Teppiche so hart ausschlagen lassen, dass diese Löcher bekamen. Nach jeder neuen Hasstirade ließ er sich gern selbstzufrieden auf seine Matratze im Wohnzimmer fallen und starrte stur die Decke oder Wand an.

Wenn sein einziger Sohn, mein Vater, erfuhr, dass Großvater erneut die Leute beleidigt hatte, versuchte er sich bei den Betroffenen für das "unangemessene Verhalten" des Greises zu entschuldigen. Normalerweise übernehmen Eltern die Verantwortung, wenn ihre Kinder ungezogen sind, aber in unserer Familie war es umgekehrt. Notgedrungen schob Vater es auf das fortschreitende Alter, dabei war Großvater schon als Kind ein Schreihals und so unberechenbar gewesen, dass er seine ganze Familie und die Nachbarschaft zur Verzweiflung gebracht hatte. Darüber kursierten auch achtzig Jahre später noch immer Anekdoten in unserem Dorf. Es hieß, selbst die Wildhunde hätten vor Schmerzen geheult und Großvater habe eigenhändig die Engländer aus den Stammesgebieten vertrieben, die sie zu einem Land vereinigt hatten, dem Irak. Manche behaupteten, die Zunge meines Großvaters sei so giftig und aggressiv wie die Zähne der Schwarzen Kobra, die nachts in den Büschen, Felsspalten und Erdhöhlen des Irak lauert.

Großvater galt bei den Leuten tatsächlich als heimtückische Giftnatter. Sobald man sein Zischen hörte, musste man die Flucht ergreifen. Leider konnte man meinen Großvater nicht einfach mit einem Säbel köpfen und das Problem auf diese Weise leicht beseitigen. Er war ein gebrechlicher, dürrer Mann, den die Last der Jahre tief gebeugt hatte. Sein Gesicht war so voller Falten wie die uralte Decke, die er ständig um die spitzen Schultern trug. Wenn ich Geschichten über seine Kindheit hörte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er einmal ein junger Mensch gewesen war. Ich kannte ihn nur faltig und grauhaarig. Wenn ich im Radio das Lied der libanesischen Sängerin Fairuz hörte, in dem sie das Antlitz der Stadt Beirut als "altes Matrosengesicht" bezeichnet, dachte ich immer, das würde auch sehr gut Großvater beschreiben.

Ihre Lieder hörten wir im Radio, sie gehörte zu jedem Morgen wie die ersten Sonnenstrahlen oder das Waschen des Gesichts. In anderen Gegenden gab es Hähne, welche mit ihrem Ruf die Menschen weckten. Bei uns war es Fairuz' Lerchengesang. Das Morgenprogramm des staatlichen Radiosenders fing immer mit einigen Versen aus dem Koran an. Fünfzehn lange Minuten, dann endlich sang Fairuz für eine halbe Stunde, bis wieder die allgegenwärtigen Nachrichten über unseren Präsidenten dran waren. Die Stimme von Fairuz war so zauberhaft, dass man ihr einen Platz zwischen den Worten Allahs und denjenigen Saddams gewährte.

Großvater liebte ihre Lieder über alles. Im Teehaus des Dorfes spielte der Wirt immer eine Fairuz-Kassette ab, sobald er meinen Großvater sah. Er tat das nicht, weil er seinen Stammgast besonders mochte, sondern, weil der alte Quälgeist zumeist selig schwieg, solange er der libanesischen Schönheit lauschen konnte. Sie hatte auf ihn dieselbe hypnotische Wirkung wie die Flöte eines Schlangenbeschwörers auf seine Tiere. "Wenn Fairuz singt, schweigt Marzoq", scherzte einst auch meine Mutter. "Nur sie bekommt das hin."

Großvater Marzoq war so steif wie die Holzpuppen meiner Schwester und benutzte immer seinen Spazierstock oder einen Menschen als Stütze. Er ging langsam und wackelig wie ein Kind, das gerade erst gehen gelernt hat. Die

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Buchdetails

Titel: Palast der Miserablen
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Erscheinungsjahr:2020
Sprache:Deutsch
320 Seiten
ISBN-13: 978-3-446-26665-0

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