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Im Detail

Der amerikanische Sohn /
Roman

Autor: Bernd Cailloux

Deutsch
2020 - Suhrkamp Verlag

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Inhalt

Kurztext / Annotation
Und du? Hast du Kinder? - Ja, einen Sohn, in Amerika. Danach Schweigen. Die am Rande einer Podiumsveranstaltung arglos gestellte Frage rührt an ein Lebenstrauma. Von seiner Vaterschaft erfuhr der Altachtundsechziger vor dreißig Jahren per Zufall auf der Tanzfläche. Der Junge namens Eno wuchs in Jamaika auf, später in den USA, Kontakt gab es keinen. Die Mutter, eine Hamburgerin, ging eigene Wege. Und so hatte die Existenz des Sohns den Vater, der als Aktivist und Hippie-Businessman von Familie nicht viel wissen wollte, bisher nie wirklich gekümmert. Doch 2014 lädt ihn eine Stiftung nach New York ein. Eine Chance, mit der verdrängten Geschichte ins Reine zu kommen. Je mehr er in die Stadt eintaucht, an alten und neuen Orten den Spuren des Undergrounds der Siebziger bis zu den Vorzeichen der Präsidentschaft Donald Trumps folgt, umso mehr gewinnt die Frage nach dem nahen fernen, längst erwachsenen Kind an Dringlichkeit.
Selbstironisch und mit warmer Lakonie geht Bernd Cailloux auf die Suche nach dem verlorenen Sohn, auf einen USA-Trip in die eigene Vergangenheit und fremde Gegenwart - als New-York-Flaneur zu Fuß, zögerlich im Internet und zuletzt im Flugzeug Richtung Menlo Park, ans westliche Ende der westlichen Welt.

Bernd Cailloux, Jahrgang 1945, lebt als freier Schriftsteller in Berlin.

Textauszug
Der Klang seiner Stimme

Der Klang seiner Stimme war unverändert - der brüchige Bass, der rheinische Tonfall, ganz er und sofort vertraut, als hätten wir erst gestern telefoniert. Dabei herrschte zwischen uns schon ewig Funkstille. Die letzte Begegnung lag mehr als dreißig Jahre zurück, ein halbes Leben, in dem jeder für sich ein anderer geworden war. Das am Telefon vereinbarte Treffen mit ihm, dem früheren Freund und Partner, beschäftigte mich. Kein einfaches Wiedersehen, so wie die Dinge damals zwischen uns gelaufen waren.

Über lange Jahre hatte es keiner von uns bedauert, den anderen aus den Augen verloren zu haben und die einstige Freundschaft zur bloßen Erinnerung an eine ferne Vergangenheit verkommen zu lassen. Büdinger hatte aus einem Berliner Hotel angerufen, aus den bekannten Gründen, wie er sagte. Dass wir uns gegen jede Erwartung noch einmal begegnen würden, machte mich natürlich neugierig, trotz des Risikos, sich in unguten Erinnerungen zu verheddern. Dabei war ich meistens dankbar, wenn mich jemand aus dem durchritualisierten, mediensedierten Trott herausholte, zumal jemand wie er, der mehr mit mir teilte als andere - eine intensive gemeinsame Lebensepisode.

Mit der wieder aufgefrischten Geschichte im Kopf, etwas nervös, ging ich die kommende Begegnung Schritt für Schritt durch, als wär's ein Theaterstück, wo Proben halfen ... eine krankhafte Angewohnheit, permanent gedanklich vorgreifen zu wollen, zu imaginieren, was nicht zu imaginieren ist ... das Vertrauliche oder Befremdliche der ersten Momente, die hin- und hergehenden Blicke und Gesten, die auf der Zunge liegenden Dinge ... etwa die Frage, ob er immer noch annahm, er sei der Kopf gewesen und ich bloß der Arm, immer noch glaubte, wir hätten am Ende um irgendeinen Gewinn gewürfelt ... aber, okay, keine Ahnung. Unsere Konflikte waren längst Geschichte und sollten am besten nicht mehr angesprochen werden.

Das Wiedersehen ging auch nicht von uns aus. Zwei Redakteure einer Sonntagszeitung hatten sich an unsere Story heranrecherchiert und ein brauchbares Randereignis gefunden, das sich zu einer geilen Achtundsechziger-Geschichte aufblasen ließ. Ohne die Einladung dieses popkulturell gelegentlich bemühten, ansonsten strunzbürgerlichen Blattes wären wir uns in diesem Leben nicht mehr begegnet.

Bis heute könnte ich nicht sagen, was genau Andreas Büdinger und mich als achtzehn-, neunzehnjährige Spunde seinerzeit zusammengebracht hatte ... War's ganz simpel dieses aristotelische Motiv für Freundschaft als des Sich-gegenseitig-Gebrauchens? War's die Sehnsucht nach einer großen, gemeinsam zu vollbringenden Tat? Der Rausch der berühmt-berüchtigten Studentenrebellion? Oder nutzten wir bloß eine zufällige Business-Chance? Unsere Fähigkeiten ergänzten sich, die Charaktere harmonierten damals - zwei große Kinder, die eine Weile mit Licht spielten, bis sie es leid wurden.

Zuletzt begegnet waren wir uns bei einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht in Hamburg-Altona. Einer aus der vielköpfigen Schar der Mitarbeiter, wie er sie stets nannte, hatte ihn, der mittlerweile längst Alleininhaber war, verklagt, und ich, sein früherer Partner, sollte als Zeuge zu den internen Zahlungsmodalitäten aussagen. Angesichts des damaligen Firmengebarens kam das hartnäckige Nachkarten des Klägers den meisten Beteiligten lächerlich vor - schließlich war es in dieser Firma von Anfang bis Ende eher informell zugegangen. Lohn, Gagen, Honorare wurden nach situativer Einschätzung von Leistung, Person und Kassenlage bar in die helfende Hand und nicht nach irgendwelchen Tarifen bezahlt, im Underground gab's keine Gewerkschaften. Auf Verträge oder schriftliche Regelungen wurde szeneüblich gepfiffen, was anfangs als rebellische Tugend galt ... Wir machen alles anders, sagten wir, wir sind Freunde, Teilemann und Söhne. Dieser freundschaftliche modus vivendi ba

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Buchdetails

Titel: Der amerikanische Sohn
Untertitel:Roman
Autor:Bernd Cailloux
Verlag: Suhrkamp Verlag
Erscheinungsjahr:2020
Sprache:Deutsch
280 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-76459-6

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